Neulich beim dritten Workshop "Flip your class!"

Gerührt oder geschüttelt? – Drei Berliner Schulen experimentieren mit dem Flipped Classroom

Neulich beim dritten Workshop "Flip your class!"
Neulich beim dritten Workshop „Flip your class!“

„Stell dir vor, es ist Schule und keiner geht hin“. An diesen Kalauer aus Kindertagen muss ich denken, als ich mich auf den Weg zur Herman-Nohl-Schule mache. Und daran, dass man ihn an diesem Tag wohl umdrehen müsste. Denn es ist Wochenende – ein wunderschöner sonniger Samstag – und  trotzdem finden sich um 10.00 Uhr ca. 20 Lehrkräfte dreier Berliner Schulen an der Schule in Neukölln ein, begleitet von Prof. Christian Spannagel von der Pädagogische Hochschule Heidelberg und einem Team der Lernvideo-Plattform sofatutor, das den Weg für digitale Innovationen im Klassenzimmer ebnen helfen möchte. Und genau ums „Umdrehen“ geht es dann tatsächlich auch bei der dritten „Flip your Class!“-Werkstatt. Die Schulpraktiker, der Wissenschaftler und die Inhalte-Anbieter sind zusammengekommen, um sich über Szenarien des „Umgedrehten Unterrichts“ auszutauschen. Und ich darf dabei sein und Mäuschen spielen.

Flipped Classroom – wozu soll das gut sein?

Der Flipped oder Inverted Classroom ist ein aus den USA stammendes Lehr- und Lernkonzept, das durch die Möglichkeiten der Nutzung digitaler Lehr- und Lernmaterialien auch in Deutschland zunehmend Beachtung findet (vgl. die Initiative „Inverted Classroom in Deutschland„). Wurde das Konzept zunächst im Hochschulkontext erprobt, sehen einige Lehrkräfte mittlerweile auch Potenzial für das schulische Lernen. Beim Flipped Classroom-Ansatz werden die zentralen Aktivitäten des Lehrens und Lernens umgekehrt: Die Inhaltsvermittlung und -erschließung erfolgt unabhängig von Ort und Zeit über das Internet, die gemeinsamen Präsenzphasen bzw. der Unterricht können für die Vertiefung, Übung / Anwendung oder Diskussion des Gelernten genutzt werden.

Damit Wissensvermittlung und Hausaufgaben miteinander vertauscht werden können, nehmen Lehrkräfte z. B. ihre Vorträge, die sie sonst frontal vor den Schülern halten, per Videokamera oder Handy auf. Die so entstandenen Filme oder Screencasts können den Lernenden via Internet zur Verfügung gestellt werden, die sie dann außerhalb des Fachunterrichts (bspw. zuhause oder im Ganztag) in ihrem eigenen Tempo und beliebig häufig ansehen können. So haben die Schüler dann im Unterricht mehr Zeit, sich mit Aufgaben / Übungen zu befassen oder sich der Reflexion des Vermittelten und der Vertiefung zu widmen:

“… This is the second and far more important shift that comes with flipped classrooms: it frees up class time for hands-on work. Students learn by doing and asking questions — school shouldn’t be a spectator sport. […] It’s actually more time for kids to do higher-order thinking and hands-on projects. Instead of presenting the information in class and having students work on projects at home, where they don’t necessarily have support, here in class, one-on-one or in small groups, I can help them immediately.” Tina Rosenberg

Der Ansatz bietet Lehrkräften dementsprechend auch mehr Möglichkeiten, in heterogenen Lerngruppen individuell auf die Bedürfnisse einzelner Schüler einzugehen. So zumindest die Erwartungen an den Flipped Classroom Ansatz und die graue Theorie…

