Oggi Enderlein

Wie muss die Schule sein, die dem Kind gerecht wird?

Interview mit der Kinder- und Jugendpsychologin Oggi Enderlein über die Chancen der Ganztagsschule

Frau Enderlein, warum beschäftigen Sie sich als Kinder- und Jugendpsychologin mit dem Ganztag?

Es gab mal irgendwann einen Impuls für die Ganztagsschule, der durch verschiedene Faktoren hervorgebracht wurde. Dazu gehörte der Pisa-Schock, die Berufstätigkeit beider Eltern bzw. von Alleinerziehenden, die warme Mittagsmahlzeit oder die Förderung von Migrantenkindern – eine Pauschalisierung, die mich übrigens immer sehr geärgert hat: Migrant gleich bildungsschwach. Die Frage allerdings, was das alles eigentlich konkret für die Kinder bedeutet oder wie zu diesem Thema die Kinderperspektive aussieht, wurde nicht gestellt.

Als Psychologin erlebe ich nun jeden Tag, wie Kinder unter den heutigen Lebensbedingungen leiden. Es kommt nicht von ungefähr, dass in den Kinderarztpraxen die psychosomatischen Störungen den Infektionskrankheiten den Rang ablaufen. Verhaltensprobleme und Belastungsstörungen stehen hier immer mehr im Vordergrund. Wir fragen aber in der Regel nicht danach, warum es den Kindern schlecht geht, sondern behandeln sie mit Psychopharmaka.

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Was wir auch – gerade in Schule – viel zu wenig verstehen wollen, ist: Kinder machen Probleme, wenn sie Probleme haben. Bei uns wird traditionell als erstes nach einem Fehlverhalten aufseiten der Eltern gesucht. Was die Kinder selbst betrifft, die werden irgendwie repariert. In der Altersstufe 10 bis 14 Jahre wird Ritalin häufiger verschrieben als Erkältungs- und Grippemittel. Das Schlimme ist einfach, dass Kinder in diesem Alter daran gemessen werden, wie sie sein sollen. Und wir Erwachsene tun dann alles, damit sie dorthin kommen.

Der Druck von Schule spielt bei kindlichen Belastungsstörungen eine ganz starke Rolle. Stresskopfschmerzen steigen zum Beispiel mit der dritten Klasse deutlich an – also in einer Phase, in der es darum geht, wohin kommt mein Kind nach der Grundschule? Auch in der sechsten und siebten Klasse beobachten wir eine Zunahme bei Stresskopfschmerzen. Und eigentlich verwundert es nicht. Wir müssen uns nur mal anschauen, welchen Arbeitstag wir unseren Kindern zeitlich und inhaltlich zumuten.

 

Die Halbtagsschule ist also die falsche Schulform, um das bestehende Lehr- und Lernpensum schaffen zu können?

Ja, werfen Sie doch einfach mal einen Blick auf die weiterführende Schule. Wenn wir die Unterrichts-, Hausaufgaben- und Lernzeiten zusammenfassen, dann arbeiten hier junge Menschen mehr als 60 Stunden die Woche. Das Ganze passiert auch noch unter einem erheblichen emotionalen Druck. Die größte Angst von Kindern in Deutschland ist die Angst, in der Schule zu versagen. Sie rangiert noch vor der Angst, dass den Eltern oder den Kindern selbst etwas zustoßen könnte. Das ist bereits in der Grundschule so. Dieser Druck, den Schule ausübt, der macht sich dann in Form psychischer Probleme bemerkbar. Und das ist nur eine Facette des Ganzen. Der Schlüsselsatz beim Thema Ganztag lautet: Wir müssen nicht schauen, wie die Kinder sein müssen, um der Schule gerecht zu werden. Die Frage lautet vielmehr: Wie muss die Schule sein, die dem Kind gerecht wird? Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entwicklung der Ganztagsschule für die Institution Schule eine große Chance.

 

Aber früher hat die Halbtagsschule doch auch funktioniert. Was hat sich verändert?

