Es gibt keinen Grund, Schüler sitzenbleiben zu lassen

Der Bildungsforscher Klaus Klemm belegt anhand jüngerer Forschungsergebnisse, dass Sitzenbleiben keine Verbesserung der schulischen Leistungen bei den Klassenwiederholern bewirkt: Sie sacken bestenfalls auf das niedrigere Niveau des neuen Jahrgangs, teilweise fallen sie in ihren Kompetenzen sogar weiter zurück. Schüler, die trotz schwacher Leistung versetzt wurden, haben im Vergleich eine bessere Lernentwicklung.

Auch die im Klassenverbund verbliebenen Schüler haben offenkundig nichts davon, dass die Schwächeren nicht versetzt werden, zeigen Klemms Ergebnisse (zu seiner Studie geht’s hier). Sitzenbleiben hat jedoch weitere Folgen für die Betroffenen. Es verlängert ihre Schulzeit und wirkt sich negativ auf die Schulkarriere aus – wer beispielsweise in der Grundschule eine Klasse wiederholen muss, hat kaum noch Chancen auf den Besuch eines Gymnasiums. Klassenwiederholungen verstärken zudem die soziale Selektion: Sitzen bleiben vor allem Kinder aus Migrantenfamilien und ärmeren Bevölkerungsschichten.

Dass man in dieser Frage auch eine ganz pragmatische Position vertreten kann, zeigt  z. B. Jens Großpietsch, der Schulleiter der Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule Berlin:

Es gibt eigentlich keinen Grund, einen Schüler sitzenbleiben zu lassen. Dann ist er nicht ausreichend gefördert worden oder er erbringt die Leistung nicht. Und dann muss man fragen ‚Warum bringt er die Leistung nicht‘? Wenn es Sozialprobleme sind, dann müssen die Sozialprobleme gelöst werden. Die lösen wir nicht dadurch, dass wir ihn auch noch aus der sozialen Gruppe rausreißen. Oder der Unterricht war schlecht, dann wird der Unterricht nicht dadurch besser, dass wir ihn sitzenlassen…“

Großpietschs Ausführungen zeigen zweierlei. Zum einen, dass das Verfehlen der eingeforderten Leistung am Ende des Schuljahres nicht allein dem Schüler angelastet werden sollte. Vielmehr liegt es auch in der Verantwortung der Eltern und Lehrer, ihren Schützling zum schulischen Erfolg zu führen. Zum anderen zeigt Großpietsch eine Haltung auf, die zu oft in den Hintergrund gerät: Die Faktoren, die zum Sitzenbleiben eines Schülers geführt haben, sind lösbar, auch noch im Nachhinein. Jedenfalls dann, wenn sich alle dafür ins Zeug legen.

Hier geht’s zum Filmbeitrag mit Jens Großpietsch


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