Klassenleitung - alle auf den Weg bringen!

Was Schule bewegt, Teil 2: „Als Klassenleitung hab´ ich die Aufgabe, alle auf den Weg zu bringen“

In meinem letzten Blogbeitrag mit dem Titel „Wer bist du, LehrerIn?“ habe ich bereits dargestellt, dass der Lehrberuf im Allgemeinen mit hohen und vor allen Dingen vielfältigen Ansprüchen verbunden ist. In dieser Ausgabe von  „Was Schule bewegt“ nehme ich erneut jenen Faden auf. Diesmal geht es konkreter um das Thema Klassenleitung und darum, was Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer in ihrer täglichen Arbeit leisten. Um Ihnen einen authentischen und unmittelbaren Eindruck hiervon zu geben, steht das Gespräch mit der Lehrerin Sabine K. im Fokus der Betrachtung. Sie ist seit 13 Jahren Lehrerin an einer Realschule, davon viele Jahre in der Klassenleitung für die Jahrgänge 5 und 6. Sabine berichtet von ihren Erfahrungen als Klassenlehrerin mit der Absicht aufzuklären, aber auch Mut zu machen für diese anspruchsvolle Aufgabe…   

Klassenleitung ist unheimlich komplex“, so Sabines spontane Reaktion auf meine Ermunterung zu berichten, was Klassenleitung aus Ihrer Sicht und Erfahrung bedeutet…

„Da gibt´s ne ernorme Quantität.“

Klassenleitung - alle auf den Weg bringen!
Klassenleitung – alle auf den Weg bringen!

Ich glaube zu verstehen, was Sabine hiermit meint. Erst kürzlich habe ich hierzu in der Pädagogik (Heft 3/12) eine sehr interessante Artikelsammlung gelesen. Berichtet wurde von den Aufgabenfeldern und Anforderungen, welche u. a. die Gestaltung des Klassenraums sowie der  Klassen- und Lerngemeinschaft oder auch die Zusammenarbeit mit Eltern und die Kooperation mit anderen LehrerInnen umfassen. Als Königsdisziplin überall sieht Johannes Bastian, Redaktionsmitglied der Zeitschrift, jedoch die Gestaltung der Beziehung zu den SchülerInnen (vgl. Bastian in Pädagogik 3/12). Sabines Erfahrungen spiegeln sich deutlich hierin wieder. Sie schildert mir subjektiv ihre verschiedenen „Aufgabenpakete“ als Klassenleitung:

„Zunächst einmal ist da natürlich die Bürokratie“:

Hierunter versteht Sabine, Konferenzen vorzubereiten, Stammblätter der einzelnen SchülerInnen zu führen oder Anträge zu stellen (wie zum Beispiel für ein Sonderpädagogisches Überprüfungsverfahren, kurz: AO-SF). „Dieser ganze Verwaltungsakt nimmt echt ganz schön viel Zeit in Anspruch, manchmal finde ich es auch lästig.“

„Aber auch Gespräche mit Externen haben enorm zugenommen“:

Sabine erläutert, dass dieses Aufgabenpaket seit Beginn ihrer Berufstätigkeit deutlich größer geworden ist. So stehe sie in ständigem Kontakt zu wichtigen externen Partnern, wie etwa dem Jugendamt oder KollegInnen aus der Sonderpädagogik. Manchmal belaste dies auch, z.B. wenn ein Problem mit dem Jugendamt besprochen werden muss.

„Deshalb ist auch die Kooperation mit Eltern total wichtig“:

Ein regelmäßiger Kontakt, auch über den Elternsprechtag hinaus, sei hilfreich für alle Beteiligten. Es schaffe Vertrauen, Verbindlichkeit, Transparenz und Sicherheit. „Jeder weiß, woran er ist. Dass ist in der Fachlehrerfunktion nicht unbedingt der Fall, da hast du nicht das ganze Drumherum, wie zum Beispiel die regelmäßige Kommunikation mit den Eltern. Als Klassenlehrerin bin ich einerseits eine besondere Ansprechpartnerin für die Eltern, aber auch eine Motivatorin für Elternbeteiligung.

Mir fällt auf, dass Sabine das Stichwort „Unterricht“ noch gar nicht genannt hat. Eigentlich erstaunlich. Ich spreche sie darauf an…

„Unterricht? Ja klar, hier fließt Vieles zusammen, was man manchmal vielleicht nicht sofort bedenkt.“

Die Klassenlehrerin ist die Bezugsperson, das ist ihr Bonus!
Die Klassenlehrerin ist die Bezugsperson, das ist ihr Bonus!

Sabine berichtet davon, dass hier zuallererst der Lehrplan grundlegend sei. Dann gäbe es natürlich den Anspruch an die Methodik. Insbesondere in Anbetracht der unterschiedlichen Ausgangslagen und Bedürfnisse ihrer Schüler stelle dies eine Herausforderung dar: „Das Wichtigste ist die Methodik und die Frage, wie bring´ ich das jetzt an die Kinder. Ich habe 30 SchülerInnen und eine sehr große Bandbreite in der Klasse, das macht das Unterrichten nicht einfacher. Mir ist wichtig, den Stoff im wahrsten Sinne begreifbar zu machen. Das erfordert Methodenvielfalt, im Besonderen viel Handlungs- und Produktionsorientierung (…). Aber ich gebe zu, trotzdem verstehen es nicht immer alle. Das ist manchmal schon deprimierend und natürlich auch anstrengend. Frontal wäre vielleicht leichter… aber das ist natürlich  kein qualitativer Unterricht. Meine Einstellung ist: Als Klassenlehrerin hab ich die Aufgabe, alle auf den Weg zu bringen (…).

