Diagnosekompetenz: Lern– und Entwicklungsstände der SchülerInnen einschätzen

Zu den für das Unter­rich­ten uner­läss­li­chen Kom­pe­ten­zen gehört nach Ansicht der Unter­richts­for­schung auch die dia­gnos­ti­sche Kom­pe­tenz von Lehr­kräf­ten. Für Wei­nert ist sie – neben der Klas­sen­füh­rungs­kom­pe­tenz, der didaktisch-methodischen und fach­wis­sen­schaft­li­chen Kom­pe­tenz eine der vier Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen (vgl. Wei­nert, Schr­ader & Helmke, 1990). Dia­gnos­ti­sche Kom­pe­tenz wird als eine unab­ding­bare Vor­aus­set­zung für effek­ti­ven Unter­richt im all­ge­mei­nen und indi­vi­du­elle För­de­rung im beson­de­ren betrachtet.

Teil 1 unse­rer Serie über die zur indi­vi­du­el­len För­de­rung not­wen­di­gen Lehrerkompetenzen.

Was ist Dia­gno­se­kom­pe­tenz?
Bei dia­gnos­ti­scher Kom­pe­tenz han­delt es sich „um ein Bün­del von Fähig­kei­ten, um den Kennt­nis­stand, die Lern­fort­schritte und die Leis­tungs­pro­bleme der ein­zel­nen Schü­ler sowie die Schwie­rig­kei­ten ver­schie­de­ner Lern­auf­ga­ben im Unter­richt fort­lau­fend beur­tei­len zu kön­nen, sodass das didak­ti­sche Han­deln auf dia­gnos­ti­schen Ein­sich­ten auf­ge­baut wer­den kann“ (Wei­nert, 2000).

Es geht dem­ent­spre­chend um die fort­lau­fende Regis­trie­rung und Ein­schät­zung der Lern– und Leis­tungs­fort­schritte, aber auch um Lern­schwie­rig­kei­ten der ein­zel­nen Schü­ler inner­halb einer Lern­gruppe. Helmke spricht gar von „dia­gnos­ti­scher Exper­tise“ und meint damit sowohl die Ver­füg­bar­keit von Metho­den zur Ein­schät­zung von Schü­ler­leis­tung und Selbst­dia­gnose als auch kon­zep­tu­el­les Wis­sen über Urteils­ten­den­zen und –feh­ler (Helmke, 2009).

Dia­gnos­ti­sche Exper­tise ist vor allem des­halb von Bedeu­tung, weil die­sem Merk­mal eine wich­tige Rolle für die Unter­richts­ge­stal­tung und den Unter­richts­er­folg zuge­schrie­ben wird. Lei­ten­der Gesichts­punkt ist die Adap­ti­vi­tät des Unter­richts, d. h. die Not­wen­dig­keit einer Anpas­sung des Unter­richts an die Lern­vor­aus­set­zun­gen der Schü­ler: Der Schwie­rig­keits­grad von Unter­richts­maß­nah­men, Fra­gen und Auf­ga­ben muss auf die Lern­vor­aus­set­zun­gen der Schü­le­rin­nen und Schü­ler abge­stimmt sein.

Wie kön­nen Schü­ler­leis­tung und Lern­fort­schritte dia­gnos­ti­ziert wer­den?
Bei der Dia­gnose wird anhand zuvor defi­nier­ter Kri­te­rien eine Ein­schät­zung der Lern­aus­gangs­la­gen und eine Beur­tei­lung der Leis­tun­gen von Ler­nen­den vor­ge­nom­men. Die prä­zise und fort­lau­fende Bestim­mung des Lern­stands ermög­licht pass­ge­naue För­der­maß­nah­men, die auf Basis der Dia­gno­se­er­geb­nisse geplant und umge­setzt wer­den kön­nen. Inso­fern bedin­gen sich Dia­gnose und För­der­maß­nah­men gegen­sei­tig und ste­hen in einem engen wech­sel­sei­ti­gen Bedin­gungs­ge­füge. Dia­gnos­ti­sche Maß­nah­men in der Schule kön­nen sein:

  • genaue Beob­ach­tun­gen und Analysen
  • dif­fe­ren­zierte Ermitt­lung des Lern­stan­des und des Lernumfeldes
  • kon­ti­nu­ier­li­che Beob­ach­tung des Lernprozesses
  • Erstel­lung eines Pro­fils des indi­vi­du­el­len Förderbedarfes

Als Instru­mente zur Dia­gnose kön­nen Tests, Klas­sen­ar­bei­ten, Kom­pe­tenz­ras­ter, Port­fo­lios, Lern­ta­ge­bü­cher sowie Beobachtungs-, Ana­lyse– und Bewer­tungs­bö­gen für Schü­ler und Leh­rer die­nen. Päd­ago­gi­sche Dia­gnos­tik unter­schei­det sich von her­kömm­li­chen For­men der Leis­tungs­be­wer­tung nicht durch die Ver­fah­ren. Alle Ver­fah­ren, die Aus­kunft geben kön­nen über die Leis­tun­gen und Mög­lich­kei­ten der Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen genutzt wer­den: nor­mierte Tests, Lern­stands­er­he­bun­gen, Selbst­ein­schät­zun­gen und Beob­ach­tun­gen. Auch Ver­gleichs­ar­bei­ten wie z. B. VERA kön­nen eine gute Grund­lage für die Erfas­sung und das Trai­ning von dia­gnos­ti­schen Kom­pe­ten­zen sein. Das IQB und das Lan­des­in­sti­tut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg haben ein Online-Übungsportal erar­bei­tet, das Lehr­kräf­ten die Gele­gen­heit bie­tet, sich mit dem Vera-8-Raster zur Bewer­tung der Schreib­kom­pe­tenz ver­traut zu machen: http://www.iqb.hu-berlin.de/vera2?reg=r_10

Die Dia­gnose kann immer nur der Aus­gangs­punkt zur För­de­rung sein. Für die För­de­rung selbst benö­ti­gen Leh­rer fach­li­che, didak­ti­sche, metho­di­sche und päd­ago­gi­sche Kom­pe­ten­zen, die bei der Pla­nung und Aus­ge­stal­tung des Unter­richts durch ange­mes­sene Ler­nar­ran­ge­ments und kom­pe­tenz­ori­en­tierte Auf­ga­ben zum Tra­gen kom­men. Dies ist in offe­nen Unter­richts­for­men, z. B. der Wochen­plan­ar­beit, dem Sta­tio­nen­ler­nen oder der Frei­ar­beit eher mög­lich als in stär­ker instruk­ti­ven For­men des Unterrichts.

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