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Lernen 2.0 in Aktion: Ein Bericht über das LernLabBerlin 2013

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Die Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule – Schauplatz des LernLabBerlin 2013.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich dem EduCamp einen Besuch abstatten wollte, doch es ist das erste Mal, dass ich dieses Vorhaben wirklich in die Tat umsetzen kann. Und die Gelegenheit ist günstig, denn dem EduCamp 2013 in Berlin wird dieses Jahr ein besonderer Praxistag vorausgeschickt: Das LernLabBerlin. Die Idee ist folgende: Lehrerinnen und Lehrer, die digitale Medien erfolgreich im Unterricht einsetzen, unterrichten für einen Tag an der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule. Unterstützt wird jede Lerneinheit zusätzlich durch eine Lehrkraft der Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule. Die Unterrichtsprojekte können hospitiert werden und die Erfahrungen des Schultages sollen in zwei Podien am Nachmittag aufgegriffen und diskutiert werden.

Ein spannendes Konzept, raus aus der Theorie und hinein in die Unterrichtspraxis. Wie nutzen erfahrene Lehrerinnen und Lehrer die digitalen Möglichkeiten, das Internet, die vielfältigen Plattformen des Web 2.0 mit ihren Schülerinnen und Schülern? Wie verändert der Einsatz den Unterricht und das Lernen, und wie kommt das eigentlich bei den Schülerinnen und Schülern an?

Schnell durch die große, schwere Holztür am Eingang der Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule geschlüpft, komme ich gerade rechtzeitig zur kurzen Vorbesprechung, in der Schuldirektor Großpietsch das erste Mal an diesem Tag seine wohltuende Resolutheit walten lässt. Er stellt das Tagesprogramm kurz und bündig vor, und verweist dann auf eine Tafel, auf der rund 30 Unterrichtsprojekte verzeichnet sind. Die Hospitanten können sich dort für verschiedene Unterrichtsprojekte eintragen, eine Unterrichtseinheit dauert in der Regel 90 Minuten. Da viele der Einheiten parallel stattfinden, werde ich mir nur einen Bruchteil der Ideen wirklich ansehen können. Ich spreche mich mit einem Kollegen ab, um eine möglichst hohe Vielfalt der Eindrücke im gemeinsamen Austausch zu erreichen.

Schon in den Titelbeschreibungen der einzelnen „Sessions“ – so werden die Unterrichtsprojekte BarCamp-typisch bezeichnet – wird deutlich, dass sich auch die Unterrichtsthemen der Stunden in vielen Fällen um Technik und digitale Medien drehen: „Tumblr“, „Podcast-Formate“, „Mathe Wiki“ ist zu lesen. Ich hoffe, dass ich nicht nur Präsentationen über neue, aufregende Netzwerkzeuge zu Gesicht bekomme, sondern auch neue und aufregende Lernprozesse erlebe.

Jetzt ist es aber Zeit für meinen ersten Unterrichtsbesuch, der gleich eine Überraschung für mich bereithält. Zusammen mit etwa 15 Schülerinnen und Schülern der elften Klasse sitze ich in einem Computerraum, während sich die Lehrerin, Frau Rosa, vorstellt und die Schülerinnen und Schüler auf das Projekt einstimmt. Sie sollen im Laufe des Tages ein eigenes Blog erstellen. Die ersten 80 Minuten des Projekts bleiben die Computer jedoch völlig ungenutzt. Stattdessen teilt Frau Rosa Bögen aus, auf denen die Schülerinnen und Schüler festhalten sollen, wer sie sind, was sie besonders gut können und gerne machen und wo ihre eigenen wirklichen Interessen und Leidenschaften liegen.

