Den ganzen Menschen fördern

Individuelle Förderung hat mehr im Blick als die Lernleistungen von Kindern. Das gilt grundsätzlich. Das gilt aber besonders für Schule im sozialen Brennpunkt. Dort also, wo ohne den Blick auf das familiäre, kulturelle und soziale Umfeld gar nichts geht.

Robinsbalje

Es war an einem Montag in der zweiten Stunde, als Ela wieder mit dem Rechnen begann. Zwei Euro plus ein Euro und fünfzig Cent. Eigentlich nicht schwer für das achtjährige Mädchen kurdischer Herkunft. „Eine gute Schülerin, lebendig und aufgeweckt“, sagt Ursula Henschen, Leiterin der Grundschule an der Robinsbalje in Bremen. „Aber irgendwann war sie im Mathematikunterricht nicht mehr erreichbar.“ Welches Problem sich dahinter verbarg, das überraschte selbst die erfahrene Sonderpädagogin. Unter vier Augen offenbarte Ela sich ihr und erzählte, dass sie nicht mit Geld rechnen dürfe. Geld, das sei Sache des Vaters. Papa hat das Geld, und wenn wir an der Kasse stehen, dann bezahlt er, sagte Ela. Wenn ich einkaufen gehe, bezahle ich selbst, sagte Ursula Henschen.

Individuelle Förderung – das heißt nicht nur, inhaltlich auf die Interessen und Lernmöglichkeiten eines Kindes einzugehen. Individuelle Förderung heißt auch, in Lebenswelten einzutauchen und zu verstehen, wodurch der Alltag der Kinder geprägt ist. Wie zum Beispiel durch andere kulturelle Wurzeln. Und andere Kulturen, davon gibt es reichlich an der Robinsbalje. Kinder aus über 30 Nationen besuchen die Grundschule im Bremer Stadtteil Huchting. Viele von ihnen stammen aus arabischen und kurdischen Familien, sind Schwarzafrikaner oder Sinti und Roma.

„Wer diese Kinder verstehen will, der muss ihnen Fragen stellen“, sagt Schulleiterin Henschen. So wie sie es auch bei Ela getan hat. Die im Mathematikunterricht mittlerweile wieder mit Geld rechnet. Doch nur in der Schule und ohne dass Papa es weiß. Aber das ist egal, sagt Ursula Henschen und setzt auf kleine Schritte. Denn immerhin bringt sie Ela dadurch auch westliche Werte näher – wie zum Beispiel Emanzipation.

Schule im sozialen Brennpunkt

Robinsbalje ist Endstation. Es ist eine Adresse, die man nicht haben darf. Obwohl er eigentlich nur eine Straße bezeichnet, steht der Name für ein ganzes Viertel. Achtgeschossige Wohnblöcke in Senfgelb oder Himmelblau. Kein Tag ohne Polizei im Quartier. Drogenhandel, rivalisierende Clans, unsichtbare Reviergrenzen, selbst ernannte Bürgermeister. Versandhäuser liefern schon lange nicht mehr an die Robinsbalje. Mittendrin die Grundschule.

„Eine solche Lebens- und Wohnsituation ihrer Schüler können Sie nicht aus Schule raushalten“, sagt Ursula Henschen. „Das soziale Umfeld und auch die Herkunft aus Bürgerkriegsländern prägen. Bei vielen Kindern kommen wir mit erzieherischen Maßnahmen nicht weiter. Wir haben Schüler, die schreien um ihr Leben, wenn man sie berührt oder auch nur die Tür hinter ihnen schließt.“ Mitunter sind es schwerste Traumatisierungen, die ein solches Verhalten bedingen. Um genau das erkennen und besser verstehen zu können, ließen sich Henschen und ihr Kollegium von zwei Traumatherapeutinnen fortbilden.

Mehr als kleine Brötchen backen

In den Augen der Schulleiterin ist Projektarbeit eine ideale Form, um Kinder individuell zu fördern: „Kinder können sich sehr gut selbst einschätzen. Und genau das nehmen wir in den Projekten auf. Wir legen Ziele fest, die sie unbedingt erreichen wollen. Danach arbeiten sie fast von allein und unglaublich motiviert.“ So wie dienstags beim Backprojekt – was eigentlich nichts anderes ist, als Sachkunde, Mathematik und Soziales Verhalten, vermischt mit Brötchenduft. Hier wird gewogen, gemessen, gerührt und gebacken. Und wer sein Talent im schnellen Rechnen sieht, der steht beim Pausenverkauf der Brötchen am Tresen.

