Die Ergebnisse des Ländervergleichs

Chancengerechtigkeit in der „Bildungsrepublik“ – Nachholbedarf in allen Bundesländern

In der vergangenen Woche war Angela Merkel zu Gast bei der Kultusministerkonferenz in Berlin. Es war das erste Mal überhaupt, dass eine Bundeskanzlerin oder ein Bundeskanzler an einer KMK-Sitzung teilnahm, denn im föderalen Deutschland ist Bildung ja eigentlich Ländersache. Eigentlich. Um zu signalisieren, für wie bedeutsam sie dieses Thema hält, hatte die Kanzlerin 2008 die „Bildungsrepublik“ ausgerufen. Damals hatte der Nationale Bildungsbericht Anlass zu Besorgnis gegeben, weil er – ganz ähnlich wie die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien PISA, TIMSS und IGLU – dem deutschen Bildungssystemen nur ein mittelmäßiges Zeugnis ausstellte: Der Bildungserfolg in Deutschland hing viel zu stark von der sozialen Herkunft ab; Migrationshintergrund führte in allen Stufen des Bildungssystems zu Benachteiligungen. Wie aber ist es heute, vier Jahre nach der Proklamation der Bildungsrepublik, um die Chancengerechtigkeit in Deutschland bestellt?

Der Chancenspiegel
Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, kann seit gestern einen Blick auf die Ergebnisse des ersten Chancenspiegels (www.chancen-spiegel.de) werfen.  Der Chancenspiegel ist ein gemeinsames Projekt des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) und der Bertelsmann Stiftung. Der Chancenspiegel misst sowohl Chancengerechtigkeit als auch Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme. Er ist eine quantitative Bestandsaufnahme: Die Studie vergleicht die Stärken und Entwicklungsbedarfe der Bundesländer. Im einzelnen analysiert werden die Dimensionen

  • Integrationskraft,
  • Durchlässigkeit,
  • Kompetenzförderung und
  • Zertifikatsvergabe

unter Rückgriff auf vorliegende statistische Daten. Während andere Berichtsformate (z. B. der Nationale Bildungsbericht) umfassend über sämtliche Themen des Bildungssystems Auskunft geben, fokussiert der Chancenspiegel auf ein einzelnes zentrales Thema: die Chancengerechtigkeit der Schulsysteme Deutschlands. Dafür nutzt der Chancenspiegel Informationen aus anderen Bildungsberichten, aus den amtlichen Bundes- und Länderstatistiken und aus Schulleistungsstudien wie z. B. IGLU oder PISA. Im Unterschied zu anderen Berichtssystemen spiegelt der Chancenspiegel diese Ergebnisse anhand wichtiger wissenschaftlich- theoretischer Überlegungen zur Gerechtigkeit von Schule.

Zentrale Ergebnisse                                                     

Die Ergebnisse des Ländervergleichs
Die Ergebnisse des Ländervergleichs

Der Chancenspiegel gibt Auskunft darüber, wer heute schon ein gutes Ganztagsangebot, inklusive Schulen, wenige Sitzenbleiber, eine geringe Korrelation zwischen Herkunft und Bildungserfolg sowie wenige Schulabbrecher hat – und in welchen Ländern deutlicher Nachholbedarf besteht.
Der Blick auf die Bündelung der Ergebnisse im Chancenspiegel zeigt sehr unterschiedliche „Chancenprofile“ der 16 Bundesländer: In Sachsen-Anhalt z. B. ist der Anteil der Kinder, die auf einer separaten Förderschule unterrichtet werden und keinen Zugang zur Regelschule haben, nahezu drei Mal höher als in Schleswig-Holstein. Und in Sachsen besuchen drei von vier Schülern eine Ganztagsschule, in Bayern nicht einmal jeder zehnte. Das hat Auswirkungen auf die Bildungsbiografien der Kinder und Jugendlichen, denn sowohl die Ganztagsschule als auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschancen.
Insgesamt zeigt sich, dass keines der 16 deutschen Bundesländer in allen vier Dimensionen Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe eine Platzierung in der oberen Ländergruppe erreicht. Demnach ist kein Bundesland überall spitze – allerdings gibt es sehr wohl Länder, denen es bereits gelingt, Chancengerechtigkeit und Leistungsstärke zu vereinbaren.
 

Ausblick
Sich in puncto Leistung und Chancengerechtigkeit verbessern – und dabei voneinander lernen – können alle Bundesländer. Zu dieser Einsicht war die KMK allerdings bereits vor der Veröffentlichung des Chancenspiegels gelangt: „Kultusministerkonferenz und Bundeskanzlerin waren sich einig, dass die Themen Migration, Integration, Chancengerechtigkeit und die Bedeutung von Bildung auf der politischen Agenda höchste Priorität haben“ heißt es auf der Internetseite der KMK.

Internetlinks

www.chancen-spiegel.de

Pressemeldung KMK


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