Schulrebellion im Altmühltal

Ein Drittel der Schüler wird in einigen Regionen Deutschlands in den nächsten 15 Jahren verschwinden. Das wird Folgen haben, auch für die Schulstruktur. Bei der Recherche für mein Buch „Dichter, Denker, Schulversager“ bin ich auf ein fast schon kurioses Beispiel gestoßen. Es zeigt eindrücklich, dass die Schulstruktur vor Ort und nicht im Wahlprogramm entschieden werden sollte: Wenn es nach Eltern, Lehrern und Kommunalpolitikern ginge, würden die Schulen von Denkendorf und Kipfenberg zu einer Gemeinschaftsschule. Geht aber nicht…

In der mittelbayerischen Gemeinde Denkendorf geschieht für bayerische Verhältnisse Unerhörtes: Bürgermeister Jürgen Hauke, Mitglied der CSU, plant die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem. Die Gemeinde im schönen Altmühltal möchte eine Gemeinschaftsschule einrichten. Die Denkendorfer haben dafür einen Verbündeten gewonnen: Die Nachbargemeinde Kipfenberg ist ebenfalls mit dabei.

Beide Orte haben gute Gründe für ihren Vorstoß. Dabei stehen allerdings keine pädagogischen Überlegungen im Vordergrund: In den ländlichen Gebieten Deutschlands wachsen zu wenige Kinder auf. Auch in Denkendorf und Kipfenberg gehen den beiden einzigen Hauptschulen allmählich die Schüler aus; zur Realschule oder zum Gymnasium müssen die Schüler bis zu 50 Kilometer pendeln. Zuletzt sank in Denkendorf die Zahl der Hauptschüler so stark, dass dort erstmals eine Klassenstufe geschlossen werden musste.

An der geplanten Gemeinschaftsschule sollen die Schüler deshalb künftig in Ganztagsklassen gemeinsam unterrichtet und je nach Leistung individuell auf einen Haupt- oder Realschulabschluss oder die gymnasiale Oberstufe vorbereitet werden. 2012 sollen die Eltern über das Referenzmodell abstimmen, 2013 wollen die Gemeinden die Gemeinschaftsschule offiziell beantragen.

Bayern sieht Gemeinschaftsschulen allerdings nicht vor. Stattdessen sollen sich in ländlichen Gebieten sogenannte Mittelschulen zu Verbünden zusammenschließen: Jede Schule bietet einen unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkt an, die Schüler müssen – je nachdem, was gerade auf dem Stundenplan steht – zwischen den unterschiedlichen Standorten hin und her pendeln. Bei den großen Distanzen wollen Kipfenberger und Denkendorfer ihren Kindern dies nicht antun.

Doch ihre Chancen auf eine Gemeinschaftsschule sind eher gering: Bislang hat das Kultusministerium jeden Antrag auf schulartübergreifende Bildungsangebote abgelehnt. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle wettert gegen die „Einheitsschule“ und kündigte bei einem Besuch in Denkendorf an, er werde sich persönlich dafür einsetzen, dass es im Landtag keine Mehrheit für das Projekt gebe. „Wenn ich heißes und kaltes Wasser zusammenschütte“, argumentierte er in einem Interview, „kommt laue Brühe heraus.“ Die örtlichen Busunternehmer dürfte das freuen. Sie sind die Gewinner des bayerischen Mittelschulkonzeptes.

Um nicht missverstanden zu werden: Das ist kein Plädoyer für flächendeckende Gesamtschulen in Deutschland. Nur sollte da, wo es zu wenige Schüler gibt, an die Schulstrukturfrage mit etwas mehr Pragmatismus herangegangen werden. Das gilt übrigens auch für die Regionen, in denen fast 80 Prozent der Schüler auf das Gymnasium gehen. Doch dazu später mehr …

Zum Weiterlesen: Dichter, Denker, Schulversager: Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise – Mit einer politischen Gebrauchsanweisung von Klaus von Dohnanyi von Jörg Dräger und Klaus von Dohnanyi. Deutsche Verlagsanstalt, München, 2011, S. 72f


Kommentare

  1. / von Bernhard P

    Jemand, der wie Spaenle mit dem Slogan „Individuelle Förderung statt Einheitsschule“ Werbung macht, ignoriert völlig, dass das gegliederte Schulsystem immer noch auf Selektion ausgerichtet ist und nicht darauf, alle Schüler möglichst weit zu bringen. Wer meint, in einem Schulsystem möglichst (leistungs-)homogene Lerngruppen bilden zu müssen oder zu können, hat im Kern nicht verstanden, was individuelle Förderung überhaupt bedeutet. Wie wenig diese in Bayern funktioniert, zeigt bspw. der Umstand, dass die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in verschiedenen Regionen Bayerns (Hof, Straubing, …) bis zu 20% beträgt! Das Verhindern der Gemeinschaftsschule hilft weder, den Bedarf vor Ort zu decken, noch die Qualität des Schulangebots zu sichern.

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