Wie wird man EduCamper und was soll das Ganze überhaupt? Ein Erfahrungsbericht.

Edu­Camp Bie­le­feld — 18.-20.11.2011

Die EduCamp-Kultur, eine Son­der­form der Bar­Camps oder soge­nann­ten „Mitmach-Konferenzen“, bei denen die Teil­neh­mer aktiv par­ti­zi­pie­ren und mit­ge­stal­ten, ging vom 18.-20. Novem­ber in Bie­le­feld in die nächste Runde. Ich, ein unbe­darf­ter Neu­ling, war mit­ten­drin. Sozu­sa­gen keine Ahnung und vol­ler Span­nung, ob ich EduCamp-tauglich bin und was sich dahin­ter ver­birgt. Die­ses sind meine Ein­drü­cke und Erfahrungen…

Ich traf an die­sem Wochen­ende auf eine hete­ro­gene Gesell­schaft, die daran inter­es­siert war und ist, sich in soge­nann­ten Ses­si­ons (man könnte auch sagen freien Dis­kus­si­ons­run­den) inno­va­tiv bis elek­tro­nisch über Bil­dungs­the­men unter­schied­li­cher Insti­tu­tio­nen (Schule, Uni etc.) aus­zu­tau­schen und Ideen zu ent­wi­ckeln. Soviel zum inhalt­li­chen Gedan­ken, oder bes­ser: zum inhalt­li­chen „Auf­hän­ger“ der Ver­an­stal­tung. Es ging aller­dings dar­über hin­aus um mehr, es ging um „Vernetzung“.

Gemein­schaft auf elek­tro­nisch?

Eröff­nungs­runde beim Edu­Camp in Bielefeld

Ich finde Ver­net­zung gut, denn es impli­ziert ein Grund­be­dürf­nis, sich nicht nur für den Moment, son­dern dar­über hin­aus län­ger­fris­tig funk­tio­nal, über­re­gio­nal und kol­le­gial aus­zu­tau­schen.

Aller­dings, der Begriff Ver­net­zung pro­ji­ziert im Zeit­al­ter des Web 2.0 — man denke an soziale Netz­werke wie Face­book, Twit­ter, Google+ etc. — die Vor­stel­lung einer elek­tro­ni­schen und somit unper­sön­lich anmu­ten­den „Pseudo-Gemeinschaft“. Dies schien sich ober­fläch­lich auch hier zu bestä­ti­gen, bei­nahe alle „Edu­Cam­per“, die ich am Wochen­ende getrof­fen habe, sind nicht nur sowieso in die­sen sozia­len Netz­wer­ken unter­wegs, sie haben auch auf und wäh­rend der Ver­an­stal­tung in eben die­ser elek­tro­ni­schen Form kom­mu­ni­ziert.  Aus­ge­rüs­tet mit W-Lan und einem Twitter-Account wurde gezwit­schert, was das Zeug hielt. Jedoch immer mit dem Anlie­gen, Nütz­li­ches wie Ideen, Ein­fälle, Wis­sen, Geist­rei­ches oder ein­fach „nur“ Net­tes mit-zu-teilen. Ober­fläch­lich­keit ist für mich etwas ande­res und Tei­len bekommt in die­ser Aus­prä­gung für mich eine ganz neue Dimen­sion.  Als Neu­ling habe ich fas­zi­niert die Twit­ter­wall, auf der ich die kur­zen Mit-Teilungen oder fach­män­nisch „Tweets“ ver­fol­gen konnte, genau in Augen­schein genommen.

