Die "Ganztagskarawane" zieht weiter – nur wohin?

Der Ausbau des Ganztags kommt voran, allerdings gleicht das Reformvorhaben einer „Reise in die Zukunft ohne klares Ziel“

Ausbaustand Ganztagsschulen
Ausbaustand Ganztagsschulen

Die erfreuliche Nachricht: es gibt immer mehr Ganztagsschulen in Deutschland, erstmals ist jede zweite Schule eine Ganztagsschule (Schuljahr 2010/11). Gegenüber dem Schuljahr 2009/10 ist das eine Steigerung von 8 Prozent. Allerdings nimmt nicht einmal jeder dritte Schüler die Ganztagsangebote wahr: im Schuljahr 2010/11 waren das 28 Prozent, eine Steigerung von 4,5 Prozent gegenüber einem Jahr davor (www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag) In einigen Bundesländern ist die Ausbaudynamik beim Ganztag besonders beeindruckend: in Niedersachsen und Schleswig-Holstein stieg der Anteil der Ganztagsschulen binnen eines Schuljahres um die rund 30 Prozent. Allerdings bleiben beide Länder – Niedersachsen mit 38,9 Prozent und Schleswig Holstein mit 50,6 Prozent – noch immer unter dem Bundesdurchschnitt. Den bundesweiten Schnitt heben Bundesländer wie der Spitzenreiter Sachsen mit 96,5 Prozent Ganztagsschulen, das Saarland mit 93,8 Prozent, Berlin mit 83,3 Prozent und Thüringen mit 78,6 Prozent. Die Schlusslichter Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt kommen auf 26,7 Prozent bzw. 24,6 Prozent. Die Chancen auf den Besuch einer Ganztagsschule sind also sehr ungleich im Bundesgebiet verteilt.

Was die Teilnahme der Schüler am Ganztag angeht, haben Bayern und das Saarland Sprünge von 23 Prozent gemacht. Allerdings ist Bayern mit 10,5 Prozent Ganztagsschülern immer noch das Schlusslicht in Deutschland und gehört mit dem Saarland (19,7 Prozent) und Baden-Württemberg (15,7 Prozent) zu den Bundesländern, wo nicht einmal jeder 5 Schüler eine Ganztagsschule besucht. Im Spitzenreiterland Sachsen dagegen nehmen fast drei Viertel aller Schüler, nämlich 73,3 Prozent, am Ganztag teil.

Die bundesdeutsche „Ganztagskarawane“ ist also ziemlich auseinandergezogen, aber sie kommt – bei aller förderalen Unterschiedlichkeit – voran. Ja, sie macht sogar teilweise richtige Sprünge.

Allerdings sei die Nachfrage erlaubt, wohin sie eigentlich zieht. Denn der bisherige Ausbau des Ganztags gleicht – so eine Einschätzung des Deutschen Jugendinstituts – eher einer „Reise in die Zukunft ohne klares Ziel“. Tatsächlich gibt es in Deutschland die unterschiedlichsten Organisationsformen und Typen von Ganztagsschulen: offene, gebundene, teilgebundene, rhythmisierte, in Kooperation mit freien Trägern betriebene … (vgl. „Ganztagsschule als Hoffnungsträger für die Zukunft?“) Mittlerweile wissen wir aus der Evaluationsstudie zu den Ganztagsschulen, dass sich positive Wirkungen der Ganztagsschule bei Schülern nur dann bemerkbar machen, wenn die Teilnahme regelmäßig und die Qualität der Angebote hoch ist (vgl. http://www.ganztagsschulen.org/_downloads/Ergebnisbroschuere_StEG_2010-11-11.pdf).

Regelmäßige Teilnahme ist nur in der gebundenen Ganztagsschule garantiert. Hier hat die Karawane allerdings noch einen ganz weiten Weg vor sich: denn nur rund 13 Prozent aller Schüler hatte im Schuljahr 2010/11 Zugang zu gebundenen Ganztagsangeboten. Allerdings: das bedeutet eine Steigerung um fast 7 Prozent gegenüber dem vorherigen Schuljahr. Damit sich daraus eine Dynamik entwickelt, die eine klare Richtung angibt, bedarf es allerdings einer konzeptionellen Klärung, was eine gute Ganztagsschule ausmacht, und nicht zuletzt Anreize und Ressourcen für die Schulen, die sich zu gebundenen Ganztagsschulen entwickeln wollen.

Ulrich Kober

 

Links:

www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag

BST (Hrsg): Ganztagsschule als Hoffnungsträger für die Zukunft? Gütersloh 2012: http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-0C97BA1A-71F51A6E/bst/hs.xsl/publikationen_112227.htm

Ganztagsschule: Entwicklung und Wirkungen, herausgegeben vom Konsortium der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) http://www.ganztagsschulen.org/_downloads/Ergebnisbroschuere_StEG_2010-11-11.pdf


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