Die Schulen zeigen sich experimentierfreudig

Führung durch die Herman-Nohl-Schule
Führung durch die Herman-Nohl-Schule

An der Herman-Nohl-Schule werden wir an diesem Samstag sehr freundlich von Schulleiterin Ilona Bernsdorf empfangen, die – wie große Teile des Kollegiums auch – den digitalen Medien positiv gegenübersteht (im vergangenen Jahr zeichnete die Berliner Senatsbildungsverwaltung die Herman-Nohl-Schule zusammen mit 16 anderen Schulen für die Entwicklung von Medienkompetenz bei Schülern und Lehrern mit der Plakette „Berliner Schule 2.0“ aus). Auch die anderen beiden Berliner Schulen, die an der Werkstatt teilnehmen – das Gebrüder Montgolfier Gymnasium und die Evangelische Schule Berlin Zentrum – zeigen sich offen für die Möglichkeiten, die sich aus der Digitalisierung ergeben. Nach einer kurzen Anmoderation des Workshops durch Christian Spannagel tauschen sich die Schulen darüber aus, wie sie den Flipped Classroom Ansatz an der eigenen Schule erprobt haben und was für Erfahrungen sie damit gemacht haben. Hier sind beispielhaft einige Szenarien aufgeführt, die zeigen, wie unterschiedlich die Schulen dabei vorgehen und wie vielfältig die Anwendungsmöglichkeiten von Lernvideos innerhalb und außerhalb des Unterrichts sind:

  • Im Mathematikunterricht unterschiedlicher Jahrgangsstufen werden Lernvideos von sofatutor und anderen eingesetzt, damit sich die Schülerinnen und Schüler (nachfolgend SuS) individuell auf bestimmte Themen vorbereiten (Strahlensatz, Pythagoras, quadratische Funktionen…). Dabei kommt im Unterricht eine Kombination von Schulbuch und Video zum Einsatz. Die Videos werden nicht immer zur Erklärung eingesetzt, sondern auch zur Ergänzung oder Vertiefung.
  • Im Chemieunterricht (organische Chemie: Esterbindung) kommt bei den Schülerinnen und Schülern ebenfalls ein Methoden- und Medienmix gut an: Das Lehrbuch, Lernvideos, und die persönliche Ansprache durch die Lehrkraft bilden zusammen ein nachhaltiges Lernarrangement
  • Im Fach Biologie (Evolution / Genetik) werden Videos von sofatutor als Hausaufgabe zur Vertiefung eingesetzt. Die Schüler können so das Gelernte zuhause nochmal in Ruhe wiederholen.

Die Anwendungsszenarien an den drei Schulen beschränken sich aber keineswegs auf die MINT-Fächer. Auch in den sprachlich-literarisch-künstlerischen und den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern haben die Lehrkräfte den Flipped-Classroom Ansatz erprobt: So werden in den Lernbüros an der ESBZ Lernvideos in verschiedene Lern-Bausteine integriert, als Ergänzung zu den Karteikarten und Büchern. Die Schüler erarbeiten sich dann in jedem Baustein das Thema selbst. Zudem ist geplant, spezielle Inklusionsbausteine zu entwickeln. Im Fach Musik werden selbstgedrehte Videos als Hausaufgaben für das Erlernen von Gitarrengriffen und Chorstimmen aufgegeben. Ebenso ist die Idee entstanden, die Geschichte des kalten Krieges in Berlin mit Videos nachzuzeichnen uvm.

Was nehmen die Schulen aus den Workshops mit? Erste Erkenntnisse…

Es liegt auf der Hand, dass sich aus diesen ersten Gehversuchen noch keine zu verallgemeinernden Schlüsse ziehen lassen – wie z. B. dergestalt, dass Schülerinnen und Schüler mit Videos grundsätzlich besser als mit den gedruckten Lehrwerken lernen oder dass die Wissensvermittlung bzw. -erarbeitung nicht im Klassenzimmer stattfinden muss und problemlos ausgelagert werden kann. Die an der Werkstatt beteiligten Lehrkräfte haben mit dem Flipped Classroom-Ansatz experimentiert, ohne dass es bereits fertig ausgearbeitete Konzepte zur Integration des Flipped Classroom in die Lernkultur der Schule bzw. in die Didaktik & Methodik des Faches gegeben hätte. Diese Konzepte müssten im nächsten Schritt erst entwickelt werden. Aus den beim Experimentieren gemachten Erfahrungen lassen sich aber dennoch erste Erkenntnisse / Ableitungen generieren:

  • Die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen, dass der Einsatz von Lernvideos für die Schüler/-innen motivierend ist. Die Aufmerksamkeit der SuS bei einem Einsatz von Videos im Unterricht ist hoch.
  • Damit das Anschauen der Lernvideos etwas bringt, sind Arbeitsaufträge / Leitfragen zum Film wichtig! Es hat sich bewährt, Arbeitsblätter zu den Filmen zu erstellen.
  • Das Anschauen von Videos außerhalb des Unterrichts bietet den Schülern die Möglichkeit, die Lehrinhalte selbstbestimmt und im eigenen Tempo zu rezipieren. Das macht eine individuelle Vorbereitung auf ein Thema und / oder eine Vertiefung möglich.
  • Allerdings hat sich gezeigt, dass die SuS nicht so ohne weiteres mit den Videos allein gelassen werden können (autonome Lerner erforderlich: nicht jeder macht seine Hausaufgaben und sieht sich die Videos an). Aufgrund dieser Problematik könnte der Flipped Classroom-Ansatz gerade an Ganztagsschulen sein Potenzial entfalten, wo die Lernvideos eine Aktivität für den Nachmittag sein könnten.
  • Alle beteiligten Lehrkräfte sind sich einig, dass es nicht sinnvoll ist, pauschal in jeder Unterrichtseinheit Videos einzusetzen. Eine methodische Monokultur sollte auf jeden Fall vermieden werden.
  • Die Lehrkräfte sind für die Produktion, Auswahl und Bereitstellung der geeigneten Materialien bzw. Lernvideos verantwortlich: So muss die Qualität und Passgenauigkeit der verfügbaren Videos für den jeweiligen Verwendungskontext im Rahmen einer Unterrichtseinheit vorab durch die Lehrkraft geprüft werden. Die Prüfung ist u. U. sehr zeitaufwändig, so dass es je nach Thema, Fach und Komplexität der Inhalte ebenso sinnvoll sein kann, Videos selbst zu produzieren (ggf. auch in Abstimmung / Zusammenarbeit mit Fachkollegen).
  • Lernen durch Lehren / Peer learning: Auch die SuS können selbst Videos produzieren, in denen sie ihren Mitschülern einen Sachverhalt erklären. Sie können dadurch eigenaktiv und selbstwirksam ihre Lernprozesse gestalten.
  • Videos können in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt werden, z. B. zur Einführung in ein Thema oder etwa nach der Wissensvermittlung durch Lehrkraft zur Verfestigung / Vertiefung. Ebenso kann ein Video der Ergebnissicherung dienen: Die SuS arbeiten an einem Problem, stellen Hypothese auf und prüfen diese am Ende mit einem Video (deduktives vs. Induktives Vorgehen).
  • Lernvideos können z. B. auch beim Stationenlernen oder in Lernspiralen zum Einsatz kommen. Sie tragen damit zur Differenzierung des Unterrichts bei und ermöglichen individualisiertes Lernen.

Let’s scramble, not flip, the classroom

Bei der ersten Werkstatt wurde noch darauf hingewiesen, dass die Lernvideos möglichst nicht im Unterricht statt des Vortrags/der Erklärung des Lehrers gezeigt werden sollen, da die Filme im Flipped Classroom-Konzept als Vorbereitung für zu Hause dienen. Dieses strenge Verständnis des umgedrehten Unterrichts, bei dem Hausaufgaben und die Stoffvermittlung miteinander vertauscht werden, ließ sich im experimentellen Setting an den drei Schulen nicht durchhalten. Die oben beschriebenen unterschiedlichen Anwendungsszenarien zeigen meines Erachtens, dass das „Flipping“ in Reinform auch gar nicht unbedingt sinnvoll ist und es stattdessen auf einen Medien- und Methodenmix ankommt, der sich an den päd. Zielen der jeweiligen Unterrichtseinheit und -phase orientiert. In den USA spricht man bzw. frau (=Pamela Barnett) darum lieber vom „Scrambled Classroom“:

“While not all proponents are advocating for a simple inversion that places all lecture online and all active learning in class, this reversal is the dominant way of discussing the phenomenon. […] If we enact truly flipped or reversed classrooms, we have missed an opportunity. I think it is time to update our vocabulary, guiding the dominant conceptualization toward a more nuanced practice for the good of our students. What is good for our students is a scramble or mix of direct instruction and practice and feedback.” Pamela Barnett

Gerührt oder geschüttelt? Die Frage, ob das Klassenzimmer nun auf den Kopf gestellt oder ordentlich durcheinandergebracht werden sollte („flipped“ vs. „scrambled“ classroom), scheint damit meines Erachtens schon beantwortet.