Hier eine kleine Aus­wahl der O-Töne: 

  • „Ein Netz mit tota­ler Trans­pa­renz erfor­dert eine Gesell­schaft mit tota­ler Tole­ranz“ (@mariaeirich)
  • „@dunkelmunkel: der Zugriff auf den glo­ba­len Wis­sens­spei­cher macht per­sön­li­ches Wis­sen nicht über­flüs­sig! #ecbi11 -> Zustim­mung“ (@herrlarbig)
  • „Wenn ich eine Vor­le­sung vor­her auf­zeichne, was mache ich dann eigent­lich in der Vorlesung?@dunkelmunkel zeigt es gleich…“ (@dieHauteCulture)
  • „Erset­zen offene Bil­dungs­ma­te­ria­lien die Leh­ren­den? NEIN! Aber eine andere Art von Lern­kul­tur ent­steht.“ (@designeon)

Twit­tern wäh­rend des EduCamps

Diese kur­zen State­ments sind eine sehr kleine und beschränkte Aus­wahl. Wer inter­es­siert ist, wei­tere Tweets, Pro­to­kolle oder kleine Video­mit­schnitte anzu­schauen, wird auf der EduCamp-Homepage findig:

 http://educamp.mixxt.de/networks/wiki/index.ecbi11-berichterstattung .

Aus­ge­hend vom Kern­an­lie­gen, sich gegen­sei­tig in offen gestal­te­ten Ses­si­ons über neue Lern­kul­tu­ren zu infor­mie­ren und Mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln, pas­sierte hier noch eine ganze Menge mehr: es wurde auf­ein­an­der ein­ge­gan­gen, Rück­fra­gen gestellt, Pro­bleme gelöst, Hilfe (auch von Ange­sicht zu Ange­sicht) ange­bo­ten, sich zum Essen oder zum Bier­chen ver­ab­re­det, Lob ver­teilt, Ideen preis­ge­ge­ben, auf Inter­es­san­tes auf­merk­sam gemacht, der eine oder andere Lacher verteilt…

Kurzum, ich weiß nun: nicht nur Infor­ma­ti­ons­wei­ter­gabe, son­dern auch Gemein­schaft auf elek­tro­nisch geht. Und: in der­art locke­rer Atmo­sphäre gelingt nicht nur der Infor­ma­ti­ons­fluss ganz leicht, son­dern es pas­siert — ganz wie neben­bei — LERNEN. Das finde ich beson­ders erfreu­lich, da sich hier die­je­ni­gen, die sich sonst das Prä­di­kat Leh­ren anhef­ten oder denen es zumin­dest ange­hef­tet wird, ganz selbst­ver­ständ­lich als Ler­ner begrei­fen (dürfen).

Auch ich habe gelernt.

  • Ich habe zum Bei­spiel gelernt, dass Face­book auch für Schü­ler ein im Schul­bil­dungs­pro­zess kon­struk­ti­ves Lehr­me­dium sein kann.
  • Ich habe gelernt, wie Twit­ter funk­tio­niert (und das Twit­te­rer kuscheln kön­nen -> siehe Berichterstattung)
  • Ich habe gelernt, dass unab­hän­gig von der Insti­tu­tion, in der man Zuhause ist, eine interne und externe Ver­net­zung Sinn und Ideen stiftet.
  • Ich habe gelernt, dass eine aus­ge­prägte Team­kul­tur auch auf elek­tro­nisch funktioniert.
  • Ich habe gelernt, dass Edu­Cam­per inter­es­sierte, freund­li­che und offene Men­schen sind.
  • Ich habe gelernt, dass Edu­Camps gerade in Anbe­tracht der Her­aus­for­de­run­gen unse­res Bil­dungs­sys­tems, aber auch ange­sichts der Mög­lich­kei­ten, die uns neue Medien (wie auch Web 2.0 und die sozia­len Netz­werke) besche­ren, die Fort­bil­dun­gen der Zukunft sind.

Neue Lern­kul­tu­ren ent­wi­ckeln und vernetzen

Ich emp­fehle also allen Bil­dungs­in­ter­es­sier­ten, hier ein­mal ein­zu­tau­chen, sich von den vie­len guten und zukunfts­ori­en­tier­ten Gedan­ken und dem Team­geist berei­chern zu las­sen. Denn nur wer weiß, was das Ganze soll und wie´s funk­tio­niert, kann pro­fi­tie­ren, mit­re­den und (sich und seine Ideen) MIT-TEILEN.

Bin ich nun EduCamper?

Ich denke ja. Ging ganz ein­fach. Hab´ ein­fach mitgemacht.

