Was „bewegt“ Schule?

Was bewegt Schule? Ich finde diese Frage spannend, denn sie ist ambivalent: Einerseits ermöglicht sie, individuelle schulische Problemstellungen oder Konfliktfelder zu identifizieren und darüber zu reflektieren. Jeder kennt wohl den Zustand des emotionalen Bewegt-seins, z. B.  wenn man sich mit einem drängenden Problem oder einem Verlust auseinander setzen muss. Andererseits impliziert diese Frage auch, den Blick auf Potenziale zu richten. Was sich bewegt, das steht nicht still, das entwickelt sich. In diesem Sinne ist die Frage mit deutlich positiver Couleur gefärbt. Dieser Blogbeitrag ist sehr persönlich und beleuchtet die unterschiedlichen individuellen Zugänge, unter denen man die Frage, was Schule bewegt, reflektieren kann.

Als Lehrerin kenne ich mich aus.

Ich habe ausbildungsbedingt  (Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen) sowohl an einer Grundschule, einer Hauptschule und einer Realschule gearbeitet, viele Lehrerkolleginnen und -kollegen kennen gelernt, viele Konferenzen erlebt, viele Schüler in mehreren Fächern unterrichtet und bei vielen Schulaktivitäten mitgemacht. Ich weiß: es gibt nicht pauschal „die“ Schüler oder „die“ Lehrer oder gar „die“ Schule. Auch ich bin nicht pauschal „die“ Lehrerin Frau Korves. Schließlich habe ich mich immer wieder neu auf die Schulen, Kollegen und natürlich Schüler einstellen müssen, wodurch ich jedes Mal neue Perspektiven gewinnen und mich weiterentwickeln konnte. Obwohl es viele gute Momente gab, war es nicht immer einfach und toll, nein! Ich habe auch manches Mal in unterschiedlichen Zusammenhängen gedacht: „so kann es nicht sein“, „das ist echt unmöglich“ oder auch „so kann und will ich nicht arbeiten“.  Ja, ich gebe es zu: das jeweilige schulische Umfeld, in dem ich mich bewegt habe, bewegte mich innerlich sehr – manches Mal auch in Richtung Erlahmung oder Erschöpfung. Ich kann also aus dieser Erfahrung heraus gut nachvollziehen, dass Burnout im Lehrerberuf längst keine Seltenheit mehr ist und zunehmend öffentliche Beachtung erfährt. Ich habe das Glück gehabt, mit Kolleginnen aus der Schule sowie mit Personen in meinem privaten Umfeld über die Belastungen reden zu können. Oft habe ich danach wieder neue Möglichkeiten gesehen, wie man aus Konflikten auch Chancen schaffen kann. Manchmal hat es aber auch einfach geholfen, belastende Aspekte des Berufs besser aushalten zu können. Aus diesen Gesprächen weiß ich, dass die individuelle Sichtweise unglaublich ausschlaggebend ist, sowohl für das eigene Wohlbefinden und auch für die Schulentwicklung. Meine Erfahrungen und Gespräche haben mich auf Themen gestoßen, die ich für unglaublich wichtig erachte und mit deren Auseinandersetzung ich mich weiterbewegen konnte. Da wäre zuallererst die Demokratiepädagogik zu nennen (als Lektüre empfehle ich die Werke der Autoren Dewey; Bohnsack; Beutel; Fauser), aber auch Formen neuer Lernkulturen (insbesondere die Lernwerkstatt) und Möglichkeiten der Gesundheitsförderung für Schüler und Lehrer. Mich hat es letztlich gestärkt und auch wenn ich dadurch nicht gänzlich vor neuen Schwierigkeiten geschützt bin, so habe ich eine große Lust und Offenheit für bildungspraktische Themen und mehr Verständnis für schulische Vielfalt gewonnen.

Als Außenstehende staune ich gerne.

