Was braucht ein Kind, das in einem schwierigen Stadtteil aufwächst?

Das Bildungshaus Lurup schafft mit einer engen Kooperation zwischen Elementar- und Primarbereich die Voraussetzung für eine auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmte und erfolgreiche Bildungsbiografie.

Bei herrlichem Sonnenschein erreichen wir die Schule Langbargheide, die sich im Herzen Lurups im Westen von Hamburg befindet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Schulgeländes befinden sich zahlreiche Wohnblocks und Hochhäuser. Hier leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Die Arbeitslosenquote ist deutlich höher als in anderen Stadtteilen Hamburgs. Viele Kinder, die an diesem Ort leben, haben Angst auf die Straße zu gehen und spielen deshalb lieber zu Hause, erfahren wir später von der Schulleiterin Frau Berg.
Der Grund unserer Reise, ist die Besichtigung des „Bildungshauses Lurup“. Da mir der Begriff „Bildungshaus“ bis dato nicht geläufig war, bin ich schon sehr gespannt darauf, was sich dahinter verbirgt. Herzlich werden wir von der Schulleiterin in Empfang genommen und dürfen uns an einem sommerlich gedeckten Tisch erst einmal mit einer Tasse Kaffee stärken. Nach und nach gesellen sich noch die Leiterin der benachbarten Kita Moorwisch, eine Erzieherin und die Leiterin des Bildungshauses zu uns.
Wie wir erfahren, ist das Bildungshaus Lurup bereits im Schuljahr 2007/08 durch eine Kooperation der Kita Moorwisch und der Schule Langbargheide entstanden, auch wenn die offizielle Eröffnungsfeier erst im Herbst letzten Jahres stattfand.

Individualisierte Lernformen sind fester Bestandteil des Unterrichts

Wie kam es zu dieser Kooperation? Ausgangspunkt war das Anliegen beider Institutionen das Kind in den Mittelpunkt ihres pädagogischen Handelns zu stellen.
Sie fragten sich: Was braucht ein Kind, das in einem schwierigen Stadtteil, wie diesem aufwächst? Kita und Schule vertraten beide die Meinung, dass vor allem Halt und Stabilität wichtig seien. Warum sollte man also diese Unterstützung nicht gemeinsam in Angriff nehmen, zumal die Kita ja in direkter Nachbarschaft zur Schule lag.
Besonders wichtig war es beiden auch, allen Kindern die gleichen Bildungs- und Entwicklungschancen zu geben. Schließlich entstand die Idee, die Kompetenzen von Lehrern und Erziehern zu bündeln und Kita- und Grundschulkinder gemeinsam in jahrgangsübergreifenden Gruppen zu unterrichten. Zunächst gingen nur drei Klassen an den Start, von denen eine Klasse in der Kita und zwei Klassen in der Schule untergebracht waren. Mittlerweile funktioniert das Konzept so gut, dass im nächsten Schuljahr 15 Klassen jahrgangsübergreifend in Klassenstufe 0/1/2 sowie 3/4 unterrichtet und betreut werden. Da auch einige Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Schule besuchen, wurden zudem integrative Regelklassen eingerichtet. Diese werden von pädagogischen Teams betreut, in denen Lehrkräfte, Sonderpädagogen und Erzieher Hand in Hand zusammenarbeiten.

