Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz

„Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir in Regelschulen keine Heterogenität“

Interview mit Professor Ulf Preuss-Lausitz über mehr Inklusion im deutschen Schulsystem

Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz
Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz

Was macht für Sie eine inklusive Schule aus?
Eine inklusive Schule weist zunächst einmal keine Schüler aufgrund irgendwelcher individuellen Besonderheiten oder Probleme ab. Jedes Kind wird aufgenommen und so, wie es ist, auch angenommen. Inklusive Schule wendet sich dem einzelnen Schüler zu, erkennt ihn an und fordert ihn entsprechend seiner persönlichen Möglichkeiten und Interessen. Das muss aber mit dem größtmöglichen Anspruch und ernsthaft geschehen – auch bei Kindern mit Beeinträchtigungen. Es ist keine Inklusion, wenn man für einen Teil der Kinder Kuschelpädagogik betreibt, damit sie beschäftigt sind. Inklusion heißt auch nicht, dass Schule defizitorientiert ständig nur auf vorhandene Behinderungen und Beeinträchtigungen blickt. Inklusive Schule muss sie zwar sehen und im Blick behalten, aber sie muss zusätzlich die Stärken, Potenziale und individuellen Talente der Kinder erkennen, ihre Interessen fördern. Das gilt natürlich für alle Schüler. Also auch für hochbegabte, die für ihre Verhältnisse ebenso Förderung brauchen. Und für all diese unterschiedlichen Schüler braucht inklusive Schule eine Pädagogik der Herausforderung und Anerkennung.

Welche Bedeutung hat inklusive Schule in bildungspolitischer Hinsicht?
Vom inklusiven Bildungssystem erwarte ich, dass zunächst einmal die sozialen Benachteiligungen abgebaut werden, die die immer wieder gleichen Gruppen im Alltag erfahren. Dazu gehören in ihrem Sozialverhalten gestörte Kinder, körperlich bzw. geistig Behinderte, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder sozialer Benachteiligung. Gerade wenn man auf die Sinnes- und Körperbehinderten schaut: Für sie ergibt sich im bestehenden Förderschulsystem ja so gut wie gar nicht die Möglichkeit, einen Abschluss zu machen. Hier müssen einfach bessere Bildungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Warum ist eine inklusive Schule überhaupt wünschenswert?
Hilfs- und Förderschulen sind ehemals ins Leben gerufen worden, um Kindern mit Beeinträchtigungen ein „ungestörtes“ Lernen in einem vergleichsweise geschützten Raum zu ermöglichen. Man hatte gehofft, dort auch eine bessere Ausbildungsfähigkeit und Berufsvorbereitung zu erreichen. Diese Hoffnung hat sich aber in keiner Weise erfüllt. Das Thema „Schulabschlüsse an der Förderschule“ ist eine Katastrophe. Das hat nichts mit den Lehrern zu tun, die dort eine Sisyphos-Arbeit bewerkstelligen, sondern ist systemisch bedingt. Wenn ich zehn lernschwache oder verhaltensauffällige Schüler in eine Klasse packe, dann ist der Anregungsgehalt für diese Kinder einfach viel zu gering. Natürlich lernen auch verhaltensauffällige Kinder voneinander. Aber was sie lernen, das sind dann eben Verhaltensauffälligkeiten. Ein solches Konzept kann nicht funktionieren. Auch die Ergebnisse der PISA-Studie haben bestätigt, wie wichtig die Zusammensetzung der einzelnen Klasse ist. Die – im Fall der Förderschulen nach Behinderungsart – homogenisierten Klassen bieten ein ungünstiges Lernmilieu ohne ausreichende Anregung für den Einzelnen.