Katha­rina Korves

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Vielfalt im Klassenzimmer – die größte Herausforderung für die Schule der Zukunft

Viel­falt im Klas­sen­zim­mer ist eigent­lich nichts Neues. Denn jedes Kind ist anders. Doch noch nie war diese Hete­ro­ge­ni­tät so offen­sicht­lich wie heute: Vor allem in den Groß­städ­ten steigt die Zahl der Kin­der aus Zuwan­de­rer­fa­mi­lien, in länd­li­chen Gebie­ten müs­sen Schu­len unter­schied­li­cher Art aus Schü­ler­man­gel zusam­men­ge­legt wer­den, in bür­ger­li­chen Gegen­den schi­cken ohne­hin fast alle Eltern ihre Kin­der auf das Gym­na­sium, und immer mehr Kin­der mit beson­de­rem För­der­be­darf gehen auf Regel­schu­len. Wie kön­nen Lehr­kräfte mit den unter­schied­li­chen Bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen, Inter­es­sen und Poten­tia­len der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, mit viel­fäl­ti­gen kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Hin­ter­grün­den  kon­struk­tiv umge­hen? Ist die neue Viel­falt im Klas­sen­zim­mer gar die größte Her­aus­for­de­rung für die Schule der Zukunft?

Hete­ro­ge­ni­tät ist in unse­rer Gesell­schaft längst Rea­li­tät: in Frank­furt, wo drei Vier­tel der Jüngs­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben; in den Brenn­punk­ten Ber­lins, wo 80 Pro­zent der Eltern Sozi­al­leis­tun­gen bezie­hen, im teu­ren Wes­ten Ham­burgs, wo 70 Pro­zent und mehr der Schü­ler auf das Gym­na­sium gehen, das auf diese Weise zur Gesamt­schule der Mit­tel­schicht wird. Ob nun durch unter­schied­li­che Her­kunft oder durch unter­schied­li­ches Leis­tungs­ver­mö­gen – die Unter­schiede zwi­schen den Kin­dern in den Schul­klas­sen wer­den immer grö­ßer. Das müs­sen wir akzep­tie­ren, und dar­auf muss sich auch unser Bil­dungs­sys­tem ein­stel­len. Keine ver­meint­lich homo­gene Klasse kann mehr im Gleich­schritt einem fron­tal dozie­ren­den Leh­rer fol­gen, statt­des­sen muss Schule unter­schied­li­che Bega­bun­gen, Leis­tungs­stän­den, Lern­for­men und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten Rech­nung tra­gen und starke wie schwa­che Schü­ler glei­cher­ma­ßen fördern.

Abbildung aus der Publikation "Warum Lernen glücklich macht"

Abbil­dung aus der Publi­ka­tion “Warum Ler­nen glück­lich macht”

Der Schlüs­sel zu einem kon­struk­ti­ven Umgang mit der wach­sen­den Hete­ro­ge­ni­tät der Schü­ler liegt in einer „neuen Lern­kul­tur“, die das ein­zelne Kind und seine per­sön­li­chen Lern­vor­aus­set­zun­gen und –pro­zesse in den Mit­tel­punkt rückt und stär­ker auf indi­vi­dua­li­sier­tes, eigen­mo­ti­vier­tes  Ler­nen aus­ge­rich­tet ist: Nur wenn Kin­der sich selbst etwas erar­bei­ten und eigen­ver­ant­wort­lich ler­nen kön­nen, kann Schule auf ihre unter­schied­li­chen Wis­sens­stände und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten ein­ge­hen. Nur dann lässt sich Unter­richt so indi­vi­du­ell gestal­ten, dass die Bes­ten sich nicht lang­wei­len und die Schwächs­ten nicht über­for­dert sind. Nur so kön­nen die Schü­ler zusam­men mit ihren Leh­rern indi­vi­du­ell zuge­schnit­tene Wochen­pläne erstel­len und ent­spre­chende Lern­ziele festlegen.Die Kin­der ler­nen, die von ihnen gewähl­ten The­men selbst zu recher­chie­ren und zu erfor­schen und Expe­ri­mente zu machen. Sie reflek­tie­ren ihren Leis­tungs­stand und stel­len sich selbst der Über­prü­fung. Ent­spre­chend ver­än­dert sich auch die Rolle des Leh­rers: Er ist nicht mehr nur Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern vor allem Lernbegleiter.