In früheren Generationen, die mit der Halbtagsschule aufgewachsen sind, hatten Kinder noch Freiräume. Die fanden sich nach Schulschluss draußen auf der Straße, auf dem Bolzplatz oder beim Spielen im Wald. Diese Räume waren außerhalb der direkten Anleitung und Aufsicht von Erwachsenen. Die Kinder konnten sich dort den Kopf frei spielen, gleichzeitig aber ganz viele praktische und soziale Kompetenzen erwerben. Sie haben im Kreis anderer Kinder gespielt, mussten sich dort behaupten und haben ihre Grenzen erfahren, wenn es um körperliche oder seelische Verletzungen ging. Kinder haben Dinge untereinander ausgehandelt, ohne dass direkt ein Erwachsener dazwischen gegangen wäre. Diese Erfahrung war und ist auch heute noch eine ganz grundlegende Voraussetzung für das spätere Leben und für den Erwerb professioneller Kompetenzen.

 

Lernen beim freien Spielen…

Ganz genau! Und das freie Spielen lieferte darüber hinaus auch wichtige Inhalte und Fertigkeiten für das Verständnis von Natur und Technik. Wenn ich eine Hütte baue, muss ich eine Grundvorstellung von Statik und Stabilität entwickeln. Wenn ich mit einem Staudamm aus Zweigen und Ästen einen Bach aufstaue, erlebe ich nach einem Dammbruch die Kraft und Schnelligkeit von Wasser. Das ist alles kein bewusstes Lernen, liefert aber wichtige Puzzleteile für unser naturwissenschaftliches Verständnis. Heute sitzen in den Schulen ganz viele Kinder, die noch nie an einem Bach gespielt oder ein Baumhaus gebaut haben.

 

Das könnte dann der Ganztag den Kindern wieder ermöglichen?

Das sollte er in jedem Fall. Wobei unbewusstes Lernen nur ein Teil des Ganzen ist. Genauso wichtig ist es, dass die Kinder ein völlig eigenes und natürliches Interesse an Dingen gewinnen, indem sie eben frei spielen und experimentieren. Das darf aber im Ganztag nun nicht verwechselt werden mit einem Experiment nach Anleitung oder dem Bau eines Baumhauses als festes Schulprojekt bzw. als AG. Es ist keine neue Erkenntnis, dass Kinder umso weniger Interesse an etwas entwickeln, je mehr ihnen vorgegeben wird und je theoretischer die Hintergründe sind.

 

Muss der Ganztag die klassischen Formen und Rahmen des schulischen Lernens aufbrechen?

In Teilen ja und in Teilen muss er diese Formen und Rahmen flexibler machen und neu arrangieren. Ganztagsschule darf auf jeden Fall eines nicht sein: Sie darf nicht die unveränderte Fortsetzung dessen sein, was in Schule vormittags passiert. Die traditionelle Form von Schule mit ihrem dauernden Frontalunterricht und den fremdbestimmten Lerninhalten verstößt eklatant gegen Gesetze sinnvollen und erfolgreichen Lernens. Das ist nicht nur meine persönliche Überzeugung, sondern aus neurobiologischer Sicht erwiesen.

 

Was muss der Ganztag vor allem leisten?

Er muss Kindern mehr Zeit geben. Kinder brauchen zuallererst mehr Zeit. Im nächsten Schritt müssen wir den Kindern aber auch das Lernen anders ermöglichen. Lernen funktioniert nur, wenn genug Abstand zwischen den einzelnen Inhalten gibt, die Schule vermittelt. Kinder brauchen Zeit um nachzudenken, Neues zu verarbeiten, den Kopf zu entspannen und den Körper zu bewegen. In sechs aufeinanderfolgenden Schulstunden kann das nicht gelingen.

 

Sie sind also kein Verfechter der 45-Minuten-Schulstunde?

