Wie wird man EduCamper und was soll das Ganze überhaupt? Ein Erfahrungsbericht.

Edu­Camp Bie­le­feld — 18.-20.11.2011

Die EduCamp-Kultur, eine Son­der­form der Bar­Camps oder soge­nann­ten „Mitmach-Konferenzen“, bei denen die Teil­neh­mer aktiv par­ti­zi­pie­ren und mit­ge­stal­ten, ging vom 18.-20. Novem­ber in Bie­le­feld in die nächste Runde. Ich, ein unbe­darf­ter Neu­ling, war mit­ten­drin. Sozu­sa­gen keine Ahnung und vol­ler Span­nung, ob ich EduCamp-tauglich bin und was sich dahin­ter ver­birgt. Die­ses sind meine Ein­drü­cke und Erfahrungen…

Ich traf an die­sem Wochen­ende auf eine hete­ro­gene Gesell­schaft, die daran inter­es­siert war und ist, sich in soge­nann­ten Ses­si­ons (man könnte auch sagen freien Dis­kus­si­ons­run­den) inno­va­tiv bis elek­tro­nisch über Bil­dungs­the­men unter­schied­li­cher Insti­tu­tio­nen (Schule, Uni etc.) aus­zu­tau­schen und Ideen zu ent­wi­ckeln. Soviel zum inhalt­li­chen Gedan­ken, oder bes­ser: zum inhalt­li­chen „Auf­hän­ger“ der Ver­an­stal­tung. Es ging aller­dings dar­über hin­aus um mehr, es ging um „Vernetzung“.

Gemein­schaft auf elek­tro­nisch?

Eröff­nungs­runde beim Edu­Camp in Bielefeld

Ich finde Ver­net­zung gut, denn es impli­ziert ein Grund­be­dürf­nis, sich nicht nur für den Moment, son­dern dar­über hin­aus län­ger­fris­tig funk­tio­nal, über­re­gio­nal und kol­le­gial aus­zu­tau­schen.

Aller­dings, der Begriff Ver­net­zung pro­ji­ziert im Zeit­al­ter des Web 2.0 — man denke an soziale Netz­werke wie Face­book, Twit­ter, Google+ etc. — die Vor­stel­lung einer elek­tro­ni­schen und somit unper­sön­lich anmu­ten­den „Pseudo-Gemeinschaft“. Dies schien sich ober­fläch­lich auch hier zu bestä­ti­gen, bei­nahe alle „Edu­Cam­per“, die ich am Wochen­ende getrof­fen habe, sind nicht nur sowieso in die­sen sozia­len Netz­wer­ken unter­wegs, sie haben auch auf und wäh­rend der Ver­an­stal­tung in eben die­ser elek­tro­ni­schen Form kom­mu­ni­ziert.  Aus­ge­rüs­tet mit W-Lan und einem Twitter-Account wurde gezwit­schert, was das Zeug hielt. Jedoch immer mit dem Anlie­gen, Nütz­li­ches wie Ideen, Ein­fälle, Wis­sen, Geist­rei­ches oder ein­fach „nur“ Net­tes mit-zu-teilen. Ober­fläch­lich­keit ist für mich etwas ande­res und Tei­len bekommt in die­ser Aus­prä­gung für mich eine ganz neue Dimen­sion.  Als Neu­ling habe ich fas­zi­niert die Twit­ter­wall, auf der ich die kur­zen Mit-Teilungen oder fach­män­nisch „Tweets“ ver­fol­gen konnte, genau in Augen­schein genommen.

Hier eine kleine Aus­wahl der O-Töne: 

  • „Ein Netz mit tota­ler Trans­pa­renz erfor­dert eine Gesell­schaft mit tota­ler Tole­ranz“ (@mariaeirich)
  • „@dunkelmunkel: der Zugriff auf den glo­ba­len Wis­sens­spei­cher macht per­sön­li­ches Wis­sen nicht über­flüs­sig! #ecbi11 -> Zustim­mung“ (@herrlarbig)
  • „Wenn ich eine Vor­le­sung vor­her auf­zeichne, was mache ich dann eigent­lich in der Vorlesung?@dunkelmunkel zeigt es gleich…“ (@dieHauteCulture)
  • „Erset­zen offene Bil­dungs­ma­te­ria­lien die Leh­ren­den? NEIN! Aber eine andere Art von Lern­kul­tur ent­steht.“ (@designeon)

Twit­tern wäh­rend des EduCamps

Diese kur­zen State­ments sind eine sehr kleine und beschränkte Aus­wahl. Wer inter­es­siert ist, wei­tere Tweets, Pro­to­kolle oder kleine Video­mit­schnitte anzu­schauen, wird auf der EduCamp-Homepage findig:

 http://educamp.mixxt.de/networks/wiki/index.ecbi11-berichterstattung .

