Das Gymnasium als neue Gesamtschule der Mittelschicht

Im meinem letzten Blogbeitrag hatte ich von einer fast schon skurril anmutenden Begebenheit im Altmühltal berichtet: Dort ist ein pragmatischer Vorschlag, mit dem die Schulversorgung sichergestellt werden sollte, von der Landesregierung abgelehnt worden. Denn die von Elternschaft und Kommunalpolitikern geforderte Gemeinschaftsschule wird als Angriff auf das dreigliedrige Schulsystem gewertet. Doch nicht nur im Süden der Republik stellt sich die Frage nach der „richtigen“ Schulform für unsere Kinder. Sinkende Schülerzahlen, eine wachsende Heterogenität der Lerngruppen und immer größere Bildungsaspirationen vieler Eltern setzen das Schulsystem überall in Deutschland erheblich unter Druck. Das gilt auch für die Gymnasien.

Hier ein Beispiel. In den wohlhabenderen Gegenden von Hamburg macht eine Schulform ganz deutlich das Rennen: 70 Prozent und mehr der Kinder aus den westlichen Stadtteilen besuchen das Gymnasium. Dazu trägt auch das Elternwahlrecht bei: Anders als beispielsweise in Sachsen oder Bayern entscheiden in Hamburg die Eltern darüber, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht.

Doch auch anderswo gehen die Kinder der Mittel- und Oberschicht in erster Linie aufs Gymnasium. In den Universitätsstädten Freiburg und Heidelberg zum Beispiel erreichen die Gymnasialquoten Werte von rund 70 Prozent. In Wiesbaden erhalten über 80 Prozent der Kinder aus der Oberschicht eine Empfehlung fürs Gymnasium, von den Kindern aus der Unterschicht sind es lediglich 14 Prozent.

Das Gymnasium wird so zur neuen Gesamtschule der Mittelschicht – mit den entsprechenden Konsequenzen: Man bleibt zwar unter sich, von einer Auslese der Leistungsstärksten kann aber kaum die Rede sein. Im Gegenteil: Die Bandbreite der Leistungsfähigkeit in den Klassen wächst: Selbst in Bayern – bekannt für seinen eher selektiven Zugang zum Gymnasium – liegen das stärkste und das schwächste Viertel aller 15-jährigen Gymnasiasten im Leistungsniveau mittlerweile mehr als zwei Jahre auseinander.

Egal, ob wir es gut finden oder nicht. Wir müssen akzeptieren, dass unsere Gesellschaft sich wandelt. Sie ist vielfältiger geworden: in den ländlichen Regionen ebenso wie in den Innenstädten und auch in den wohlhabenden Wohngegenden, in Hamburg-Blankenese wie im Altmühltal. Das macht sich auch in den Schulen bemerkbar. In den Gymnasien, diesen neuen Gesamtschulen der Mittelschicht, fächert sich das Leistungsniveau immer mehr auf: Die Vielfalt in den Klassen nimmt zu. Gerade in den sozialen Brennpunkten treffen immer mehr Kinder unterschiedlichster Abstammung mit den unterschiedlichsten Wertvorstellungen und unterschiedlichsten Deutschkenntnissen zusammen: Die Vielfalt in den Klassen nimmt zu.  Gerade in den ländlichen Gegenden werden die Schülerzahlen in den nächsten zehn Jahren dramatisch sinken, in weiten Teilen Westdeutschlands um 30 Prozent und mehr. Schulzusammenlegungen werden unvermeidbar: Die Vielfalt in den Klassen nimmt zu.

Diese Entwicklung wird sich fortsetzen: Kein Bildungspolitiker und keine Partei wird sich gegen einen starken Elternwillen Richtung Gymnasium, gegen den Schülerschwund in den ländlichen Regionen und gegen kulturelle Vielfalt in den Ballungszentren stemmen können. Heterogenität ist und bleibt Normalität, gerade in den Klassenzimmern. Und da die Entwicklungen regional, teilweise von Stadtteil zu Stadtteil, so unterschiedlich sind, sollten wir über die Schulstruktur lieber pragmatisch vor Ort als in irgendwelchen Wahlprogrammen entscheiden.

 

 

Zum Weiterlesen: Dichter, Denker, Schulversager: Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise – von Jörg Dräger mit einer politischen Gebrauchsanweisung von Klaus von Dohnanyi. Deutsche Verlagsanstalt, München, 2011, S. 71f


Kommentare

  1. / von Damian Duchamps

    Eine zum Teil ähnliche Beobachtung kann ich bei mir vor Ort in einer Kleinstadt in NRW mit zwei Gymnasien machen. Zum neuen Schuljahr gab es durch das Elternwahlrecht sehr viele Anmeldungen an den Gymnasien. An einem dieser Gymnasien entschied man sich, alle Kinder aufzunehmen. Begründet wurde dieses damit, dass man bei einem Losverfahren vielleicht auch Kinder mit Gymnasialempfehlung verloren hätte.
    Welche Folgen das nun haben wird, ist nicht sicher abzuschätzen. „Abschulen“ darf das Gymnasium die weniger oder eventuell sogar gar nicht geeigneten Kinder nicht mehr. Individuelle Förderung war bisher nicht unbedingt eine der Stärken von Gymnasien. Wird man den Eltern irgendwann nahelegen, ihre Kinder von sich aus auf einer anderen Schulform anzumelden? Zu hoffen bleibt, dass Gymnasien in der individuellen Förderung Fortschritte machen. Der Selbsterhaltungstrieb wird sie vermutlich auf Dauer dazu zwingen.

    Mit sinkenden Schülerpopulationen wird gerade im ländlichen Bereich der Trend zunehmen, auch nach bisherigen Maßstäben weniger oder nicht geeignete Kinder an Gymnasien aufzunehmen, um sie zu erhalten. Weniger Kinder bedeutet weniger Stellen. Also wird man in den sauren Apfel beißen. Das Gymnasium wird alleine dadurch mehr und mehr den Charakter einer Gesamtschule annehmen.
    Wenn die jetzt in NRW entstehenden Sekundarschulen die Erfahrungen im Bereich der individuellen Förderung, welche Hauptschulen mit einbringen werden, gewinnbringend nutzen können, wird dieses den Druck auf die Gymnasien nur erhöhen.

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