Nein, überhaupt nicht. Es ist erstaunlich, dass wir immer noch vermitteln müssen, dass die Einteilung des Unterrichts in 45-Minuten-Einheiten kein Naturgesetz ist. Es besteht die Möglichkeit, den Unterricht zeitlich völlig frei zu gestalten. Sie können Kinder auch viel freier arbeiten lassen, als heute viele von uns annehmen. Wobei hier nicht übers Ziel hinausgeschossen werden darf. Kinder brauchen Anleitung. Sie haben einen Anspruch darauf. Sie nur frei arbeiten zu lassen, ist auch nicht richtig.

 

Wie sieht das konkret in der Ganztagspraxis aus?

Man kann Kinder zum Beispiel nach dem Englischunterricht wunderbar zusammen Vokabeln lernen lassen. So etwas muss nicht mehr nach Schule und Arbeit in der gestressten Familie passieren. Das gilt grundsätzlich für das Thema Hausaufgaben. Das eigenständige Lernen von Kindern in die Schule zu holen, ist ein wichtiger Bestandteil von Ganztag. Genauso wichtig sind aber auch eigenständige Bewegungs- und Spielphasen und Gelegenheiten, in denen Kinder eigenständig in vielfältiger Weise aktiv sein können. Schule wird dadurch viel freier. Voraussetzung dafür ist aber mehr Zeit. Und die kommt durch den Ganztag. Es gibt mittlerweile in Deutschland schon viele gute Schulbeispiele mit dieser verbesserten Praxis.

 

Die einzelne Schule ist ja nur ein Aspekt bei der Entwicklung des Ganztags. Welche Rolle spielt Schule als Institution?

Hier finden wir eine Situation, die ganz wesentlich an der Misere der Kinder beteiligt ist. Aus psychologisch-systemischer Sicht gibt es einen entscheidenden Faktor, der den Zustand der deutschen Schullandschaft charakterisiert: Unser Schulsystem wird bestimmt von Druck und Angst. Das fängt auf der obersten Ebene an. Die Politik hat Angst vor Schulversagen in Zusammenhang mit PISA, also im internationalen Vergleich. Diese Angst wird an die Verwaltungsebene weitergegeben. Hier wird dann gesagt, wir müssen die Schulzeit verkürzen und Qualitätsstandards entwickeln. Qualitätsstandards an sich sind ja nichts Schlechtes. Sie werden aber von den Schulen vor allem als Angst- und Druckinstrument wahrgenommen. Schulleitungen und Lehrer stehen unter unglaublichem Druck, dadurch zu versagen, dass sie die Lehrpläne nicht erfüllen.

 

Und damit hört es nicht auf…

Nein, denn jetzt kommen die Eltern. Sie haben nicht nur einen eigenen Anspruch, was ihre Kinder schulisch erreichen sollen. Sie bekommen von Schule auch noch signalisiert, dass sie etwas tun müssen, wenn ihre Kinder überhaupt den Anschluss halten wollen. Das schürt dann eine grundlegende Angst, die eigenen Kinder würden nicht ausreichende Bildungschancen und -möglichkeiten kriegen. Dann sitzen also Papa und Mama – abends oder auch am Wochenende – zu Hause am Tisch und büffeln und pauken mit ihren Kindern. Das führt natürlich zu Konflikten in der Familie, wenn wieder Hausaufgaben oder Testvorbereitungen anstehen. Vor allem aber sind wir hier am unteren Ende der Angst-Kaskade angelangt, dort also, wo der ganze schulische Druck schlussendlich landet: bei den Kindern.

 

Und die Kinder können am wenigsten an diesen systemischen Problemen ändern…

Genau! Kinder sind diesem ganzen System von Schule & Bildung völlig ausgeliefert. Aus psychologischer Sicht können ihre Reaktionen dann auch nicht überraschen. Auf ein System, das mit Druck und Angst arbeitet, reagiert ein Kind mit verschiedenen Ausweichmanövern. Es schaltet ab und entwickelt Konzentrationsprobleme. Es will fliehen und wird zappelig, unruhig oder krank. Es versucht das System zu unterwandern, indem es mogelt oder sich dagegen auflehnt.

 

Welche Rolle spielt die Schulleitung für einen erfolgreichen Ganztag?

