Das deutsche Schulsystem ist ungerecht” – Plädoyer für mehr Sachlichkeit in einer wilden Debatte

Bewertung des Schulsystems - Gerechtigkeit

Bewer­tung des Schul­sys­tems — Gerechtigkeit

Am letz­ten Frei­tag wur­den die Ergeb­nisse einer Umfrage zum Schul­sys­tem in Deutsch­land vor­ge­stellt. Das Wich­tigste in Kürze: 51% der Eltern schul­pflich­ti­ger Kin­der hal­ten das deut­sche Schul­sys­tem für unge­recht und kri­ti­sie­ren, dass sich ihre Kin­der nicht ent­spre­chend ihrer Mög­lich­kei­ten ent­wi­ckeln kön­nen. Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Umfra­ge­er­geb­nisse hat sich im Netz eine Debatte ent­wi­ckelt, die lei­der vor allem von Schuld­zu­wei­sun­gen geprägt ist.

Als Haupt­grund für man­gelnde Gerech­tig­keit wird feh­lende indi­vi­du­elle För­de­rung der Kin­der ange­ge­ben. Die­sen För­der­be­darf ver­su­chen viele Eltern laut Befra­gung durch außer­schu­li­sche Unter­stüt­zung zu kom­pen­sie­ren: 80% der Eltern mit mitt­le­rem oder hohem Bil­dungs­ab­schluss hel­fen ihren Kin­dern bei schu­li­schen Auf­ga­ben. Dem­ge­gen­über sehen sich 37% der Eltern mit nied­ri­gem Schul­ab­schluss nicht in der Lage ihre Kin­der aus­rei­chend zu unter­stüt­zen. Die Umfrage macht somit ein­mal mehr den Zusam­men­hang von Bil­dungs­er­folg und sozia­ler Her­kunft deutlich.

Im Inter­net berich­te­ten diverse Medien über die reprä­sen­ta­tive Umfrage, die von Infra­test dimap im Auf­trag der Ber­tels­mann Stif­tung durch­ge­führt wurde. Und die User rea­gier­ten prompt: Mit Begeis­te­rung habe ich ver­folgt, wie allein auf Welt Online (hier geht’s direkt zum Bei­trag ») inner­halb von nur drei Stun­den mehr als 200 Kom­men­tare zur Umfrage ver­öf­fent­licht wur­den. Auf­fäl­lig ist aller­dings, dass bei den meis­ten Bei­trä­gen ver­sucht wurde, einer bestimm­ten Gruppe die Schuld zuzuweisen:

Vor­be­halte gegen­über Schü­lern, Eltern, Leh­rern und dem Schul­sys­tem (nur Auszüge)

Das größte Pro­blem ist, dass viele Eltern es auf­ge­ge­ben haben, ihre Kin­der zu erzie­hen, und nun erwar­ten, dass die Schule es nun richtet.”

Viel­leicht soll­ten die Eltern der ange­hen­den Haupt­schul­kin­der ein­mal statt Nin­tendo das Mär­chen­buch her­vor­kra­men und vor­le­sen bzw. lassen.“

Ja, es ist wahr das viele Eltern ihre Kin­der zu wenig unter­stüt­zen. Aber ich habe am eige­nen Leib bei mei­nem Kind erfah­ren, wie unor­ga­ni­siert, unfä­hig und unmög­lich das Schul­sys­tem sein kann.“

Wenn Leh­rer die Hälfte der Klasse vor die Türe schi­cken, Haus­auf­ga­ben nicht kon­trol­lie­ren, wäh­rend der Stunde aus dem Unter­richt gehen um eine Ziga­rette zu rau­chen, frage ich mich, was dies mit Vor­bild­funk­tion und Leh­rer­tä­tig­keit zu tun hat.“

Das geht ganz prima, denn auch Leh­rer sind nur Men­schen und auch Meis­ter im aus­gren­zen. Da kann es rei­chen, dass dem Leh­rer stinkt, wenn die Eltern nicht zu den Eltern­aben­den kommen.“

Unser Schul­sys­tem ist gene­rell schlecht, auch an Gym­na­sien nimmt die Zahl der dep­p­res­siv wer­den­den Kin­der wei­ter zu.“

Das sind nur ein paar Bei­spiele, bei denen wenigs­tens noch die quasi “sach­li­che” Aus­ein­an­der­set­zung im Vor­der­grund stand. Kon­struk­tive Vor­schläge waren lei­der eher sel­ten. Dabei liegt es m. E. doch auf der Hand, dass alle gemein­sam die Ver­ant­wor­tung für die Kin­der und ihren Bil­dungs­er­folg tragen:

  • die Schü­ler soll­ten von eher pas­si­ven Teil­neh­mern des Unter­richts zu Ler­nen­den wer­den, die Ver­ant­wor­tung für den eige­nen Lern­pro­zess übernehmen
  • Eltern soll­ten stär­ker an der Lern­ent­wick­lung der Kin­der betei­ligt wer­den, regel­mä­ßi­ger Aus­tausch mit der Lehr­kraft, echte Mit­wir­kungs­mög­lich­keit in der Schule
  • Leh­re­rin­nen und Leh­rer soll­ten sich nicht nur als Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern auch als Lern­be­glei­ter ver­ste­hen und sich am Lern– und Ent­wick­lungs­stand der ein­zel­nen Kin­der und Jugend­li­chen ori­en­tie­ren, um diese ent­spre­chend zu för­dern und zu fordern
  • Schule sollte ihre Lern­pro­zesse so orga­ni­sie­ren, dass indi­vi­du­elle För­de­rung mög­lich wird. Dazu braucht es die Unter­stüt­zung durch die Schul­lei­tung und einen Kon­sens im Kol­le­gium (Teamarbeit!)
  • Das Schul­sys­tem sollte die benö­tig­ten Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen und Bar­rie­ren abbauen, die indi­vi­du­el­ler För­de­rung im Wege stehen.
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