Wie gelingt es, im Unterricht auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen?

Realitätscheck – unter welchen Bedingungen ist individuelle Förderung möglich?

Lehrer sehen sich tagtäglich mit vielen Herausforderungen konfrontiert: Zeitmangel, ein schlechtes Betreuungsverhältnis und mangelnde Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte verhindern oftmals, dass sie sich jedem einzelnen Schüler widmen können. Aber vielleicht ist es ja trotz dieser Schwierigkeiten möglich, eine neue Lernkultur anzustoßen – wenn alle umdenken und Lehrer keine Einzelkämpfer mehr sein müssen. Die Quintessenz einer Debatte darüber, was heute schon möglich ist.

Wie gelingt es, im Unterricht auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen?
Wie gelingt es, im Unterricht auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen?

Am Samstag bin ich wieder einmal über die Gretchenfrage gestolpert, wie mit der vorhandenen Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer umgegangen werden kann. Aufgeworfen hat sie Maik Riecken, indem er in seinem fiktiven Artikel Ich bin ein schlechter Lehrer, weil…“ zunächst vielfältige Einzelschicksale von Schülerinnen und Schülern und deren Eltern dargestellt und diese Heterogenität schließlich aus Lehrerperspektive mit gespielter Resignation reflektiert hat. Innerhalb von nur drei Tagen hat es zwanzig Kommentare auf diesen Beitrag gegeben – ein Beleg dafür, wie zentral diese Frage für Schule und Unterricht ist und wie sehr sie das päd. Selbstverständnis von Kolleginnen und Kollegen berührt. Es hat mich sehr gereizt, aus den vielen Reaktionen die weiterführenden und hilfreichen Gedanken herauszudestillieren:

Als Lehrkraft kann ich nicht  zu 100% auf jedes einzelne Kind eingehen. Die individuelle Förderung der Einzelnen kann aber „aus der Nutzung der Ressourcen der Lerngruppe“ möglich gemacht werden, z. B. „durch gestalten von Lernsituationen, in denen die Kinder in Gruppen einander unterstützen können.“ Wenn SchülerInnen bspw. selbstständig in Gruppen arbeiten, gewinnt die Lehrkraft Freiräume, um sich auch verstärkt um Einzelne zu kümmern.

Dazu braucht es ein anderes Selbstverständnis der Lehrenden, die sich weniger als Wissensvermittler und „alleinverantwortliche Gestalter von Lernprozessen“ denn als Unterstützer und Moderatoren von Lernsituationen verstehen, die zu einer größeren Beteiligung und Aktivität der Schülerinnen und Schüler führen.

Wenn ich mich als Lehrender zurücknehme, damit die Schülerinnen und Schüler eine aktive Rolle im Unterrichtsgeschehen einnehmen können, so geht dies auch mit einer veränderten Haltung bzw. Einstellung gegenüber den Kindern und Jugendlichen einher: Es geht um Vertrauen in ihre Stärken, um Ermutigung und Wertschätzung – im Gegensatz zur immer noch recht verbreiteten Fehlersuchmentalität.

Damit übertrage ich ihnen automatisch auch (Mit-)Verantwortung für ihren Lernprozess – was aber nicht bedeutet, dass ich als Lehrender die Verantwortung abgebe und die SchülerInnen von jetzt an auf sich allein gestellt sind. Vielmehr geht es darum, an die Interessen und Bedürfnisse der SchülerInnen anzuknüpfen sowie Erfahrungsräume und Lernanreize zu schaffen. Dabei ist eine Rückmeldung der Lehrperson genauso wichtig, wie die Fähigkeit der SchülerInnen, ihren Lernfortschritt zu dokumentieren und realistisch selbst einzuschätzen.

Diesen Paradigmenwechsel kann ich an meiner Schule nicht als Einzelkämpfer anbahnen. Es braucht kooperierende Lehrerteams (und entsprechende Teamstrukturen), um die gemeinsame Vision von Schule mit vereinten Kräften – und bestenfalls mit Unterstützung der Schulleitung – umzusetzen. Dabei müssen nicht alle von Anfang an dabei sein – es braucht aber eine kritische Masse im Kollegium, um Veränderungen erfolgreich auf den Weg zu bringen.

Um die Grundlagen für individuelle Förderung zu schaffen, braucht es Methoden, Rituale und Strukturen (z. B. des kooperativen Lernens), die zu einer sicheren Lernatmosphäre beitragen. Wenn diese Strukturen einmal geschaffen, eingeübt und verinnerlicht sind, wird es leichter, kooperativ zu arbeiten. Das bedeutet, dass wir gerade zu Beginn der Schulkarriere eine besonders gute Betreuung der Kinder brauchen: “Kleine Kinder, kleine Klassen.” Je jünger die Kinder, desto kleiner muss die Lerngruppe sein. An weiterführenden Schulen stecken einige Schulleiter darum besonders viele Ressourcen in die Orientierungsstufe, ermöglichen dort zuweilen sogar Teamteaching. Durch diese intensive Förderung und Betreuung am Anfang kommen insgesamt mehr Schüler weiter.



Kommentare

  1. / von Maik Riecken

    Schülerinnen und Schüler werden sich gegenseitig unterstützen können, wenn sie im Bereich der Sozial- und Selbstkompetenz ein grundlegendes Level erreicht haben. Da das primär pädagogische Herausforderungen sind, braucht es dafür Menschen mit einer entsprechenden Qualifikation und es braucht eine Gesellschaft, die diese Kompetenzen achtet und gezielt fördert und sich nicht bei allen Defiziten zur Zeit auf allein die Schule verlässt, bzw. sie damit alleine lässt und das dann als Selbstständigkeit feiert. Deswegen halte ich die in diesem Artikel dargelegten Gedanken für eine wichtigen Vision, derer es aber viele gibt und genau denen ich mit dem Artikel mit „Realität“ begegnen wollte. Aber – ganz wichtig:

    „This is not the time to wonder, this is not the time to cry“ (Fury in the slaughterhouse)

    Es ist eine Zeit zum konkreten Handeln und da möcht sich zur Zeit kaum jemand die Finger schmutzig machen (mein Eindruck), weil Handeln im Gegensatz zum Konzeptionalisieren immer die Gefahr des Scheiterns in sich birgt.

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