Die Portfolio-Arbeit als Startpunkt für eine neue Lernkultur?

 Das Thema „neue Lernkultur“ ist in aller Munde. Es bezieht sich darauf, dass das Lernen gegenüber dem Lehren im Vordergrund steht und somit die Schülerperspektive stärker in den Fokus rückt. In diesem Zusammenhang erfährt das Portfolio-Konzept immer wieder prominente Aufmerksamkeit. Es kann zum Beispiel einen Beitrag dazu leisten, den Lernprozess der Schüler zu individualisieren und konstruktiv zu gestalten, alternative Wege der Leistungsbeurteilung einzuschlagen und eine besondere Form der Feedbackkultur zu etablieren. Dieser Blogbeitrag gibt einen zusammenfassenden Überblick über die wichtigsten Ausprägungen und Merkmale.

Portfolio

Ein Blick in die Fachliteratur (s. u.) verrät mir: es gibt nicht die eine Portfolio-Methode, vielmehr handelt es sich um ein facettenreiches Konzept, dass in unterschiedlichen Wirkungsbereichen und mit unterschiedlichem Zweck eingesetzt werden kann. Die Grundidee des Portfolios ist dabei, mit Hilfe einer persönlichen Mappe bestimmte (Arbeits)Produkte zu sammeln bzw. zu dokumentieren. Es werden somit Materialien zusammengestellt, die z.B. Aufschluss über den Arbeitsprozess oder die Arbeitsprodukte geben. Diese Materialien oder Dokumente können dabei vielfältig sein und müssen sich nicht auf schriftliche Leistungsprodukte beziehen. Ebenso wertvoll sind auch z.B. selbst erstellte Videos, Fotos, Zeichnungen. Sogar Nachweise außerschulischer Aktivitäten, wie etwa der Nachweis über einen Sprachkurs im Ausland oder ein ehrenamtliches Engagement im Sportverein sind denkbar. Die Offenheit und der Facettenreichtum des Portfoliokonzepts ermöglichen in der Schule eine entsprechende Offenheit in den Arbeitsmethoden und Kreativität in den Lernprozessen. Entscheidend ist jeweils, welcher Zweck und welche Zielperspektive mit dem Portfolio verfolgt werden.

Das Portfolio als Leistungsmappe

Der Berliner Reformpädagoge Fritz Karsen verfolgte bereits in den 1920er Jahren das Anliegen, das Zeugnis durch eine gebundene Arbeitsmappe mit Protokollen, Ergebnissen und Leistungsdokumenten zu ersetzen. Die Idee der Leistungsmappe als Alternative zum Notenzeugnis wurde von Vierlinger in den 1970er Jahren durch den Begriff „Leistungsportfolio“ geprägt (vgl. Vierlinger 1999). Es handelt sich um eine Sammlung ausgewählter Schülerprodukte, die als direkte Leistungsvorlage dienen und Aufschluss über den Leistungsstand des Schülers geben.

Abwandlungen dieser Portfolioform sind so genannte Teilportfolios, welches sich auf „Glanzstücke“ der Leistung beziehen, z.B.:

  • das Vorzeigeportfolio, in welchem der Schüler Arbeiten zusammenstellt, auf welche er besonders stolz ist,
  • das Bewerbungsportfolio, in welchem exemplarisch aussagekräftige Dokumente dargestellt werden oder auch
  • das Entwicklungsportfolio, welches Fortschritte und Weiterentwicklungen dokumentiert.