Aus­ge­hend vom Kern­an­lie­gen, sich gegen­sei­tig in offen gestal­te­ten Ses­si­ons über neue Lern­kul­tu­ren zu infor­mie­ren und Mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln, pas­sierte hier noch eine ganze Menge mehr: es wurde auf­ein­an­der ein­ge­gan­gen, Rück­fra­gen gestellt, Pro­bleme gelöst, Hilfe (auch von Ange­sicht zu Ange­sicht) ange­bo­ten, sich zum Essen oder zum Bier­chen ver­ab­re­det, Lob ver­teilt, Ideen preis­ge­ge­ben, auf Inter­es­san­tes auf­merk­sam gemacht, der eine oder andere Lacher verteilt…

Kurzum, ich weiß nun: nicht nur Infor­ma­ti­ons­wei­ter­gabe, son­dern auch Gemein­schaft auf elek­tro­nisch geht. Und: in der­art locke­rer Atmo­sphäre gelingt nicht nur der Infor­ma­ti­ons­fluss ganz leicht, son­dern es pas­siert — ganz wie neben­bei — LERNEN. Das finde ich beson­ders erfreu­lich, da sich hier die­je­ni­gen, die sich sonst das Prä­di­kat Leh­ren anhef­ten oder denen es zumin­dest ange­hef­tet wird, ganz selbst­ver­ständ­lich als Ler­ner begrei­fen (dürfen).

Auch ich habe gelernt.

  • Ich habe zum Bei­spiel gelernt, dass Face­book auch für Schü­ler ein im Schul­bil­dungs­pro­zess kon­struk­ti­ves Lehr­me­dium sein kann.
  • Ich habe gelernt, wie Twit­ter funk­tio­niert (und das Twit­te­rer kuscheln kön­nen -> siehe Berichterstattung)
  • Ich habe gelernt, dass unab­hän­gig von der Insti­tu­tion, in der man Zuhause ist, eine interne und externe Ver­net­zung Sinn und Ideen stiftet.
  • Ich habe gelernt, dass eine aus­ge­prägte Team­kul­tur auch auf elek­tro­nisch funktioniert.
  • Ich habe gelernt, dass Edu­Cam­per inter­es­sierte, freund­li­che und offene Men­schen sind.
  • Ich habe gelernt, dass Edu­Camps gerade in Anbe­tracht der Her­aus­for­de­run­gen unse­res Bil­dungs­sys­tems, aber auch ange­sichts der Mög­lich­kei­ten, die uns neue Medien (wie auch Web 2.0 und die sozia­len Netz­werke) besche­ren, die Fort­bil­dun­gen der Zukunft sind.

Neue Lern­kul­tu­ren ent­wi­ckeln und vernetzen

Ich emp­fehle also allen Bil­dungs­in­ter­es­sier­ten, hier ein­mal ein­zu­tau­chen, sich von den vie­len guten und zukunfts­ori­en­tier­ten Gedan­ken und dem Team­geist berei­chern zu las­sen. Denn nur wer weiß, was das Ganze soll und wie´s funk­tio­niert, kann pro­fi­tie­ren, mit­re­den und (sich und seine Ideen) MIT-TEILEN.

Bin ich nun EduCamper?

Ich denke ja. Ging ganz ein­fach. Hab´ ein­fach mitgemacht.

Katha­rina Korves

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Zeilen, die beschwingen…. Integration durch Musik

 Wenn ich Musik höre, kann ich kaum ruhig sit­zen blei­ben. Meis­tens wippe ich mit dem Fuß oder klopfe den Takt zu dem Stück, wel­ches ich gerade höre. Beson­ders auf­merk­sam bin ich, wenn ich die Melo­die nicht kenne – und ich genau zuhö­ren muss, wohin mich die Töne brin­gen. Da ent­ste­hen dann Bil­der und Gefühle in mir, ganz von allein.

