Vielfalt im Klassenzimmer – die größte Herausforderung für die Schule der Zukunft

Viel­falt im Klas­sen­zim­mer ist eigent­lich nichts Neues. Denn jedes Kind ist anders. Doch noch nie war diese Hete­ro­ge­ni­tät so offen­sicht­lich wie heute: Vor allem in den Groß­städ­ten steigt die Zahl der Kin­der aus Zuwan­de­rer­fa­mi­lien, in länd­li­chen Gebie­ten müs­sen Schu­len unter­schied­li­cher Art aus Schü­ler­man­gel zusam­men­ge­legt wer­den, in bür­ger­li­chen Gegen­den schi­cken ohne­hin fast alle Eltern ihre Kin­der auf das Gym­na­sium, und immer mehr Kin­der mit beson­de­rem För­der­be­darf gehen auf Regel­schu­len. Wie kön­nen Lehr­kräfte mit den unter­schied­li­chen Bil­dungs­vor­aus­set­zun­gen, Inter­es­sen und Poten­tia­len der Schü­le­rin­nen und Schü­ler, mit viel­fäl­ti­gen kul­tu­rel­len und sprach­li­chen Hin­ter­grün­den  kon­struk­tiv umge­hen? Ist die neue Viel­falt im Klas­sen­zim­mer gar die größte Her­aus­for­de­rung für die Schule der Zukunft?

Hete­ro­ge­ni­tät ist in unse­rer Gesell­schaft längst Rea­li­tät: in Frank­furt, wo drei Vier­tel der Jüngs­ten Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben; in den Brenn­punk­ten Ber­lins, wo 80 Pro­zent der Eltern Sozi­al­leis­tun­gen bezie­hen, im teu­ren Wes­ten Ham­burgs, wo 70 Pro­zent und mehr der Schü­ler auf das Gym­na­sium gehen, das auf diese Weise zur Gesamt­schule der Mit­tel­schicht wird. Ob nun durch unter­schied­li­che Her­kunft oder durch unter­schied­li­ches Leis­tungs­ver­mö­gen – die Unter­schiede zwi­schen den Kin­dern in den Schul­klas­sen wer­den immer grö­ßer. Das müs­sen wir akzep­tie­ren, und dar­auf muss sich auch unser Bil­dungs­sys­tem ein­stel­len. Keine ver­meint­lich homo­gene Klasse kann mehr im Gleich­schritt einem fron­tal dozie­ren­den Leh­rer fol­gen, statt­des­sen muss Schule unter­schied­li­che Bega­bun­gen, Leis­tungs­stän­den, Lern­for­men und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten Rech­nung tra­gen und starke wie schwa­che Schü­ler glei­cher­ma­ßen fördern.

Abbildung aus der Publikation "Warum Lernen glücklich macht"

Abbil­dung aus der Publi­ka­tion “Warum Ler­nen glück­lich macht”

Der Schlüs­sel zu einem kon­struk­ti­ven Umgang mit der wach­sen­den Hete­ro­ge­ni­tät der Schü­ler liegt in einer „neuen Lern­kul­tur“, die das ein­zelne Kind und seine per­sön­li­chen Lern­vor­aus­set­zun­gen und –pro­zesse in den Mit­tel­punkt rückt und stär­ker auf indi­vi­dua­li­sier­tes, eigen­mo­ti­vier­tes  Ler­nen aus­ge­rich­tet ist: Nur wenn Kin­der sich selbst etwas erar­bei­ten und eigen­ver­ant­wort­lich ler­nen kön­nen, kann Schule auf ihre unter­schied­li­chen Wis­sens­stände und Lern­ge­schwin­dig­kei­ten ein­ge­hen. Nur dann lässt sich Unter­richt so indi­vi­du­ell gestal­ten, dass die Bes­ten sich nicht lang­wei­len und die Schwächs­ten nicht über­for­dert sind. Nur so kön­nen die Schü­ler zusam­men mit ihren Leh­rern indi­vi­du­ell zuge­schnit­tene Wochen­pläne erstel­len und ent­spre­chende Lern­ziele festlegen.Die Kin­der ler­nen, die von ihnen gewähl­ten The­men selbst zu recher­chie­ren und zu erfor­schen und Expe­ri­mente zu machen. Sie reflek­tie­ren ihren Leis­tungs­stand und stel­len sich selbst der Über­prü­fung. Ent­spre­chend ver­än­dert sich auch die Rolle des Leh­rers: Er ist nicht mehr nur Wis­sens­ver­mitt­ler, son­dern vor allem Lernbegleiter.

