Weiterbildung von Lehrkräften zum Thema Innere Differenzierung – Erfahrungen einer Weiterbildnerin

In der aktu­el­len Dis­kus­sion um Qua­li­tät von Schule und Unter­richt wird viel über indi­vi­du­elle För­de­rung gespro­chen. Fin­det diese inner­halb von Klas­sen oder Kur­sen im Unter­richt statt, geht es um innere Dif­fe­ren­zie­rung (http://wikis.zum.de/vielfalt-lernen/Binnendifferenzierung).
Frau L., als erfah­rene Oberstufen-Lehrende und Pra­xis­for­sche­rin bie­tet hierzu in NRW Wei­ter­bil­dun­gen an. Sie enga­giert sich mit Freude in die­sem Bereich, weil sie sieht, dass die Lehr-Lernkultur sich ver­än­dert bzw. sich ver­än­dern muss. Dabei ist es ihr Ansatz­punkt, neben der Ver­mitt­lung von Metho­den­kom­pe­tenz ins­be­son­dere an der indi­vi­du­el­len Leh­rer­pro­fes­sio­na­li­tät der Teil­neh­men­den der Wei­ter­bil­dung anzu­knüp­fen.
 
Das Kon­zept der Wei­ter­bil­dung für innere Dif­fe­ren­zie­rung
Das Wei­ter­bil­dungs­kon­zept ist modu­la­ri­siert und fle­xi­bel ange­legt, um den inter­es­sier­ten Schu­len eine je an ihren indi­vi­du­el­len Bedar­fen ange­mes­sene Wei­ter­bil­dung zur inne­ren Dif­fe­ren­zie­rung anbie­ten zu kön­nen. Dafür wird zunächst ein Fra­ge­bo­gen­in­stru­ment an die nach­fra­gende Schule aus­ge­hän­digt, das am bes­ten nicht nur von der Schul­lei­tung und Steu­er­gruppe, son­dern auch von Tei­len des Kol­le­gi­ums aus­ge­füllt wer­den sollte, um den Ist-Stand, den tat­säch­li­chen Bedarf, die Wün­sche und even­tu­ell vor­han­dene Res­sour­cen der ein­zel­nen Schule zu ermitteln.

Teilnehmende an einer Weiterbildung

Teil­neh­mende an einer Weiterbildung

Dar­auf basie­rend wer­den die jeweils pas­sen­den Module zu einer Gesamt­kon­zep­tion für eine adres­sa­ten­ge­naue Wei­ter­bil­dung ver­bun­den. In der Regel ist ein Modul zur Theo­rie inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung immer dabei. Wei­tere Inhalte und The­men sind Metho­den inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung, Leh­rer­ko­ope­ra­tion, Inno­va­ti­ons­be­reit­schaft, sowie Leh­rer­pro­fes­sion, Pro­fes­sio­na­li­tät und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung: also wel­ches Ver­ständ­nis hat eine Lehr­kraft von ihrem Beruf, wel­che Ein­stel­lun­gen und Hal­tun­gen, wel­ches Maß an Inno­va­tions– und Koope­ra­ti­on­be­reit­schaft benö­tigt sie, um das in der Wei­ter­bil­dung zur inne­ren Dif­fe­ren­zie­rung Erlernte in der eige­nen Pra­xis umset­zen, wei­ter­ent­wi­ckeln und bei­be­hal­ten zu kön­nen (Zlatkin-Troitschanskaia et al. 2009).

Zen­tral ist der rote Faden des Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bots: der Bezug zur kon­kre­ten Unter­richts­pra­xis, also das Auf­zei­gen kon­kre­ter Mög­lich­kei­ten der Umset­zung und Hand­hab­bar­keit von inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung, Nen­nung von Schwie­rig­kei­ten und Chancen.

Didaktisch-methodisch ist die Wei­ter­bil­dung abwechs­lungs­reich ange­legt und ori­en­tiert sich an den Adres­sa­ten, ihrer Akti­vie­rung und Moti­vie­rung. Pha­sen­weise kön­nen die Teil­neh­me­rIn­nen an sich selbst erfah­ren, wie innere Dif­fe­ren­zie­rung abläuft: im Modul Theo­rie, Pra­xis und Metho­den wird mit der bin­nen­dif­fe­ren­zie­ren­den Methode Sta­tio­nen­ler­nen (s. z.B. Wäcken 2010; Reich 2008) gear­bei­tet. In einer anschlie­ßen­den Refle­xi­ons­runde bekom­men die Teil­neh­men­den die Mög­lich­keit, ihren eige­nen Umgang mit erleb­ter Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung kritisch-konstruktiv zu beleuch­ten. Diese Refle­xion ermög­licht ihnen zudem, die Per­spek­tive der Schü­ler ein­neh­men zu kön­nen, wenn diese mit neuen Unter­richts­me­tho­den und damit ein­her­ge­hen­den ver­än­der­ten Anfor­de­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen kon­fron­tiert werden.