Integrative Regelklassen, Quelle: Sophie Scholl Schule Gießen

Bis die Kooperation von Kita und Schule jedoch reibungslos funktionierte und das Bildungshaus seinen Betrieb aufnehmen konnte, war es ein mühsamer Weg, wie uns Frau Berg berichtet. Unterstützung fanden sie beim Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, das dem Bildungshaus eine einjährige Fortbildung genehmigte, in der Lehrkräfte und Erzieher ein gemeinsames Leitbild entwickelten und Ziele definierten. Außerdem nutzten viele Pädagogen die Möglichkeit, an Schulen zu hospitieren, die bereits jahrgangsübergreifend unterrichteten. Seit dem Start der Kooperation treffen sich die beteiligten Kolleginnen und Kollegen regelmäßig, um ihre Arbeit zu reflektieren und neue Unterrichtskonzepte zu entwickeln. Die Zusammenarbeit ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung. Grundlegend ist, dass alle dieselbe Vorstellung von ihrer Arbeit haben.
Um uns nach der eher theoretischen Darstellung einen lebendigen Eindruck vom Bildungshaus zu verschaffen, dürfen wir den Unterricht besuchen. Ich werde von der fröhlichen „Froschklasse“ mit einem selbstgebastelten „Willkommensschild“ abgeholt und in ihr Klassenzimmer geführt. Interessant finde ich, dass sich das Zimmer nicht im Schulgebäude, sondern in der oberen Etage des Kitagebäudes befindet. Schuhe und Jacken haben hier im Klassenraum nichts verloren und müssen draußen bleiben. Zunächst setzen sich die Schülerinnen und Schüler in einer kleinen Sitzgruppe zusammen, die Lehrerin stellt auf ihrer Pappuhr eine Uhrzeit ein und die Schüler müssen sagen, wie spät es ist.
Anschließend bekommt jedes Kind, je nach Leistungsstand, eine andere Aufgabe, um sich mit dem heutigen Thema „Uhrzeit“ zu beschäftigen. Während manche das Modell einer Uhr ausschneiden und mit Zeigern versehen, tragen andere schon die Uhrzeiten in ein Arbeitsblatt ein oder beschriften einen typischen Tagesablauf mit Tageszeiten. Die Schüler müssen hier nicht im Gleichschritt lernen. Individualisierte Lernformen wie u.a. Werkstatt- und Stationenlernen, Projektunterricht und Wochenplanarbeit, sowie Einzel- und Partnerarbeit sind fester Bestandteil des Unterrichts. Noten werden nicht vergeben. Jedes Kind erhält einen individuellen Entwicklungsplan, der bei Elternsprechtagen zweimal jährlich und bei zusätzlichen Elternabenden besprochen wird.

Die Einbindung der Eltern ist den Pädagogen ein wichtiges Anliegen. Im Kitagebäude wurde zu diesem Zweck ein Eltern-Kind-Zentrum eingerichtet, in dem die Eltern u. a. morgens zusammen frühstücken, sich Beratung von einer Kinderkrankenschwester in Gesundheits-, Hygiene- und Ernährungsfragen holen können oder auch an Sprachkursen teilnehmen können. Ein großer Vorteil für berufstätige Eltern ist zudem das Anrecht auf einen Hortplatz.

Abschließend kann ich sagen, dass ich von dem, was ich gesehen habe, stark beeindruckt bin. Es gehört sicherlich eine gehörige Portion Mut dazu, diese Kooperation von Kita und Schule aus eigenen Kräften heraus zu initiieren und umzusetzen.
Bemerkenswert finde ich, wie eng die Lehrer und Erzieher gemeinsam mit Sonderpädagogen, Heilerziehern, Logopäden und vielen anderen in einem Team zusammenarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass alle Beteiligten Freude an ihrer Arbeit haben und besonders motiviert sind. Dadurch, dass viele Erzieher die Kinder von klein auf bis zum Ende ihrer Grundschulzeit begleiten, ist das Verhältnis sehr stark von gegenseitigem Vertrauen geprägt, was auch für die Eltern enorm wichtig ist. Gut gefällt mir, der „sanfte“ Übergang von der Kita in die Schule. Durch die frühen Berührungspunkte wird den Kindern nicht wie so oft der Eindruck vermittelt, dass in der Schule ein anderer Wind weht oder nun der ‚Ernst des Lebens‘ beginnt. Insgesamt ein überzeugendes Modell, das sicherlich als gutes Vorbild für andere dienen kann.

Vera Steinmann


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