Das ist wohl auch das Reiz­volle, wel­ches die Musik­för­de­rung schon in ganz frü­hen Jah­ren mit sich bringt. Und die­ses Geheim­nis kennt wohl auch das Pro­jekt „Inte­gra­tion durch Musik“.

 Auf­ge­setzt von der Liz Mohn Kul­tur– und Musik­stif­tung för­dert diese 2011 unter dem Aspekt „Inte­gra­tion durch Musik“ 14 Pro­jekte mit über 51.000 Euro.

Für diese Idee hat­ten sich 271 Ver­eine, Ver­bände, Stif­tun­gen und indi­vi­du­elle Initia­to­ren aus ganz Deutsch­land bewor­ben. “Musik baut Brü­cken der Ver­stän­di­gung und leis­tet einen wich­ti­gen Bei­trag zur Inte­gra­tion”, so die Stif­te­rin Liz Mohn.

Beim Durch­blät­tern der Pro­jekt­be­schrei­bun­gen stei­gen Kin­der­la­chen, Melo­dien, Begeis­te­rung — und das durch Viel­falt geprägte All­tags­le­ben in Deutsch­land zwi­schen den Zei­len auf.

Ein Pro­jekt etwa heißt „Hip­Hop und Volks­lie­der klin­gen gemein­sam“. Es fin­det statt in Lübeck-Eichholz.  Wer da mal war, kennt das Stra­ßen­bild. Im inter­kul­tu­rel­len Stadtteil-Orchester kön­nen Kin­der aus sozial benach­tei­lig­ten Fami­lien kos­ten­los ein Instru­ment ler­nen und gemein­sam mit ande­ren musi­zie­ren oder im Chor sin­gen. Hier wer­den dann mehr­spra­chig tra­di­tio­nelle Lie­der ein­stu­diert, die han­deln etwa von Liebe, Sehn­sucht nach der Hei­mat. Und sind des­halb so ein­gän­gig, weil die Kin­der und Jugend­li­che die Texte sel­ber schreiben.

Ein ande­res Pro­jekt aus Bre­mer­ha­ven etwa fragt „Hörst Du mich?“ Eine gute Frage, wo doch gerade Kin­der in der Welt zurecht­kom­men müs­sen, die wir ihnen unge­fragt besche­ren. In den Kreativ-AGs für Zuhö­ren, Kom­mu­ni­ka­tion und Aner­ken­nung wird aber genau das trai­niert: Eine Stimme ent­steht und ein Gefühl, trans­por­tiert durch Musik. Toll ist dabei der Ansatz, aus dem musi­ka­li­schen Erle­ben her­aus auch noch die Hei­mat­stadt ken­nen­zu­ler­nen. Und zwar die krea­tive Seite, näm­lich u.a. das städ­ti­sche Orches­ter oder den Fun­dus eines Thea­ters. Ort der Inspiration.

Eine eigene offi­zi­elle Stimme erhal­ten die Kin­der im Pro­jekt „MigrAn­tenne“. Sie pro­du­zie­ren einen wöchent­li­chen Bei­trag für „Radio Uner­hört“ und ver­schaf­fen sich damit Gehör mit ihren eige­nen The­men, wie Frem­den­feind­lich­keit, beruf­li­che Ori­en­tie­rung, Jugendkriminalität.

Zwei Pro­jekte befas­sen sich mit Klang­in­stal­la­tio­nen, die aus der Welt der Kin­der hin­aus­ge­tra­gen wer­den in die öffent­li­che Welt – und Jeder­mann zum Zuhö­ren einladen.

Wer kennt ein Land, das ihr nicht kennt?“ nennt sich etwa ein Pro­jekt aus Wuppertal-Barmen: Kon­zert­mo­saike, die für sich alleine ver­schie­den sind aber zusam­men­ge­fügt das Schul­le­ben und das Leben im Stadt­teil zei­gen: Vielfalt. 

Nicht oft hat man ein so beschwing­tes Gefühl beim Durch­blät­tern von Papier!