Um den Lehr­kräf­ten gegen Ende der Wei­ter­bil­dung eine erste kritisch-konstruktive sowie selbst­tä­tige Aus­ein­an­der­set­zung in Bezug auf eine Rea­li­sie­rung inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung in ihrer Schule und ihrem Unter­richt zu ermög­li­chen, ist bis­lang die Methode der Zukunfts­werk­statt (s. z.B. Reich 2008) zum Ein­satz gekom­men. Gemein­sam sol­len die Teil­neh­mer einer Schule damit in einem ers­ten Schritt aus­lo­ten, wo die Ansatz­punkte oder Schwie­rig­kei­ten der eige­nen Schule für eine Ein­füh­rung und Imple­men­ta­tion inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung lie­gen. In einem zwei­ten Schritt folgt eine Umwand­lung der Kri­tik in eine posi­tive For­mu­lie­rung, um danach gemein­sam Visio­nen oder Uto­pien zu ent­wi­ckeln. Die­ser Schritt, der abhebt von den Begren­zun­gen durch die Rea­li­tät, soll ermög­li­chen, dass Schu­len sich an Visio­nen ori­en­tie­ren, um sich letzt­lich ein höhe­res Ziel­ni­veau zu set­zen, das Ansporn und Lust zum Wei­ter­ma­chen bie­tet. Durch Ein­nahme die­ser höhe­ren Ebene soll wirk­li­cher Fort­schritt erreicht werden.

Die ein­zelne Wei­ter­bil­dung wird sum­ma­tiv eva­lu­iert und ihre Ergeb­nisse wer­den in die Ein­zel­schule zurück­ge­mel­det. Die Ergeb­nisse wer­den aber auch im Sinne einer for­ma­ti­ven Eva­lua­tion genutzt, um die Qua­li­tät des Kon­zepts der Wei­ter­bil­dung für innere Dif­fe­ren­zie­rung zu sichern und wei­ter zu ent­wi­ckeln.
  
Chan­cen und Gren­zen der zum Ein­satz kom­men­den Wei­ter­bil­dungs­kon­zep­tion an Regel­schu­len
Auf­grund ten­den­zi­ell nicht aus­rei­chen­der, ins­be­son­dere zeit­li­cher, aber auch finan­zi­el­ler Res­sour­cen inner­halb der Ein­zel­schu­len fin­det das Wei­ter­bil­dungs­kon­zept bis­lang in der Regel als ein­tä­gige Ver­an­stal­tung statt. Dies ist aus Sicht von Frau L. inso­fern nicht unpro­ble­ma­tisch, da es sich so nicht genü­gend pro­duk­tiv aus­wir­ken kann. Die Erfah­run­gen in ihrer eige­nen Schule und in wei­ter­ge­bil­de­ten Regel­schu­len haben bis­lang gezeigt, dass eine Wei­ter­bil­dung für den not­wen­di­gen Wan­del der Lehr-Lernkultur und hier spe­zi­ell zur inne­ren Dif­fe­ren­zie­rung viel Zeit und Kon­ti­nui­tät benö­tigt. Es han­delt sich folg­lich um einen zu insti­tu­tio­na­li­sie­ren­den Lern– und Ent­wick­lungs­pro­zess, der min­des­tens zwei bis drei Jahre in Anspruch nimmt und durch pro­fes­sio­nelle Bera­tung beglei­tet wer­den sollte. Ansons­ten besteht die Gefahr, dass die Wei­ter­bil­dung auf der Ebene eines ers­ten Impul­ses ver­bleibt und die Chance für Ver­an­ke­rung im Schul­all­tag und Nach­hal­tig­keit zu gering ist.

Frau L. schil­dert auch, dass der Wei­ter­bil­dungs­pro­zess zur inne­ren Dif­fe­ren­zie­rung klein­schrit­tig ange­gan­gen wer­den sollte: meh­rere Tage und Teamer­tage, um das Kol­le­gium dort abzu­ho­hen, wo es steht und Wider­stände trans­pa­rent zu machen, ernst zu neh­men und zu über­win­den. Kol­le­gia­li­tät und Koope­ra­tion als Schlüs­sel­fak­to­ren in der Unter­richts­ent­wick­lung müs­sen von den Teil­neh­me­rIn­nen erkannt und das häu­fig noch exis­tie­rende „Ein­zel­kämp­fer­tum“ über­wun­den werden.

Ein wich­ti­ger Gelin­gens­fak­tor für innere Dif­fe­ren­zie­rung sei auch die Über­win­dung des 45-Minuten-Takts des Unter­richts. Dies ist ein Moment, das die Ein­zel­schule im Rah­men ihrer Teil­au­to­no­mie selbst gestal­ten kann und auch nut­zen sollte.

Erfah­run­gen zum Umgang von Lehr­kräf­ten mit der Wei­ter­bil­dung
Frau L. hat in ihren Wei­ter­bil­dun­gen wahr­neh­men kön­nen, dass die Leh­re­rin­nen und Leh­rer einer­seits und vor allem zu Beginn des Tages­pro­gramms sehr wiss­be­gie­rig sind, Neues zum Thema innere Dif­fe­ren­zie­rung ken­nen zu ler­nen, ande­rer­seits und im Ver­laufe des Tages zum Teil zuneh­mend einen inne­ren Wider­stand ent­wi­ckeln. Die­ser grün­det auf Vor­be­hal­ten und Befürch­tun­gen, dass mit Ein­füh­rung von inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung in ihren Unter­richts­all­tag ihre Arbeits­be­las­tung noch wei­ter stei­gen könnte, aber auch aus „Ohn­machts­ge­füh­len“ ange­sichts der wenig kon­struk­ti­ven Rah­men­be­din­gun­gen, die den indi­vi­du­el­len Schul­all­tag nega­tiv beeinflussen.

Die Refle­xion des indi­vi­du­el­len Ler­nens und eige­nen Ver­hal­tens der Teil­neh­me­rIn­nen im Sta­tio­nen­ler­nen lässt zudem die Lehr­kräfte erken­nen, wo ihre eige­nen Gren­zen lie­gen. Bei man­chen von ihnen kann dies zu „inne­ren Ver­let­zun­gen“ füh­ren, so dass wie­derum innere Hür­den auf­ge­baut werden.

