Replik zu „Inklusion nach Augenmaß“

Inklusion ist kein Allheilmittel für alle Probleme unseres Landes. Sie ist nicht umsonst zu haben, sie ist nicht einfach, und sie kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Mühe und Nerven. Inklusion heißt nicht, dass ab morgen ein Kind mit Asperger Syndrom oder mit Down Syndrom mit in der Klasse sitzt, vielleicht mit einem Einzelfallhelfer, und ansonsten alles so läuft wie bisher.

Inklusion bedeutet: Paul, Emma, Leon, Ashanti, Miro, Louise, Abdul, Leonie – sie alle sind in erster Linie Kinder, die das Recht haben, als ganze Menschen wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. Und sie haben das Recht,  an ihrem Wohnort gemeinsam in die Schule zu gehen und ihr Lebensumfeld mitzugestalten. Ob sie außerdem Asperger oder Down Syndrom haben, hochbegabt sind, eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, sportlich, redegewandt, schüchtern oder musikalisch sind oder eine Brille oder ein Hörgerät tragen, ist nachrangig. Alles das sind Eigenschaften und Eigenarten, die die Kinder prägen, aber die sie nicht definieren – und über die sie nicht definiert werden sollen. Ein Ansatz, der dem bisherigen Denken in Deutschland diametral entgegensteht, gibt es hier doch bis zu neun verschiedene Förderschultypen, in die Kinder sortiert werden.

Inklusion – im Gegensatz zur Integration – bedeutet: das System verändert sich. Nicht Paul, Louise und Abdul müssen sich ins System hineinbewegen und so werden, dass sie dort mit Emma und Miro „mitschwimmen“ können. Und Leon, Ashanti und Leonie bleiben eben draußen, weil sie nicht gut genug schwimmen können. Sondern das System muss sich so verändern, dass sie sich alle zusammen bewegen können. Der eine oder die andere vielleicht mit Schwimmhilfen – aber niemand muss am Beckenrand stehen und zugucken, weil andere entschieden haben, er dürfe nicht mitschwimmen.

Wenn Heike Schmoll also sagt: „Es wird einzelne Behinderte geben, die von einer gemeinsamen Beschulung profitieren, vorausgesetzt sie treffen auf sonderpädagogisch geschulte Lehrer und integrationswillige Klassen“ (FaZ, 17.8.2012), dann hat sie nicht verstanden, was Inklusion ist, und dass es nicht um „einzelne Behinderte“ und „integrationswillige Klassen“ geht. Sondern um ein fundamentales Umdenken in der Gesellschaft, die nicht mehr Ausschluss als entscheidendes Gesellschaftsmerkmal zelebriert. Schmoll verweist auf die UN-Behindertenrechtskonvention und bemerkt, es ginge „elementar darum, Menschen mit Behinderungen Zugang zum staatlichen Bildungssystem zu geben“, und den „haben sie in Deutschland längst“. Es wäre wünschenswert gewesen, sie hätte die UN-Konvention selber so gründlich gelesen, wie sie es von anderen verlangt. Dort steht:

„Art. 24.2 Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass

  • b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben,  Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben
  • d) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Inklusion wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden.“

Das Ziel der „vollständigen Inklusion“ ist weit weg dem Schmoll’schen Bild des „einzelnen Behinderten“, der „integriert“ werden könnte. (NB: das Zitat stammt aus der Schattenübersetzung – denn die offizielle Übersetzung verwendet, gegen den Sinn des englischen Originals, „Integration“ statt „Inklusion“).

Das bedeutet nicht, dass Schmoll unrecht hat, wenn sie kritisiert, dass Lehrer und Schulen häufig noch nicht gut genug vorbereitet sind auf den gemeinsamen Unterricht. Es fehlt in der Tat häufig noch an wirksamen Konzepten der Lehrerfortbildung im Bereich „Umgang mit Heterogenität“, ebenso wie an Konzepten, wie die reiche Erfahrung in Sonderpädagogik wirkungsvoll in den Regelunterricht getragen werden kann. Darüber aber die gesamte Schulentwicklung der letzten Jahre außer Acht zu lassen und so zu tun, als seien Gleichschritt und der Mittelkopf immer noch das Maß aller Dinge, wie Schmoll es tut, bedeutet, ein weiteres Mal die Chance zu vergeben, Deutschland dabei zu helfen, sich von seinem Sonderweg der Sonderschulen zu lösen.

Nicht zuletzt bedeutet es auch zu ignorieren, welch großartige Arbeit viele Schulen, manchmal schon seit vielen Jahren, leisten, die selbstverständlich das sind, was alle Schulen sein sollten: „Eine Schule für alle Kinder“. Ohne Wenn und Aber.

 

Link zum Artikel in der FAZ vom 17.08.2012
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/schulunterricht-inklusion-mit-augenmass-11858001.html

Link zur Schattenübersetzung der UN-Behindertenrechtskonvention: http://www.behindertenarbeit.at/bha/archives/1574


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