Natür­lich gibt es für eine sol­che Form des Unter­richts kein Patent­re­zept, wohl aber einige Erfolgs­fak­to­ren und gut erprobte Instru­mente: Schü­ler ler­nen zum Bei­spiel nur wirk­lich dann selbst­stän­di­ger, wenn der Anteil an akti­ver Lern­zeit deut­lich höher ist als heute all­ge­mein üblich. Um die Lern­pro­zesse indi­vi­du­ell zu gestal­ten, hel­fen Ansätze wie koope­ra­ti­ves Ler­nen und Wochen­plan­ar­beit oder Instru­mente wie Kom­pe­tenz­ras­ter und Lern­log­bü­cher. Auf­ga­ben, die auf unter­schied­li­chen Niveaus bear­bei­tet wer­den kön­nen oder unter­schied­li­che Zugänge zu einem Thema erlau­ben, ermög­li­chen den Schü­lern, ihren jewei­li­gen Lern­zie­len von unter­schied­li­chen Lern­stän­den und Inter­es­sen aus näher zu kommen.

Diese Bei­spiele zei­gen, wie vor­aus­set­zungs­reich ein Unter­richt ist, der sich auf die Hete­ro­ge­ni­tät der Lern­gruppe ein­stellt. Der Anspruch, Kin­der und Jugend­li­che indi­vi­du­ell zu för­dern, bedeu­tet eine grund­le­gende Ver­än­de­rung der Schul– und Unter­richts­kul­tur. Eine sol­che Umge­stal­tung kann weder von heute auf mor­gen noch gegen den Wil­len der­je­ni­gen erfol­gen, die Schule und Unter­richt maß­geb­lich aus­ma­chen: die Leh­re­rin­nen und Leh­rer. Indi­vi­du­elle För­de­rung hat nur dann Aus­sicht auf Erfolg, wenn sich die ganze Schule und das ganze Kol­le­gium auf die­sen Weg begibt, wenn sie als eine Team­auf­gabe begrif­fen wird und nicht von lau­ter „Ein­zel­kämp­fern“ bewäl­tigt wer­den soll. Gleich­zei­tig muss der mit ihr ver­bun­dene Mehr­wert her­aus­ge­stellt wer­den: Lohnt es sich für mich als Leh­re­rin oder Leh­rer, beste­hende Rou­ti­nen zu ver­än­dern? Ist der Umgang mit der Viel­falt im Klas­sen­zim­mer heute und in Zukunft die wich­tigste Auf­gabe als Päd­agoge? Oder gibt es doch noch grö­ßere Her­aus­for­de­run­gen im Leh­rer­job, als  sich auf die Unter­schied­lich­keit mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler ein­zu­stel­len? Wir freuen uns auf kritisch-konstruktive Kommentare!

 

 

Zum Wei­ter­le­sen: Jörg Drä­ger: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise — Mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen 2011, S. 35, 84f.

  • Gefällt mir überhaupt nichtGefällt mir nichtOKGefällt mir gutGefällt mir sehr gut (14 Stimmen, Durchschnitt: 4,50 von 5)
    Loading ... Loading ...

Wie kann individualisiertes Lernen gelingen? Vom Anspruch, allen gerecht zu werden.