Spä­tes­tens an die­ser Stelle wird laut Frau L. deut­lich, wie wich­tig für die Lehr­kräfte eine kon­struk­tive Selbst­re­fle­xion in Bezug ihre eige­nen Kom­pe­ten­zen und erfor­der­li­che Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ist. Fer­ner ist zen­tral her­aus­zu­stel­len und zu ver­deut­li­chen, dass die Unter­richts­ent­wick­lung im Sinne inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung a) sehr viel Zeit und z.T. andere Räum­lich­kei­ten erfor­dert, die insti­tu­tio­nell zur Ver­fü­gung gestellt wer­den müs­sen und b) dass kol­le­giale Koope­ra­tion z.B. in Form von gegen­sei­ti­gen Hos­pi­ta­tio­nen, kol­le­gia­ler Bera­tung und Feed­back sowie Team­ar­beit für erste Erpro­bun­gen von bin­nen­dif­fe­ren­zie­ren­den Ler­nar­ran­ge­ments und Metho­den eine Ent­las­tung auch auf Dauer für den Ein­zel­nen dar­stellt und von der zu Beginn des Pro­zes­ses eige­nen Mehr­ar­beit entlastet.

In der Zukunfts­werk­statt haben die Lehr­kräfte inter­es­sante Ideen und Visio­nen ent­wi­ckelt. Die bis­lang häu­fig eher unzu­rei­chen­den Rah­men­be­din­gun­gen und insti­tu­tio­nel­len Res­sour­cen der Ein­zel­schule erschwe­ren aber durch­aus sowohl die Ori­en­tie­rung daran, als auch eine kon­ti­nu­ier­li­che Ver­fol­gung der dort gesteck­ten Ziele.
 
Ein­füh­rung und Imple­men­ta­tion von inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung braucht mehr als kom­pe­tente Lehr­kräfte
Frau L. kommt zu dem Schluss, dass einer­seits das Inter­esse und die Bereit­schaft der Lehr­kräfte, ihren Unter­richt im Sinne inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung wei­ter zu ent­wi­ckeln durch­aus vor­han­den sind. Dass es ande­rer­seits aber unbe­dingt erfor­der­lich ist, den Ein­zel­schu­len die dafür erfor­der­li­chen Res­sour­cen durch Län­der– und Lokal– und Trä­ge­re­bene zur Ver­fü­gung zu stel­len. Eine ein­sei­tige Ver­ant­wor­tung für den erfor­der­li­chen Wan­del der Lehr-Lernkultur zu Las­ten der Lehr­kräfte kon­ter­ka­riert schon im Ansatz einen erfolg­rei­chen Verlauf.

Sie bil­det auch wei­ter­hin gerne und moti­viert ihre Kol­le­gIn­nen aus, macht aber auch deut­lich, dass Erfolg und Nach­hal­tig­keit für Ein­füh­rung und Ver­an­ke­rung von inne­rer Dif­fe­ren­zie­rung im Unter­richt von zu ver­än­dern­den Fak­to­ren in der Bil­dungs­po­li­tik abhängen.

Rieke Ber­nard

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Bildung und Erziehung in gemeinsamer Verantwortung: Wie Eltern und Lehrkräfte zusammenarbeiten könn(t)en

Schul­ge­setze wie das von Nordrhein-Westfalen for­mu­lie­ren einen rich­ti­gen Anspruch: „Die Schule unter­rich­tet und erzieht junge Men­schen. Schule und Eltern wir­ken bei der Ver­wirk­li­chung der Bil­dungs– und Erzie­hungs­ziele part­ner­schaft­lich zusam­men.“ Die Reform­päd­ago­gen tre­ten seit jeher für die von­ein­an­der untrenn­bare Bil­dung und Erzie­hung des gesam­ten Men­schen ein. Im Eng­li­schen umfasst der Begriff „edu­ca­tion“ Bil­dung und Erzie­hung glei­cher­ma­ßen. In Deutsch­land hin­ge­gen tren­nen wir meist bei­des von­ein­an­der – nicht nur begriff­lich. Denn Eltern und Leh­rer über­neh­men zu sel­ten gemein­sam Ver­ant­wor­tung für das Kind. Statt­des­sen prä­gen eher Vor­würfe und uner­füllte gegen­sei­tige Erwar­tun­gen das Eltern-Lehrer-Verhältnis.

Was hier­zu­lande zwi­schen Eltern und Leh­rern statt­fin­det, hat lei­der häu­fig weni­ger mit gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung und Erzie­hungs­part­ner­schaft zu tun, als mit einem Schwarzer-Peter-Spiel, das der ehe­ma­lige Lei­ter des Inter­nats Schloss Salem, Bern­hard Bueb, so beschreibt: „Die Kon­tro­verse geht um die Frage, wer eigent­lich die Kin­der erzieht, die Leh­rer oder die Eltern. Die Leh­rer sehen immer mehr erzie­he­ri­sche Auf­ga­ben auf sie zukom­men, für die sie nicht aus­ge­bil­det sind und für die sie nicht bezahlt wer­den. Die Eltern ande­rer­seits sehen sich immer mehr als Leh­rer, die bei der Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung das nach­ho­len, was die Leh­rer im Unter­richt versäumen.“

Gute Bil­dung und Erzie­hung gelin­gen aber erst dann, wenn beide Sei­ten gemein­sam Ver­ant­wor­tung für die Kin­der tra­gen. Ver­bind­lich­keit und klare Regeln sind hier­für Vor­aus­set­zung. Eltern kön­nen zwar ihre Kin­der in der Schule abge­ben, nicht aber die Ver­ant­wor­tung für sie; denn die Schu­len sor­gen nicht statt der Eltern, son­dern mit ihnen für die Kin­der. Auch wenn sich die Lebens­welt der Kin­der heute mehr und mehr in die Kitas und Ganz­tags­schu­len ver­la­gert: Die elter­li­chen Pflich­ten schwin­den dadurch nicht.

