Bildungssenator Zöllner ist für mehr Transparenz

Leistungstransparenz – Freund oder Feind der Schulentwicklung?

Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) will sich laut „Zeit“-Interview vom 26. Mai aus der Politik zurückziehen. Seine persönliche Bilanz mit Blick auf den Schulsektor: Ihm gelang es, in Berlin die Hauptschule abzuschaffen und aus dem dreigliedrigen Schulsystem mit Gymnasium und Sekundarstufe ein zweigliedriges zu machen. Zudem hat Zöllner als bekennender Anhänger der empirischen Bildungsforschung mit dafür gesorgt, dass Deutschland sich an PISA beteiligt.

Bildungssenator Zöllner ist für mehr Transparenz
Bildungssenator Zöllner ist für mehr Transparenz

Doch der internationale Vergleich ging Zöllner nicht weit genug. Ende letzten Jahres traute sich Deutschlands dienstältester Kultusminister das heiße Eisen anzufassen und im Rahmen seines „Qualitätspakets“ für Berliner Schulen eine größere Ergebnis- und Leistungstransparenz zu fordern. Zur Standortbestimmung und zur Elterninformation (nicht aber zum Ranking von Schulen untereinander) sollten in einem fairen Vergleich die Ergebnisse von Vergleichsarbeiten, Schulabschlüssen und Schulinspektionsberichten veröffentlicht werden. Während Befürworter hierin die große Chance sahen, den – ihrer Meinung nach lange überfälligen – Wettbewerb zwischen Schulen ankurbeln zu können, gingen Gewerkschaften, Lehrerverbände und regionale Initiativen auf die Barrikaden. Sie befürchteten, dass die geforderte Transparenz insbesondere den sog. Brennpunktschulen bedrohlich wird. Noch mehr Eltern würden den gebrandmarkten Schulen den Rücken kehren, so dass diese zur Erfolglosigkeit verurteilt sein würden. Brennpunktinitiativen und Oppositionspolitiker forderten im Gegenzug, weniger Geld für Kontrollen als für das Personal in Schulen aufzuwenden.

Vergleichsarbeiten öffentlich machen?
Vergleichsarbeiten öffentlich machen?

Ob auf Druck der Öffentlichkeit oder aus anderen Erwägungen – Zöllner zog das Vorhaben, auch die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten zu veröffentlichen, Anfang Mai zurück. Die Berichte der Schulinspektion sollen jedoch wie geplant publik gemacht werden, ebenso wie der Abiturdurchschnitt (Details gibt es hier).

„Transparenz“ – ein kleines Wort mit großer Wirkung. Wann immer es in den letzten Jahren im Kontext der Schulqualitätsdebatte zur Sprache kam, brachen heftige Diskussionen über untaugliche Vergleichszahlen, pädagogischen Pragmatismus und bedrohliche Schulrankings aus. Auch wenn der Stadtstaat Berlin mit den angedachten Maßnahmen zur Leistungstransparenz bundesweit am stärksten „vorpreschte“, ist das Thema doch länderübergreifend en vogue. Zwar werden nach eigenen Recherchen zur Zeit (noch) in keinem Bundesland die VERA-Ergebnisse von Einzelschulen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht; immer mehr Länder legen jedoch landesweite Berichte über die Ergebnisse von Schulinspektionen, Vergleichsarbeiten und Abschlüssen vor, um die Leistungsfähigkeit ihrer Schulen im Ländervergleich nachzuweisen. In einem föderalen Bildungssystem wie dem deutschen weisen die Berichterstattungen der Länder, wenn sie denn vorliegen, natürlich Unterschiede auf. Eindeutig ist aber, dass die Tendenz in Richtung Transparenz zunimmt und es womöglich nur eine Frage der Zeit ist bis einzelne Ländervertreter Zöllners Vorlage aufgreifen und die Offenlegung einzelschulischer  Leistungsdaten einfordern. Ob sich Lehrerverbände und Gewerkschaften dann weiterhin gegen den nicht zuletzt auch international immer stärker durchdringenden Output-Trend wehren können, bleibt ungewiss. Sicher ist nur, dass die Veröffentlichung der Vergleichsarbeitsergebnisse und Schulinspektionsberichte die eigentliche Intention der Evaluationsmittel ein Stück weit untergräbt: diese verfolgen eben nicht das Ziel, die Leistungsfähigkeit des Schulsystems zu bestimmen (PISA), sondern die schulinterne Kooperation und Diskussion über Unterrichtsgestaltung, Beurteilungspraxen und Entwicklungspotenziale anzustoßen.