Anke Knopp, Novem­ber 2011

 Mehr zu den ein­zel­nen Preis­trä­gern fin­det sich hier:

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-957BCBFB-DA1794B5/bst/hs.xsl/nachrichten_110294.htm

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Vielfalt im Klassenzimmer – die größte Herausforderung für die Schule der Zukunft

Viel­falt im Klas­sen­zim­mer ist eigent­lich nichts Neues. Denn jedes Kind ist anders. Doch noch nie war diese Hete­ro­ge­ni­tät so offen­sicht­lich wie heute: Vor allem in den Groß­städ­ten steigt die Zahl der Kin­der aus Zuwan­de­rer­fa­mi­lien, in länd­li­chen Gebie­ten müs­sen Schu­len unter­schied­li­cher Art aus Schü­ler­man­gel zusam­men­ge­legt wer­den, in bür­ger­li­chen Gegen­den schi­cken ohne­hin fast alle Eltern ihre Kin­der auf das Gym­na­sium, und immer mehr Kin­der mit beson­de­rem För­der­be­darf gehen auf Regel­schu­len. Wie kön­nen Lehr­kräfte mit den unter­schied­li­chen Bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen, Inter­es­sen und Poten­tia­len der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, mit viel­fäl­ti­gen kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Hin­ter­grün­den  kon­struk­tiv umge­hen? Ist die neue Viel­falt im Klas­sen­zim­mer gar die größte Her­aus­for­de­rung für die Schule der Zukunft?

Hete­ro­ge­ni­tät ist in unse­rer Gesell­schaft längst Rea­li­tät: in Frank­furt, wo drei Vier­tel der Jüngs­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben; in den Brenn­punk­ten Ber­lins, wo 80 Pro­zent der Eltern Sozi­al­leis­tun­gen bezie­hen, im teu­ren Wes­ten Ham­burgs, wo 70 Pro­zent und mehr der Schü­ler auf das Gym­na­sium gehen, das auf diese Weise zur Gesamt­schule der Mit­tel­schicht wird. Ob nun durch unter­schied­li­che Her­kunft oder durch unter­schied­li­ches Leis­tungs­ver­mö­gen – die Unter­schiede zwi­schen den Kin­dern in den Schul­klas­sen wer­den immer grö­ßer. Das müs­sen wir akzep­tie­ren, und dar­auf muss sich auch unser Bil­dungs­sys­tem ein­stel­len. Keine ver­meint­lich homo­gene Klasse kann mehr im Gleich­schritt einem fron­tal dozie­ren­den Leh­rer fol­gen, statt­des­sen muss Schule unter­schied­li­che Bega­bun­gen, Leis­tungs­stän­den, Lern­for­men und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten Rech­nung tra­gen und starke wie schwa­che Schü­ler glei­cher­ma­ßen fördern.

Abbildung aus der Publikation "Warum Lernen glücklich macht"

Abbil­dung aus der Publi­ka­tion “Warum Ler­nen glück­lich macht”

Der Schlüs­sel zu einem kon­struk­ti­ven Umgang mit der wach­sen­den Hete­ro­ge­ni­tät der Schü­ler liegt in einer „neuen Lern­kul­tur“, die das ein­zelne Kind und seine per­sön­li­chen Lern­vor­aus­set­zun­gen und –pro­zesse in den Mit­tel­punkt rückt und stär­ker auf indi­vi­dua­li­sier­tes, eigen­mo­ti­vier­tes  Ler­nen aus­ge­rich­tet ist: Nur wenn Kin­der sich selbst etwas erar­bei­ten und eigen­ver­ant­wort­lich ler­nen kön­nen, kann Schule auf ihre unter­schied­li­chen Wis­sens­stände und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten ein­ge­hen. Nur dann lässt sich Unter­richt so indi­vi­du­ell gestal­ten, dass die Bes­ten sich nicht lang­wei­len und die Schwächs­ten nicht über­for­dert sind. Nur so kön­nen die Schü­ler zusam­men mit ihren Leh­rern indi­vi­du­ell zuge­schnit­tene Wochen­pläne erstel­len und ent­spre­chende Lern­ziele festlegen.Die Kin­der ler­nen, die von ihnen gewähl­ten The­men selbst zu recher­chie­ren und zu erfor­schen und Expe­ri­mente zu machen. Sie reflek­tie­ren ihren Leis­tungs­stand und stel­len sich selbst der Über­prü­fung. Ent­spre­chend ver­än­dert sich auch die Rolle des Leh­rers: Er ist nicht mehr nur Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern vor allem Lernbegleiter.