Kann es eine Schule wirklich leisten, der Heterogenität aller Schüler gerecht zu werden?
Zunächst einmal meine ich, dass die Heterogenität von Kindern mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigungen keine Heterogenität ist, die den Unterricht belastet. Diese Formen der Beeinträchtigung stellen das geringste Problem in einer inklusiven Klasse dar. Dem gegenüber stehen die Kinder und Jugendlichen, deren Lernentwicklung durch mangelnde soziale Kompetenz, Verhaltensauffälligkeiten oder auch mangelnde Sprachkenntnisse massiv beeinträchtigt wird. Das hat einen viel massiveren Einfluss auf Unterricht. Nur ist diese Form der Heterogenität für Regelschulen eigentlich nichts Neues. Das sind Beeinträchtigungen, die heute in vielen großstädtischen Regelschulklassen Alltag sind und den Unterricht bestimmen. Inklusive Schule leistet somit also auch einen großen Beitrag für Regelschule. Inklusive Schule beinhaltet nämlich, dass die Fach Fachlehrer von Integrationskräften, Sozialarbeitern, Sonderpädagogen, Ergotherapeuten oder auch Psychologen in ihrer Arbeit unterstützt würden. Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir im Regelschulsystem keine Heterogenität. Jeder Lehrer muss schon heute jeden Tag mit Schülern umgehen, die aus den unterschiedlichsten sozialen und/oder kulturellen Milieus stammen.

Muss zukünftig jede Schule barrierefrei sein und sich auf alle Formen der Lernbehinderung einstellen?
So schön natürlich Barrierefreiheit an jeder Schule wäre, zunächst muss man sich einfach mal die Zahlenverhältnisse bewusst machen. Von 1.000 Kindern haben vielleicht fünf oder sechs eine Körperbehinderung, die barrierefreie Zugänge oder besondere Hilfsmittel erfordert. Inklusion bedeutet nicht, dass nun Kolonnen von Rollstuhlfahrern auf die Schulen zurollen. Gleiches gilt für geistig behinderte Kinder; von 1.000 Kindern haben im Durchschnitt sechs eine geistige Behinderung. Hier wird sich also jede Schule individuell auf die Formen der Beeinträchtigung einstellen müssen, die auch tatsächlich in ihrem Einzugsraum vorhanden sind.

Welche Rahmenbedingungen und welche Unterstützung benötigen Schulen vom System, um inklusiver zu werden?
Ich halte es für ganz wichtig, dass mit der inklusiven Schule auch die Schulentwicklung inklusiv wird. Bisher ist es so, dass dann, wenn Integration stattfinden soll, Sonderpädagogen als ambulante Hilfe in die Schule kommen. Die einzelne Schule braucht aber eine Art internes pädagogisches Unterstützungszentrum. Hier müssen dauerhaft Sozialarbeiter und Sonderpädagogen verankert sein, die in die Schulleitung mit eingebunden sind und die Unterricht mitgestalten oder beraten: seien es Kollegen, Eltern oder Schüler.

Welche Aus- und Fortbildung benötigen Lehrkräfte, um allen Schülern in einer inklusiven Schule gerecht zu werden?
Der konkrete Aus- bzw. Fortbildungsbedarf richtet sich immer nach den an der jeweiligen Schule vorhandenen Kindern bzw. Jugendlichen und deren Beeinträchtigungen. Als Physik- oder Mathelehrer weiß ich eben nicht viel über Autismus mit Asperger Syndrom. Habe ich aber ein solches Kind für die nächsten Jahre an der Schule zu betreuen, dann ergibt es Sinn, sich hier fortzubilden. In jedem Fall plädiere ich aber für eine gemeinsame Fortbildung von Regelschullehrern und ihren Förderschulkollegen. Lehrer, Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und auch die Schulleitung sollten sich in die gleichen Fortbildungen begeben, um hier eine gemeinsame Basis zu haben.

Ist die derzeitige Lehrerausbildung ausreichend, um angemessen auf die inklusive Schule vorzubereiten?
Die Antwort lautet ganz klar: Nein. In der Grundausbildung, also im Bereich Bachelor/ Master, brauchen wir dringend ein Pflichtmodul zum Thema Heterogenität und Inklusion. Dieses Modul muss dann auch Punkte wie Kooperationsfähigkeit und Teamwork beinhalten. Gleiches gilt für die Praxis. Auch im Referendariat muss Inklusion so verankert werden, dass sie den Lehrernachwuchs ausreichend auf den inklusiven Schulalltag vorbereitet. Darüber hinaus plädiere ich ganz stark dafür, dass in einem inklusiven Bildungssystem die schulinterne Fortbildung für das gesamte Lehrpersonal verpflichtend sein muss – ob nun allgemeine Lehrkraft, Sonderpädagoge oder Schulleitung.

Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Schulleitung zu?
Eine ganz elementare Bedeutung. Damit Inklusion überhaupt gelingt, brauchen wir gute, inklusionsbereite Schulleiter. Hier steht und fällt ansonsten mit wenigen Personen die Inklusionsfähigkeit einer ganzen Schule. Das kann und darf so natürlich nicht sein. Deshalb muss die Verpflichtung zur Teilnahme an Inklusionsfortbildungen auch und besonders für Schulleitungen gelten.

Was glauben Sie: Wie lange wird es dauern, bis Deutschlands Schulsysteme tatsächlich inklusiv sind?
Das ist natürlich schwer zu beantworten, zumal sich Inklusion in Deutschland als Entwicklungsprozess je nach Bundesland sehr unterschiedlich darstellt. Damit das Ziel eines inklusiven Bildungssystems so schnell wie möglich erreicht wird, muss der Prozess aber auf jeden Fall auf mehreren Ebenen gleichzeitig starten: Wir brauchen im Klassenzimmer einen guten, differenzierten Unterricht mit individueller Förderung; dann eine gute inklusive Einzelschule mit funktionierendem schuleigenen Unterstützungssystem und entsprechender Haltung und schließlich ein regionales Unterstützungsumfeld, das durch die Haltung der Menschen und Institutionen in der Region den Gedanken der Inklusion weiterträgt und fördert. Zu guter Letzt muss natürlich der gesetzliche Rahmen inklusionsfördernd gestaltet werden. Sprich, hier ist die Bildungspolitik auf Landesebene gefordert, die notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen.


Kommentare

  1. / von IMA 04

    Das Thema Inklusion ist gut erfasst. Die Umsetzung der UN-Konvention ist jetzt angesagt. Schritte über einen landesweiten Inklusionsplan müssen nun bestimmt werden. Dabei muss Qualität vor Quantität stehen. Also die Schulen müssen zuerst in die Lage versetzt werden, inklusiv zu unterrichten. Nur fortgebildete Schulleitung, vorhandene und fortgebildete multiprofessionalle Teams können an den Start gehen. Dabei muss es einen regen Austausch zwischen Schulen geben, die jetzt bereits erfolgreich Schulen des Gemeinsamen Unterrichts sind. Inklusion mit prekärer Ausstattung wird hingegen scheitern und den Inklusionswillen, der jetzt in vielen Bildungseinrichtungen vorhanden ist, wieder verschwinden lassen.

  2. / von Christian Ebel

    Vielen Dank für diesen Kommentar, dem ich mich inhaltlich voll und ganz anschließen kann! In Deutschland werden immer noch über 80 Prozent der Kinder mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten in separaten Förderschulen unterrichtet. Diese erweisen sich häufig als Sackgasse für ihre weitere Entwicklung: Die Abgänger erhalten keinen qualifizierenden Schulabschluss und eine gesellschaftliche Teilhabe wird ihnen wesentlich erschwert.

    Dass es anders geht, zeigen andere europäische Länder. In Italien, Norwegen und Schweden etwa gehen 95 Prozent aller beeinträchtigten Schüler in allgemeine Schulen. Die Erkenntnis dort: Wenn Kinder mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden, sind die Bildungschancen deutlich größer, als wenn sie nur mit anderen beeinträchtigten Kindern zusammen sind.

    Auch in Deutschland kann das Konzept der inklusiven Schule gelingen. Dies veranschaulichen die mehr als zweihundert Schulen, die sich in den Jahren 2009 und 2010 am Jakob Muth-Preis für inklusive Schule beteiligt haben. Jede dieser Schulen demonstriert auf eindrucksvolle Art und WEise, dass gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf in Deutschland realisierbar ist.

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