Das Portfolio als Unterstützungsinstrument für den Lernprozess

Der Ansatz des Prozessportfolios bezieht sich auf die Möglichkeit, den Arbeits- und Lernprozess zu beschreiben, zu analysieren und zu kommentieren. Der Schüler wird mit Hilfe dieser Portfolioarbeit darin unterstützt, Wege der Problemlösung und Zwischenergebnisse vorzustellen. Es geht also nicht wie beim Leistungsportfolio um die Arbeitsergebnisse an sich. Vielmehr geht es darum, den Entstehensprozess der Ergebnisse nachvollziehbar darzulegen. Zum Beispiel können zu diesem Zweck Arbeitsphasen beschrieben oder verglichen werden. So gesehen bietet das Prozessportfolio eine gute Reflexionshilfe und die Möglichkeit, dem Schüler die komplexen und individuellen Prozesse im Lernen bewusst zu machen. In Beratungs- und Feedbacksituationen mit dem Lehrer oder auch einem Lernpartner kann diese Portfolioform sehr aufschlussreich für nächste Lernschritte sein.

Die verschiedenen Portfoliotypen deuten darauf hin, dass unterschiedliche Varianten des Arbeitens und Lernens möglich sind und hinter dem Einsatz von Portfolios eine bestimmte Auffassung von Lehren und Lernen steht: Der Lehrer fungiert stärker als Berater oder Lernbegleiter, die Verantwortung für die Lernprozesse und -produkte wird zunehmend an die Schüler abgegeben. Somit rückt die individuelle Schülerperspektive und eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten und Themen in den Vordergrund.

Unterrichtspraktische Umsetzung von Portfolios

Die Portfolioarbeit eröffnet viele und vielfältige Möglichkeiten. Trotzdem scheint es einige grundlegende Aspekt hierfür zu geben. Winter (2002 und 2004) nennt 7 Grundprinzipien für Portfolioarbeit:

  1. Gestaltungsprinzip: Planung und Gestaltung präsentabler Portfolioeinlagen. Ästhetische Mappengestaltung
  2. Sammelprinzip
  3. Auswahlprinzip: Selbstständiges, begründetes Auswählen der Mappeneinlagen
  4. Steuerungsprinzip: Durch Vorgaben und Vereinbarungen über das Portfolio bekommt es eine Steuerungsfunktion für den Unterricht, die Orientierung und Handlungsfreiheit zulässt. So werden auch Bewertungsfragen transparent definiert
  5. Bewertungsprinzip: Zu den Einlagen werden Stellungnahmen formuliert (vorwiegend vom Lehrer und Schüler)
  6. Kommunikationsprinzip: Gespräche über das Lernen und Leistungsentwicklung anhand des Portfolios
  7. Dokumentationsprinzip

Abschließend stelle ich fest, dass die verschiedene Portfoliotypen und die Grundprinzipien der Portfolioarbeit den „Merkmalen der neuen Lernkultur“ (vgl. Winter 2004) gerecht werden:

  1. Höhere Selbstständigkeit und Eigenverantwortung des Lernenden,
  2. stärkere Orientierung auf die Lernprozesse,
  3. verstärkte Hinwendung zu komplexen, alltagsnahen Aufgaben,
  4. Partizipation der Schüler (Demokratisierung der Lernkultur).

Ich finde dieser Vergleich  ermutigt, sich an die Portfolioarbeit zu wagen. Das Schöne dabei ist, dass es zum Bespiel auch in Form eines Teilportfolios recht unkompliziert und verhältnismäßig einfach umzusetzen ist. Ich selbst habe es mehrfach in unterschiedlicher Form (als Leistungs-, als Entwicklungs- und als Bewerbungsportfolio) ausprobiert und kann sagen, dass der Einsatz der Portfolioarbeit jedes Mal positiv überrascht hat. Mich und die Schüler.

Also, trauen Sie sich ruhig!