Natür­lich gibt es für eine sol­che Form des Unter­richts kein Patent­re­zept, wohl aber einige Erfolgs­fak­to­ren und gut erprobte Instru­mente: Schü­ler ler­nen zum Bei­spiel nur wirk­lich dann selbst­stän­di­ger, wenn der Anteil an akti­ver Lern­zeit deut­lich höher ist als heute all­ge­mein üblich. Um die Lern­pro­zesse indi­vi­du­ell zu gestal­ten, hel­fen Ansätze wie koope­ra­ti­ves Ler­nen und Wochen­plan­ar­beit oder Instru­mente wie Kom­pe­tenz­ras­ter und Lern­log­bü­cher. Auf­ga­ben, die auf unter­schied­li­chen Niveaus bear­bei­tet wer­den kön­nen oder unter­schied­li­che Zugänge zu einem Thema erlau­ben, ermög­li­chen den Schü­lern, ihren jewei­li­gen Lern­zie­len von unter­schied­li­chen Lern­stän­den und Inter­es­sen aus näher zu kommen.

Diese Bei­spiele zei­gen, wie vor­aus­set­zungs­reich ein Unter­richt ist, der sich auf die Hete­ro­ge­ni­tät der Lern­gruppe ein­stellt. Der Anspruch, Kin­der und Jugend­li­che indi­vi­du­ell zu för­dern, bedeu­tet eine grund­le­gende Ver­än­de­rung der Schul– und Unter­richts­kul­tur. Eine sol­che Umge­stal­tung kann weder von heute auf mor­gen noch gegen den Wil­len der­je­ni­gen erfol­gen, die Schule und Unter­richt maß­geb­lich aus­ma­chen: die Leh­re­rin­nen und Leh­rer. Indi­vi­du­elle För­de­rung hat nur dann Aus­sicht auf Erfolg, wenn sich die ganze Schule und das ganze Kol­le­gium auf die­sen Weg begibt, wenn sie als eine Team­auf­gabe begrif­fen wird und nicht von lau­ter „Ein­zel­kämp­fern“ bewäl­tigt wer­den soll. Gleich­zei­tig muss der mit ihr ver­bun­dene Mehr­wert her­aus­ge­stellt wer­den: Lohnt es sich für mich als Leh­re­rin oder Leh­rer, beste­hende Rou­ti­nen zu ver­än­dern? Ist der Umgang mit der Viel­falt im Klas­sen­zim­mer heute und in Zukunft die wich­tigste Auf­gabe als Päd­agoge? Oder gibt es doch noch grö­ßere Her­aus­for­de­run­gen im Leh­rer­job, als  sich auf die Unter­schied­lich­keit mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler ein­zu­stel­len? Wir freuen uns auf kritisch-konstruktive Kommentare!

 

 

Zum Wei­ter­le­sen: Jörg Drä­ger: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise — Mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen 2011, S. 35, 84f.

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Schlüsselwort „Schüleraktivierung“ – wie Lehrkräfte ihr Rollenbild neu entwerfen können

„Dem Kind gehört der erste Platz, und der Leh­rer folgt ihm und unter­stützt es. Er muss auf seine eigene Akti­vi­tät zuguns­ten des Kin­des ver­zich­ten. Er muss pas­siv wer­den, damit das Kind aktiv wer­den kann.“

Mit die­sen Wor­ten hält Maria Mont­ess­ori die Grund­ge­dan­ken ihrer Päd­ago­gik fest. Bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts setzte die Reform­päd­ago­gin auf Eigen­stän­dig­keit beim Ler­nen. Ende des 20. Jahr­hun­dert wird diese For­de­rung von vie­len Päd­ago­gen wie­der­ent­deckt und  ganz oben auf der Agenda des „guten Unter­richts“ geschrie­ben. Mei­nes Erach­tens steht das Merk­mal dort völ­lig zu recht, denn „guter Unter­richt ist ein Unter­richt, in dem mehr gelernt als gelehrt wird“ (Franz E. Wei­nert, 1998).