Wie ein part­ner­schaft­li­ches Mit­ein­an­der kon­kret aus­se­hen kann, zeigt das Bei­spiel eines „Erzie­hungs­ver­tra­ges“, den Eltern und Klas­sen­leh­rer an der Grund­schule Kleine Kiel­straße in Dort­mund abschlie­ßen: Die Eltern sichern darin unter ande­rem zu, das Kind mor­gens pünkt­lich zur Schule zu schi­cken und zuhause einen Platz zu schaf­fen, an dem es in Ruhe seine Haus­auf­ga­ben machen kann – Dinge, die eigent­lich selbst­ver­ständ­lich sein soll­ten, es aber längst nicht mehr sind. Der „Ver­trag“ regelt auch, auf wel­che Weise Eltern am schu­li­schen Leben mit­wir­ken kön­nen. Eltern wer­den an der Klei­nen Kiel­straße ein­ge­la­den, sich ein Bild davon zu machen, was in der Schule geschieht, und die schu­li­sche Arbeit aktiv mit­zu­ge­stal­ten: egal ob als Lese­mut­ter, als Bas­tel­va­ter oder bei der Pau­sen­ver­pfle­gung. An der Klei­nen Kiel­straße gibt es zudem Foren wie das „Eltern­ca­fé“ oder Bera­tungs– und Unter­stüt­zungs­an­ge­bote, die Eltern hel­fen, den Kon­takt zur Schule auf­zu­bauen und Hemm­schwel­len zu über­win­den.  So ver­wan­delt sich all­mäh­lich die Per­spek­tive vie­ler Eltern: von „Ich und mein Kind“ zu „Wir und unsere Schule“. Oder anders aus­ge­drückt: Auf diese Weise lässt sich gut dem laten­ten Gefühl der Leh­rer begeg­nen, Eltern seien nicht Part­ner der Schule, son­dern ego­zen­tri­sche Lob­by­is­ten ihrer Kinder.

Doch nicht nur die Eltern müs­sen ihren Bei­trag leis­ten. Genauso müs­sen Schu­len und Leh­rer akzep­tie­ren, dass auch Erzie­hung zu ihren Auf­ga­ben gehört. So sind Lehr­kräfte zwar meist sehr an der Mit­ar­beit der Eltern in der Schule inter­es­siert, aber die vom Gesetz gefor­derte Koope­ra­tion von Leh­rern und Eltern erstreckt sich bis­lang eher sel­ten auch auf die Erzie­hungs­pro­bleme in der Fami­lie. Damit stellt sich die Frage, wie weit die ange­strebte Bil­dungs– und Erzie­hungs­part­ner­schaft denn gehen kann und darf – und wel­che Vor­aus­set­zun­gen dafür z.B. im Rah­men der Leh­rer­bil­dung (Stu­dium, Refe­ren­da­riat und Wei­ter­bil­dung) geschaf­fen wer­den kön­nen. Was glau­ben Sie?

Zum Wei­ter­le­sen: Jörg Drä­ger: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise — Mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen 2011, S. 139ff

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Von den Anderen lernen“ — wie die Grundschule Amshausen sich auf den Weg gemacht hat

 

Unterricht an der Grundschule Amshausen

Unter­richt an der Grund­schule Amshausen

Mit gutem Bei­spiel voran gehen, das ist dem Team der Grund­schule Ams­hau­sen im Kreis Güters­loh heute — nach acht Jah­ren Enga­ge­ment und tie­fer Über­zeu­gung für ein nach­hal­ti­ges Leh­ren und Ler­nen — ein Leich­tes. Dabei haben sich die Kol­le­gin­nen zu Beginn ihrer Umge­stal­tung selbst an guten Bei­spie­len ori­en­tiert. „Unser Selbst­ver­ständ­nis ist das einer ler­nen­den Insti­tu­tion“, so bezeich­net Annette Hell­mann, die Schul­lei­te­rin, ganz pla­ka­tiv die Ein­stel­lung des Kol­le­gi­ums. Hin­ter die­ser Ein­stel­lung ste­cken viele Erfah­run­gen und ein beein­dru­cken­des Engagement…

Es ist Frei­tag, der 9. Dezem­ber, 7.40 Uhr, als ich das Schul­ge­bäude der Grund­schule Ams­hau­sen betrete. Ich werde begrüßt mit einem herz­li­chen „Hallo“ von Frau Hell­man, die Besu­che die­ser Art gewohnt ist. „Wir sind ein offe­nes Haus, jeder ist will­kom­men, jeder ist ein­ge­la­den, Ein­blick in unsere Arbeit zu erhal­ten.“ Das zeugt mei­ner Ansicht nach von gro­ßer Authen­ti­zi­tät, denn nur wer nach innen trägt, was er nach außen prä­sen­tiert, kann eine sol­che Aus­sage mit Bestimmt­heit tref­fen. Ich habe die Erfah­rung gemacht, dass dies gerade im Leh­rer­be­ruf nicht immer selbst­ver­ständ­lich ist; so kann auch ich sagen, dass Schul– und Unter­richts­be­su­che durch­aus schon bei mir bewirkt haben, ein „beson­de­res Pro­gramm“ zu fah­ren. Nichts der­glei­chen spüre ich jedoch hier. Nach einer kur­zen Ein­wei­sung, wie der Tag für mich ablau­fen wird,  finde ich mich im Raum der jahr­gangs­über­grei­fen­den Ein­gangs­klasse, in dem „i-Männchen“ und Zweit­kläss­ler jahr­gangs­ge­mischt unter­rich­tet wer­den. „Rou­ti­niert“ denke ich und meine damit sowohl den  Emp­fang, als auch die Begrü­ßung durch die Klas­sen­leh­re­rin und das bereits emsige, aber struk­tu­rierte Trei­ben im Klas­sen­raum. Viele Kin­der haben sich bereits sor­tiert und fin­den sich nach und nach auf dem „run­den Tep­pich“ ein. Wie ich spä­ter erfahre ist die­ses sim­ple Uten­sil ein wich­ti­ges Struk­tu­rie­rungs­mit­tel und in allen Räu­men zu finden.

