Mittagsversorgung in der neu gebauten Kantine

Die Heinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißensee auf dem Weg zum Ganztag

Von Herausforderungen aus Theorie und Praxis

Mittagsversorgung in der neu gebauten Kantine
Mittagsversorgung in der neu gebauten Kantine

Mit dem Schuljahr 2010/2011 sind in Berlin 70 Gemeinschafts- und Integrierte Sekundarschulen in den Ganztagsbetrieb eingestiegen. Eine davon ist die Heinz-Brandt-Schule in Berlin-Weißensee. Sie führte jedoch nicht nur den gebundenen Ganztag ein, sondern wechselte zugleich auch ihre Schulform – von der Hauptschule zur Integrativen Sekundarschule. Begleitet wurde das Ganze von der Errichtung eines neuen Schulbaus und der erfolgreichen Teilnahme beim Deutschen Schulpreis. Eine fast unwirkliche Geschichte, deren eigentlicher Kern aber darin liegt, wie sich Ganztag auch im Hindernislauf entwickeln lässt.

Eigentlich müsste man Daniela Strezinski an der Nordsee vermuten. Irgendwo am Meer. Vielleicht auf Amrum. Dort, wo die Seele im Wind weht und der weiße Sand alle Spuren verdeckt, die hinter einem liegen. Dort, wo sich Erschöpfungszustände und Burnout professionell in einer Fachklinik behandeln lassen. Daniela Strezinskis funkelnde Augen wirken jedoch ziemlich lebendig. Von Erschöpfung keine Spur. Die stellvertretende Schulleiterin an der Heinz-Brandt-Schule strahlt eine Energie aus, trommelnde Batteriehasen würden hier freiwillig ihre Stöcke niederlegen.

Es bahnt sich eine erste Vorstellung davon an, wie die Heinz-Brandt-Schule wohl den „Wechsel-Hattrick“ in den Ganztag, zur integrativen Sekundarschule und in ein neues Schulgebäude geschafft hat. Ach ja, und nebenbei auch noch den Akademie-Preis des Deutschen Schulpreises einheimsen konnte. Im Grunde berührt alles ja irgendwo dasselbe Thema: Schulentwicklung. Aber gleich alles auf einmal? Schon im laufenden Schulbetrieb aus einer Hauptschule eine Integrierte Sekundarschule mit gebundenem Ganztag zu entwickeln, ist ein ambitioniertes Vorhaben. Schließlich müssen nicht nur Unterricht und Lernangebote neu strukturiert werden. Wachsende Schülerzahlen verlangen nach deutlich mehr Platz und der Ganztag erfordert Räumlichkeiten, die gleich mehrfach nutzbar sind.

Schulleitung und Kollegium der Heinz-Brandt-Schule freuten sich dann auch, als es im Frühjahr 2009 hieß, es gebe finanzielle Mittel aus dem Konjunkturpaket II, die genau für diesen Zweck eingesetzt werden könnten. Eines der Schulgebäude stammt – deutlich erkennbar – aus dem Jahr 1870, und auch in den übrigen Gebäuden fiel zum damaligen Zeitpunkt mehr als nur der Putz von der Decke. Doch wären Fördergelder keine Fördergelder, wenn sie nicht ausschließlich zweckgebunden eingesetzt werden dürften. Und eine Sanierung des bestehenden Altbaus stand nicht auf der Liste der Zwecke. Ein Umstand, der letztlich (und zwangsläufig) die Kreativität der Schulleitung ebenso herausforderte, wie das handwerkliche Geschick von Eltern und Schülern.