Natür­lich gibt es für eine sol­che Form des Unter­richts kein Patent­re­zept, wohl aber einige Erfolgs­fak­to­ren und gut erprobte Instru­mente: Schü­ler ler­nen zum Bei­spiel nur wirk­lich dann selbst­stän­di­ger, wenn der Anteil an akti­ver Lern­zeit deut­lich höher ist als heute all­ge­mein üblich. Um die Lern­pro­zesse indi­vi­du­ell zu gestal­ten, hel­fen Ansätze wie koope­ra­ti­ves Ler­nen und Wochen­plan­ar­beit oder Instru­mente wie Kom­pe­tenz­ras­ter und Lern­log­bü­cher. Auf­ga­ben, die auf unter­schied­li­chen Niveaus bear­bei­tet wer­den kön­nen oder unter­schied­li­che Zugänge zu einem Thema erlau­ben, ermög­li­chen den Schü­lern, ihren jewei­li­gen Lern­zie­len von unter­schied­li­chen Lern­stän­den und Inter­es­sen aus näher zu kommen.

Diese Bei­spiele zei­gen, wie vor­aus­set­zungs­reich ein Unter­richt ist, der sich auf die Hete­ro­ge­ni­tät der Lern­gruppe ein­stellt. Der Anspruch, Kin­der und Jugend­li­che indi­vi­du­ell zu för­dern, bedeu­tet eine grund­le­gende Ver­än­de­rung der Schul– und Unter­richts­kul­tur. Eine sol­che Umge­stal­tung kann weder von heute auf mor­gen noch gegen den Wil­len der­je­ni­gen erfol­gen, die Schule und Unter­richt maß­geb­lich aus­ma­chen: die Leh­re­rin­nen und Leh­rer. Indi­vi­du­elle För­de­rung hat nur dann Aus­sicht auf Erfolg, wenn sich die ganze Schule und das ganze Kol­le­gium auf die­sen Weg begibt, wenn sie als eine Team­auf­gabe begrif­fen wird und nicht von lau­ter „Ein­zel­kämp­fern“ bewäl­tigt wer­den soll. Gleich­zei­tig muss der mit ihr ver­bun­dene Mehr­wert her­aus­ge­stellt wer­den: Lohnt es sich für mich als Leh­re­rin oder Leh­rer, beste­hende Rou­ti­nen zu ver­än­dern? Ist der Umgang mit der Viel­falt im Klas­sen­zim­mer heute und in Zukunft die wich­tigste Auf­gabe als Päd­agoge? Oder gibt es doch noch grö­ßere Her­aus­for­de­run­gen im Leh­rer­job, als  sich auf die Unter­schied­lich­keit mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler ein­zu­stel­len? Wir freuen uns auf kritisch-konstruktive Kommentare!

 

 

Zum Wei­ter­le­sen: Jörg Drä­ger: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise — Mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen 2011, S. 35, 84f.

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Wie kann individualisiertes Lernen gelingen? Vom Anspruch, allen gerecht zu werden.

Tim ist hoch­be­gabt. Lisa hat eine Seh­kraft von nur 20 Pro­zent. Marco hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Mar­jam ist aus der Tür­kei und lebt erst seit einem Jahr in Deutsch­land. Tim, Lisa, Marco und Mar­jam gehen alle in die­selbe Klasse einer Real­schule. Neben 25 ande­ren Kin­dern, von denen alle so nor­mal und so indi­vi­du­ell sind wie sie…