„Was sagt du zum Thema Disziplinieren?“ Ich frage dies, da ich weiß, man als Klassenleitung hier die besondere Verantwortung hat, den „Rahmen zu stecken“ und Regeln zu setzen. Bestenfalls gemeinsam mit den SchülerInnen. Mich interessiert Sabines Einstellung hierzu.

Für Sabine ist dies kein großes Problem: „In punkto Disziplinieren hast du´s als Klassenlehrerin einfacher gegenüber den Fachlehrern. Du bist die Bezugsperson, das ist dein Bonus. Die erwarten auch von dir, dass du die Dinge regelst, Grenzen aufzeigst und den Weg vorgibst, allerdings: immer mit liebevoller Konsequenz, so meine Erfahrung.“

In diesen Worten spiegelt sich die Bedeutung der Beziehung zwischen der Klassenleitung und den Kindern. Auch in der Pädagogik habe ich hierüber Interessantes lesen können. Ich höre deutlich, dass dies für Sabine ebenfalls ein grundlegendes Anliegen ist:

„Den Draht zu den Kindern muss man haben, dass ist Grundvoraussetzung für die pädagogische Arbeit. Da bin ich als Person gefragt.“

Dieser „Draht“ ist für Sabine insbesondere hinsichtlich der immerwährenden Erziehungsarbeit maßgeblich. Von der Chemie zwischen Klassenlehrerin und den Kindern hänge es ab, ob die Kinder sich wohl und angenommen fühlen in der Klasse. Hierauf baue alles andere auf: „Die Kinder möchten anerkannt und gesehen werden, sie wünschen sich Verständnis für ihre Person. Ich bin sicher, wenn sie sich verstanden fühlen, kann ich ihnen etwas verständlich geben. Denn schließlich wollen sie ja auch etwas lernen. Also ist es meine Hauptaufgabe als Klassenleitung, mit viel Einfühlungsvermögen die Lage zu sondieren und auf die Kinder einzugehen. Manchmal ist es ganz schön ernüchternd, insbesondere dann, wenn mir ein Kind etwas Schlimmes von Zuhause erzählt, was nicht in meiner Macht und Zuständigkeit steht. Manchmal sehe ich dann keine Chance und ich muss für mich erkennen: ich kann die Welt nicht retten. Die Lebenssituation der Kinder wirkt immer in die Schule hinein, das steht fest… Aber dann gibt es auch die anderen Momente, wo ich unterstützen kann, wo ich einen Zugang und eine Lösung für ein schulisches oder auch privates Problem anbieten kann. Dann sind kleine Fortschritte und Verbesserungen ein riesiger Gewinn, machen mich unheimlich stolz. Das ist der stille Lohn, der mich immer wieder antreibt.

Für Sabine hat dies auch damit zu tun, für die Kinder ein „Klima des Vertrauens“ und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Aus meiner Sicht hängt dies auch mit einem gutem „Classroom Management“ zusammen. Obwohl Sabine dieser Begriff nicht geläufig ist, sind ihr die hierbei relevanten Aspekte wohlbekannt. Insbesondere die Aufgabe der Klassenraumgestaltung, die Ausgangspunkt für eine motivierende und vertrauensvolle Lernatmosphäre ist, liegt ihr am Herzen: „Ich würd´ da so gerne noch viel mehr machen und den Raum als persönlichen Arbeits- und Lebensraum umgestalten. Für mich und die Kinder. Aber das geht leider nicht, weil wir den Raum so oft für andere hergeben müssen (…).“ Sabine kritisiert, dass insbesondere in den weiterführenden Schulen die Bedingungen für einen persönlich gestalteten Klassenraum dürftig seien. Ihre Bemühungen seien da einfach durch die äußeren Strukturen (wie etwa die Raumkoordination) begrenzt.

„Wie schaffst du das alles?“ frage ich Sabine abschließend, denn in mir steigt in Anbetracht der Schilderungen die Sorge auf, dass dies alles kaum alleine zu bewältigen sein kann.

„Nun, zum Glück gibt es an unserer Schule das Tandem-Modell. Ich leite also gemeinsam mit einer Kollegin die Klasse. Ich muss gestehen, dass ist echt ein riesiger Vorteil, zumal wir uns gut verstehen und echtes Teamwork betreiben. Alleine wäre ich wahrscheinlich total überfordert oder könnte nur einen Bruchteil der beschrieben Anforderungen erfüllen. Und auch für die Kinder ist es gut, wenn Sie die Wahl haben, wem sie sich lieber anvertrauen wollen. Obwohl wir beide an einem Strang ziehen: jeder von uns kann etwas anderes und eigenes bieten. Das ist auch gut so!“

 

Katharina Korves

 

Zum Weiterlesen: Pädagogik (Heft 3/2012)

  

 

 

 


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