Tim ist hoch­be­gabt. Lisa hat eine Seh­kraft von nur 20 Pro­zent. Marco hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Mar­jam ist aus der Tür­kei und lebt erst seit einem Jahr in Deutsch­land. Tim, Lisa, Marco und Mar­jam gehen alle in die­selbe Klasse einer Real­schule. Neben 25 ande­ren Kin­dern, von denen alle so nor­mal und so indi­vi­du­ell sind wie sie…

Die­ses authen­ti­sche Bei­spiel schil­derte mir letzte Woche die Klas­sen­leh­re­rin, eine ehe­ma­lige Kol­le­gin. Es illus­triert die gegen­wär­tige Situa­tion in den Schul­klas­sen, wel­che bestimmt ist durch Schü­le­rin­nen mit unter­schied­li­chen (Lern)Stärken und (Lern)Schwächen, unter­schied­li­cher Intel­li­genz, aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren, mit unter­schied­li­chen sozia­len Hin­ter­grün­den und Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen. Fakt ist, dass wir diese Hete­ro­ge­ni­tät aner­ken­nen und im Sinne aller posi­tiv hier­mit umge­hen müs­sen. Dies ist ins­be­son­dere in Zei­ten umso rele­van­ter, in denen in ver­schie­de­nen Zusam­men­hän­gen von gemein­sa­mem Ler­nen gespro­chen und die­ses auch umge­setzt wird (z. B. Gemein­schafts­schule, Inklu­sive Schule). Trotz aller beruf­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, die diese Bedin­gun­gen für Leh­re­rin­nen und Leh­rer mit sich brin­gen glaube ich, dass sich hierin ebenso viele Chan­cen ver­ber­gen. Die Frage ist also: Wie kann es gelin­gen, allen gerecht zu wer­den? Wie kann es gelin­gen, die Poten­tiale und Chan­cen bes­ser zu erkennen?

Individualisiertes Lernen im Unterricht

Indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen im Unterricht

Bei den Über­le­gun­gen hierzu widme ich mich nicht nur ein­ge­hend älte­rer und neue­rer Fach­li­te­ra­tur. Getrie­ben von mei­nen eige­nen Erfah­run­gen und den Berich­ten der Kol­le­gin aus dem obi­gen Bei­spiel reflek­tiere ich vor allen Din­gen, was in Schule heute – bei allem äuße­ren Anspruch — rea­lis­tisch und „mach­bar“ ist. Zunächst ein­mal stelle ich fest, dass der Anspruch des indi­vi­dua­li­sier­ten Ler­nens kei­nes­wegs neu ist. Ins­be­son­dere in reform­päd­ago­gi­schen Zusam­men­hän­gen ging und geht es um eine anthro­po­lo­gi­sche, huma­nis­ti­sche Sicht­weite der Wis­sens­ver­mitt­lung. Diese defi­niert ihren erzie­he­ri­schen Stand­punkt vom Kind aus, stellt die Schü­ler­sicht in den Mit­tel­punkt aller didaktisch-methodischen Über­le­gun­gen und rich­tet den Unter­richt hier­auf aus. Dies ist natür­lich – die Exper­ten wer­den mir zustim­men – auch etwas, was man in der heu­ti­gen Leh­rer­aus­bil­dung lernt. Aller­dings gerät es im All­tags­trott und neben vie­len wei­te­ren Ansprü­chen schnell in den Hin­ter­grund. Mei­ner Ansicht nach lohnt es sich jedoch über diese anthro­po­lo­gi­sche Sicht­weise und seine Schü­ler nach­zu­den­ken. Es ist sicher­lich von Vor­teil, genau zu über­le­gen und zu beob­ach­ten, wen man eigent­lich vor sich hat und wie die Schü­ler im Ein­zel­nen so „ticken“. Dies erleich­tert das indi­vi­du­elle Ein­ge­hen auf Stär­ken und Schwä­chen, was im leh­rer­zen­trier­ten Unter­richt kaum gelin­gen kann. Obwohl klar ist, dass eine der­ar­tige „Situa­ti­ons­ana­lyse“ bei 29 oder mehr Kin­dern in der Klasse eine gewal­tige Auf­gabe dar­stellt, ent­las­tet es letzt­lich das Agie­ren und Rea­gie­ren im Unter­richt. Ich bin davon über­zeugt, dass sich dies auszahlt. 