Die­ses authen­ti­sche Bei­spiel schil­derte mir letzte Woche die Klas­sen­leh­re­rin, eine ehe­ma­lige Kol­le­gin. Es illus­triert die gegen­wär­tige Situa­tion in den Schul­klas­sen, wel­che bestimmt ist durch Schü­le­rin­nen mit unter­schied­li­chen (Lern)Stärken und (Lern)Schwächen, unter­schied­li­cher Intel­li­genz, aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren, mit unter­schied­li­chen sozia­len Hin­ter­grün­den und Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen. Fakt ist, dass wir diese Hete­ro­ge­ni­tät aner­ken­nen und im Sinne aller posi­tiv hier­mit umge­hen müs­sen. Dies ist ins­be­son­dere in Zei­ten umso rele­van­ter, in denen in ver­schie­de­nen Zusam­men­hän­gen von gemein­sa­mem Ler­nen gespro­chen und die­ses auch umge­setzt wird (z. B. Gemein­schafts­schule, Inklu­sive Schule). Trotz aller beruf­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, die diese Bedin­gun­gen für Leh­re­rin­nen und Leh­rer mit sich brin­gen glaube ich, dass sich hierin ebenso viele Chan­cen ver­ber­gen. Die Frage ist also: Wie kann es gelin­gen, allen gerecht zu wer­den? Wie kann es gelin­gen, die Poten­tiale und Chan­cen bes­ser zu erkennen?

Individualisiertes Lernen im Unterricht

Indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen im Unterricht

Bei den Über­le­gun­gen hierzu widme ich mich nicht nur ein­ge­hend älte­rer und neue­rer Fach­li­te­ra­tur. Getrie­ben von mei­nen eige­nen Erfah­run­gen und den Berich­ten der Kol­le­gin aus dem obi­gen Bei­spiel reflek­tiere ich vor allen Din­gen, was in Schule heute – bei allem äuße­ren Anspruch — rea­lis­tisch und „mach­bar“ ist. Zunächst ein­mal stelle ich fest, dass der Anspruch des indi­vi­dua­li­sier­ten Ler­nens kei­nes­wegs neu ist. Ins­be­son­dere in reform­päd­ago­gi­schen Zusam­men­hän­gen ging und geht es um eine anthro­po­lo­gi­sche, huma­nis­ti­sche Sicht­weite der Wis­sens­ver­mitt­lung. Diese defi­niert ihren erzie­he­ri­schen Stand­punkt vom Kind aus, stellt die Schü­ler­sicht in den Mit­tel­punkt aller didaktisch-methodischen Über­le­gun­gen und rich­tet den Unter­richt hier­auf aus. Dies ist natür­lich – die Exper­ten wer­den mir zustim­men – auch etwas, was man in der heu­ti­gen Leh­rer­aus­bil­dung lernt. Aller­dings gerät es im All­tags­trott und neben vie­len wei­te­ren Ansprü­chen schnell in den Hin­ter­grund. Mei­ner Ansicht nach lohnt es sich jedoch über diese anthro­po­lo­gi­sche Sicht­weise und seine Schü­ler nach­zu­den­ken. Es ist sicher­lich von Vor­teil, genau zu über­le­gen und zu beob­ach­ten, wen man eigent­lich vor sich hat und wie die Schü­ler im Ein­zel­nen so „ticken“. Dies erleich­tert das indi­vi­du­elle Ein­ge­hen auf Stär­ken und Schwä­chen, was im leh­rer­zen­trier­ten Unter­richt kaum gelin­gen kann. Obwohl klar ist, dass eine der­ar­tige „Situa­ti­ons­ana­lyse“ bei 29 oder mehr Kin­dern in der Klasse eine gewal­tige Auf­gabe dar­stellt, ent­las­tet es letzt­lich das Agie­ren und Rea­gie­ren im Unter­richt. Ich bin davon über­zeugt, dass sich dies auszahlt. 

Mit die­ser Her­an­ge­hens­weise ist jedoch noch nicht klar, wie man im Kon­kre­ten den Unter­richt metho­disch indi­vi­dua­li­sie­ren kann. Dies­be­züg­lich gibt es eine Viel­zahl an Kon­zep­ten, die sich unter dem Ober­be­griff „freies Arbei­ten“ zusam­men­fas­sen las­sen, was wei­tere Schlag­worte wie etwa hand­lungs­ori­en­tier­ter Unter­richt, offe­ner Unter­richt, selbst­ge­steu­er­tes Ler­nen oder ent­de­cken­des Ler­nen ein­schließt. Auch die Begriffe Werk­statt­un­ter­richt und Wochen­plan­ar­beit  tau­chen in die­sem Zusam­men­hang in der Fach­li­te­ra­tur auf. Eine ganze Inva­sion ver­schie­de­ner Begriffe und Metho­den stür­zen bei der Recher­che auf mich ein und ich sor­tiere hin­sicht­lich der Ausgangsfragen,