Die Haltung der Schulleitung ist ganz entscheidend dafür, ob Ganztag gelingt oder nicht. Sowohl ihre Haltung zu Schule als auch ihre Umgangsformen im Kollegium entscheiden darüber, wie Lehrer sich gegenüber ihren Schülern verhalten. Wenn hier etwas nicht stimmt, dann liefert Schule kein Umfeld, in dem Kinder sich wohlfühlen, entwickeln und entfalten können. Schule braucht Menschlichkeit. Gerade wenn Lehrer ihre Schüler auch verstärkt in anderen Kontexten wahrnehmen, wächst das menschliche Miteinander.

 

Das gilt aber doch auch für die Kinder. Mehr Zeit miteinander verbessert schließlich ihr Sozialverhalten, oder?

Ja, das belegen die Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen ganz deutlich. Das ist aus psychologischer Sicht auch ein ganz starkes Argument für die Ganztagsschule. Wir brauchen diese Schulform, damit Kinder wieder mehr Zeit für- und miteinander verbringen. Das ist ein Aspekt, der viel zu sehr unterschätzt wird. Wenn Kinder in Studien gefragt werden, ob sie gerne in die Schule gehen, dann antworten fast alle, dass sie gerne dort sind – trotz zum Teil großer Ängste oder auch Desinteresse. Viele sind halt nur nicht gern im Unterricht. Es ist für die Kinder einfach unglaublich wichtig, dass sie in der Schule andere Kinder treffen. Schule ist heute fast der letzte verbliebene Ort, wo sich Kinder nicht nur real, sondern auch regelmäßig, jeden Tag, in einem sicheren Rahmen treffen können.

 

Aber die Kinder haben doch auch Freunde in ihrem Wohnumfeld?

Deutlich weniger als in früheren Generationen. Viele Kinder haben um sich und über sich fast nur noch Erwachsene. In den vielen Einzelkinder-Haushalten spielt die lineare Beziehung zu den Eltern eine größere Rolle als das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Familien mit mehreren – also nicht nur einem oder zwei – Kindern sind selten geworden in Deutschland. Die Kindergemeinschaft, in der Kinder unter sich Welterfahrungen machen ist weitgehend verloren gegangen. Das fehlt den Kindern dann auch für ihre Entwicklung und ihre Gesundheit. Die Ganztagsschule kann aber diesen Verlust an Lebensqualität wenigstens zum Teil ausgleichen. Sie bietet den Raum und die Zeit dafür, dass Kinder miteinander und eigenständig – also ohne zu direkten pädagogischen Einfluss – die Welt erkunden, erproben und erobern.

 

Wie sieht dann ihre Form der optimalen Ganztagsschule aus?

Ideal wäre aus meiner Sicht die gebundene Ganztagsschule. Sie bietet verlässlichere Strukturen. Wenn alle Kinder verlässlich bis etwa 16:00 Uhr anwesend sind, lassen sich ganz andere Unterrichtsformen verwirklichen. Dann können Kinder auch mal häufiger aus der Schule rausgehen. Schule ist schließlich keine geschlossene Anstalt. Man kann Kooperationen durchaus so einrichten, dass die Kinder im Umfeld der Schule Möglichkeiten zum Spielen, Experimentieren oder Lernen haben. Der Wechsel zwischen Kopfarbeit und körperlichen Phasen lässt in einem Rahmen von acht bis 16 Uhr viel besser rhythmisieren, weil dafür einfach genug Zeit da ist.

Leider ist das bisher aber die seltenste Form des Ganztags. Viel häufiger ist die offene Form: morgens Unterricht und nachmittags vielfältige AGs, auch außerschulischer Partner. Das ist aus Sicht der Kinder einerseits sehr schön,  andererseits gibt es aber auch Schulen, in denen wieder zu viel des Guten getan wird und die Kinder auch am Nachmittag komplett verplant werden.