Den Output-Gedanken an sich, dem die Überlegungen einer stärkeren Leistungstransparenz unterzuordnen sind, möchte ich an dieser Stelle keinesfalls beanstanden. Dass die Schulen dem Staat eine Rechenschaftslegung schulden und durch geeignete Tests die Grundbildung ihrer Schüler festhalten müssen, ist ebenso selbstverständlich wie unabdingbar für ein bundesweites Bildungsmonitoring. Fraglich bleibt meines Erachtens aber, …

  1. …welche Kompetenzen die Grundbildung von Schülern kennzeichnen?
    Entsprechende Parameter bestimmen die Aufgaben, die eine gute Schule zu erbringen hat, und formen das aktuelle Bildungsverständnis in der Gesellschaft. Mit der Veröffentlichung der VERA-Ergebnisse wird der Fokus an dieser Stelle erneut auf die Kernfächer und kognitiven Erträge von Schule gerichtet. Möchten wir unsere Schüler, besonders die aus bildungsfernen Familien, aber auf das gegenwärtige Leben vorbereiten und ihnen Freude am Lernen und Begegnen der Welt vermitteln, müssen alle Bereiche unserer reichhaltigen Kultur gleichermaßen anerkannt und gefördert werden. Die einseitige Konzentration auf Kernfächer und messbare Testergebnisse trimmt Schüler auf kognitive Leistung und drängt andere Fächer sowie Kompetenzen (soziale, emotionale, kommunikative etc.) ins Abseits. Ein entsprechender Vorwurf  wurde bereits im Kontext der PISA-Erhebungen laut und scheint immer noch nicht genügend Gehör gefunden zu haben.

 

  1. …mit welchen Instrumenten und Verfahren die Impulse für die interne Schulentwicklung angestoßen werden können?
    Werden die Erträge von Schule nicht allein auf kognitive Leistungen reduziert, müssen sich zwangsläufig auch die Messinstrumente und Test-Designs verändern. Um Lernprozesse und Bedingungen reflektieren zu können, müssen die implementierten produktorientierten Messungen durch qualitativ-prozessorientierte Verfahren ergänzt werden. Eine Möglichkeit könnten hier die sog. Peer-Reviews darstellen, bei denen eine Schulentwicklungsberatung und Prozessbegleitung im kollegialen Austausch erfolgt. Ein entsprechendes Evaluationsverfahren sieht die Schule als Subjekt und bezieht die Akteure in die Beobachtung, die Reflexion und den gemeinsamen Erkenntnisprozess mit ein. Ob eine Schule diese wertvollen Erfahrungen auch erleben kann, wenn sie lediglich als Schule mit den schlechtesten Leistungen im ganzen Bezirk bloßgestellt wird, dürfte zu bezweifeln sein.

 

  1. …wie ein gemeinsamer Weg der schulischen Qualitätsverbesserung gefunden werden kann, der die Ängste von Lehrkräften respektiert und gleichzeitig eine Weiterentwicklung sichert?
    Die brisante Berliner Debatte um Transparenz hat nicht zuletzt die Ängste der Lehrkräfte in den Blickpunkt gerückt. Soll der Vergleich pädagogischer Arbeit tatsächlich Impulse für die Schulpraxis nach sich ziehen, bedarf es einer Bereitschaft der Lehrkräfte, die eigene Arbeit zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und evtl. auch zu korrigieren. Die hierfür benötigte Fehlerkultur scheint in vielen Schulen noch nicht gelebt zu werden. Es wird künftig also eine der spannendsten Fragen bleiben, wie sich das Zusammenspiel von Akteuren und widersprechenden Intentionen gestaltet. Zöllner ist dieser Diskrepanz begegnet, indem er die Bevölkerung um ihre Meinung zu dem vorgeschlagenen Qualitätspaket bat. Auf politischer Seite muss zweifelsfrei ein sensibler und wertschätzender Umgang mit den Wünschen und Ängsten der Beteiligten vor Ort geübt werden; ebenso sind aber auch die Lehrkräfte gefordert, sich einem Perspektivwechsel nicht zu entziehen.

Stefanie Rother

Quellen:

„Zeit“-Interview mit Bildungssenator Jürgen Zöllner

Berliner Qualitätspaket für Schule und Kita

Qualitätsentwicklung in den Schulen


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