Keine ganz einfach zu beantwortenden Fragen, denke ich noch bei mir, als die ersten Schülerinnen und Schüler ihre Arbeitsblätter auf einer dafür vorbereiteten Schnur aufreihen. Es entspannt sich ein vielfältiges Panoptikum der Interessen, Stärken und Identitäten der Schülerinnen und Schüler. „Ich möchte eine Weltreise machen“, lese ich auf einem der Zettel, oder „Ich bin Fußballschiedsrichter“ auf einem anderen. Auf diese Weise entsteht eine wichtige Grundlage für die Erstellung des eigenen Blogs: Der Sinn. Die Jugendlichen werden sich ihrer individuellen Interessen und Stärken gewahr. So vergrößert sich die Chance, dass die Einrichtung eines eigenen Blogs mit Bezug auf die jeweiligen Interessen und Fähigkeiten keine einmalige Sache ist, sondern den Weg zu einer sinnstiftenden und lehrreichen Tätigkeit nachhaltig ebnet. Und ganz nebenher lernt Frau Rosa die ihr bis dato völlig unbekannten Schülerinnen und Schüler besser kennen. Als die ersten Jugendlichen bereits eigene Ideen für die Blogs entwickelt haben und die ersten technischen Hürden auf dem Weg zum eigenen Blog nehmen, ist meine Hospitationszeit leider schon um. Denn ich möchte mir ja noch andere Projekte ansehen.

Auf dem Weg zur nächsten Unterrichtssession verfolge ich auf Twitter die ersten Eindrücke der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des LernLab. Dort steht vor allem Eines im Vordergrund: Das nicht funktionierende W-Lan Netz der Schule. Obwohl die Technik am Vorabend noch getestet wurde, gleicht die Einwahl in das W-Lan Netz heute einem Glückspiel. Schwierige Bedingungen für die technikaffinen Lehrerinnen und Lehrer, das wird an vielen Stellen deutlich. So geht in der nächsten Session viel Zeit dadurch verloren, bis sich alle Schülerinnen und Schüler über ihre privaten Mobiltelefone in eiligst eröffnete HotSpot-Netze der Hospitanten eingewählt haben. Die Klasse soll einen Songtext schreiben, eine andere Klasse soll in Zusammenarbeit die passende Musik dazu produzieren.

Die sorgfältige Vorbereitung des Projekts über ein gemeinsames Wiki ist durch das fehlende Netz jedoch weitgehend nutzlos geworden, das gemeinsame Schreiben der Texte über Etherpads funktioniert nicht. Die Lehrer stellen so gut es geht auf analoge Kollaboration um. Kurzerhand werden vereinzelte Schülerinnen und Schüler ganz klassisch per pedes zur Kollaborativklasse geschickt. Sichtlich bemüht, schnell mit den technischen Problemen umzugehen, reagieren die Lehrerinnen und Lehrer pragmatisch und mit Fassung. Das Konzept der Stunde kann dennoch nicht gänzlich gerettet werden. Längst werden nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler angesprochen, manche sitzen gelangweilt vor ihrem Bildschirm, wissen nicht so recht, was sie tun sollen. Und wo ist eigentlich der Lehrer hin? Der muss gerade in der anderen Klasse weitermachen.

Dass sich aus dieser Situation schließlich doch noch eine spontane und sehr spannende Diskussionsrunde unter den Schülerinnen und Schülern mit den Hospitantinnen und Hospitanten ergibt, ist dem spontanen Engagement der Lehrerin der Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule, die auch noch im Klassenzimmer weilte, zu verdanken. Und der auffälligen Offenheit und konstruktiven Haltung der Schülerinnen und Schüler. Sie diskutieren rege über die Schule der Zukunft, stellen kluge Fragen, teilen ihre Ideen und kommunizieren miteinander.

