Klassenarbeiten und Tests: Sind alle auf dem gleichen Stand?

Individuelle Förderung, Noten, Standards – ein weites Feld?

Klassenarbeiten und Tests: Sind alle auf dem gleichen Stand?
Klassenarbeiten und Tests: Sind alle auf dem gleichen Stand?

Das Feld ist weit, um nicht zu sagen komplex: Wenn man anfängt, sich mit dem Thema Noten und Leistungsbeurteilung im Kontext individueller Förderung zu beschäftigen, stellen sich einem eine ganze Menge von Fragen. Es beginnt beim Auftrag des Gesetzgebers: In vielen Bundesländern ist individuelle Förderung bereits in den Bildungsplänen bzw. im Schulgesetz verankert. Aber wie konkretisiert sich dieser Auftrag im Schulalltag?

Individuelle Förderung bedeutet, dass eine Lehrkraft jede Schülerin und jeden Schüler „unter Berücksichtigung ihrer/ seiner spezifischen Lernvoraussetzungen, -bedürfnisse, -wege, -ziele und -möglichkeiten“ unterstützt (Kunze/Solzbacher 2008: 309). Um das tun zu können, muss eine Lehrkraft wissen, wo die Lernenden in ihrer Entwicklung stehen (Diagnosekompetenz) und mit welchen spezifischen Maßnahmen sie individuell gefördert werden können, um die vorgegebenen Bildungsstandards zu erreichen.

Übersetzt auf den Schulalltag bedeutet das, dass ich meine Schüler nicht mehr im Gleichschritt auf eine Klassenarbeit oder auf einen Test vorbereite, der dann von der gesamten Klasse zu einem bestimmten Zeitpunkt absolviert wird. Stattdessen berücksichtige ich stärker den Lernstand und das Lerntempo jedes einzelnen Kindes. Kompetenzraster, Portfolios, Lerntagebücher und andere Instrumente helfen dem Schüler und mir als Lehrkraft dabei, den Lernstand festzustellen und den Lernfortschritt zu dokumentieren. Da die einzelnen Schülerinnen und Schüler die fachlichen (und überfachlichen) Kompetenzen unterschiedlich schnell erwerben, ist die Erreichung der Bildungsstandards auch nicht punktgenau am gleichen Tag z. B. in Form einer Klassenarbeit überprüfbar. Schriftliche Leistungsüberprüfungen müssen dementsprechend flexibler gestaltet werden. Wie das funktioniert, kann man beispielsweise an der IGS Schaumburg in Niedersachsen beobachten: Hier gibt es verschiedene Termine, an denen z. B. eine Mathearbeit geschrieben werden kann. Einzelne Schülerinnen verlassen – wenn sie das erforderliche Kompetenzniveau erreicht haben – den Klassenverband und schreiben die Arbeit gemeinsam mit Kindern aus den Parallelklassen. Andere Schulen bieten differenzierte Klassenarbeiten auf verschiedenen Niveaus an.

Wenn die Förderung tatsächlich individuell erfolgen soll, muss jedoch auch die Lernentwicklung des Schülers bei der Bewertung Niederschlag finden. Eine faire Bewertung bezieht sich nie nur einseitig auf den zugrunde gelegten Standard, sondern auch auf die Lernentwicklung des Kindes. Deshalb überrascht es, dass in einigen Ländern die Schulgesetze bei der Bewertung nur wenig explizit auf die Lernentwicklung der Kinder und Jugendlichen eingehen. Dass diese bei der Bewertung zu berücksichtigen ist, sollte meines Erachtens sehr viel deutlicher als bisher aus den Gesetzen hervorgehen.


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