Neue Methoden sollten den lehrerzentrierten Unterricht der "Paukschule" ablösen. Quelle: Günther Paalzow, Deutsches Bundesarchiv

Selbstgesteuertes Lernen – Ein Ansatz mit Tradition (Teil II)

Im ersten Teil unserer Serie zu Vorläufern des selbstständigen Lernens ging es um Maria Montessori. Die prominente Italienerin stand mit ihren Ideen allerdings nicht allein: Maria Montessori ist eine Vertreterin der Reformpädagogik, einer bildungspolitischen Bewegung dieser Zeit, die derart einflussreich war, dass sie von einigen sogar als eigene Epoche bezeichnet wird. Um sie soll es im zweiten Teil unserer Serie gehen.

Neue Methoden sollten den lehrerzentrierten Unterricht der "Paukschule" ablösen. Quelle: Günther Paalzow, Deutsches Bundesarchiv
Neue Methoden sollten den lehrerzentrierten Unterricht der „Paukschule“ ablösen. Quelle: Günther Paalzow, Deutsches Bundesarchiv

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geriet die bisherige Kindeserziehung in die Kritik. Es ging um die Grundsätze: Statt an gesellschaftliche Konventionen heranzuführen, so lautete die Forderung, sollten Bildung und Erziehung nun stärker der persönlichen Entwicklung des Kindes dienen. In diesem Zusammenhang rückten auch Methoden wie spielerisches Lernen, praktisches Lernen und künstlerische Erziehung stärker in den Vordergrund, ebenso wie der Wunsch, Lernen in einer kindgerechten Umgebung zu ermöglichen, d.h. mit Pausen, Möglichkeiten zur Bewegung etc. Pädagogik sollte mehr „vom Kinde ausgehen“ und nicht so sehr von den Erwartungen der Erwachsenen geprägt sein – eine Vorstellung, die bis dato nicht in den Kindergärten, Schulen und sonstigen Erziehungseinrichtungen vorgeherrscht hatte.

Geistige Vorläufer dieser Entwicklung waren unter anderem Jean-Jaques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi und die so genannte Anschauungspädagogik. Rousseau plädierte entgegen der vorherrschenden Haltung dafür, Kinder als Kinder zu behandeln und nicht als kleine Erwachsene: Die Kindheit sei ein eigener, vollwertiger Lebensabschnitt. Für ihn wie auch für Pestalozzi sollte die Pädagogik vor allem dazu dienen, Kinder und Jugendliche – unabhängig von den Erwartungen der Erwachsenen – zu starken Persönlichkeiten zu formen, die den gesellschaftlichen Anforderungen im Erwachsenenalter gewachsen sein würden. Pestalozzi ging, ebenso wie Maria Montessori, davon aus, dass die Befähigung hierzu von Natur aus in jedem Kind angelegt sei und durch Erzieher und Lehrer (möglichst früh) angeregt, gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt werden müsse.

John Dewey 1902
John Dewey 1902

Learning by Doing
Große Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem praktischen Lehr- und Lernansatz zu, welcher Bildungsinhalte möglichst lebensnah vermitteln sollte. Dies zeigt das Beispiel des amerikanischen Pädagogen und Philosophen John Dewey, mit dem man bis heute das Prinzip „Learning by Doing“ in Verbindung bringt. Der bedeutende Vertreter der Reformpädagogik setzte sich für die Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche ein – und damit auch der Schule, die in erster Linie für die Kinder da sei und insofern auch an ihren Bedürfnissen ausgerichtet sein sollte. Zusammen mit seiner Frau gründete er 1896 eine Laborschule in Chicago, in der die Schülerinnen und Schüler erfahrungsorientiert lernen konnten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Reformpädagogik eine Hochphase, und das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Zahlreiche Ansätze wurden entwickelt, zahlreiche reformorientierte Ausbildungsinstitutionen ins Leben gerufen – nicht allen kann im Rahmen dieses Artikels der Raum gegeben werden, den die Konzepte verdienen. Verwiesen sei aber zumindest auf Peter Petersens Jena-Plan, das unter anderem von Georg Kerschensteiner vertretene Modell der Arbeitsschule, die Freinet-Pädagogik sowie die Waldorf-Pädagogik. Sie alle versuchen, Schule vom Kind her zu denken und zu gestalten.

Im Jahr 1921 wurde die Organisation „New Education Fellowship“ (heute: „World Education Fellowship“) als internationales Forum der reformpädagogischen Arbeit gegründet. Sie führte viele bekannte Pädagogen zu Diskussionen über das „Neue Lernen“ zusammen. Mit dem Nationalsozialismus kamen diese Aktivitäten – zumindest hier bei uns – weitgehend zum Erliegen. Erst nach dem Krieg sollten reformpädagogische Konzepte wieder an Bedeutung gewinnen, und so schließlich auch Einfluss auf moderne pädagogische Konzepte entfalten.

Heute lassen sich viele handlungsorientierte Unterrichtsmethoden, Arbeits- und Sozialformen auf die reformpädagogische Tradition zurückführen, so z. B. der Projektunterricht, Freiarbeit, das Stationenlernen oder auch das Konzept „Lernen durch Lehren„.


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