Relative Entwicklung der der Zehn- bis Fünfzehnjährigen 2006 bis 2025

Das Drama der Demografie – Über finanzielle Freiräume, leere Versprechen und politische Winkelzüge

Die Demografiereserve wird im Bildungssystem verbleiben“, „demografiebedingte finanzielle Spielräume werden genutzt“, „wir wollen und werden mehr investieren…“.

Sprechen Politiker aller Parteien über die Zukunft der deutschen Bildungslandschaft, so überschlagen sie sich quasi mit feierlichen Versprechen. Ausschlaggebend für die von Optimismus getragene Zusicherung eines künftig besser finanziell ausgestatteten Bildungssystems sind die unabwendbaren demografischen Wandlungsprozesse. Sie lassen Schülerzahlen kontinuierlich sinken und werden vonseiten der Politik mehr und mehr als Chance wahrgenommen. Die Frage ist nur: Als Chance für wen?

Zahlen, Fakten, Forderungen….

…lassen sich schnell zusammenfassen: Seit 2003 nimmt Deutschlands Bevölkerung ab. Nach den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er Jahre – Anfang der 60er Jahre hatte Deutschland die höchste zusammengefasste Geburtenziffer der Nach­kriegszeit von 2,5 Kindern pro Frau verzeichnet – sank die Geburtenhäufigkeit in den 70er Jahre auf circa 1,4 Kinder pro Frau ab und hält sich seitdem relativ konstant (2009 lag die Geburtenziffer bei 1,36 Kindern je Frau). Unmittelbare Folgen der abnehmenden Geburtenzahl zeigen sich hinsichtlich der Entwicklung einzelner Alterskohorten. Bis zum Jahr 2060 wird sich die bevölkerungsstarke Schicht der mittleren Alterskohorte immer weiter nach oben verschieben; die nachkommenden Jahrgänge sind dagegen zahlenmäßig nicht so stark ausgeprägt. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens das 65. Lebensjahr vollendet haben und es werden doppelt so viele 70-Jäh­rige leben wie Kinder geboren werden (siehe 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung).

Aus den unvermeidlichen Verschiebungen der Altersanteile von Erwerbstätigen ergeben sich neue Forderungen für den gesamten Bildungsbereich. Müssen wirtschaftliche und gesellschaftliche Leistungen künftig von weniger und älteren Menschen erbracht werden, heißt das auch, dass Schüler höhere Qualifizierungen erreichen und ihr Wissen im Sinne des lebenslangen Lernens stetig aktualisieren müssen. Hierfür müssen vor allem Bildungsbarrieren abgebaut werden.

Neben den qualitativen Verbesserungen bedarf es aber auch veränderter schulischer Organisationsformen, um ein wohnortnahes Schulangebot für alle Kinder sicherzustellen – dies zeigte der Schulentwicklungsexperte Prof. Dr. Rösner  im Rahmen des 5. Bildungspolitischen Symposiums NRW auf.  Zwischen 2001 und 2009 sank die Schülerzahl im ersten Schuljahr an nordrhein-westfälischen Grundschulen um 11 %, bereits 8 % der Grundschulen mussten schließen. In weiterführenden Schulen werden die Effekte des demografischen Wandels in Kombination mit dem Schulwahlverhalten der Eltern spürbar. Während Gymnasien in der Gunst der Eltern stetig steigen und Schülerverlust von nur 5 % verzeichnen, verlieren Realschulen mehr als 19 % ihrer Schülerschaft und Hauptschulen müssen Einbußen von 48 % hinnehmen. In fast allen Bundesländern werden neue Schulmodelle umgesetzt (Verbundschulen, Gemeinschaftsschulen, Sekundarschulen). Mit ihnen wird (auch) auf die demografische Entwicklung reagiert. Obwohl sich diese vor allem in den ländlichen Bezirken bemerkbar macht, werden letztlich Umstrukturierungsmaßnahmen für das gesamte Bundesgebiet vonnöten sein.

Entsprechende Maßnahmen – sowohl die qualitativen als auch die quantitativen – gelingen langfristig nur mit entsprechenden Investitionen. Diese Investitionen sind realisierbar, wenn trotz sinkender Schülerzahlen die Bildungsausgaben beibehalten und die Demografiegewinne den Schulen zugestanden werden. So lautet die Forderung aus der Wissenschaft, so lautet auch das Versprechen vonseiten der Bildungspolitik.

„Schulen kommt nur eine minimale demografische Rendite zu“…

…dies ist das ernüchternde Ergebnis einer Berechnung von Prof. Dr. Klaus Klemm. Mit seinem Interview in der letzten Ausgabe der ZEIT  nimmt der Bildungsökonom der Politik ein Stück weit den Wind aus den Segeln. Nach seiner Berechnung, die er auf der Grundlage eines vor kurzem erschienenen KMK-Papiers  zum Lehrereinstellungsbedarf und -angebot für die Jahre 2010-2020 vornimmt, werden die Kultusminister die Zahl der Lehrer in den kommenden Jahren von ca. 800.000 auf ca. 720.000 senken. Mit den 28.000 neuen Lehrern, die jährlich eingestellt werden sollen, könne der jetzige Stand von 26.000 Neueinstellungen zwar gehalten werden, tatsächliche demografische Renditen dürfen Schulen aber kaum erwarten. Man müsse schon 36.000 Lehrer einstellen, um den Schulen einen Demografiegewinn zukommen zu lassen, so Klemm. Auch das Vorhaben, bis zum Jahr 2015 den Anteil der Bildungs- und Forschungsausgaben auf 10 % des Bruttoinlandproduktes zu steigern, sei unrealistisch, wenn die Politik nicht bereit wäre, substanziell mehr Geld in den Bildungsbereich zu investieren. Wird weiterhin nach dem Motto „bloß nicht mehr als dringend notwendig“ investiert, gilt gleiches meines Erachtens auch für die Ziele, Bildungsbarrieren abzubauen und Chancengerechtigkeit zu ermöglichen.

Viel heiße Luft…

…gibt es in der Bildungspolitik seit jeher. Was wollte man nicht schon alles verändern, verbessern, reformieren? Und wie oft knickten Politiker ein, wenn es konkret wurde? Wie oft wurde viel geschimpft, ideologische Grabenkämpfe ausgetragen (z. B. um die „richtige“ Schulstruktur) und letztendlich wenig gehandelt?

Relative Entwicklung der der Zehn- bis Fünfzehnjährigen 2006 bis 2025
Relative Entwicklung der der Zehn- bis Fünfzehnjährigen 2006 bis 2025

Sprechen die Politiker von der „Chance“ der Demografie, meinen sie – so scheint es mir – auch die „Chance“ für ihren eigenen politischen Wahlkampf: Die Frage nach demografischer Rendite eröffnet Politikern die Chance, mit leeren Versprechungen in Zeiten der allgegenwärtigen Krisenstimmung das Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen, dass die Politik reagiert. Ob die Schulen und die Schüler letztlich von den Demografiegewinnen profitieren, wage ich zu bezweifeln. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.


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