Indi­vi­du­ell und eigen­stän­dig — was uns die Wis­sen­schaft lehrt

Ler­nen ist indi­vi­du­ell – diese Erkennt­nis aus der Hirn­for­schung dürfte mitt­ler­weile die Runde gemacht haben. Bereits vor einem Jahr­zehnt haben For­scher, wie z.B. die Gruppe um Man­fred Spit­zer in Ulm, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Wis­sen nicht über­trag­bar ist, son­dern in jedem Kopf neu erschaf­fen wer­den muss. Dies geschieht am bes­ten durch eige­nes Handeln.

Glei­ches Gedan­ken­gut fin­det sich in der Sub­jek­ti­ven Didak­tik (nach Edmund Kösel) wie­der, die dem Prin­zip der Selbst­steue­rung und Selbst­or­ga­ni­sa­tion folgt. Die Sub­jek­tive Didak­tik räumt mit dem Glau­ben auf, dass didak­ti­schen Maß­nah­men des Leh­ren­den direk­ten und linea­ren Ein­fluss auf das Lern­ver­hal­ten eines jeden Schü­lers haben. Das genaue Gegen­teil ist nicht sel­ten der Fall. Ulti­ma­ti­ves Ziel des Unter­richts sollte es darum sein, die Ler­nen­den in ihren indi­vi­du­el­len Zugrif­fen auf den Gegen­stand zu stär­ken und ihre Eigen­stän­dig­keit zu unter­stüt­zen, damit sie sich letzt­lich zu auto­no­men Per­sön­lich­kei­ten ent­wi­ckeln können.

Soweit die Theorie.

Leich­ter gesagt als getan

In der Pra­xis sieht es oft anders aus. Mir waren die theo­re­ti­schen Hin­ter­gründe völ­lig klar und ein­leuch­tend als ich das erste Mal vor einer Klasse von Schü­lern stand. Und doch fiel es mir weit schwe­rer mich zurück­zu­neh­men und gedul­dig zu sein als z.B. eine Bas­tel­an­lei­tung bis ins kleinste Detail zu erläu­tern, vor­zu­füh­ren und den Schü­lern zur Hand zu gehen. So scheint es vie­len Lehr­kräf­ten zu gehen. Immer wie­der wird davon berich­tet, dass der Rede­an­teil von Leh­rern im Unter­richt ein ange­mes­se­nes Maß weit über­steigt (vgl. zen­trale Befunde der DESI-Studie). Unab­hän­gig davon, ob dies  aus Grün­den der Gewohn­heit, viel­leicht auch der Unsi­cher­heit (was pas­siert nur, wenn ich im Unter­richt das Ruder aus der Hand gebe?) oder ein­fach nur auf­grund einer tief ver­in­ner­lich­ten hier­ar­chi­schen Rol­len­ver­ständ­nis­ses geschieht – die Leid­tra­gen­den sind letzt­lich die Schü­ler (auch wenn es diese meist nicht wahr haben wol­len). Sie leh­nen sich als pas­sive Zuhö­rer des Unter­richts­ge­sche­hens auf ihren Stüh­len zurück und las­sen sich berie­seln. Dass sich hier­bei kaum ein nach­hal­ti­ger Lern­pro­zess voll­zie­hen wird, brau­che ich an die­ser Stelle wohl nicht zu näher auszuführen.

Wissensvermittler oder Lerncoach?

Wis­sens­ver­mitt­ler oder Lerncoach?

