Licht und Schatten in der Bildungsumfrage „Zukunft durch Bildung“ – Wie Öffentlichkeit und Politik bei wichtigen Fragen auseinanderdriften

Egal welche Zeitschrift oder Tageszeitung ich in den letzten Wochen auch aufschlug, Bildungsthemen durchquerten sämtliche Medien. Auch wenn dies prinzipiell nichts Neues ist, so überraschte mich doch die immer dringlichere Ermahnung nach Veränderung, die ich allen Beiträgen entnehmen konnte. In der ZEIT blickte mir z. B. Prof. Dr. Baumert mit ernster Miene entgegen und sprach eindringlich von Umwälzungen und Herausforderungen, denen die zukünftige Bildungslandschaft gegenübersteht. Sinkende Schülerzahlen, eine steigende Zahl von Einwandererkindern, dazu mehr soziale Problemfälle – nur eine möglichst früh einsetzende, nachhaltige Förderung kann nach Meinung Baumerts dem befürchteten Bildungsabstieg entgegenwirken. In der Schule bedarf es einer individuellen Entwicklungsdiagnostik und zusätzlicher Lernzeit – „dies ist nur in Ganztagsschulen vernünftig zu organisieren“, so der Bildungsforscher.

Seine positive Haltung gegenüber der Ganztagsschule erinnerte mich sogleich an die große Bildungsumfrage „Zukunft durch Bildung“, die vor kaum zehn Tagen die Ganztagsschule als bevorzugtes Schulmodell auswies. In der von der Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants, der Bertelsmann Stiftung sowie der Tageszeitungen Bild und Hürriyet initiierten Umfrage sprach sich eine erfreulich hohe Prozentzahl von 80 % der Teilnehmer-/innen für den Ganztagsunterricht aus.

Bürgerbefragung „Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen“

Offenbar hat sich der Glaube an ein umfassendes Bildungsangebot nicht nur in der Wissenschaft durchgesetzt, sondern ist auch fest in den Köpfen der Befragten verankert. Mit dem positiven Votum der Bürger für die Ganztagsschule scheint auch ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungswesen Unterstützung zu finden; denn hierin liegt meiner Meinung nach das große Potenzial der Ganztagsschule. Im traditionellen Halbtagsschulsystem – für dieses Modell sprechen sich in eben der gleichen Umfrage nur noch ein Fünftel der Befragten aus – liegt die Verantwortung für die zusätzliche Förderung der Kinder nahezu ausschließlich bei der Familie; damit bestimmt die finanzielle Lage und Kompetenz der Eltern das Ausmaß und den Erfolg der Unterstützung maßgeblich. Nicht erst seit PISA wissen wir, dass genau hier eines der größten Probleme im deutschen Schulsystem liegt. Eine qualitativ gut gemachte Ganztagsschule birgt hingegen die Chance, dass auch Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern eine bestmögliche Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermöglicht wird.
Dies haben namhafte Experten ausgeführt. So zeigt z. B. die 2. Kinderstudie 2010, dass es benachteiligten Kindern oft an vielseitigen und entwicklungsfördernden Freizeitangeboten fehlt, auf die sie auch ohne finanzielle Mittel zurückgreifen können. Nicht nur das Plädoyer der Wissenschaftler für die „echte“ Ganztagsschule mit verbindlicher Teilnahme, rhythmisierten Schultag und qualitätsreichen Angebote, sondern auch das positive Votum der in der Kinderstudie befragten 2500 6- bis 11-jährigen Schüler für den Ausbau der Ganztagsschule sollten einen wertvollen Fingerzeig für die Bildungspolitik darstellen.

Eine ausschließlich zeitliche Verlängerung des Schulalltags im Sinne längerer Schulöffnungszeiten reicht dabei nicht aus, um Schülern eine spezifische Förderung zu bieten. Dies belegen auch die Ergebnisse der ersten bundesweit repräsentativen „Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen (StEG)“ . Zur Erinnerung: hier wurden in drei Erhebungswellen 2005, 2007 und 2009 mehr als 300 Ganztagsschulen untersucht. Das Resultat: Der Ganztag kann die Entwicklung von Sozialverhalten, Motivation und Schulleistungen in der Sekundarstufe I positiv beeinflussen, wenn Schulen ihre Potenziale nutzen, indem sie u.a. verstärkt individuelle Lehrmethoden einsetzen und die pädagogische Ausgestaltung ihrer Angebote beachten.