Mit die­ser Her­an­ge­hens­weise ist jedoch noch nicht klar, wie man im Kon­kre­ten den Unter­richt metho­disch indi­vi­dua­li­sie­ren kann. Dies­be­züg­lich gibt es eine Viel­zahl an Kon­zep­ten, die sich unter dem Ober­be­griff „freies Arbei­ten“ zusam­men­fas­sen las­sen, was wei­tere Schlag­worte wie etwa hand­lungs­ori­en­tier­ter Unter­richt, offe­ner Unter­richt, selbst­ge­steu­er­tes Ler­nen oder ent­de­cken­des Ler­nen ein­schließt. Auch die Begriffe Werk­statt­un­ter­richt und Wochen­plan­ar­beit  tau­chen in die­sem Zusam­men­hang in der Fach­li­te­ra­tur auf. Eine ganze Inva­sion ver­schie­de­ner Begriffe und Metho­den stür­zen bei der Recher­che auf mich ein und ich sor­tiere hin­sicht­lich der Ausgangsfragen,

1. Wie kann indi­vi­dua­li­sier­tes Ler­nen gelin­gen und

2. Was ist rea­lis­tisch und machbar?

Ich glaube dass sich in allen die­sen Metho­den und Kon­zep­ten Ideen fin­den las­sen. Ent­schei­dend ist, sich das pas­sende und sinn­vollste im Hin­blick auf den eige­nen Unter­richts­stil, die eige­nen Über­zeu­gun­gen und natür­lich die jewei­lige Schü­ler­schaft her­aus­zu­su­chen. Mir per­sön­lich fällt ins­be­son­dere das immer wie­der genannte Prin­zip der Wahl­frei­heit auf, wel­ches zumin­dest inner­halb eines abge­steck­ten Unter­richt­rah­mens (z. B. einer vor­be­rei­te­ten Umge­bung, eines defi­nier­ten Zeit­fens­ters, kla­ren Abspra­chen, Regeln und Ritua­len) zen­tral ist. Diese Wahl­frei­heit ist wich­tig, da sich so jeder Schü­ler indi­vi­du­ell (z. B. hin­sicht­lich Lern­tempo, Lern­ort, Arbeits­mit­tel oder Sozi­al­form) mit einem Unter­richts­thema beschäf­ti­gen kann. Vor­aus­set­zung ist jedoch, den Unter­richt sehr gut zu pla­nen, also unter­schied­li­che Auf­ga­ben (im Hin­blick auf den Lehr­plan) und Prä­sen­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu über­le­gen, Hilfs­mit­tel bereit­zu­stel­len, Lern­orte (wie etwa Biblio­thek, Com­pu­ter­raum) zu orga­ni­sie­ren, Regeln und Rituale mit den Schü­lern vorab fest­zu­le­gen. Zuge­ge­ben, es kos­tet viele Über­le­gun­gen und viel Mut, all dies umzu­set­zen. Denn die Ver­ant­wort­lich­kei­ten wer­den neu ver­teilt und die Schü­ler dies­be­züg­lich mehr ein­ge­spannt. Ich selbst habe die Methode der Lern­werk­statt inten­siv aus­pro­biert. Als Vor­teil sehe ich, dass man bei genauer Vor­be­rei­tung die Klasse bei­nahe auto­ma­tisch reflek­tiert und sich den Stär­ken, Schwä­chen und Beson­der­hei­ten bewusst wird. Ein wei­te­rer Vor­teil ist, dass man sich im Unter­richt selbst mehr zurück­neh­men kann. Die Rolle des „Beleh­rers“ weicht stark hin­ter der Auf­gabe des „Bera­ters“ und „Beglei­ters“ zurück. So ent­steht eine Chance, sich den unter­schied­li­chen Schwie­rig­kei­ten bes­ser zuwen­den zu kön­nen und die indi­vi­du­el­len Kom­pe­ten­zen der Schü­ler wirk­sam wer­den zu las­sen (z. B. zur gegen­sei­ti­gen Unter­stüt­zung). Die wei­tere Chance besteht darin, die Hete­ro­ge­ni­tät als Gewinn wahr­zu­neh­men und jedem Kind das Gefühl zu geben, nicht nur indi­vi­du­ell, son­dern auch wich­tig zu sein. Für mich ist das eine posi­tive und pro­duk­tive Art, mit Unter­schied­lich­kei­ten umzugehen.