Dann geht’s wie von selbst los.

Die Kin­der gestal­ten den Mor­gen­kreis, mode­rie­ren, berich­ten und prä­sen­tie­ren. Leh­rer­an­lei­tung oder gar Leh­rer­zen­trie­rung sind hier offen­sicht­lich Fremd­worte. Wel­che Rolle hat also die Leh­re­rin? Wenn man nicht wüsste, dass es bis zu so einem ritua­li­sier­ten und eigen­ver­ant­wort­lich initi­ier­ten Ablauf auch einige Zeit der Hin­füh­rung bedarf, dann würde man sagen, die Leh­re­rin spiele keine große Rolle. Auch in der nach­fol­gen­den Unter­richts­phase macht sich die Leh­re­rin im posi­ti­ven Sinne weit­ge­hend über­flüs­sig, indem Sie die Kin­der durch die detail­liert vor­be­rei­tete Lern­um­ge­bung eigen­stän­dig arbei­ten lässt und als Bera­te­rin indi­vi­du­ell hilft. Dies erfor­dert viel Ver­trauen in die indi­vi­du­el­len Kom­pe­ten­zen der Kin­der, die sich laut Aus­sage auf bis zu 10 ver­schie­de­nen Leis­tungs­ni­veaus befin­den (beson­dere För­der­be­darfe und beson­dere Bega­bun­gen ein­ge­schlos­sen). Mir fällt auf, dass diese Lern­um­ge­bung intel­li­gent, lie­be­voll und trans­pa­rent gestal­tet ist:

  • Der runde Tep­pich: Er defi­niert das Raum­zen­trum, er hilft, sich unkom­pli­ziert und ohne Stühle zu rücken im Kreis zusammenzufinden.
  • Die Sofa­ecke: Die Sofa­ecke schafft neben einer „hei­me­li­gen Atmo­sphäre“ eine bequeme Rück­zugs­mög­lich­keit zum Lesen oder Besprechen.
  • Die Mate­rial­ord­nung: In den Rega­len und Schrän­ken im hin­te­ren Teil des Klas­sen­raums sind in farb­li­cher und the­ma­ti­scher Struk­tur alle didak­ti­schen Mate­ria­lien für alle Lern­ni­veaus greif­bar. Zusätz­lich fin­den sich über­all an den Wän­den in durch­dach­ter Struk­tur (Wie­der­er­ken­nung durch Far­ben und Sym­bole) Über­sich­ten und Hilfs­mit­tel für die Kin­der. Außer­dem gibt es ein­fa­che aber wir­kungs­volle Hel­fer, wie z.B. die Ohr­schüt­zer, die für kon­zen­trier­tes Arbei­ten in den Frei­ar­beits­pha­sen, in denen es schon mal geräusch­vol­ler zuge­hen kann, zur Ver­fü­gung stehen.   
  • Die Com­pu­te­r­ecke: Drei Com­pu­ter ste­hen bereit, die mit dif­fe­ren­zie­ren­den Lern­pro­gram­men (wie z.B. Anto­lin) aus­ge­stat­tet sind.

Diese Lern­um­ge­bung bie­tet den äuße­ren Rah­men für den gelin­gen­den Lern­pro­zess. Der innere Rah­men wird mit gro­ßem Bewusst­sein für die Indi­vi­dua­li­tät der Kin­der und Über­zeu­gung für den beschrit­te­nen Weg von den Leh­re­rin­nen definiert. 

Raumkonzept

Raum­kon­zept

Wie haben uns gemein­sam für unse­ren Weg entschieden“

Mit die­sen Wor­ten ver­deut­licht mir Frau Hell­mann den zen­tra­len Schlüs­sel, der zur Umkeh­rung der tra­di­tio­nel­len Lehr– und Schul­kul­tur geführt hat. Sie führt wei­ter aus, dass es vor acht Jah­ren, nach gro­ßen Anstren­gun­gen und weni­ger gro­ßen Erfol­gen im „alten Sys­tem“ den Punkt gab, da es offen­sicht­lich wurde, neue Wege in Rich­tung einer neuen, indi­vi­dua­li­sie­ren­den Lern­kul­tur zu beschrei­ten. Also hat sie sich mit ihrem Team deutsch­land­weit Best-Practice-Schulen ange­schaut mit dem Ziel, von die­sen Vor­bil­dern zu ler­nen. Neben den vie­len guten Ideen und einem engen Netz an Kom­pe­tenz­part­nern haben die Kol­le­gin­nen hier­bei jedoch etwas ebenso Wich­ti­ges gewon­nen: eine starke Team­kul­tur, die vom Mit­ein­an­der lebt:

  • Mit­ein­an­der eine Ent­schei­dung über die päd­ago­gi­sche Lehr-Lernkultur treffen,
  • Mit­ein­an­der nach Best-Practice-Ideen suchen,    
  • Mit­ein­an­der die Schu­l­um­welt (um)gestalten,
  • Mit­ein­an­der Unter­richts­ma­te­ria­lien ent­wi­ckeln und
  • Mit­ein­an­der die Kin­dern indi­vi­du­ell fördern.