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Überhaupt, diese Schülerinnen und Schüler der Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule. Sie sind das heimliche Highlight beim LernLabBerlin. Das wird nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Mittagspause deutlich. Eine Schülerfirma hat ein äußerst schmackhaftes und originelles Catering für die Teilnehmer des Lernlabs organisiert. Voller Stolz, Aufmerksamkeit und mit Hingabe verköstigen die Schülerinnen und Schüler die Teilnehmerschaft. Sie dankt es ihnen mit großem Applaus. In den Unterrichtspausen bieten die Schülerinnen und Schüler zahlreiche sportliche Aktivitäten an, sie fordern zum Mitmachen auf. Vor dem Aufenthaltsraum der Teilnehmer stehen stets Schülerinnen und Schüler bereit, um Auskünfte zu erteilen oder die Wege zu den Unterrichtsräumen zu zeigen. Zwei Schüler geleiten mich sogar spontan zu einer der Sessions. Als ich in der Mittagspause meine Eindrücke mit einem Kollegen austausche, berichtet er: “Ich stand eben kurz auf dem Flur, da kam ein Schüler auf mich zu und fragte mich total nett, ob er mir helfen könne.“ Er ist begeistert von der Freundlichkeit und der Offenheit der Schülerinnen und Schüler, von ihrem hohen Maß an Identifikation mit der Schule. Ich kann ihm nur beipflichten. Die Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule scheint hier einiges richtig zu machen.

Es ist Nachmittag, draußen verdunkelt sich langsam die regnerische Hauptstadt. Ich sitze in meiner letzten Session des Tages. Es geht um die Facebook-Nutzung der Schülerinnen und Schüler. Die Schülerinnen und Schüler sitzen über Tablets und Netbooks, um verschiedene öffentliche Profile von Stars oder Politikern zu recherchieren und sie in kurzen Profilen vorzustellen. Spannend ist der Vergleich der Star-Fanpages mit einem privaten Profil einer Schülerin. Wo liegen die Unterschiede zwischen einem herkömmlichen Facebook-Profil und Fanpage? Wie funktionieren die Privacy-Settings und warum posten die Stars eigentlich so viele Fotos mit ihren Fans?

In diesem medienpädagogischen Unterrichtsprojekt erkenne ich, dass das Internet und digitale Medien ein ganz klarer Teil der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ist. Das wird nicht weggehen. Sie sind selbstverständlich „digital natives“, sie sind aber auch „digital naives“, wie ich an mancher Äußerung und an persönlichen Berichten über Mobbingfälle merke. Ich finde, dass sich das gar nicht widersprechen muss. Es zeigt, dass Schülerinnen und Schüler über digitale Urteils- und Handlungskompetenz verfügen sollten, um sich in ihrer digitalen Lebenswelt zurechtzufinden. Und die ist nicht unbedingt angeboren, auch wenn sich einige Schülerinnen und Schüler bereits erstaunlich viel selbst beigebracht haben. Die sehr heterogene Ausgestaltung der Lerngruppe mit Experten und Novizen, bietet bei der Medienpädagogik ein weites Feld für individuelle Förderung.

Der Schultag und die Experimentierphase des Lernlabs neigt sich dem Ende zu, in der charmanten Aula der Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule finden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur ersten Podiumsdiskussion ein, die die Erfahrungen und Eindrücke des Schultages aufarbeiten soll. Wie zu erwarten war, gehen die Meinungen über die Bedeutung der digitalen Medien im Unterricht auseinander. So ist zu hören, dass die Technik den Unterricht mehr behindert als gefördert hätte und dass der Unterricht immer dann in Gang gekommen wäre, als die Technik ausfiel. Torsten Larbig machte einen Vergleich, der auch auf dem Educamp am Wochenende noch öfter zitiert werden sollte: Das Internet sollte so selbstverständlich in den Schulinfrastrukturen eingebettet sein, wie das Licht oder der Strom. Schuldirektor Großpietsch machte den Vorschlag, den bestmöglichen Unterricht 1.0 gegen den bestmöglichen Unterricht 2.0 antreten zu lassen, um zu ermitteln, welchen Mehrwert der Einsatz des Netzes und digitaler Medien im Unterricht tatsächlich böte.

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Ich bin mir nicht sicher, ob man diesen Gegensatz im Jahre 2013 noch aufmachen muss. Gutes Lernen kann sowohl digital als auch analog erfolgen. Beim LernLab konnte ich beobachten, dass der Einsatz von Technik keineswegs ein didaktischer Selbstläufer ist. Die Fokussierung auf digitale Endprodukte wie Podcasts, Blogs oder Wikis wirkte auf mich mitunter aktionistisch. Es zeigte sich aber auch, dass das Internet an vielen verschiedenen Stellen Einzug in den Unterricht findet und sinnstiftend eingesetzt werden kann. Und nicht zuletzt sprechen wir über einen Teil der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler. Wenn sie in der Schule auf das Leben vorbereitet werden sollen, dann gehört ihr Lebensraum im Internet folglich auch dazu. Die Schulen müssen lernen mit dieser Lebenswelt umzugehen, mit allen damit verbundenen Chancen und Risiken.