Das andere Extrem gibt es natürlich auch: Da werden Kinder vollständig sich selbst überlassen. Das ist vorübergehend vielleicht ganz schön, aber besser wäre es, hier ein Gleichgewicht zu finden. Kinder brauchen nämlich durchaus auch Anregungen und Herausforderungen. Und sie brauchen – bei aller Freiheit – auch die Gewissheit, dass Erwachsene da sind,  die auf Strukturen und Grenzen achten und die man ansprechen kann, wenn es Probleme gibt, wenn man Fragen hat oder Hilfe braucht.

 

Welche Anforderungen stellen Sie außerdem an ein gutes Ganztagsangebot?

Da müssen wir uns nur anschauen, welche Grundbedürfnisse Kinder haben. Kinder wollen zum Beispiel etwas machen, was ernst genommen wird. Das gilt besonders für die Angebote außerhalb der Lernzeiten. Was dort passiert, muss an den Interessen der Kinder anknüpfen. Dazu gehören mit Sicherheit keine unsinnigen Basteleien, wie man sie aus vielen Hortstunden kennt. Es ist doch viel spannender, an einem kompletten Theaterstück zu arbeiten oder in der Schule ein Musikinstrument zu erlernen, mit dem man dann in der Schulband spielt. So etwas begeistert Kinder. Das sind die Angebote, da haben sie nach 16 Uhr Schwierigkeiten, die Kinder wieder nach Hause zu bekommen.

 

Welche konkrete Rhythmisierung bzw. inhaltliche Gestaltung ist aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Das kann immer nur für den Einzelfall gesagt werden. Solang es eine Trennung von Unterricht am Vormittag und „Angeboten“ am Nachmittag gibt, plädiere ich für eine 90 Minuten lange Mittagspause. In dieser Zeit haben die Kinder dann die Möglichkeit zu essen, auf dem Pausenhof frei zu spielen, in der Bibliothek liest eine Großmutter Geschichten vor, ein Sportstudent organisiert sportliche Aktivitäten, ältere Schüler betreuen in einem Klassenraum Brettspiele, im Musikraum kann musizieren und üben wer will und in einer Ecke treffen sich Kinder zum Reparieren von Fahrrädern. Hintergrund eines solchen Konzepts ist: Man kann etwas tun, muss es aber nicht. Wen die Kinder wollen, können sie auch einfach nur irgendwo „abhängen“. Das ist nichts anderes als das, was wir als Kinder früher auch gemacht haben – das aber dann bei uns vor der Tür, auf der Straße. Nach dieser frei verfügbaren Mittagspause kann es dann wieder pädagogische Angebote und Lernzeiten geben.

 

Dass Kinder nachmittags die Schule verlassen, wäre für Sie auch eine Option?

Durchaus! Warum sollten sie jungen Menschen nicht den Freiraum geben, rauszugehen? Natürlich schreien da wieder einige auf, von wegen das ginge nicht. Ich kenne aber Schulen und Schulleitungen, bei denen das sehr gut funktioniert. Wichtig sind die Regeln: Die Eltern geben zu Beginn des Schuljahres ihr Einverständnis, dass Kinder das Schulgelände verlassen dürfen, wenn sie mindestens zu dritt, höchstens zu fünft sind, die Pädagogen wissen, wohin sie gehen, was sie dort vorhaben und wann sie zurück sind. Wie zu Hause eben..

 

Hängt Schule zu sehr in ihrem konservativen Korsett? Behindert das die Gestaltung von Ganztag?

Fakt ist: Es geht vieles.  Erfolgreiche Schulleiterinnen und Schulleiter verweisen immer wieder darauf, dass es sich lohnt, Verordnungen und Vorschriften mal daraufhin durchzulesen, was alles nicht verboten ist! Erwachsene haben eben oft große Angst, irgendwelchen Anforderungen, oder der Aufsichts- und Haftplicht nicht gerecht zu werden. Das ist leider dann auch der Grund, warum sich viele Lehrer und Schulleitungen selbst verbieten, kreativ zu sein, zu gestalten und menschlicher mit den Kindern umzugehen. Dabei ist es doch unglaublich wichtig, zu wissen, was braucht ein Kind, um sich gesund und gut weiterzuentwickeln. Stattdessen wird nach klassischem ich-zentrierten Muster gearbeitet: Ich muss betreuen. Ich muss erziehen. Ich muss bilden.