Die­ses Mit­ein­an­der zahlt sich aus, nicht nur für die Kin­der, die bes­ser geför­dert wer­den kön­nen und nach­weis­lich zu bes­se­ren Ergeb­nis­sen (kein Sit­zen­blei­ben mehr, die „Feh­ler­quote“ der Schul­emp­feh­lun­gen ist fast gleich Null) kom­men. Auch das Wohl­be­fin­den der Leh­re­rin­nen ist durch das gegen­sei­tige Unter­stüt­zen und von den unter­schied­li­chen Kom­pe­ten­zen pro­fi­tie­ren deut­lich gestie­gen. Das Mit­ein­an­der geht jedoch noch wei­ter und hat zur Folge, dass nicht nur intern eine bes­sere Koope­ra­tion herrscht, son­dern auch Koope­ra­tio­nen mit unter­schied­lichs­ten exter­nen Part­nern (Eltern, Gemein­de­bi­blio­thek, Forst­be­trieb, AWO, Hei­mat­ver­ein, Sport­ver­ein, …) vor­an­ge­trie­ben wer­den. Auch hierin spie­gelt sich der Ansatz wie­der, von den Kom­pe­ten­zen der ande­ren zu ler­nen und zu profitieren.

Offen­heit  — Wert­schät­zung — Vertrauen

Schülerinnen an der Grundschule Amshausen

Schü­le­rin­nen an der Grund­schule Amshausen

Diese drei Schlag­worte blei­ben mir ins­be­son­dere hän­gen. Dabei spie­geln sie sich in allen Berei­chen und auf allen Ebe­nen der Grund­schule Ams­hau­sen wieder:

Es ist ein offe­nes Haus, dass offen ist für alle Kin­der, für alle Eltern, externe Part­ner­schaf­ten und Inter­es­sierte. Dar­über hin­aus aber auch — und das ist grund­le­gend — Offen­heit für neue Wege.

Die Poten­tiale aller Betei­lig­ten wer­den nicht nur (an)erkannt, son­dern auch als wert­voll gewür­digt. Das schafft Sicher­heit und motiviert.  

Unab­hän­gig von jeg­li­chen Schwä­chen oder Defi­zi­ten dem indi­vi­du­el­len Ver­mö­gen zu ver­trauen führt dazu, dass die Stär­ken in den Fokus rücken.

Durch diese Brille blickt es sich leichter…und Erfolge wer­den sichtbar.  

Katha­rina Korves

** Hier geht es zum Schul­por­trait der Grund­schule Ams­hau­sen im Viel­falt Ler­nen Wiki **

** Hier geht es zur Web­seite der Grund­schule Amshausen**

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Bildungsgerechtigkeit – Viel gefordert, ungenügend geklärt und gesichert

In jeder Munde
Bil­dungs­ge­rech­tig­keit wird spä­tes­tens seit PISA und Co. (wie­der) ver­stärkt dis­ku­tiert. Bei­spiel Inter­net: Gibt man bei google die Stich­wör­ter „Bil­dungs­ge­rech­tig­keit“ und „Deutsch­land“ ein, erhält man um die 93.800 Ergeb­nisse. Engt man die Suche zusätz­lich auf „recht­li­che Grund­la­gen“ ein, ver­rin­gert sich die Tref­fer­quote aller­dings auf 7.220 Ein­träge. Die Ein­träge stam­men von ver­schie­dens­ten Auto­ren, Grup­pen, Ver­ei­ni­gun­gen, Ver­bän­den, Wis­sen­schaft­lern, Par­teien etc. – und alle haben ihre je eigene Perspektive.

Anspruch auf Bil­dung
Im Grund­ge­setz ver­an­kert sind:

  • das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit (GG, Art. 2 Abs.1)
  • das Recht der freien Wahl der Aus­bil­dungs­stätte (GG Art. 12 Abs. 1 Satz 1)
  • der all­ge­meine Gleich­heits­satz (GG Art. 2 Abs. 1)
  • das Sozi­al­staats­ge­bot

Aus die­sen zusam­men lässt sich kein „Recht“ auf Bil­dung ablei­ten, son­dern ledig­lich ein Anspruch auf glei­che Teil­habe an den vor­han­de­nen öffent­li­chen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen.

Vor­herr­schaft von an Leis­tung und Noten gebun­de­nen sowie wirt­schaft­li­chen Ver­ständ­nis­sen von „Recht“ auf Bil­dung und „Bildungsgerechtigkeit“[1] in Poli­tik und Öffentlichkeit

  • leis­tungs­ge­rechte Ver­tei­lung von Bil­dungs­mög­lich­kei­ten – Bund und Län­der sehen sich ver­ant­wort­lich für die Bereit­stel­lung von Bil­dungs­an­ge­bo­ten. Der Bil­dungs­teil­neh­mer habe die Ver­pflich­tung diese ver­ant­wor­tungs­voll (und ohne Bil­dungs­miss­brauch) zu nutzen.[2]
  • Mit dem Aus­ru­fen der „Bil­dungs­re­pu­blik“ geht die Bun­des­re­gie­rung „Neue Wege zur Bil­dungs­ge­rech­tig­keit“ (http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/bildungsrepublik/DE/Startseite/startseite.html).