Derweil entstand an einer Ecke des Schulgeländes ein Neubau, der sich durch eine Bibliothek, eine Kantine sowie auch eine hochmoderne Verdunkelungsanlage für die Klassenzimmer auszeichnete. „Allerdings fahren die bereits beim ersten Sonnenstrahl runter. Dabei würden wir uns über ein bisschen Sonne eigentlich freuen“, sagt Miriam Pech, Schulleiterin und damit der zweite Teil einer durchsetzungsstarken Doppelspitze an der Heinz-Brandt-Schule. Nun stört sich Miriam Pech weniger an der fehlenden Sonne als daran, dass das Geld anderswo hätte sinnvoller eingesetzt werden können – zum Beispiel in der ganztagsbezogenen Ausgestaltung der neuen Schulräume. Aber gerade hier wurde das Schulleitungsteam auf eine harte Probe gestellt.

„In unserem Neubau gibt es jetzt hochmoderne Naturwissenschaftsräume. Die hätten wir aber gar nicht gebraucht. Außerdem sind sie so ausgestattet, dass sie sich für eine Mehrfachnutzung kaum eignen“, sagt Miriam Pech. Wie aber ist es möglich, dass eine Schule ihren Ganztag nicht bedarfsgerecht entwickeln kann? Zumal sie als Integrierte Sekundarschule verpflichtend den Ganztag anbieten muss? Eine Antwort lautet: Musterraumprogramm. Das Musterraumprogramm ist eine Art Planungsvorgabe, die eigentlich für gleiche Voraussetzungen – und damit gleiche Bildungschancen – an allen Berliner Schulen sorgen soll. In der Praxis läuft diese Vorgabe jedoch häufig an den konkreten Bedürfnissen der einzelnen Schule vorbei, wie auch Miriam Pech und Daniela Strezinski erfahren mussten.

Arbeit in Lernbüros
Arbeit in Lernbüros

Manchmal sind es aber auch überholte Denkmuster, die dem Ganztag im Wege liegen. Ein wichtiges Anliegen der beiden Schulleiterinnen war zum Beispiel, weg vom Frontalunterricht und hin zur neuen Form der Lernbüros zu kommen. Um das zu unterstützen, sollten die Tafeln nicht mehr vorne in der Klasse hängen, sondern an der Seite. „Das war vielleicht ein Akt, bis wir das beim Schulamt durchhatten“, sagt Daniela Strezinski. „Wir sind überhaupt nicht verstanden worden. Tafeln hätten schon immer vorne gehangen. So wäre halt Schule und so hätten wir ja schließlich auch gelernt.“ Kurzum: Die Tafeln hängen heute an der Seite.

Schlimmer kam es da schon in Sachen Mittagsversorgung. Die neu gebaute Kantine bietet Platz für maximal 80 Schüler. Berechnungsgrundlage dafür war – man ahnt es – das Berliner Musterraumprogramm. Darin wird jedem Kind, welches mittags die Schulkantine nutzt, zunächst einmal statistisch ein Platz von 1,2 qm zugesprochen. Es mag vielleicht polemisch klingen, aber einem deutschen Schäferhund stehen gesetzlich 8 qm Zwingerfläche zu. Und selbst ein deutscher Büroangestellter hat einen Mindestanspruch auf 1,5 qm Bürofläche. Für den Mittagsbetrieb im Ganztag ist es jedoch entscheidender, welche Frequentierung das Musterraumprogramm für eine Kantine ansetzt. Hier wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass nur 30 Prozent der gesamten Schülerschaft im Zweischichtbetrieb essen geht – selbst im gebundenen Ganztag. So weit die Theorie.

Die Praxis sieht auch hier anders aus. Derzeit nutzt zwar tatsächlich nur ein Drittel der 290 Schüler das Mittagsangebot. Zukünftig werden aber mehr als 400 Schüler die Heinz-Brandt-Schule besuchen. Eine Zahl, aus der die Schulleiterinnen bei der Planung des Neubaus durchaus kein Geheimnis gemacht hatten. Somit genügte die – eigentlich für den Ganztag ausgelegte – Kantine schon mit Fertigstellung nicht mehr den Ansprüchen der Schule. „Unser Ziel, wieder alle Schüler zusammen mit ihren Lehrern zum Mittagessen zu bringen, lässt sich im neuen Essensraum jetzt nur noch in fünf Schichten bewältigen“, sagt Daniela Strezinski.