 

Aber bedeutet der Ganztag nicht auch eine zusätzliche Belastung für die Lehrer?

Erstaunlicherweise eher im Gegenteil. Lehrer, die mittags mit ihren Schülern essen gehen, kriegen einen ganz anderen Blick auf die Kinder. Wenn sie dann bei den Hausaufgaben oder Übungszeiten erleben, wo die Kinder Schwierigkeiten haben, öffnen sich auf einmal ihre Augen. Dann sehen sie auch, welche weiteren Anforderungen auch noch aus den anderen Fächern kommen.. So erleben es die Lehrer, an deren Schulen der Ganztag bereits in dieser Form gestaltet wird. Dort steigert sich das Wohlbefinden der Lehrer und gehen die Krankmeldungen von Lehrern deutlich zurück.

Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Zusammenhang: Wir sprechen hier von Ganztagskonzepten, die das Wohl und die gute Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit der  Kinder im Auge haben. Eine solche Haltung, die dem Kind zugewandt ist, verbessert das Schulklima und dann fühlen sich auch die dort arbeitenden Erwachsenen wohler. Diese Haltung bringt mehr als immer nur zu sagen: Wir brauchen mehr Geld, wir brauchen mehr Personal, sonst können wir uns nicht entwickeln. Es gibt Kollegien, die unter sehr bescheidenen Bedingungen mit viel Engagement eine wunderbare menschliche, entwicklungsfördernde Atmosphäre an ihrer Schule geschaffen haben, wodurch sich nicht zuletzt die Lernerfolge der Jungen und Mädchen verbessert haben.  Dennoch sollten diese Schulen nicht zum Maßstab genommen werden. Ich teile die Hilferufe vieler Lehrer und Eltern nach angemessener  räumlicher, personeller und materielle Ausstattung von Schulen, denn es sind die Orte, an denen die heranwachsenden Bürger unseres Landes einen großen Teil ihrer Zeit verbringen.

Letztlich hat das Ganze einen gesellschaftlichen Aspekt. Schule muss viel stärker zu einer demokratischen Grundhaltung kommen, in der sich die jungen Menschen in jeder Hinsicht „gefragt“, ernst genommen und beteiligt fühlen.

 

Nun wird kritisiert, dass die Lernerfolge an Ganztagsschulen gar nicht in die Höhe schnellen würden. Stattdessen verbessern sich vor allem das Sozialverhalten und Familienklima.

Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Eine gut geführte Ganztagschule schafft es, das soziale Miteinander in Schule und damit auch tendenziell die Atmosphäre zu Hause zu verbessern. Genau das ist doch eine wichtige Grundlage für besseres Lernen. Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass über ein verbessertes Lernklima und über verbesserte persönliche Kompetenzen auch die Lernleistungen nachkommen. Es ist doch schon unglaublich viel, wenn der Ganztag dabei hilft, Druck und Angst aus dem System zu nehmen und das soziale Miteinander zu stärken.

 

Ist es denn nun erstrebenswert, für alle Schulen in Deutschland eine einheitliche Ganztagsform zu finden?

Ich persönlich fände es hilfreich, wenn bundesweit große Standards gefunden werden, die einzelne Schule aber mehr Freiheiten darin bekommt, diese Standards umzusetzen und auszugestalten. Das ist deshalb wichtig, weil sich die Schulen ganz individuell auf ihr räumliches und soziales Umfeld einstellen müssen. Ganztagsschule muss unterschiedlich sein können, ansonsten würde sie der Vielfalt entgegenstehen, die wir im Menschlichen haben. Schulen, die schon erfolgreich im Ganztag sind, zeichnen sich durch sehr individuelle und passgenaue Konzepte aus, die sie selbst entwickelt haben.

 

Wichtige Links:

www.initiative-grosse-kinder.de

www.ganztaegig-lernen.de


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