Auf den Sei­ten des BMBF (http://www.bmbf.de/de/15775.php) fin­den sich Stel­lung­nah­men, die Bil­dungs­ge­rech­tig­keit fol­gen­der­ma­ßen fassen:

=> Auf­gabe der Poli­tik sei die Bereit­stel­lung und Schaf­fung neuer Bil­dungs­an­ge­bote. Sie offe­riere Bil­dungs­chan­cen und För­de­rung für Risi­ko­grup­pen (Schü­ler mit in Leis­tungs­ver­gleich­stu­dien ermit­tel­ten Kom­pe­tenz­de­fi­zi­ten).
=> Die Auf­gabe des Bil­dungs­teil­neh­mers sei dann, diese Chan­cen zu nut­zen, um a) in Selbst­be­stim­mung den je indi­vi­du­el­len Lebens­weg gehen zu kön­nen, und b) den Wohl­stand unse­rer Gesell­schaft zu sichern.

  • Der Wett­be­werb „Ideen für die Bil­dungs­re­pu­blik“ mit dem „Ziel der „Bil­dungs­idee“ soll mehr Bil­dung für alle Kin­der und Jugend­li­chen sowie den Ein­satz für Bil­dungs­ge­rech­tig­keit vor Ort bewir­ken www.bmbf.de/de/15989.php.

Zur Pro­ble­ma­tik der Leis­tungs– und Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit
Vor­ran­gig wird damit Bil­dungs­ge­rech­tig­keit als Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit (dis­tri­bu­ti­ver Ansatz) ver­stan­den und auf Bega­bungs– bzw. Leis­tungs­ge­rech­tig­keit redu­ziert. Unbe­rück­sich­tigt blei­ben dabei Teil­habe– und Anerkennungsgerechtigkeit.[3]

  1. Eine gerechte Ver­tei­lung von Bil­dungs­an­ge­bo­ten kann auf­grund gesi­cher­ter wis­sen­schaft­li­cher For­schungs­be­funde von sys­te­ma­ti­scher, insti­tu­tio­nel­ler Benach­tei­li­gun­gen – also Bil­dungs­un­ge­rech­tig­kei­ten – gegen­über bestimm­ten Grup­pen im deut­schen Bil­dungs­sys­tem ver­neint werden.[4]
  2. Die Risi­ko­grup­pen wer­den nicht hin­rei­chend und ent­spre­chend ihrer Aus­gangs­lage durch das Bil­dungs­sys­tem befä­higt, um in der Lage zu sein, sich an (wei­ter­füh­ren­den) Bil­dungs­an­ge­bo­ten erfolg­reich betei­li­gen zu können.
  3. Die Viel­falt (Hete­ro­ge­ni­tät) der Bil­dungs­teil­neh­mer (z.B. sozial, eth­nisch, leis­tungs– und bega­bungs­be­zo­gen usw.) wird nicht als Berei­che­rung aner­kannt und wertgeschätzt.
  4. Mit dem Wett­be­werb „Ideen für die Bil­dungs­re­pu­blik“ rückt die Poli­tik die Ver­ant­wor­tung päd­ago­gi­scher und gesell­schaft­li­cher Akteure in den Vordergrund.

Wie kann „Gerech­tig­keit“ in Bezug auf Bil­dung geschaf­fen wer­den?
Die Ermög­li­chung von (zuneh­men­der) Bil­dungs­ge­rech­tig­keit kann m.E. nur auf der Grund­lage ver­än­der­ter Per­spek­ti­ven auf Bil­dungs­ge­rech­tig­keit und einer Aner­ken­nung und För­de­rung von Viel­falt erreicht werden.

Die öffent­li­che Debatte wird seit eini­ger Zeit um die sozi­al­ethi­sche Per­spek­tive auf Bil­dungs­ge­rech­tig­keit berei­chert (z.B. Denk-doch-mal.de. Netz­werk Gesell­schafts­ethik e.V. : A. B. Kunze (2008): Bil­dungs­ge­rech­tig­keit http://www.denk-doch-mal.de/node/207).[5]

Bil­dung ist aus die­ser Sicht zunächst ein eigen­stän­di­ges Men­schen­recht.

Kunze schreibt:

Das Recht auf Bil­dung nimmt den Staat in die Pflicht, für eine hin­rei­chende Betei­li­gung an Bil­dung zu sor­gen und dem Ein­zel­nen ein hin­rei­chen­des Maß an Betei­li­gung durch Bil­dung zu sichern, es geht also um die Teil­habe an Bil­dung und die Aus­bil­dung poli­ti­scher, wirt­schaft­li­cher, sozia­ler, recht­li­cher und kul­tu­rel­ler Bei­trags­fä­hig­keit durch Bil­dung. Letz­te­res Moment ist eine wich­tige (wenn auch kei­nes­wegs die ein­zige) Vor­aus­set­zung dafür, dass der Ein­zelne sich als wert­ge­schätzt und eben­bür­tig aner­kannt erfah­ren kann […].“

Vom Aus­gangs­punkt der Sozi­al­ethik könnte ein gesamt­ge­sell­schaft­lich gemein­sam getra­ge­ner Kon­sens über Gerech­tig­keit in Bezug auf Bil­dung und eine Fest­schrei­bung der jewei­li­gen Ver­pflich­tun­gen und Ver­ant­wort­lich­kei­ten für eine gerech­tere Bil­dung und Bil­dungs­be­tei­li­gung auf allen Sei­ten erreicht werden.