Vielfältige Perspektive

Vielfältige Perspektive

Als Doktorandin der Schulpädagogik und als freie Mitarbeiterin der Bertelsmann Stiftung habe ich bereits einige Gelegenheiten gehabt, Schulentwicklung aus einer Außenperspektive betrachten zu können. Ich habe viele Gespräche auf Universitätsebene und mit StiftungskollegInnen geführt, viele Initiativen und Konzepte kennen gelernt. Ich habe mit Ausbildern, Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrern geredet und dabei viele Ideen und Möglichkeiten wahrgenommen, aber auch viele Ängste und Grenzen erfahren. Das waren alles wichtige Einblicke. Und noch wichtiger: ich habe festgestellt, dass die Themen, die mich beschäftigen, nicht unbedingt auch andere Kolleginnen und Kollegen  bewegen. Da gibt es von Mensch zu Mensch und von Schule zu Schule unterschiedliche Ansichten und auch Interessen; die individuellen Prioritäten sind möglicherweise ganz anders gelegt. Ich bin sehr dankbar, mit all diesen Menschen gesprochen zu haben. Auch wenn ich manchmal anderer Meinung war oder andere Erfahrungen gemacht habe, so staune ich gerne. Ich habe gelernt: aus der Distanz heraus erscheint Vieles mit einem Mal in einem anderen Licht und es lohnt sich (wenn es mir auch manchmal schwer fällt, es einzugestehen), wenn ich mir Dinge auch noch mal neu erklären lasse. Ein Thema z. B., über das ich glücklicher Weise mehr erfahren durfte, ist Inklusion. Im Gespräch mit einer NRW-Koordinatorin für Inklusion habe ich vieles über Erwartungen, Umsetzungsmöglichkeiten und Schwierigkeiten des aktuellen Top-Themas Inklusion erfahren und neu für mich einordnen können. Das war so interessant, dass ich Sie gerne in einem nächsten Blog hieran teilhaben lassen möchte. Soviel vorab: Im Thema Inklusion ist in vielerlei Hinsicht noch Bewegung drin.

Als Mutter eines knapp 2-jährigen Sohnes habe ich viele Hoffnungen.

Ich wünsche mir, dass mein Sohn vieles von seinen Potenzialen in der Schule einfließen lassen kann, dass er viele Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen darf und viele glückliche Schulmomente erleben wird. Ich wünsche mir, dass er umfassend auf das Leben nach der Schulzeit vorbreitet wird und dass er die Vielfalt der Gesellschaft positiv erfahren kann. Ich wünsche mir Lehrerinnen und Lehrer für ihn, die ihn bestmöglich fördern und fordern; ich wünsche mir aber auch ein Schulsystem, das ihn nicht überfordert. Letztlich will ich ihn gut aufgehoben wissen und keine Angst haben müssen, dass er fehl am Platze ist. Ich möchte als Mutter gerne mitwirken können, aber ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich Kontrolle ausüben muss. Ich möchte gerne vertrauen können.

Jetzt frage ich mich: Ist das realistisch? Ist das zu viel gewünscht?

Diese Sichtweise ist im Vergleich mit den vorherigen sozusagen eine völlig „unprofessionelle“. Sie ist eine rein persönliche bzw. familiäre und sie spiegelt, dass ich als Mutter ganz anders reflektiere und anders bewegt bin.

Und trotzdem ist auch diese Perspektive wichtig.

Ich glaube, Schule bewegt im Großen, was mich bzw. was uns individuell im Kleinen bewegt. Aus diesem Grund möchte ich auf der Vielfalt lernen-Seite von Zeit zu Zeit besondere Blogbeiträge unter dem Titel „Was Schule bewegt – konkret gefragt“ veröffentlichen. Für diese Beiträge, die individuelle Perspektiven und Interessantes oder Aktuelles rund um Schule thematisieren, werde ich Interviews mit unterschiedlichen Gesprächspartnern führen. Das kann die besagte Koordinatorin für Inklusion genauso sein, wie der Lehrer, die Schulleiterin, die Mutter oder der Schüler. Mein Fokus richtet sich also auf die jeweilige individuelle „Expertise“. Auch das ist Vielfalt lernen. Ich freue mich auf interessante Gespräche. Und ich würde gerne erfahren:

Was bewegt Sie?

 

 

 Katharina Korves

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avatar Über Katharina Korves

Katharina Korves hat an der Universität Osnabrück das Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschule mit dem Schwerpunkt Grundschule studiert und im Studienseminar Oldenburg den Vorbereitungsdienst absolviert. Daneben ist sie als Referentin beim Oldenburger Fortbildungszentrum im Bereich neue Lernkulturen (u. a. Portfolioarbeit/Lernwerkstatt) und Gesundheitsförderung tätig gewesen. Seit 2007 ist sie Lehrerin an einer Realschule in Gütersloh und seit 2010 promoviert sie im Fachbereich Schulpädagogik an der Universität Osnabrück. Auch als Mutter eines kleinen Sohnes ist es ihr wichtig, Schulentwicklung kindorientiert und nachhaltig voran zu treiben. Hierbei liegen ihr besonders die Demokratiepädagogik und verantwortliches Lehren und Lernen am Herzen.

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