Wie Neugier und Freude am Lernen erhalten bleiben

Die Konrad-Adenauer-Schule in Langenberg richtet ihre Unterrichtsangebote gezielt auf die individuellen Lernvoraussetzungen, Bedürfnisse und Interessen der Schüler aus.

Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Bruno Mars: Einer dieser Komponisten gehört nicht in diese Reihe – und genau dessen Song performt die sechste Klasse der Konrad-Adenauer-Schule (KAS) in Langenberg, Nordrhein-Westfalen. Statt auf klassische Musik setzt Lehrerin Claudia Mintert auf aktuellsten Pop. Das begeistert nicht nur, sondern lässt die Schüler der Sechsten ebenso konzentriert wie engagiert bei der Sache sein. Der Erfolg bleibt nicht aus: Niemand verpasst den Einsatz, (fast) jeder Ton sitzt und Bruno Mars‘ Pop-Ballade ‘Grenade‘ schmeichelt sich gefühlvoll ins Ohr.

Die Konrad-Adenauer-Schule Langenberg

Während die jungen Musiker weiter an ihrer Ballade proben, werden nebenan leisere Töne angeschlagen. Hier sitzen die übrigen Schüler der Klasse an Gruppentischen und stecken ihre Köpfe zusammen. „Schokolade für dich“ steht in großen Buchstaben an der Tafel. Es geht darum, sich bei jemandem zu bedanken, der einem im letzten Schuljahr besonders geholfen hat. Als Dankeschön gibt es Kalorienreiches auf amerikanische Art: selbstgebackene Muffins. Also heißt es Förmchen basteln, Rezepte nachschlagen, Einkaufskosten berechnen und eine Präsentation vorbereiten. „Wir brauchen erst mal einen Plan. Wer macht denn überhaupt was?“ fragt Jan in die Runde. „Dilara kann doch so gut zeichnen“, sagt Pia. „Aber wie sieht eigentlich eine Schablone für Muffin-Förmchen aus?“ Ratlosigkeit unter den Schülern. „Das heißt dann wohl Cash für eine Beratung“, stellt Klassenkamerad Deniz nüchtern fest.
Beratung erhalten die Schüler bei ihren Lehrern Andreas Völkel und Birgit Fraune. Als Koordinatoren für gemeinsamen Unterricht und individuelle Förderung an der KAS haben sie das Lernarrangement „Schokolade für Dich“ aufwändig gestaltet: Bilder, Skizzen, Kochbücher und jede Menge Bastelmaterial liegen als Arbeitsgrundlage bereit. Alles, was darüber hinaus geht, kostet – und zwar Cash. Cash ist die Bildungswährung an der KAS. Jede zusätzliche Info oder individuelle Hilfe belastet das gruppeneigene Cash-Konto. Die Tarife sind übersichtlich: Lassen sich die Schüler von ihren Lehrern beraten, kostet dies drei Cash. Greifen sie auf Dateien vom Whiteboard zurück, werden vier Cash fällig. Wie viel Cash sie in eine Aufgabe investieren, darüber entscheiden die Schüler, bevor sie mit der Arbeit beginnen.

Selbstgesteuertes Lernen

Musik mach "MUM"
Musik mach „MUM“

So unterschiedlich die Lernsettings „Muffin & Musik“ zunächst auch erscheinen mögen, beide spiegeln die tragenden Säulen des Schulkonzepts der Konrad-Adenauer-Schule wider. Teilhabe und selbstgesteuertes Lernen gehören ebenso zum Selbstverständnis der Verbundschule wie gemeinsames, soziales Lernen und individuelle Förderung. Sicht- und hörbare Umsetzung findet dieses Konzept zum Beispiel im Projekt „Musik macht – MUM“. Darin haben alle Schüler der KAS in der Erprobungsstufe die Möglichkeit, ein eigenes Instrument zu erlernen. Musikalische Bildung richtet sich damit nicht mehr nach der finanziellen Situation im Elternhaus. Und wenn die Schüler als Band-Bläserklasse gemeinsam im Probenraum oder auf der Bühne stehen, dann gibt nur noch Musik den Takt an, und nicht etwa soziale Herkunft.
Genauso viel Disziplin, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit wie beim Musizieren verlangt auch die Cash-Methode, mit der die Schüler sich zusätzliche Hilfe einkaufen können. Die Methode ist Teil des Projektes Selbstgesteuertes Lernen (SEGEL). „Cash ermöglicht es den Schülern, ihren eigenen Arbeitsprozess aktiv zu planen und zu gestalten“, erklärt Birgit Fraune. „Außerdem lernen sie, wie sie verantwortlich mit Geld umgehen“. An der Konrad-Adenauer-Schule ist eigenverantwortliches Arbeiten ein verbindlicher Bestandteil des alltäglichen Lernens. Die Cash-Methode fügt sich optimal darin ein. Die Schüler entscheiden eigenständig über ihren Lernprozess. Die Lernmöglichkeiten, die sie sich jeweils schaffen, können sie individuell einsetzen – je nach Bedürfnis oder Interesse.

