Die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule nimmt in der Grundschule Kleine Kielstraße zweifelsohne eine zentrale Stellung ein – darauf verweist bereits die starke Präsenz der Eltern im Schulleben. 50 – 60 Eltern bewegen sich tagtäglich im Schulgebäude. Sie werden frühzeitig auf den Schulbeginn ihrer Kinder vorbereitet, können Fragen stellen, Wünsche äußern und Ängste benennen. Im Rahmen des Elterncafés haben sie die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Sprach- und Computerkurse zu besuchen und auch eine Einzelfallberatung zu erhalten. „Rucksackmütter“ aus dem Kreis ehemaliger, der Schule nach wie vor verbundenen Mütter, erleichtern dabei den Zugang zu Müttern, die der deutschen Sprache (noch) nicht mächtig sind.
Eins ist bereits jetzt sicher, es mangelt der Grundschule Kleine Kielstraße nicht an Ideen und an Initiative. Mit der Teilnahme an zahlreichen Projekten, wie z. B. dem EU-Schulobstprogramm, reagiert die Schule auf die Bedürfnisse ihrer Schüler. In diesem Kontext fand auch die Projektwoche „Fit und stark fürs Leben“ statt, bei der es Schülern ermöglicht wurde, alltägliche Konflikterfahrungen und Ängste zu benennen und aufzuarbeiten. Gemeinsam mit der Polizei identifizierten die Schüler hierfür die Plätze im Stadtviertel, die ihnen Angst einflößten.
Beim Blättern durch den „Angsteckenatlas“, der die furchteinflößenden Stellen in Stadtbezirk Nordstadt kennzeichnet, erhalte ich einen ersten Eindruck von der Situation, der sich die Schüler in Dortmunds Problemviertel tagtäglich ausgesetzt sehen. Kaum eine Ecke auf der Stadtkarte ist nicht durch ein dickes rotes Kreuz markiert.
„Die Nordstadt steht heute stellvertretend dafür, wie Stadtteile abstürzen können“, erklärt uns Frau Schultebraucks-Burgkart. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Kriminalität und vermüllte Häuser hat zuletzt neue Dimensionen angenommen. Seit der EU-Erweiterung 2007 wandern jährlich Hunderte von Männern und Frauen aus dem bulgarischen Elendsviertel Plowdiw in Dortmunds Nordstadt ein; sie leben hier auf engstem, verdrecktem Raum zusammen, beziehen weder Kindergeld noch Hartz IV und teilen eine Kultur, die unserer mehr als fremd ist. Seither explodiert insbesondere der Straßenstrich; dieser wurde zwar aus den Wohngebieten an die Stadtgrenze verlegt, bildet heute aber mehr denn je einen Magnet für kriminelle Machenschaften. „…und all das in dem Stadtviertel, in dem die meisten Kinder leben“, fügt Frau Schultebraucks-Burgkart hinzu.
Doch es gibt auch Lichtblicke in der tristen Betonlandschaft. In drei Wohnblocks wurden „Kinderstuben“ errichtet, in denen Kinder ab 2 Jahren eine frühkindliche Bildung erfahren. Das Konzept, das eine wohnungsnahe Betreuung und konsequente Einbindung der Eltern vorsieht, wurde von der Grundschule Kleine Kielstraße gemeinsam mit den städtischen Trägern der Tageseinrichtung „Fabido“ quasi aus der Not geboren. Nur 53 % der 3-Jährigen erhalten in der Nordstadt eine vorschulische Betreuung; Angebote, die erst im Grundschulalter ansetzen, stellen oft nur noch Reparaturmaßnahmen dar. Mit den Kinderstuben wird nun ein Betreuungsangebot direkt in die Nachbarschaft integriert. Kurze Wege und ein guter Betreuungsschlüssel (1 Tagesmutter : 5 Kinder) überzeugen und tragen dazu bei, dass Kinder früh an die deutsche Sprache herangeführt werden.
Mittlerweile gibt es auch weitere Förderer der „Kinderstube“, wie z. B. Christian Schmitt, der uns an diesem Tag einen Einblick in den Innenhof eines von ihm renovierten Wohnblocks gewährt. Ein großer Spielplatz in der Mitte, ein integrierter Fahrradverleih und eine neu-organisierte Mülltrennung tragen dazu bei, dass Kinder hier wieder frei spielen können. Engagement wie dieses – im Rahmen der frühkindlichen Förderung und der Sanierung des Lebensumfeldes – ermöglicht erste wichtige Schritte zur Veränderung der Sozialstruktur im Problembezirk Nordstadt. Was heute allerdings noch von tatkräftigen Einzelinitiativen getragen wird, bedarf in Zukunft einer intensiven Förderung der zuständigen Ämter.
Die Grundschule Kleine Kielstraße beweist an diesem Tag, dass sie nicht nur innerhalb ihrer vier Wände einiges bewegt, sondern auch den Blick über den Tellerrand wirft, Kooperationen sucht und nutzt. „Wenn die Schule wie eine Spinne im Netz sitzt, kann sie alles schaffen“, meint Frau Schultebraucks-Burgkart. Die Grundschule ist nicht nur die erste Anlaufstelle im Stadtviertel, sie verfügt auch über eine enorme Verbreitungskraft und kann viel bewirken. Dass dies der Kleinen Kielstraße gelungen ist, belegt nicht zuletzt die Übergangsquote auf das Gymnasium, die in dieser Grundschule bei 44 % liegt (Durchschnitt: 19 %)!
Mehr als die nackten Zahlen überzeugen mich an diesem Tag aber Eigeninitiative und Konsequenz, mit der das Team der Kleinen Kielstraße ihre Ideen in die Tat umsetzt. Eltern werden ohne Ausnahme in die Verantwortung genommen, vertraglich an ihre Pflichten gebunden, nicht „gepampert“ oder „betüddelt“. Schüler werden konsequent an die Werte der Gesellschaft herangeführt, indem ihnen u. a. jährlich die ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes vermittelt und erläutert werden. Sie lernen die gemeinsamen Wurzeln (und nicht die Gegensätze) ihrer unterschiedlichen Religionen kennen, entwickeln ein Bewusstsein für Toleranz und bauen gleichzeitig eine emotionale Bindung zu ihrem Land auf.
In der Kleinen Kielstraße bewegt sich was – sichtbar und spürbar!
Stefanie Rother




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