Robinsbalje Kantine

Einen besonderen Unterrichtstrumpf hat Schulleiterin Henschen mit ihrer Schulassistentin Cornelia Weßling im Ärmel. Sie ist keine gelernte Pädagogin oder Erzieherin, sondern war ehemals Personal-Trainerin in einem großen Unternehmen. Eines Tages hatte sie jedoch genug davon und wollte „irgendwas mit Kindern machen“. Jetzt treibt sie die Projektarbeit an der Robinsbalje voran. Aus den Büchern des Grundschulverbandes greift sie einzelne Themen auf und setzt sie als Unterrichtsprojekte um. Ob Streitschlichter, Schülerparlament, Wandzeitung oder Pausenhofgestaltung – Cornelia Weßlings unkonventionelle Art begeistert und fordert die Schüler. Mitunter schaffen es die Kinder dadurch sogar bis in die Gesamtkonferenz. Gerade erst haben sie am Flipchart vor 50 Erwachsenen darüber referiert, wie sie sich ihren Pausenhof vorstellen. Sachkunde, Deutsch und Ich-Stärkung vermischt mit Stolz.

Heterogen – heterogener – am heterogensten?

Verschiedenartigkeit ist nicht steigerungsfähig. 274 verschiedene Kinder an einer Schule bleiben 274 verschiedene Kinder. Doch macht es schon einen Unterschied, ob diese Kinder nur eine Nationalität besitzen oder 30 verschiedenen Kulturen entstammen. Dann nämlich setzt individuelle Förderung gleich an mehreren Stellen an. „Damit hier überhaupt so viele Nationalitäten lernen können, mussten wir es irgendwie schaffen, die Familien und auch das Amt für Soziale Dienste in die Schule zu holen“, sagt Schulleiterin Henschen. Was sich so schnell daher sagt, vollendete sich 2011 im Bau eines Quartierbildungszentrums (QBZ) auf dem Gelände der Grundschule. Im Lückenschluss mit der benachbarten Kindertagesstätte entstand auf Initiative der Schul- und Kita-Leiterinnen ein Neubau mit Großküche, Mensa, Büros, Klassen- sowie Veranstaltungsräumen.

Würstchengulasch und Obst, nach Voranmeldung auch ausschließlich vegetarisch – die Grundschule Robinsbalje kann ihren Ganztag nun mit einem frisch zubereiteten Mittagessen krönen. Pünktlich ab Zwölf, in einer hellen und freundlich gestalteten Mensa. Und auch von den neuen Klassenzimmern profitieren Lehrkräfte und Kinder. Viel wichtiger ist aber, dass das Quartiersbildungszentrum dazu beiträgt, die Menschen aus dem Viertel ins schulische Umfeld zu integrieren. Man muss Leben in der Schule haben, sagt Ursula Henschen. Auch wenn „das Leben“ Anlaufpunkte sucht, die mit Schule im engeren Sinne zunächst gar nichts zu tun haben. So wie das Amt für Soziale Dienste, das im ersten Stock des QBZ ein Stadtteilbüro eröffnet hat. Oder zwei Türen weiter die Praxis von Schularzt Hermann Wegner-Echtermann. Die Schuleingangsuntersuchungen aller Kinder in Bremen-Huchting finden jetzt an der Robinsbalje statt. Was das Quartier deutlich aufwertet, findet Ursula Henschen.