Für Leh­rer muss es zur Regel wer­den, sich immer wie­der selbst den Spie­gel vor­zu­hal­ten und den eige­nen Unter­richt auf Schü­ler­ori­en­tie­rung und –akti­vie­rung hin zu über­prü­fen. Aber – und auch das kann ich aus eige­ner Erfah­rung sagen – man sel­ber nimmt seine starke Prä­senz im Unter­richt­ge­sche­hen kaum wahr. Ich wurde von einem Kol­le­gen, der mei­nen Unter­richt besuchte, auf meine viel zu aktive Rolle auf­merk­sam gemacht. „Na, dein Rede­fluss ist ja  uner­schöpf­lich“, bemerkte er bei­läu­fig. Und es stimmte; ich hatte immer eine Ant­wort und viele Erläu­te­run­gen parat, stand mit­ten im Gesche­hen anstelle von „bera­tend zur Seite“. Diese kleine Bemer­kung, die mir ehr­lich gesagt zunächst über­haupt nicht passte, brachte einen Stein ins rollen.

Rück­kopp­lun­gen und Feed­back sind (auch weit über das Refe­ren­da­riat hin­aus) für Lehr­kräfte abso­lut wich­tig und unver­zicht­bar, wenn sie ihren Unter­richt und ihr Han­deln wei­ter­ent­wi­ckeln, ver­fei­nern oder ein­fach nur reflek­tie­ren möch­ten. Vor­aus­set­zung dafür ist ledig­lich die Bereit­schaft, die eigene Tätig­keit trans­pa­rent zu machen und ggf. auch zu hin­ter­fra­gen. Und auch wenn Ver­än­de­run­gen, gleich wel­cher Art, beschwer­lich und zum Teil beängs­ti­gend sein kön­nen, sie tra­gen dazu bei, dass man sel­ber und der eige­nen Unter­richt in Bewe­gung blei­ben. Und Bewe­gung kann nie schaden!

Zwei­fels­ohne und völ­lig zu Recht wird man im Kon­text der Dis­kus­sio­nen über die „neue Lern­kul­tur“ immer wie­der auf die Leh­rer­rolle zu spre­chen kom­men. Die Lehr­kraft trägt mit ihrem Han­deln im Unter­richt maß­geb­lich zum Lern­er­folg der Schü­le­rin­nen und Schü­ler bei. Frag­lich ist nur, was es hilft, tag­täg­lich in Büchern und Fach­zeit­schrif­ten (oder in die­sem Blog) von der neuen Leh­rer­rolle und der neuen Lern­kul­tur zu pre­di­gen. Lehr­kräfte und Schü­ler müs­sen ihre neuen Rol­len vor Ort fin­den und davon über­zeugt wer­den, dass sie mit die­ser neuen Rolle nur gewin­nen können.

Ste­fa­nie Rother

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Schule im Stresstest — Mit Eigeninitiative und Improvisationsvermögen aus der Belastungsfalle

Indi­vi­du­elle För­de­rung, Ganz­tags­schul­aus­bau, G8, Inklu­sion, usw. – die Schlag­wör­ter, die für Bil­dungs­po­li­tik und Wis­sen­schaft Aus­druck einer ver­än­der­ten Lern­kul­tur und bes­se­ren Bil­dungs­zu­kunft sind, wer­den von Lehr­kräf­ten zum Teil mit gro­ßer Skep­sis betrach­tet: „Nicht das auch noch…“, „Wie sol­len wir das denn alles schaf­fen?“ „Wir arbei­ten doch jetzt schon am Limit…“

Umso grö­ßer die poli­ti­schen For­de­run­gen und der päd­ago­gi­sche Anspruch, umso grö­ßer auch der Unmut auf­sei­ten der Lehr­kräfte vor Ort – denn obwohl ihre Auf­ga­ben ste­tig wach­sen, bleibt die gefor­derte Unter­stüt­zung sei­tens der Kul­tus­mi­nis­te­rien meis­tens aus. So bekla­gen es zumin­dest der Leh­rer­ver­band Bil­dung und Erzie­hung (VBE) und die Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft (GEW).