Als Fazit halte ich fest: Es lohnt sich ers­tens, den Blick­win­kel in Rich­tung der Schü­ler zu ver­schie­ben, also vom Kind aus zu den­ken. Es lohnt sich zwei­tens, indi­vi­dua­li­sie­rende Metho­den zu reflek­tie­ren und (wenn auch zunächst in Tei­len) aus­zu­pro­bie­ren. Klar ist, es gibt kei­nen Königs­weg, denn schließ­lich sind nicht nur die Schü­ler, son­dern auch wir Leh­rer indi­vi­du­ell. Aber am Ende moti­viert es, den rich­ti­gen Weg zu fin­den. Es treibt voran. Mich und die Schüler.

Katha­rina Korves

  • Gefällt mir überhaupt nichtGefällt mir nichtOKGefällt mir gutGefällt mir sehr gut (10 Stimmen, Durchschnitt: 4,70 von 5)
    Loading ... Loading ...

Das Gymnasium als neue Gesamtschule der Mittelschicht

Im mei­nem letz­ten Blog­bei­trag hatte ich von einer fast schon skur­ril anmu­ten­den Bege­ben­heit im Alt­mühl­tal berich­tet: Dort ist ein prag­ma­ti­scher Vor­schlag, mit dem die Schul­ver­sor­gung sicher­ge­stellt wer­den sollte, von der Lan­des­re­gie­rung abge­lehnt wor­den. Denn die von Eltern­schaft und Kom­mu­nal­po­li­ti­kern gefor­derte Gemein­schafts­schule wird als Angriff auf das drei­glied­rige Schul­sys­tem gewer­tet. Doch nicht nur im Süden der Repu­blik stellt sich die Frage nach der „rich­ti­gen“ Schul­form für unsere Kin­der. Sin­kende Schü­ler­zah­len, eine wach­sende Hete­ro­ge­ni­tät der Lern­grup­pen und immer grö­ßere Bil­dungs­as­pi­ra­tio­nen vie­ler Eltern set­zen das Schul­sys­tem über­all in Deutsch­land erheb­lich unter Druck. Das gilt auch für die Gymnasien.

Hier ein Bei­spiel. In den wohl­ha­ben­de­ren Gegen­den von Ham­burg macht eine Schul­form ganz deut­lich das Ren­nen: 70 Pro­zent und mehr der Kin­der aus den west­li­chen Stadt­tei­len besu­chen das Gym­na­sium. Dazu trägt auch das Eltern­wahl­recht bei: Anders als bei­spiels­weise in Sach­sen oder Bay­ern ent­schei­den in Ham­burg die Eltern dar­über, wel­che wei­ter­füh­rende Schule ihr Kind besucht.

Doch auch anderswo gehen die Kin­der der Mit­tel– und Ober­schicht in ers­ter Linie aufs Gym­na­sium. In den Uni­ver­si­täts­städ­ten Frei­burg und Hei­del­berg zum Bei­spiel errei­chen die Gym­na­si­al­quo­ten Werte von rund 70 Pro­zent. In Wies­ba­den erhal­ten über 80 Pro­zent der Kin­der aus der Ober­schicht eine Emp­feh­lung fürs Gym­na­sium, von den Kin­dern aus der Unter­schicht sind es ledig­lich 14 Prozent.

Das Gym­na­sium wird so zur neuen Gesamt­schule der Mit­tel­schicht – mit den ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen: Man bleibt zwar unter sich, von einer Aus­lese der Leis­tungs­stärks­ten kann aber kaum die Rede sein. Im Gegen­teil: Die Band­breite der Leis­tungs­fä­hig­keit in den Klas­sen wächst: Selbst in Bay­ern – bekannt für sei­nen eher selek­ti­ven Zugang zum Gym­na­sium – lie­gen das stärkste und das schwächste Vier­tel aller 15-jährigen Gym­na­si­as­ten im Leis­tungs­ni­veau mitt­ler­weile mehr als zwei Jahre auseinander.