Schule muss ein sicherer Ort sein

Zuvor haben es die Schulleiterin und ihr Kollegium schon geschafft, die Bedeutung der Grundschule im Viertel aufzuwerten. Frauenfrühstück, Sprachkurse für Mütter und Schulfeste mit Flohmarkt und internationalem Büffet haben Anwohner und Familien an der Robinsbalje mehr und mehr in Richtung Schule geholt. Ethnischen Grenzen und Vorurteilen, wie sie außerhalb von Schule von vielen Migranten gelebt werden, stellt sich Ursula Henschen rigoros entgegen: „Das ist eine staatliche und demokratische Schule. Dazu gehören Respekt und Toleranz. Als hier einige Schüler und Eltern ehemals meinten, in menschenverachtender Form gegenüber Angehörigen anderer Religionsgruppen aufzutreten, da habe ich Anzeige erstattet und den zuständigen Kontaktbeamten der Polizei zu uns in die Schule geholt.“

Schulleiterin Henschen sieht in ihrer Schule ein Bollwerk gegen jede Form von Ressentiments und offenen Konflikten: „Hier kommen Sie sehr schnell zu der Erkenntnis, dass Schule ein sicherer Ort sein muss.“ Von dem, was da allmorgendlich zusammen mit fast 300 Kindern gegen das Schultor brandet, kann sie das meiste draußen halten. Was ihr aber im Bereich kultureller Verständigung und Integration gelingt, klappt nicht, wenn es um das direkte familiäre Umfeld geht. Soziale Probleme und persönliche Nöte schleichen sich jeden Morgen wieder aufs Neue in Schule mit ein. Oftmals unbemerkt, zwischen Federtasche und Pausenbrot, liegen sie da, bis irgendetwas sie hervorholt oder das Leid einfach zu groß geworden ist.

Kurze Wege – schnelle Hilfe

Schulleiterin Ursula Henschen im Gespräch mit Schülern der Robinsbalje

Es war an einem Montag nach Schulschluss, als Salih nicht mehr nach Hause wollte. „Mein Papa schlägt mich tot“, sagte der neunjährige Junge im Büro von Ursula Henschen und erzählte von seinem Vater. Von einem Vater, der schon längst nicht mehr zuhause wohnt, aber noch regelmäßig abends vorbeikommt, um Salih mit dem Stock zu verprügeln. In den Augen der Pädagogin war es ein Zeichen größter Not, dass sich ihr Schüler nur noch zu helfen wusste, indem er sich an sie wandte, die Leiterin der Schule.

Keine Zeit für Formalitäten oder bürokratische Abläufe. Individuelle Förderung braucht individuelle Entscheidungen. Es musste sofort etwas geschehen und es war Zufall, dass das Amt für Soziale Dienste an genau diesem Vormittag seine erste Sprechstunde im QBZ hatte. „Ich bin sofort rübergerannt,“ sagt Ursula Henschen. „Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich habe mir gedacht, wenn jetzt jemand da ist, dann hat sich die ganze Sache mit dem Zentrum schon gelohnt.“enschen Es war jemand da, und zusammen mit der verantwortlichen Case-Managerin des Sozialdienstes wurde entschieden, das Kind sofort in Obhut zu nehmen. Heute wird Salihs Familie vom Krisendienst und der Familienhilfe betreut.

Multiprofessioneller Einsatz

Geht es nach Ursula Henschen, dann muss die Zusammenarbeit mit dem Amt für Soziale Dienste nicht immer gleich einen solch dramatischen Hintergrund haben. Ihr ist wichtig, dass man sich kennt und dass die Mitarbeiter im Quartiersbildungszentrum durch die räumliche Nähe viel von dem mitbekommen, was in Schule passiert. Durch die kurzen Wege sind heute sogar Vorgespräche möglich. Dabei können die Experten aus dem sozialen und pädagogischen Bereich Dinge diskutieren, die besser nicht in Anwesenheit der Eltern besprochen werden.

Ihren anspruchsvollen schulischen Alltag bestreitet die Grundschule Robinsbalje mithilfe multiprofessioneller Teams. 14 Regellehrkräfte, acht Sonderschullehrkräfte und zwölf Erzieherinnen stehen den Kindern vonseiten der Grundschule zur Verfügung.

Stellt sich die Frage, ob für die Lehrer, Erzieher und Betreuer individuelle Förderung – als tragendes Konzept der Schul- und Unterrichtsgestaltung – nun auch täglich zum Thema gemacht wird? „Nein“, sagt Ursula Henschen „Eigentlich nicht. Wir an der Robinsbalje denken gar nicht darüber nach, ob wir individuell fördern wollen. Unsere Situation ist so, dass wir gar nicht anders können.“ Schulalltag, im sozialen Brennpunkt…


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