Wie steinig wird der Weg? Die größten Hindernisse für individuelle Förderung

Individuelle Förderung ist ein Anspruch, den jede Schule sich leisten muss. Lehrer wissen das schon lange, und ausnahmsweise sind sich in diesem Punkt sogar die Politiker einig. Eigentlich wunderbar, so ein Konsens über eine Änderung im Bildungswesen. Merkwürdig nur, dass ihre Umsetzung trotzdem noch in den Anfängen zu stecken scheint. Woran das liegen könnte, hat die Bertelsmann Stiftung versucht herauszufinden.

Welche Barrieren stehen Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland auf unterschiedlichen Ebenen des Schulsystems im Wege, individuelle Förderung umzusetzen? Zu dieser Frage hat die Bertelsmann Stiftung Schulpraktiker, Bildungspolitiker, Fortbildner, Vertreter von Lehrerverbänden befragt und mit ihnen mögliche Barrieren identifiziert. Dabei sind von den Befragten insbesondere drei Barrieren benannt worden: 1. Die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer, 2. die wenig bedarfsorientierte Ressourcensteuerung und 3. die Abschulung von Schülerinnen und Schülern auf niedrigere Schulformen. Die Broschüre ‚Heterogenität und Bildung‘ enthält die wesentlichen Barrieren im Überblick (Download pdf)

1. Spätestens seit PISA haben vielfältige und tief greifende Reformen in den Schulsystemen aller Länder stattgefunden. Die Aufgabengebiete von Lehrern sind größer geworden, das Arbeitsvolumen und die Erwartungen sind stetig gestiegen. Schule ist zur dauerhaften Reformbaustelle geworden, und das schlägt sich in der Belastungssituation von Lehrerinnen und Lehrern negativ nieder. Ob Kinder und Jugendliche individuell gefördert werden, steht und fällt jedoch mit den Lehrkräften. Sie müssen für das Thema gewonnen werden. Dafür brauchen sie Entlastung.

2. Schulen mit sozial benachteiligter Schülerschaft haben besondere Herausforderungen zu bewältigen. Dort ist der Kontakt zu den Eltern häufig schwieriger, die Kinder und Jugendlichen erhalten zu Hause häufig weniger Unterstützung. Doch ist es gerade hier wichtig, dass die Schule in Kontakt mit den Elternhäusern steht, sich im Stadtteil vernetzt und für die Kinder und Familien Angebote macht, die die Schule zu einem Anziehungspunkt auch jenseits des Unterrichts werden lassen. Weil diese Schulen vor besonderen Herausforderungen stehen, benötigen sie zusätzliche Ressourcen.

3. Zwar ist Heterogenität der Normalfall im Schulalltag. Doch dominiert im schulischen Kontext immer noch ein Bedürfnis nach Leistungshomogenität. Jährlich bleiben, je nach Bundesland, 1,7 bis 3,6 Prozent der deutschen Schüler sitzen, ein ähnlicher Anteil wechselt die Schulform – wobei die Bewegung fast immer nach „unten“ geht, d. h. auf eine niedrigere Schulform. Die Verantwortung für den Lernerfolg des Kindes oder des Jugendlichen kann auf diese Art und Weise abgegeben werden, eine Ausrichtung des Unterrichts auf die einzelnen Schüler ist weder erforderlich noch gewünscht.

Individuelle Förderung heißt jedoch, Schule und Unterricht an den unterschiedlichen Lernständen, Potenzialen, Lernbedürfnissen und Lernwegen der einzelnen Schülerinnen und Schüler auszurichten – und Verantwortung für ebendiese Kinder und Jugendlichen zu übernehmen.


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