Aus­ge­brannt: Jeder dritte Leh­rer lei­det an Burn-Out-Symtomen

Diese Berech­nung des Uni­kli­ni­kums Frei­burg stammt aus dem Jahr 2009. Sie machte damals auf die Belas­tung von Päd­ago­gen auf­merk­sam, die die der Poli­zis­ten und Ärzte noch über­stieg. Und nicht erst seit die­sem Zeit­punkt berich­ten die Medien von Erschöp­fung, Des­il­lu­sio­nie­rung, Resi­gna­tion und hohen Krank­heits­aus­fäl­len im Leh­rer­be­ruf (siehe z.B. die Debatte um die Rütli-Schule 2006). Das Thema ist ein Dau­er­bren­ner und erhitzt immer wie­der die Gemü­ter – mit den ers­ten dop­pel­ten Abitur­jahr­gän­gen, die die­ses Jahr betreut wer­den muss­ten, erhiel­ten die Kla­gen neuen Zündstoff.

Minis­te­rien zei­gen sich bei der Frage nach Ent­las­tung und zusätz­li­cher (finan­zi­el­ler) Zuwen­dung erfah­rungs­ge­mäß zuge­knöpft. Im Bereich der Wis­sen­schaft und Schul­pra­xis  las­sen sich dage­gen mei­ner Mei­nung nach sehr erfreu­li­che Ent­wick­lun­gen beob­ach­ten: Mitt­ler­weile gibt es einige erfolg­ver­spre­chende Kon­zepte und Modelle, auf die beim Thema „Leh­rer­ge­sund­heit“ zurück­ge­grif­fen wer­den kann (siehe z.B. Pau­lus 2010). Und auch in den Schu­len, bei Schul­lei­tun­gen und Lehr­kräf­ten, scheint die Erkennt­nis gereift zu sein: Wenn nie­mand hilft, muss man sich eben sel­ber hel­fen! Was nützt das Lamento – Eigen­in­itia­tive und Impro­vi­sa­ti­ons­ver­mö­gen sind gefragt, um die Rah­men­be­din­gun­gen vor Ort ange­mes­sen zu gestal­ten. Alles andere wäre wie War­ten auf Godot!

Selbst ist die Schule

Unterrichten im Team

Unter­rich­ten im Team

Immer mehr Schu­len neh­men das Ruder selbst in die Hand und suchen nach eige­nen Lösun­gen gegen Stress, Über­las­tung und Finanz­nöte… und für einen pro­duk­ti­ven Umgang mit der Hete­ro­ge­ni­tät der Schü­ler. Die Mög­lich­kei­ten sind viel­fäl­tig und rei­chen von der Umge­stal­tung der Zeit­struk­tu­ren (Rhyth­mi­sie­rung) im Schul­all­tag über eine ange­mes­sene Raum­ge­stal­tung mit Rückzugs-, Arbeits– und Ruhe­be­rei­chen bis hin zu einer ver­än­der­ten Wahr­neh­mung der Leh­rer­rolle, bei der Lehr­kräfte mehr Ver­ant­wor­tung abge­ben und sich zuneh­mend als Beglei­ter von Lern­pro­zes­sen und nicht mehr nur als Wis­sens­ver­mitt­ler ver­ste­hen. Diese Ver­än­de­run­gen füh­ren zu einer ver­än­der­ten Lern­kul­tur in der Schule, die von dem ange­neh­men Neben­ef­fekt beglei­tet wer­den kann, lang­fris­tig die Belas­tungs­fak­to­ren von Lehr­kräf­ten zu mini­mie­ren. Finan­zi­elle Zuschüsse sind an die­ser Stelle meist gar nicht aus­schlag­ge­bend; es bedarf viel­mehr der Offen­heit für Ver­än­de­rung, eine vom Kol­le­gium und Schul­lei­tung gemein­sam getra­gene Schul– und Unter­richts­ent­wick­lung und gerade am Anfang sicher­lich auch Maß­nah­men, die ein­fach umge­setzt wer­den kön­nen und rasch zu ers­ten Erfol­gen füh­ren. e.