Die Liste weiterer Anekdoten, Hürden und Herausforderungen ist lang. So konnte es das Schulleitungsteam auch gerade noch verhindern, dass die Räume des Neubaus in einem freundlichen Farbwechsel aus Rosa und Blau erstrahlten. Eine Idee des Architekten. Nun werden zwar in den Vereinigten Staaten die Zellen einiger Gefängnisse in einem Farbton namens „Cool-Down-Pink“ gestrichen (Die Farbpsychologie lehrt, dass diese Farbe aggressive Zeitgenossen beruhigen soll). Ein Ganztag in Pink war jedoch das Letzte, was sich Daniela Strezinski für sich und ihre Schüler vorstellen konnte.

Es überrascht, wie gelassen Miriam Pech und Daniela Strezinski heute von diesen Entwicklungen berichten. Wobei sie einräumen, dass es natürlich Zeiten gegeben hat, in denen sie und ihr Kollegium an die eigenen Grenzen stießen. „Dann muss man wieder ein Stück zurückrudern und schauen, dass man das Tempo rausnimmt“, sagt Miriam Pech. Dabei war es gar nicht so sehr die Vielzahl der Baustellen, auf denen sich die Schule gleichzeitig bewegte. Zu einer Glaubensfrage wurde vielmehr der Wechsel zum gebundenen Ganztag. Einige der älteren Kollegen wollten ihn nicht mehr mitgehen und verließen die Schule.

Sich nun im Zusammenhang von Schulentwicklung nicht überfordern zu lassen, hat auch damit zu tun, wie man einzelne Entwicklungsbereiche miteinander verknüpft. Der Wechsel zur Integrativen Sekundarschule sowie in den gebundenen Ganztag kann durchaus auch mit einem Schulneubau einhergehen, wenn alle drei Entwicklungen aufeinander abgestimmt werden. Dann ergeben sich am Ende sogar mehr Möglichkeiten, als wenn jeder Bereich für sich allein entwickelt worden wäre.

Speziell für den Ganztag war es an der Heinz-Brandt-Schule aber auch wichtig, auf die eigene Vergangenheit als Hauptschule und bereits vorhandene Strukturen aufzubauen. Bestehende Kooperationen und Projekte zur Berufsvorbereitung integrieren sich heute in das Angebot des Ganztags. Die drei Sozialarbeiterinnen, die es als Team bereits zu Hauptschulzeiten gegeben hat, sind nun auch Teil der ganztägigen Versorgung. Sie sind wichtige und vertraute Bezugspersonen für die Schüler. Eine davon ist Kati Lange, 35. Trifft man sie in ihrem Büro in der alten ehemaligen Hausmeisterwohnung im Altbau, dann ist da wieder diese Art, wie sie einem schon im Büro der beiden Schulleiterinnen begegnet ist oder wie sie einem auch im Spanischunterricht der Argentinierin Carla Gianatelli begegnet: offen, warmherzig, motiviert und in jeder Form den Schülern zugewandt.

Die wichtigste Ingredienz im Schuleintopf aus Praxis und Theorie scheint aber die Gelassenheit zu sein. „Wissen Sie“, sagt Miriam Pech, „wir haben in so kurzer Zeit so viel verändert, dass wir heute einfach sagen, wenn es nicht perfekt ist, dann ist das eben so. Ohne diese Haltung schafft man es nicht.“ „Wir werden ja auch nie fertig sein. Schule wird sich immer verändern, so wie sich auch unsere Kinder ständig verändern“, ergänzt Daniela Strezinski. „Das muss man einfach für sich verinnerlichen und annehmen. Eine Schule, die sagt, wir wollen endlich unsere Ruhe haben, kann nicht funktionieren. Und sie kann erst recht keine neuen Dinge entwickeln.“

 


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