1. Wie kann indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen gelin­gen und

2. Was ist rea­lis­tisch und machbar?

Ich glaube dass sich in allen die­sen Metho­den und Kon­zep­ten Ideen fin­den las­sen. Ent­schei­dend ist, sich das pas­sende und sinn­vollste im Hin­blick auf den eige­nen Unter­richts­stil, die eige­nen Über­zeu­gun­gen und natür­lich die jewei­lige Schü­ler­schaft her­aus­zu­su­chen. Mir per­sön­lich fällt ins­be­son­dere das immer wie­der genannte Prin­zip der Wahl­frei­heit auf, wel­ches zumin­dest inner­halb eines abge­steck­ten Unter­richt­rah­mens (z. B. einer vor­be­rei­te­ten Umge­bung, eines defi­nier­ten Zeit­fens­ters, kla­ren Abspra­chen, Regeln und Ritua­len) zen­tral ist. Diese Wahl­frei­heit ist wich­tig, da sich so jeder Schü­ler indi­vi­du­ell (z. B. hin­sicht­lich Lern­tempo, Lern­ort, Arbeits­mit­tel oder Sozi­al­form) mit einem Unter­richts­thema beschäf­ti­gen kann. Vor­aus­set­zung ist jedoch, den Unter­richt sehr gut zu pla­nen, also unter­schied­li­che Auf­ga­ben (im Hin­blick auf den Lehr­plan) und Prä­sen­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu über­le­gen, Hilfs­mit­tel bereit­zu­stel­len, Lern­orte (wie etwa Biblio­thek, Com­pu­ter­raum) zu orga­ni­sie­ren, Regeln und Rituale mit den Schü­lern vorab fest­zu­le­gen. Zuge­ge­ben, es kos­tet viele Über­le­gun­gen und viel Mut, all dies umzu­set­zen. Denn die Ver­ant­wort­lich­kei­ten wer­den neu ver­teilt und die Schü­ler dies­be­züg­lich mehr ein­ge­spannt. Ich selbst habe die Methode der Lern­werk­statt inten­siv aus­pro­biert. Als Vor­teil sehe ich, dass man bei genauer Vor­be­rei­tung die Klasse bei­nahe auto­ma­tisch reflek­tiert und sich den Stär­ken, Schwä­chen und Beson­der­hei­ten bewusst wird. Ein wei­te­rer Vor­teil ist, dass man sich im Unter­richt selbst mehr zurück­neh­men kann. Die Rolle des „Beleh­rers“ weicht stark hin­ter der Auf­gabe des „Bera­ters“ und „Beglei­ters“ zurück. So ent­steht eine Chance, sich den unter­schied­li­chen Schwie­rig­kei­ten bes­ser zuwen­den zu kön­nen und die indi­vi­du­el­len Kom­pe­ten­zen der Schü­ler wirk­sam wer­den zu las­sen (z. B. zur gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung). Die wei­tere Chance besteht darin, die Hete­ro­ge­ni­tät als Gewinn wahr­zu­neh­men und jedem Kind das Gefühl zu geben, nicht nur indi­vi­du­ell, son­dern auch wich­tig zu sein. Für mich ist das eine posi­tive und pro­duk­tive Art, mit Unter­schied­lich­kei­ten umzugehen.

Als Fazit halte ich fest: Es lohnt sich ers­tens, den Blick­win­kel in Rich­tung der Schü­ler zu ver­schie­ben, also vom Kind aus zu den­ken. Es lohnt sich zwei­tens, indi­vi­dua­li­sie­rende Metho­den zu reflek­tie­ren und (wenn auch zunächst in Tei­len) aus­zu­pro­bie­ren. Klar ist, es gibt kei­nen Königs­weg, denn schließ­lich sind nicht nur die Schü­ler, son­dern auch wir Leh­rer indi­vi­du­ell. Aber am Ende moti­viert es, den rich­ti­gen Weg zu fin­den. Es treibt voran. Mich und die Schüler.

Katha­rina Korves

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