Erfolgs­re­zept: Team­ar­beit

Ich wage zu behaup­ten, dass Team­ar­beit heute – zumin­dest als Idee – längst in den meis­ten Schu­len ver­an­kert ist. Sie wird als wich­tigs­ter Bau­stein für den infor­mel­len Aus­tausch, die prä­ven­tive Erzie­hungs­ar­beit und die erfolg­rei­che Umset­zung von indi­vi­du­el­ler För­de­rung ange­se­hen. In der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göt­tin­gen – der neuen Schulpreis-Schule 2011 – gehö­ren Team­struk­tu­ren seit den 70er-Jahren zum All­tags­ge­schäft. Das Team-Kleingruppen-Modell zeich­net sich dadurch aus, dass in allen schu­li­schen Auf­ga­ben­be­rei­chen eigen­ver­ant­wort­li­che Teams agie­ren. Jahr­gangs­teams (ca. 12–15 Leh­rer) ver­fü­gen über eigene Team­räume sowie eigene Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen hin­sicht­lich ihres Stun­den– und Ver­tre­tungs­plans, der Schul­jah­res­ge­stal­tung und der Inves­ti­tio­nen. Jeder Jahr­gang teilt sich wie­derum in sechs Stamm­grup­pen auf, die jeweils von einem Tuto­ren­team (zwei Leh­rer) beglei­tet wer­den. Durch die interne Umstruk­tu­rie­rung hat die Schule „über­schau­bare und bestän­dige“ Struk­tu­ren geschaf­fen. Diese kön­nen dazu bei­tra­gen, dass Schü­ler noch inten­si­ver und sys­te­ma­ti­scher Unter­stüt­zung im Lern­pro­zess erfah­ren. Die ein­zelne Lehr­per­son kann zudem ent­las­tet wer­den, da sich durch die gemein­same Ver­ant­wor­tung eine Ver­trau­ens­kul­tur und ein Netz­werk der Beratung/Supervision auf­bauen können.

Ohne Fleiß kein Preis

An die­ser Stelle von „Fleiß“ zu spre­chen, klingt ver­mut­lich zynisch. Grund­le­gende Ver­än­de­run­gen in der Schule umzu­set­zen, kos­tet enorm viel Kraft und Zeit. Schu­len, die die­sen Weg ein­ge­schla­gen haben, kön­nen davon ein Lied sin­gen. Dort, wo Men­schen auf eine solch kom­plexe Art und Weise zusam­men­ar­bei­ten, ent­ste­hen zwangs­läu­fig Kon­flikte und Wider­stände, die einen Schul­ent­wick­lungs­pro­zess brem­sen und neue Belas­tungs­si­tua­tio­nen schaf­fen kön­nen. In ihrer Ent­wick­lungs­ge­schichte sam­meln Schu­len dabei aber auch wert­volle Erfah­run­gen (posi­tive wie nega­tive), die sie durch eine kon­ti­nu­ier­li­che Netz­werkar­beit an andere Schu­len wei­ter­ge­ben kön­nen. Auch in der schul­über­grei­fen­den Netz­werkar­beit sehe ich eine große Chance, denn nur in der Zusam­men­ar­beit und im gemein­sa­men Lern­pro­zess kön­nen Pro­bleme iden­ti­fi­ziert und ange­gan­gen wer­den. Letzt­lich sind es die Ein­zel­kämp­fer, die im Schul­all­tag am meis­ten unter der Belas­tungs­si­tua­tion zu lei­den haben.

Ob nun ver­än­derte Zeit­struk­tu­ren, die Ein­füh­rung von Team– oder Netz­werkar­beit – Lehr­kräfte haben im Grunde genom­men keine andere Wahl, als den Belas­tungs­si­tua­tio­nen im Schul­all­tag aktiv zu begeg­nen und die Rah­men­be­din­gun­gen vor Ort zu ihren Guns­ten selbst zu gestal­ten. Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, aber auch viele andere Schu­len haben den Mut gefasst, neue Wege zu gehen. Sie set­zen dabei auf Enga­ge­ment, Fle­xi­bi­li­tät, Ide­en­reich­tum und Koope­ra­tion – das sind die Zuta­ten, die es braucht, um erfolg­reich zu sein,

Ste­fa­nie Rother

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