Vom Staat bezahlte außerschulische Nachhilfe – eine Kapitulationserklärung der Politik?

Laut einer Studie nehmen 1,1 Millionen Schüler regelmäßig Nachhilfe – privat finanzierter Förderunterricht ist bereits in der Grundschule verbreitet. Anstatt in die Qualität der Schulen und des Unterrichts zu investieren, damit außerschulische Lernförderung überflüssig wird, setzt die Bundesregierung mit dem Bildungspaket lieber auf kommerzielle Nachhilfeorganisationen.

Politik erscheint zuweilen etwas widersprüchlich. Dies sei exemplarisch am Thema „Individuelle Förderung“ und „Nachhilfe“ ausgeführt: Individuelle Förderung ist seit einigen Jahren fest in den Gesetzen und Erlassen vieler Bundesländer verankert. So wurde sie 2006 beispielsweise in Nordrhein-Westfalen als einklagbares Recht in das Schulgesetz aufgenommen. Diesem zufolge soll Schule und Unterricht durch gezielte individuelle Förderung so gestaltet werden, dass Versetzungen zum Regelfall werden. Dabei solle die Schule Schülern mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen ebenso gerecht werden wie besonders begabten Schülern. Ggf. drohendem Leistungsversagen einzelner Schüler soll mittels vorbeugender Maßnahmen begegnet werden. Im niedersächsischen Schulgesetz ist nachzulesen, dass individuelle Förderung begabungsgerecht ermöglicht werden soll. Baden-Württemberg hat individuelle Förderung 2007 gar zum Leitthema seiner Bildungspolitik gemacht.

Tatsächlich wird Schule vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland in dieser Hinsicht nicht gerecht. Die „Lernförderung“ für Schülerinnen und Schüler, die das Lernziel nicht erreichen, deren Versetzung gefährdet ist oder die sich leistungsmäßig verbessern möchten findet zunehmend außerhalb der Schule statt: Rund 1,1 Millionen Schüler nehmen regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Insgesamt geben Eltern jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro dafür aus. Das geht aus einer Studie hervor, die die Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm 2010 vorgelegt haben. Demnach ist Nachhilfe bereits in der Primarstufe ein zentrales Thema: Häufig wird sie in Anspruch genommen, wenn es am Ende der Grundschulzeit um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht.

Nachhilfe ist der Studie zufolge in unserem Bildungssystem längst keine Ausnahme mehr, um kurzfristig schulische Schwächen auszugleichen. Sie hat sich vielmehr zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt. Die starke Nachfrage nach privatem Ergänzungsunterricht ist ein deutlicher Ausdruck dafür, dass Eltern mit dem Schulsystem unzufrieden sind bzw. der Schule nicht zutrauen, dass sie ihre Kinder im Unterricht bestmöglich fördert. Da sich aber vor allem Kinder aus wohlhabenden und höher gebildeten Familien diese Möglichkeit der außerschulischen Förderung leisten können, nimmt dadurch die Chancenungerechtigkeit unseres Bildungssystems tendenziell zu.

Müsste es nicht dementsprechend das Ziel eines chancengerechten und qualitativ guten Schulsystems sein, Nachhilfe weitestgehend überflüssig zu machen? Dass das möglich ist, zeigen internationale Beispiele wie Finnland, Kanada oder die Niederlande. Dort kommen Schüler weitgehend ohne Nachhilfe aus. Gute Konzepte zur individuellen Förderung der Kinder und Jugendlichen in den Schulen bilden hierfür die Grundlage.

Die Bundesregierung sieht das offensichtlich anders. Weil Bildung Ländersache ist, versucht sie erst gar nicht, Schulen besser auszustatten oder in die Professionalisierung von Lehrkräften zu investieren. Sie bezuschusst lieber gleich kommerzielle Nachhilfeorganisationen: Das neue Bildungspaket der Bundesregierung „unterstützt“ Kinder und Jugendliche, deren Eltern leistungsberechtigt nach dem SGB II sind. Schülerinnen und Schüler, die das Lernziel nicht erreichen oder deren Versetzung gefährdet ist, haben einen Rechtsanspruch auf Lernförderung. Das sieht dann so aus:

Wenn die Schule dem Jobcenter (!) bestätigt, dass ein Kind ohne Förderung das Lernziel nicht schafft, bekommt es die außerschulische Nachhilfe aus dem Bildungspaket bezahlt. Tanjev Schultz von der Süddeutschen hat das wie folgt auf den Punkt gebracht: Politiker müssten…

„… alles dafür tun, dass die Schulen private Nachhilfe weitgehend überflüssig machen. Stattdessen plant Ursula von der Leyen eine Offensive für die außerschulische Nachhilfe. In Wahrheit ist das keine Offensive, sondern eine Kapitulationserklärung.“

 

Quellen:

Das Bildungspaket. Mitmachen möglich machen.

Ursula von der Leyen. Die Nachhilfelehrerin der Nation (Artikel in der SZ von Tanjev Schultz)

Studie „Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung“


Kommentare

  1. / von Christian Ebel

    Kann der Ganztag die Lösung sein?
    Als eine besondere schulorganisatorisch verankerte Förderleistung der Schulsysteme können ganztagsschulische Angebote verstanden werden. Meine Vorstellung wäre, dass das private Nachhilfe überflüssig macht.
    Ernüchternd: eine aktuelle Studie zum Nachhilfeunterricht in den EU-Ländern zeigt, dass in Frankreich (einem Land, das ausschließlich Ganztagsschulen kennt) die Inanspruchnahme von außerschulischem Nachhilfeunterricht größer als in jedem anderen Land ist.
    http://www.nesse.fr/nesse/activities/reports

  2. / von LEKTION 8 - Nachhilfe Online

    Wie sollen Kinder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, wenn die Eltern schon in der Grundschule auf Vollkaskobildung setzen?

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