Ich halte das LernLab für eine wertvolle Idee, da sie den oft etwas nebulösen Begriffen wie Web2.0, mobile learning, Lernen 2.0 eine konkrete Form verleiht. Es wäre sinnvoll diese Veranstaltung weiter zu führen, aber auch sie weiter zu entwickeln. Mein Vorschlag wäre diesbezüglich, das Feedback der Hospitierenden systematischer zu berücksichtigen. Rückmeldungen wurden eher per Zufall und spontan eingeholt, sowohl bei den Beobachtenden, als auch bei den Schülerinnen und Schüler. Die Erkenntnisse aus dem LernLabBerlin bleiben so etwas diffus. Denkbar wäre auch die Hospitationen gezielter zu besetzen und zu nutzen. Erfahrene Lehrerinnen und Lehrer, die zum einen Ahnung von der Technik haben, zum anderen ein präzises Gespür für guten Unterricht und nachhaltige Lernprozesse mitbringen, könnten in einer Art Peer-Review konstruktive Kritik üben und vor allem Erkenntnisse sichern.

Dabei ist es wichtig, dass der experimentelle Charakter des LernLabs erhalten bleibt. Schließlich geht es – wie der Name der Veranstaltung schon sagt – um eine konstruierte Laborsituation. Die Lehrerinnen und Lehrer fliegen für einen Tag ein, um zusammen mit ihnen unbekannten Schülerinnen und Schülern in einem begrenzten Zeitraum „Leuchtturm“-Lernen zu veranstalten. Keine leichte Aufgabe, sie setzt Mut und Überzeugung bei Lehrenden und Lernenden voraus. Und diesem Mut gebührt Anerkennung. Die Möglichkeit zu scheitern sollte also weiterhin ein Bestandteil des LernLabs bleiben und als wertvolle Lerngelegenheit betrachtet werden. In Verbindung mit Peer-Reviews und der systematischen Sicherung von Erkenntnissen, könnte das LernLab zukünftig dazu beitragen, die vermeintliche Kluft zwischen Lernen 1.0 und Lernen 2.0 zu überwinden. Stattdessen würde die Frage in den Vordergrund rücken, die sich Corinna Lammert rückblickend auf Twitter gestellt hat:

DSCF2455Eine sehr nützliche Frage, weil sie den Diskurs um die Nutzung des Internets und digitaler Medien für das Lernen vorantreibt. Antworten auf diese Frage zu finden könnte eine wichtige Aufgabe des LernLabs werden. Sie kämen nicht zuletzt den Schülerinnen und Schülern zu Gute, denke ich, als ich die Heinrich-von-Stephan-Gesamtschule mit vielen Eindrücken verlasse und die große, schwere Holztür hinter mir knirschend ins Schloss fällt.


Kommentare

  1. / von Lisa Rosa

    Danke für den ausführlichen und kompetenten Bericht! Vielleicht interessiert noch, was aus dem Blogprojekt wurde, zumal man ja so schlecht ohne Netz Weblogs bauen kann: Es sind doch noch 8 Blogs zum Schluss entstanden. Ausdauer gibt’s bei den Schüler_innen der HvS auf jeden Fall. Man muss sie nur entdecken und füttern …
    http://lisarosa.wordpress.com/2013/10/29/667/

  2. / von Martin Riemer

    Danke fürs Einsammeln und posten Deiner Eindrücke; wen es interessiert, hier mein Angebot plus Resultat des Lernlabs:
    https://docs.google.com/document/d/10yzB8UoWQugnpaBf_I9cwVG8sTKUU–SZJfQoiIDZjY/edit

    Grüße,
    Martin

  3. / von Das EduCamp2013: Ein Session-Triptychon

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