Katharina Korves

 

 

Weiteres Material zur Portfolioarbeit finden Sie auf der Wiki-Seite von „Vielfalt lernen“:

http://wikis.zum.de/vielfalt-lernen/Portfolio

 

Literatur:

Vierlinger, R. (1999): Leistung spricht für sich selbst. „Direkte Leistungsvorlage“ (Portfolios) statt Ziffernzensuren und Notenfetischismus. Heinsberg: Dieck-Verlag

Wiedenhorn, Th.(2006): Das Portfolio Konzept in der Sekundarstufe. Individualisiertes Lernen organisieren. Mülheim an der Ruhr

Winter, F.(2004): Leistungsbewertung. Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit Schülerleistungen. Hohengehren

Winter, F. (2002): Portfolio und Leistungsbewertung. Ausflug in eine andere Welt. In: http://www.portfolio-schule.de

 

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avatar Über Katharina Korves

Katharina Korves hat an der Universität Osnabrück das Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschule mit dem Schwerpunkt Grundschule studiert und im Studienseminar Oldenburg den Vorbereitungsdienst absolviert. Daneben ist sie als Referentin beim Oldenburger Fortbildungszentrum im Bereich neue Lernkulturen (u. a. Portfolioarbeit/Lernwerkstatt) und Gesundheitsförderung tätig gewesen. Seit 2007 ist sie Lehrerin an einer Realschule in Gütersloh und seit 2010 promoviert sie im Fachbereich Schulpädagogik an der Universität Osnabrück. Auch als Mutter eines kleinen Sohnes ist es ihr wichtig, Schulentwicklung kindorientiert und nachhaltig voran zu treiben. Hierbei liegen ihr besonders die Demokratiepädagogik und verantwortliches Lehren und Lernen am Herzen.

Kommentare

  1. Danke für den Beitrag. Leider wird in der Literatur oft nicht genauer dargelegt, was mit “Reflexion” gemeint ist und wie der Zusammenhang zwischen ihr und dem Lernen ist. Außerdem gehe ich davon aus, dass allein die Verfügbarkeit von ePortfolios noch keinen reflexiven Lerner ausmacht. Muss der Einsatz nicht von einer entsprechenden Pädagogik begleitet sein? Welche Lerner spricht das Konzept an, welche nicht und wie fängt man die auf, die anders lernen? So weiß man etwa aus der Literatur zum erfahrungsbasierten Lernen, dass manche Lerner besser aus der unmittelbaren Situationer lernen (reflection-in-action iSv Schön), während andere die Distanz bevorzugen, die durch einen “Schritt zurück” vom Lerngegenstand möglich wird (reflection-on-action).
    Insgesamt bin ich doch eher vorsichtig bei Aussagen wie “recht unkompliziert und verhältnismäßig einfach umzusetzen”. Anke Einzelfall mag das so sei. Will man reflexive Praxis jedoch ernst nehmen, ist sicher einiges an Aufwand zu betreiben…

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  1. [...] wir im letzten Blogbeitrag – und auch im Grundlagenartikel zum Portfolio auf http://www.vielfalt-lernen-wiki.de – zu [...]

  2. [...] Das Thema „neue Lernkultur“ ist in aller Munde. Es bezieht sich darauf, dass das Lernen gegenüber dem Lehren im Vordergrund steht und somit die Schülerperspektive stärker in den Fokus rückt. In diesem Zusammenhang erfährt das Portfolio-Konzept immer wieder prominente Aufmerksamkeit. Es kann zum Beispiel einen Beitrag dazu leisten, den Lernprozess der Schüler zu individualisieren und konstruktiv zu gestalten, alternative Wege der Leistungsbeurteilung einzuschlagen und eine besondere Form der Feedbackkultur zu etablieren. Dieser Blogbeitrag gibt einen zusammenfassenden Überblick über die wichtigsten Ausprägungen und Merkmale….Weiteres Material zur Portfolioarbeit finden Sie auf der Wiki-Seite von „Vielfalt lernen“:http://wikis.zum.de/vielfalt-lernen/Portfolio   [...]

  3. [...] individuellen Lernprozess (vgl. hierzu folgende kürzlich erschienene Beiträge auf Vielfalt lernen hier und hier). Die Chance für die Lerner liegt darin, sich der eigenen Lernprozesse, aber auch der [...]

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