Eins scheint mir vor diesem Hintergrund klar: Die Ampeln stehen auf grün – ein Konsens ist geschaffen! Es bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das eindeutige Signal der Bürger und die Empfehlung der Wissenschaft auch endlich auf politischer Bühne niederschlagen. Gerade zu kontraproduktiv erschienen zuletzt die politischen Grabenkämpfe, bei denen sich z. B. im Februar die damals bürgerliche Landesregierung in Baden-Württemberg mit der rot-grünen Opposition über die Aufnahme der Ganztagsschule im Schulgesetz stritt. Diesem politischen Klein-Klein setzt der Bürger laut der Befragung eine klare Aussage entgegen: Wir wollen die Ganztagsschule, handelt entsprechend. Die zukünftige grün-rote Koalition in Baden-Württemberg nimmt diesen Bedarf wahr und verfolgt das Ziel, die Ganztagsschulen flächendeckend auszubauen. Hierfür sollen personelle Ressourcen, d. h. bis zu 1500 neue Lehrerstellen, geschaffen werden.
Die lange schwelende Diskussion um die Ganztagsschule bewegt sich damit eindeutig in eine Richtung. Die Kernfrage bleibt jedoch weiterhin unbeantwortet: Wie kann es gelingen, dass die Ganztagsschule auch qualitativ überzeugt? Wie muss das Angebot der Ganztagsschule gestaltet sein, um der Chancengerechtigkeit Vorschub zu leisten? Diese Fragen gilt es gerade jetzt, wo die Zustimmung in der Bevölkerung breiter denn je ausfällt, zu beantworten.

Gemeinsam Lernen mit und ohne Behinderung

Weit weniger Zustimmung gab es in der Online-Umfrage dagegen bei einer weiteren eminent wichtigen Frage: Nur knapp jeder zweite Befragte kann sich einen gemeinsamen Unterricht mit geistig behinderten oder verhaltensgestörten Kindern vorstellen – ein für mich erschütternd niedriger Wert. In diesem Punkt ist die internationale Politik dem Grundtenor im Volk anders als bei der Ganztagsschule anscheinend voraus. Seit März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ratifiziert und geltendes Recht. Die Länder sind somit dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderungen einen gleichberechtigten Zugang zum allgemeinen Schulsystem zu ermöglichen – ABER Inklusion ist hierzulande über den Lebensverlauf der Kinder und Jugendlichen hinweg unterschiedlich weit entwickelt. Kindertagesstätten sind in dieser Entwicklung mit einem Inklusionsanteil von 61,5 % im Vergleich zu Schulen mit bundesdurchschnittlich 18,4 % schon deutlich weiter, an den SI-Schulen werden in Deutschland sogar nur noch 14,9 % der Schüler mit besonderem Förderbedarf gemeinsam mit anderen Schülern unterrichtet. Zudem erreichen mehr als 76 % der Schulabgänger von Förderschulen keinen Hauptschulabschluss. Und auch die Spannweite des Anteils der inklusiv unterrichteten Schüler beim Bundesländervergleich ist enorm; betrachtet man die Sekundarstufe reicht sie von 5,7 % (Sachsen-Anhalt) bis zu 40,2 % (Schleswig-Holstein).

Obwohl die Inklusionsquote bundesweit in den vergangenen Jahren von 13,9 % (2004) auf 18,4 % (2008) angestiegen ist, verzeichnet Deutschland also einen klaren Rückstand hinsichtlich der Umsetzung der unterzeichneten Konvention. Angesichts der ernüchternden Resonanz in der Öffentlichkeit finde ich dies nicht überraschend: Ohne eine breite Basis ist eine Mammut-Aufgabe wie die Inklusion behinderter Schüler schwierig durchzusetzen. Nur mit erheblicher Überzeugungsarbeit und einem klaren Kurs dürfte es meines Erachtens gelingen, die offensichtlich erheblichen Ängste und Zweifel der Bürger nachhaltig zu zerstreuen. Das Thema Inklusion muss in den nächsten Jahren zwangsläufig auf der Tagesagenda der Politik einen vorderen Platz einnehmen – und die Ängste und Befürchtungen aller Beteiligten müssen durch gute Konzepte und gelingende Beispiele zerstreut werden. Es geht also – das macht auch Klemm in einem Gutachten aus 2009 deutlich – nicht nur um ein Mehr an Inklusion (insbesondere in weiterführenden Schulen). Vielmehr brauchen wir verlässliche Standards der personellen, sächlichen und räumlichen Ausstattung von inklusiven Schulen. In diesem Punkt sehe ich die entscheidende Weichenstellung für die bundesweite Entwicklung eines Schulsystems, in dem gemeinsames zielgleiches und zieldifferentes Lernen von Schülern mit und ohne Behinderungen ermöglicht wird.

Volksvertreter sind dafür verantwortlich, die von ihnen selbst bereits unterzeichneten Verträge nicht nur bürokratisch auszuführen, sondern den Wählern auch ausführlich die Gründe für die Unterzeichnung zu erklären. Schritt für Schritt, mit Erklärungen, einer klaren Argumentation und intensiver Öffentlichkeitsarbeit können die Bürger von den Chancen eines inklusiven Schulsystems überzeugt werden. Dies gelingt selbstverständlich nicht von heute auf morgen. Ich bin gespannt.

Stefanie Rother


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