“Schulfriede“ in NRW: Etikettenschwindel oder Meilenstein?

Ist jetzt endlich Ruhe im Mutterland der ideologischen Auseinandersetzungen um die richtige Schulstruktur? Die bisherigen Erfahrungen dazu in Deutschland sind zwiespältig: der Bremer Schulfriede sorgte tatsächlich für Ruhe im Streit, in Hamburg dagegen trieb die im politischen Konsens verabschiedete Schulreform viele Eltern auf die Barrikaden – das Bürgerbegehren kippte letztlich die Regierung, die den vermeintlichen Frieden herbeigeführt hatte.

Letzteres ist für NRW nicht zu erwarten. Denn der Konsens verdankt sich zum großen Teil den Eltern und ihrer Abstimmung mit den Füßen, den sie seit Jahren praktizieren nach dem Motto „Mein Kind soll auf keinen Fall auf die Hauptschule!“ Fast Dreiviertel der über 20.000 Teilnehmer aus NRW an einer Online-Bildungsumfrage ist nämlich davon überzeugt, dass ein Hauptschulabschluss heute nicht mehr ausreicht, um in der Gesellschaft zurechtzukommen. Umgekehrt „verschont“ der Konsens das Gymnasium, die beliebteste Schulform der meisten Eltern.

Der Konsens ist deshalb im Blick auf die Eltern weise: er öffnet einen neuen Weg für das längere gemeinsame Lernen, ohne diesen Weg allen aufzuzwingen. Tatsächlich ist dieses in NRW sehr umstritten: in der erwähnten Online-Bildungsumfrage, an der besonders Bildungsinteressierte mit höheren Bildungsabschlüssen teilnahmen,  waren 40 Prozent für die bisherige Aufteilung nach der vierten Klasse, 43 Prozent für die Aufteilung nach der sechsten Klasse und 17 Prozent für das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Sekundarstufe I.

Im Blick auf die Kommunen ist der Konsens klug, denn er gibt ihnen die dringend benötigte Flexibilität, um die kommunale Schullandschaft für den demographischen Wandel robust zu machen.

Die Gretchenfrage aber ist, ob der Konsens Kindern mehr Bildungschancen einräumt und bessere Schulen möglich macht. Denn darauf kommt es an: nicht die Struktur zählt, sondern die Qualität des Lernens. Die kann nur entstehen, wenn sich der Unterricht verändert und Kinder besser individuell gefördert werden. Kleinere Klassenfrequenzen, die im Konsens vereinbart wurden, können dafür einen Rahmen darstellen: aber noch wichtiger sind die Kompetenzen der Lehrkräfte. Nur wenn Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit der steigenden Heterogenität der Schülerschaft besser werden, ist die neue Schulform Sekundarschule mehr als eine neue Etikette – nur dann  wird sie erfolgreich sein und in der Gesellschaft Akzeptanz finden.

Deshalb darf der Konsens jetzt nicht zur Ruhe führen, sondern muss im Gegenteil nach der Beruhigung an der Strukturfront verstärkte Aktivität auslösen: jetzt müssen endlich die in den Fokus geraten, auf die es ankommt – die Lehrerinnen und Lehrer! Es ist nicht das geringste Verdienst des Schulfriedens in NRW, dass dafür jetzt der Blick frei wird und die schulpolitischen Anstrengungen endlich in diese Richtung gebündelt werden können. Wenn das passiert, wenn Lehrkräfte bei ihrem für die Gesellschaft so wichtigen „Herkulesjob“ endlich besser unterstützt werden, wäre der Konsens ein echter Meilenstein!

=> Online-Bildungsumfrage „Zukunft durch Bildung“ – Ergebnisse NRW


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