Schuldigung, ich suche Seeed….

Heute am 8. September ist „Welttag der Alphabetisierung“. Wenn Sie das hier lesen können, sind Sie schon klar im Vorteil. Denn:  771 Millionen Erwachsene, ein Fünftel der erwachsenen Weltbevölkerung, können nicht lesen und schreiben. Zwei Drittel davon sind Frauen. 100 Millionen Kinder wachsen ohne Schulbildung auf: Der Welttag macht auf den weltweiten Analphabetismus aufmerksam.

Dass es einen eigenen Tag zur Alphabetisierung geben muss, bewegt mich immer wieder. Und daher ist meine folgende, kleine Begebenheit nicht nur zum Lachen:

Neulich war ich in einem dieser riesigen Elektronik-Megastores. Dort, wo die Schließfächer ganz winzig sind, die Sherrifs am Eingang im Gegensatz aber ganz riesig und sich in ihrer Arbeitskleidung dem roten Schriftzug des Konzernnamens angepasst haben. Nein, der mit dem Geiz war es nicht.

Ich war auf der Suche nach einer CD. Ein Geschenk. Stand auf meinem Zettel ganz oben, weil sich der Geburtstag des Sohnes meiner Freundin jährte und ich eben einen Tonträger mit Musik schenken wollte. “Seeed” sollte es sein. In der Musikabteilung angekommen, ragten vor mir die unzähligen Regale auf wie die Klippen vor dem Festland von Australien.

Spätestens beim Anblick dieser Vielfalt bekomme ich immer einen leichten Schwindelanfall: man hat keine Zeit und muss trotzdem etwas suchen, von dem man ganz genau weiß, dass man es nicht finden wird. Was hab ich denn für eine Ahnung, unter welcher Musiksparte sich “Seeed” einreiht? Keine. Und dann standen da auch noch unzählige andere Kunden im Laden – uns einte die Ratlosigkeit, das Suchen und das planlose mäandern zwischen den Reihen. An der Theke (ja, die gibt es auch noch) stand ein einziger Fachverkäufer, der deutlich in einem Alter war, dass ich davon ausgehen konnte, Seeed müsste ihm geläufig sein. Er war umlagert von einer Traube von Fragenden – und kopfhörertragenden “Reinhörern” auf Barhockern. Meine Chance auf  Beratung oder Hilfe sank auf Null.

Gerade wollte ich gehen. Da drehte ich mich nochmal zu ihm um und hörte mich sagen: “`Schuldigung, ich bin Analphabetin und suche Seeed. Können Sie mir helfen?”

Mit dem Kopfhörer am einen Ohr, die Hand am CD-Player schoss des Angesprochenen Kopf hoch. Er hatte mich gehört. Wie die übrigen Kunden auch. Sekunden lang stand ich wie in einem Spottlicht. Die Röte schlich sich ganz zart in mein Gesicht, ich zog die Augenbrauen hoch – und wusste nicht, was die Menge jetzt mit mir anstellen würde. „Ein leibhaftiger Analphabet“ stand in den Gesichtern geschrieben.

Und siehe da: Der Musikfachverkäufer legte seine Arbeit nieder, kam um die Theke herum auf mich zu, legte mir seine Hand auf den Unterarm und sprach: “Kommen sie doch bitte mit, ich kann ihnen zeigen, wo die CD zu finden ist”, und führte mich fort. Unter den Argusaugen der Hörenden, die mich mit großem Interesse und einer Spur Mitleid musterten. Ein Segen hatte ich meine schwarze Mütze auf dem Kopf und einen dicken Schal um den Hals, so dass ein späteres Wiedererkennen unmöglich war.

“Sie sollten einen Kurs belegen, um Lesen und Schreiben zu lernen”, bemerkte der junge Mann am Ende meines Armes sehr feinfühlig und vorsichtig. Er führte mich immer noch wie einen Blinden durch die Regale. Sehen konnte ich ja. Fühlte mich nun wie Günter Wallraff und achtete streng darauf, nicht aus der Rolle zu fallen, das hätte mir der freundliche Helfer echt übel genommen. Sekunden später hielt ich “Seeed” in der Hand. Eine von mehreren Versionen. “Ich empfehle ihnen diese”, schnitt er meine nächste Frage ab und ich war froh, nicht Nicht-Lesen zu müssen. “Danke”, brachte ich heraus. “Das ist nett, dass sie nicht lachen.” “Kein Problem. Ist toll, dass Sie zugeben, nicht lesen zu können. Und Musik geht ohne Buchstaben.”   -   Fand ich super: PISA mal andersherum. “Die Letzten werden die Ersten sein“, fiel mir ein. Das ändert aber nichts daran, dass es noch viel zu viele Menschen gibt, die nicht lesen und schreiben können. Ich würde mir wünschen, dass dieser Tag in ein paar Jahren überflüssig wäre.

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