Egal, ob wir es gut fin­den oder nicht. Wir müs­sen akzep­tie­ren, dass unsere Gesell­schaft sich wan­delt. Sie ist viel­fäl­ti­ger gewor­den: in den länd­li­chen Regio­nen ebenso wie in den Innen­städ­ten und auch in den wohl­ha­ben­den Wohn­ge­gen­den, in Hamburg-Blankenese wie im Alt­mühl­tal. Das macht sich auch in den Schu­len bemerk­bar. In den Gym­na­sien, die­sen neuen Gesamt­schu­len der Mit­tel­schicht, fächert sich das Leis­tungs­ni­veau immer mehr auf: Die Viel­falt in den Klas­sen nimmt zu. Gerade in den sozia­len Brenn­punk­ten tref­fen immer mehr Kin­der unter­schied­lichs­ter Abstam­mung mit den unter­schied­lichs­ten Wert­vor­stel­lun­gen und unter­schied­lichs­ten Deutsch­kennt­nis­sen zusam­men: Die Viel­falt in den Klas­sen nimmt zu.  Gerade in den länd­li­chen Gegen­den wer­den die Schü­ler­zah­len in den nächs­ten zehn Jah­ren dra­ma­tisch sin­ken, in wei­ten Tei­len West­deutsch­lands um 30 Pro­zent und mehr. Schul­zu­sam­men­le­gun­gen wer­den unver­meid­bar: Die Viel­falt in den Klas­sen nimmt zu.

Diese Ent­wick­lung wird sich fort­set­zen: Kein Bil­dungs­po­li­ti­ker und keine Par­tei wird sich gegen einen star­ken Eltern­wil­len Rich­tung Gym­na­sium, gegen den Schü­ler­schwund in den länd­li­chen Regio­nen und gegen kul­tu­relle Viel­falt in den Bal­lungs­zen­tren stem­men kön­nen. Hete­ro­ge­ni­tät ist und bleibt Nor­ma­li­tät, gerade in den Klas­sen­zim­mern. Und da die Ent­wick­lun­gen regio­nal, teil­weise von Stadt­teil zu Stadt­teil, so unter­schied­lich sind, soll­ten wir über die Schul­struk­tur lie­ber prag­ma­tisch vor Ort als in irgend­wel­chen Wahl­pro­gram­men entscheiden.

 

 

Zum Wei­ter­le­sen: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise – von Jörg Drä­ger mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen, 2011, S. 71f

  • Gefällt mir überhaupt nichtGefällt mir nichtOKGefällt mir gutGefällt mir sehr gut (12 Stimmen, Durchschnitt: 4,50 von 5)
    Loading ... Loading ...

Schulrebellion im Altmühltal

Ein Drit­tel der Schü­ler wird in eini­gen Regio­nen Deutsch­lands in den nächs­ten 15 Jah­ren ver­schwin­den. Das wird Fol­gen haben, auch für die Schul­struk­tur. Bei der Recher­che für mein Buch „Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger“ bin ich auf ein fast schon kurio­ses Bei­spiel gesto­ßen. Es zeigt ein­drück­lich, dass die Schul­struk­tur vor Ort und nicht im Wahl­pro­gramm ent­schie­den wer­den sollte: Wenn es nach Eltern, Leh­rern und Kom­mu­nal­po­li­ti­kern ginge, wür­den die Schu­len von Den­ken­dorf und Kip­fen­berg zu einer Gemein­schafts­schule. Geht aber nicht…

In der mit­tel­baye­ri­schen Gemeinde Den­ken­dorf geschieht für baye­ri­sche Ver­hält­nisse Uner­hör­tes: Bür­ger­meis­ter Jür­gen Hauke, Mit­glied der CSU, plant die Abkehr vom drei­glied­ri­gen Schul­sys­tem. Die Gemeinde im schö­nen Alt­mühl­tal möchte eine Gemein­schafts­schule ein­rich­ten. Die Den­ken­dor­fer haben dafür einen Ver­bün­de­ten gewon­nen: Die Nach­bar­ge­meinde Kip­fen­berg ist eben­falls mit dabei. 

