Service Learning: Wenn Engagement zum Schulerfolg führt – Ein integratives Konzept mit erstaunlichem Potential

 „Und was lernen die Kinder bitteschön? Das hat doch nichts mit Schule zu tun…“
Schülerin im Gespräch mit einer Seniorin im Altenheim
Schülerin im Gespräch mit einer Seniorin im Altenheim

Timo und Janne sind 14 und besuchen eine ganz normale Ganztagsschule. Ganz normal? Was sie während ihrer Schulzeit jeden Mittwoch in zwei Stunden erleben und erlernen, ist (noch) eher erstaunlich. Denn da steht für sie „Service Learning“ auf dem Plan und gehen sie in ein Pflegeheim, um mit den Senioren zu lesen, zu singen, zu spielen oder kleine Spaziergänge zu unternehmen. Es ergibt sich also die eingangs gestellte Frage danach, was das mit Schule und Lernen zu tun hat. Bei der Beschäftigung hiermit stelle ich fest, dass gleich mehrere Aspekte wichtig werden.

Was sich im deutschen (Schul)Bildungssektor gerade abspielt, ist spannend zu beobachten. Der Ruf nach einer neuen Lernkultur und damit verbundenen Absage an den lehrerzentrierten Unterricht wird immer lauter. Hierbei gibt es verschiedene Anliegen, Anforderungen und Ansätze, die sich den Weg durch verschiedene Konzepte mit der Zielrichtung „mehr Individualisierung/mehr Schüleraktivierung“ bahnen. Daneben steht auch immer die Frage im Raum, was Schüler sinnvoller Weise in der Schulzeit lernen sollten, um gut auf das Leben vorbereitet zu sein. In dieser Hinsicht scheint das Konzept des Service Learning (und damit verwandte Bezeichnungen wie das BLK Programm „Demokratie leben und lehren“, das Projekt „jungbewegt“ der Bertelsmann Stiftung oder das Netzwerkprogramm „Lernen durch Engagement“ der Freudenberg Stiftung) deutliche Hinweise und Antworten zu geben. Ich denke also, wenn an so vielen unterschiedlichen Stellen intensive Auseinandersetzung und Entwicklungsarbeit geleistet wird, lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Folgende Informationen und Erkenntnisse kann ich  gewinnen:

Das Konzept des „Service Learning“ ist in den 80er Jahren in den USA entstanden mit der Idee,  dass Schüler durch eine Öffnung der Schule und im Rahmen schulischer Programme gemeinnützige Aufgaben in ihrer Gemeinde übernehmen und somit an der demokratischen Gestaltung des öffentlichen Lebens mitwirken. Es ist also eine offene und integrative Unterrichtsform, die Lerninhalte mit gemeinnützigem Engagement verknüpft. Beide Partner sollen hierbei von der Kooperation profitieren. Der Profit für die Gemeinde bzw. der betreffenden Einrichtung ist leicht nachvollziehbar, denn sie gewinnt Unterstützung bei sozialen, karitativen oder ökologischen Diensten. Aber auch die Schüler erwerben hierbei Kompetenzen, die im traditionellen (lehrer- und lernstofforientierten) Schulunterricht meist nicht erzielt werden können. Die aus meiner Sicht mächtigen Stichworte Verantwortung, Partizipation und Engagement spielen hierbei offensichtlich eine tragende Rolle. Mittlerweile gibt es einige Studien (z.B. von Furco, Melchior und Bailis), die die positiven Auswirkungen des Service Learning auf die Persönlichkeitsentwicklung  belegen. Besonders hervorzuheben ist dabei z.B. ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, ein höheres Selbstwertgefühl, verbesserte soziale Kompetenzen aber auch größere Fähigkeiten der Selbstorganisation und bessere Kommunikationsfähigkeit. Mit Verlaub, diese Kompetenzen sind nicht nur für sich gesehen äußerst wertvoll, sondern sie bieten meines Erachtens etliche Vorteile für den Fachunterricht. Für mich liegt auf der Hand, dass sich die sozialen Fähigkeiten, die durch ein gemeinnützig geleistetes Engagement erworben werden, auch die Klassensituation oder das Klassenklima verbessern helfen. Damit ermöglichen sie auch ein anderes Lernen im Klassenunterricht. Im Buch „Durch Verantwortung lernen“ (Sliwka, Petry, Kalb, 2004) werden weitere vorteilhafte Aspekte des Service Learning benannt:

Schüler spielt Schach mit Senioren
Schüler spielt Schach mit Senioren

Durch die handlungs- und erfahrungsbezogene Lernweise werden die Schüler aktiv in den Aneignungsprozess miteinbezogen. Die Kompetenzen sind damit nicht abstrakt, sondern in authentischen Situationen erworben.  Die Einsicht, dass aktiv erworbenes Wissen nachhaltiger verankert wird als passiv erworbenes, fließt zurück in den Klassenunterricht. So beinhaltet Service Learning ein nicht unerhebliches Potenzial für positive Auswirkungen auf die Unterrichtskultur.

Service Learning bewirkt eine ganzheitliche Vermittlung von demokratischen, zivilgesellschaftlichen Werten  und Wissensinhalten (was auch für den Politik- oder Sozialkundeunterricht einen deutlichen Zugewinn bedeutet).

Durch die Öffnung der Schule und die Partnerschaft zwischen den am Service Learning Beteiligten kommt es zu einem intensiven Austausch. Die Partner müssen sich nicht nur aufeinander einlassen, sie können auch voneinander lernen.

In Summe stelle ich fest, dass das Service Learning auf allen Ebenen erstaunliches Potential beinhaltet. Leider ist es bislang noch schwer in den Schulalltag zu integrieren, da stundenplantechnische und curriculare Herausforderungen oft ein Hindernis darstellen und den Schulen somit oft der Boden für derartige Verankerungen fehlt. Hier müsste also von politischer und verfassungsrechtlicher Seite aus noch viel getan werden. Letztlich auch, damit die Eingangsfrage dieses Artikels sich erübrigt und ein Umdenken stattfinden kann. Ich fasse es also mit den weisen Worten Erich Kästners zusammen, die wie ich finde gleich mehrfach auf die Thematik passen:

„Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.“

Katharina Korves


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