Gleich­ran­gige, aber unter­schied­li­che Auf­ga­ben und Ver­ant­wort­lich­kei­ten
Sozi­al­ethisch kom­men allen Akteu­ren bzw. Betei­lig­ten im Bil­dungs­sys­tem gleich­ran­gige Ver­ant­wort­lich­kei­ten für die Ermög­li­chung einer gerech­te­ren Bil­dungs­be­tei­li­gung zu. Deut­lich unter­schie­den wer­den muss dabei aber zwi­schen unter­schied­lich umfang­rei­chen und inhalt­lich dif­fe­rent aus­zu­ge­stal­ten­den Ver­pflich­tun­gen und Auf­ga­ben. Kunze (2008) nennt diesbezüglich:

  • Staat und (Bildungs)Politik müs­sen ein posi­ti­ves Men­schen­recht auf Bil­dung im Grund­ge­setz ver­an­kern (Absi­che­rung von Bil­dung durch juri­di­sche Rechte).
  • Obers­tes, hand­lungs­lei­ten­des Ziel ist die Sub­jekt­bil­dung und nicht das Ziel gesell­schaft­li­cher Veränderungserfordernisse.
  • Der Staat und Bil­dungs­po­li­tik müs­sen für eine hin­rei­chende Betei­li­gung an Bil­dung sor­gen und dem Ein­zel­nen ein hin­rei­chen­des Maß an Betei­li­gung durch Bil­dung sichern (Teil­habe und Bei­trags­fä­hig­keit ermöglichen).
  • Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen haben die päd­ago­gi­sche Ver­ant­wor­tung und Ver­pflich­tung, es jedem Ein­zel­nen zu ermög­li­chen, sein indi­vi­du­el­les Lern– und Leis­tungs­po­ten­zial maxi­mal zu ent­fal­ten und aus­zu­schöp­fen (indi­vi­du­elle Förderung).
  • Schule und Lehr­kräfte müs­sen mit ihrer Didak­tik Wer­te­er­zie­hung und Sinn­kom­mu­ni­ka­tion rea­li­sie­ren, um Men­schen­rechts­bil­dung zu ermöglichen.
  • Der ein­zelne Bil­dungs­teil­neh­mer hat „ […] die indi­vi­du­elle Ver­ant­wort­lich­keit für den eige­nen Bil­dungs­pro­zess und die Moti­va­tion, einen mög­lichst hohen Dif­fe­ren­zie­rungs­grad im eige­nen Wol­len, Erken­nen und Tun zu erstreben […].“
  • Alle betei­lig­ten Akteure müs­sen mit­ein­an­der den päd­ago­gi­schen Bil­dungs­pro­zess als einen sozia­len Aus­hand­lungs­pro­zess gestal­ten (Betei­li­gung in Bil­dung: Siche­rung der Frei­heit zum Ler­nen und der Frei­heit des Lehrens).

Es ist an der Zeit das bis­lang vor­herr­schende und nor­ma­tive Leit­bild von Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit als unzeit­ge­mäß und ethisch nicht ver­tret­bar zu erken­nen und zuguns­ten eines sozi­al­ethi­schen Leit­bil­des von Bil­dungs­be­tei­li­gungs­ge­rech­tig­keit fal­len zu lassen.

Rieke Ber­nard

[1] Aus­führ­lich dazu s. z.B. Dör­ping­haus, Poe­n­i­tsch & Wig­ger (2009): Ein­füh­rung in die Theo­rie der Bil­dung. Darm­stadt, 3. Auflage.

[2] Akti­ons­rat Bil­dung: Bil­dungs­ge­rech­tig­keit. Jah­res­gut­ach­ten 2007. Wies­ba­den. / PISA-Studie

[3] vgl. Sto­ja­nov, K. (2011): Bil­dungs­ge­rech­tig­keit. Rekon­struk­tio­nen eines umkämpf­ten Begriffs. Wiesbaden.

[4] s. z.B.: Die­fen­bach, H. (2010): Kin­der und Jugend­li­che aus Migran­ten­fa­mi­lien im deut­schen Bil­dungs­sys­tem. Erklä­run­gen und Befunde. Wies­ba­den. 3. Auf­lage. / Schü­mer, Gun­del (2004): Zur dop­pel­ten Benach­tei­li­gung von Schü­lern aus unter­pri­vi­le­gier­ten Gesell­schafts­schich­ten im deut­schen Schul­we­sen. In: Die Insti­tu­tion Schule und die Lebens­welt der Schü­ler. Ver­tie­fende Ana­ly­sen der PISA-2000 Daten zum Kon­text von Schü­ler­leis­tun­gen. Wies­ba­den. S. 73–114

[5] z.B. Heimbach-Steins, M./Kruip, G. & Kunze, A. B. (Hrsg.) (2007): Das Men­schen­recht auf Bil­dung und seine Umset­zung in Deutsch­land. Dia­gno­sen – Refle­xio­nen – Per­spek­ti­ven. Bie­le­feld. / Krapp­mann, Lob-Hüdepohl, Boh­meyer, Kurzke-Massmeier (Hrsg.) (200): Bil­dung für junge Flücht­linge – ein Men­schen­recht. Erfah­run­gen, Grund­la­gen und Per­spek­ti­ven: Bie­le­feld. / Neu­mann, U. & Kara­ka­so­glu, Y. (2011): Anfor­de­run­gen an die Schule in der Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft: Inte­gra­tion durch Bil­dung, Schaf­fung von Bil­dungs­ge­rech­tig­keit und inter­kul­tu­relle Öff­nung. In: Neu­mann, U. & Schnei­der, J. (2011): Schule mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Müns­ter, New York, Mün­chen, Ber­lin. S. 47–59.

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