Beide Orte haben gute Gründe für ihren Vor­stoß. Dabei ste­hen aller­dings keine päd­ago­gi­schen Über­le­gun­gen im Vor­der­grund: In den länd­li­chen Gebie­ten Deutsch­lands wach­sen zu wenige Kin­der auf. Auch in Den­ken­dorf und Kip­fen­berg gehen den bei­den ein­zi­gen Haupt­schu­len all­mäh­lich die Schü­ler aus; zur Real­schule oder zum Gym­na­sium müs­sen die Schü­ler bis zu 50 Kilo­me­ter pen­deln. Zuletzt sank in Den­ken­dorf die Zahl der Haupt­schü­ler so stark, dass dort erst­mals eine Klas­sen­stufe geschlos­sen wer­den musste.

An der geplan­ten Gemein­schafts­schule sol­len die Schü­ler des­halb künf­tig in Ganz­tags­klas­sen gemein­sam unter­rich­tet und je nach Leis­tung indi­vi­du­ell auf einen Haupt– oder Real­schul­ab­schluss oder die gym­na­siale Ober­stufe vor­be­rei­tet wer­den. 2012 sol­len die Eltern über das Refe­renz­mo­dell abstim­men, 2013 wol­len die Gemein­den die Gemein­schafts­schule offi­zi­ell beantragen. 

Bay­ern sieht Gemein­schafts­schu­len aller­dings nicht vor. Statt­des­sen sol­len sich in länd­li­chen Gebie­ten soge­nannte Mit­tel­schu­len zu Ver­bün­den zusam­men­schlie­ßen: Jede Schule bie­tet einen unter­schied­li­chen fach­li­chen Schwer­punkt an, die Schü­ler müs­sen – je nach­dem, was gerade auf dem Stun­den­plan steht – zwi­schen den unter­schied­li­chen Stand­or­ten hin und her pen­deln. Bei den gro­ßen Dis­tan­zen wol­len Kip­fen­ber­ger und Den­ken­dor­fer ihren Kin­dern dies nicht antun. 

Doch ihre Chan­cen auf eine Gemein­schafts­schule sind eher gering: Bis­lang hat das Kul­tus­mi­nis­te­rium jeden Antrag auf schul­art­über­grei­fende Bil­dungs­an­ge­bote abge­lehnt. Bay­erns Kul­tus­mi­nis­ter Lud­wig Spaenle wet­tert gegen die „Ein­heits­schule“ und kün­digte bei einem Besuch in Den­ken­dorf an, er werde sich per­sön­lich dafür ein­set­zen, dass es im Land­tag keine Mehr­heit für das Pro­jekt gebe. „Wenn ich hei­ßes und kal­tes Was­ser zusam­men­schütte“, argu­men­tierte er in einem Inter­view, „kommt laue Brühe her­aus.“ Die ört­li­chen Bus­un­ter­neh­mer dürfte das freuen. Sie sind die Gewin­ner des baye­ri­schen Mittelschulkonzeptes.

Um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den: Das ist kein Plä­do­yer für flä­chen­de­ckende Gesamt­schu­len in Deutsch­land. Nur sollte da, wo es zu wenige Schü­ler gibt, an die Schul­struk­tur­frage mit etwas mehr Prag­ma­tis­mus her­an­ge­gan­gen wer­den. Das gilt übri­gens auch für die Regio­nen, in denen fast 80 Pro­zent der Schü­ler auf das Gym­na­sium gehen. Doch dazu spä­ter mehr …

Zum Wei­ter­le­sen: Dich­ter, Den­ker, Schul­ver­sa­ger: Gute Schu­len sind mach­bar — Wege aus der Bil­dungs­krise — Mit einer poli­ti­schen Gebrauchs­an­wei­sung von Klaus von Dohn­anyi von Jörg Drä­ger und Klaus von Dohn­anyi. Deut­sche Ver­lags­an­stalt, Mün­chen, 2011, S. 72f

  • Gefällt mir überhaupt nichtGefällt mir nichtOKGefällt mir gutGefällt mir sehr gut (11 Stimmen, Durchschnitt: 4,27 von 5)
    Loading ... Loading ...