Struktur und feste Regeln

Auch außerhalb der SEGEL-Sequenzen gibt es Unterrichtsformen, in denen die Schüler sich als selbstwirksam erfahren. Wie zum Beispiel im Rahmen der sogenannten „Vorhabenwochen“. Hier werden für die Dauer von 6 Wochen gleich mehrere Fächer zu einem Stundenblock zusammengelegt. Die Lehrer sind in dieser Zeit „nur noch“ Moderatoren und Begleiter, nehmen sich also bewusst zurück. Dadurch ermöglichen sie es den Schülern, selbst gewählte Themen eigenständig zu erarbeiten. Das beinhaltet nicht nur den Arbeitsprozess, sondern auch die Zusammenstellung des eigenen Arbeitsmaterials. Zunächst ist eine solche Form des Arbeitens natürlich Neuland. Aber genau das gilt es zu entdecken. Und so landet am „Tag der Vorhaben 2011“ – fast schon symbolisch – auch Christoph Kolumbus‘ Flaggschiff „Santa Maria“ als Holzmodell auf dem Präsentationstisch.
Dass eigenverantwortliches Lernen in dieser lebendigen Form überhaupt möglich ist, gründet auf klaren Strukturen und einem festen Regelwerk. „Die Freiheit, die wir den Schülern hier im Lernen ermöglichen, gelingt nur durch verbindliche Regeln,“ erklärt Anette Westhoff, Schulleiterin an der Konrad-Adenauer-Schule. Solche Regeln müssen natürlich transparent gemacht werden. Und es muss klar sein, dass sie verbindlich sind. Nur so sind die Schüler auch in der Lage, sich im Schulalltag zu orientieren und eigenständig zu arbeiten. Nur so fühlen sich die Schüler auch ernst genommen.

Transparenz in jeder Stunde

Unterricht an der Konrad-Adenauer-Schule in Langenberg
Unterricht an der Konrad-Adenauer-Schule in Langenberg

Wie sich Transparenz in der schulischen Praxis überhaupt schaffen lässt, das zeigt schon der reguläre Mathematikunterricht von Lehrer Sven Hauptstein. Zu Beginn jeder Unterrichtseinheit verteilt er einen Flyer, der gemeinsam von allen Mathematiklehrern entwickelt wurde. Neben Inhalt, Ablauf und Teilzielen des anstehenden Arbeitsprozesses finden sich darin unterschiedliche Übungsaufgaben. Die Schüler bearbeiten diese entsprechend ihrer persönlichen Lernvoraussetzungen und vermerken dann in einer Tabelle, wie sie ihren Lernstand einschätzen.
Letzteres ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels, der sich an der Konrad-Adenauer-Schule schon vor längerem vollzogen hat. „Die Bewertung schulischer Leistungen muss sich an die neuen Lernformen anpassen“, davon ist Schulleiterin Westhoff überzeugt. In den unteren Jahrgängen setzt die Schule deshalb konsequent auf Portfolioarbeit. Individuelle Leistung wird gleich in mehrfacher Form gemessen und bewertet: Durch Zeugnisse mit Ziffernnoten und differenzierte Rückmeldungen sowie durch Selbsteinschätzungs- und Lernentwicklungsbögen.

Schule ohne Grenzen
Sich von klassischen Modellen zu lösen und offen gegenüber neuen Lernformen zu sein, beinhaltet für Anette Westhoff aber noch mehr, wie zum Beispiel die Aufhebung strikt getrennter Klassen- und Jahrgangsstufen. So werden Mathematik, Englisch und Deutsch an der KAS jahrgangsübergreifend unterrichtet. Dass das gemeinsame Lernen und die gegenseitige Hilfe der Schüler zu einem besseren Miteinander führt, erlebt die Schulleiterin jeden Tag.
Was hinsichtlich Transparenz und Offenheit im Unterricht funktioniert, das gelingt der Konrad-Adenauer-Schule auch auf Ebene ihrer Organisations- und Personalentwicklung. Anette Westhoff hat früh erkannt, dass Schule Veränderungen gegenüber genauso offen sein muss wie gegenüber Vernetzungen nach außen. Heute treffen in der Schule die verschiedensten Professionen und Kompetenzen aufeinander: Tischlermeister, Musiker der Kreismusikschule und Mitglieder verschiedener Sportvereine arbeiten eng mit den Lehrkräften zusammen. Flache Hierarchien und feste Team-Strukturen sorgen dafür, dass alle sich hoch motiviert für Schule engagieren. Um Schulentwicklung aber wirklich voranzubringen, braucht es nach Meinung von Schulleiterin Westhoff noch eine ganz entscheidenden Eigenschaft: Den Mut, trotz Fehler immer wieder Öffentlichkeit zu schaffen.

Links:

Zur Website der Konrad-Adenauer-Schule Langenberg

Auf einen Blick – Daten und Zahlen zur Konrad-Adenauer-Schule Langenberg