Und wie geht’s weiter?

Wünsche der Teilnehmer für die Zukunft
Wünsche der Teilnehmer für die Zukunft

Nach den ersten drei Werkstatt-Treffen haben sich die Schulen nun dafür ausgesprochen, die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch fortzusetzen. Das Interesse, den Ansatz gemeinsam weiterzuentwickeln, ist groß. Gewünscht werden weitere Workshops (im 2-Monats-Rhythmus) sowie ein Flipped-Classroom Stammtisch. Auch der Wunsch nach Unterstützung wird wiederholt geäußert: Dabei denken die Lehrkräfte sowohl an eine Prozessbegleitung für die Schulen (z. B. durch Fachmoderatoren) als auch an eine wissenschaftliche Begleitung (zur Systematisierung der Szenarien und die Evaluation) – und natürlich auch an finanzielle Unterstützung zur Sicherstellung der technischen Voraussetzungen. Bis zur nächsten Sitzung im Mai wollen die drei Schulen aber zunächst einmal ihre Ziele / Vision im Hinblick auf den Flipped Classroom beschreiben – und dann überlegen, wie diese verwirklicht werden können.

 

Quellen und Verweise:

Flipped Classroom: Den Unterricht umdrehen? http://magazin.sofatutor.com/lehrer/2013/10/23/flipped-classroom-unterricht-umdrehen/

Umgedrehter Unterricht (Wikipedia) http://de.wikipedia.org/wiki/Umgedrehter_Unterricht

The Flipped Class Manifest http://www.thedailyriff.com/articles/the-flipped-class-manifest-823.php

Christian Spannagels Blog http://cspannagel.wordpress.com/category/flippedclassroom-2/

Flip the Classroom – Mathematik Erklärvideos http://www.fliptheclassroom.de/

Let’s Scramble, Not Flip, the Classroom http://www.insidehighered.com/views/2014/02/14/flipping-classroom-isnt-answer-lets-scramble-it-essay

Turning Education Upside Down http://opinionator.blogs.nytimes.com/2013/10/09/turning-education-upside-down/?_php=true&_type=blogs&_r=0

Dirk Weidmann: Das ICM als Chance für die individuelle Förderung von Schülern? In: ….

It’s a Video Library, Not a Revolution http://blog.coreknowledge.org/2011/11/17/its-a-video-library-not-a-revolution/

 

Die Schulen:

Evangelische Schule Berlin Zentrum http://www.ev-schule-zentrum.de/index.php?id=aktuell

Gebrüder Montgolfier Gymnasium http://www.gemont.de/

Herman-Nohl-Schule http://www.herman-nohl-schule-berlin.de/

 


Kommentare

  1. / von Christian Ebel

    Eine sehr schöne Zusammenfassung der bisherigen Aktivitäten des Berliner Netzwerks ist heute unter dem Titel „Flipped Classroom: Berlin flippt aus!“ im Sofatutor-Magazin erschienen:
    http://magazin.sofatutor.com/lehrer/2014/03/28/flipped-classroom-berlin-flippt-aus/

    Und an gleicher Stelle findet man seit kurzem auch einen Beitrag über das Gebrüder Montgolfier Gymnasium:
    http://magazin.sofatutor.com/lehrer/2014/04/08/flipped-classroom-gebruder-montgolfier-gymnasium-berichtet/

  2. / von Besserer Physikunterricht. - ...ein Halbtagsblog...

    […] war mein Professor in Ludwigsburg, mittlerweile lehrt er in Heidelberg. Bei ihm ist mir der flipped classroom zum ersten Mal begegnet: Seine Vorlesung kann soll man sich auf Youtube ansehen – in der Uni […]

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