Erkenntnisse aus einem SpeedLab zu „Peer Education“

 Definition der/die „Peer“: Im schulischen Kontext ist ein „Peer“ ein Schüler in der Rolle eines Lernhelfers. Dabei kann es sich um eine 1-zu-1-Lernhilfe handeln, um eine 1-zu-Gruppe- oder Gruppe-zu-Gruppe-Konstellation.

Im außerschulischen Kontext werden Peers auch „Multiplikatoren“ oder „Teamer“ genannt. Darunter werden meist Jugendliche einer Altersgruppe verstanden, die sich mit einem Projekt/einer Idee/einer Botschaft an einen Adressaten oder eine Adressaten-Gruppe wenden.

 

Eins ist mir nach dem SpeedLab „Peer Education – Lernen auf Augenhöhe“ klar: Peer Education ist mehr als eine Methode, die man anwendet. Es ist eine Haltung, eine Herangehensweise.

Mit Authentizität bei Jugendlichen punkten

Eindruck vom SpeedLab

Schon im ersten Impuls-Vortrag von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wird meine Überzeugung auf den Kopf gestellt; Ich dachte immer, je besser ein Schüler für ein Referat vorbereitet ist, desto erfolgreicher wird er das Wissen an seine Mitschüler vermitteln.

Die bpb unterstützt u.a. das Netzwerk teamGLOBAL, bei dem Jugendliche zwischen 18 und 25 in Schulen gehen und mit den Schülern Themen der Globalisierung in Form von Szenario-Workshops oder Planspielen aufarbeiten. Die Vorbereitung der Teamer besteht mindestens aus einem drei-tägigen Ausbildungsworkshop, bei dem „alte Hasen“ zu einem Thema Methodenbausteine vorstellen, also Spiele, Szenarien oder Diskussionsrunden durchführen. Daneben gibt es regelmäßige Austauschmöglichkeiten und weitere Ausbildungsworkshops auf freiwilliger Basis.

Herr Krüger erklärt, dass bewusst auf eine Überschulung verzichtet wird, damit die Teamer authentisch – Herr Krüger nennt es „ungeschliffen“ bleiben. Die Schüler haben weniger Berührungsängste sich zu beteiligen, wenn vor ihnen kein vermeintlich Allwissender steht, sondern jemand, der sich auch noch im Lernprozess befindet.

Ich bin überrascht. Es ist das Gegenteil der Ostereierpädagogik, die in der Lehrerausbildung noch oft vermittelt wird. Dabei steht die Lektion oder Antwort von vornherein fest und die Hauptaufgabe des Lehrers besteht darin, die richtigen Fragen zu stellen, um den Schülern den Weg zur Lösung zu ebnen.

Interesse wecken, der Rest ergibt sich

Im zweiten Impuls-Vortrag definiert Frau Dr. Schmalfeld, Schulnetzwerkkoordinatorin in Lübeck, Peer Education aus entwicklungspsychologischer Sicht. Demnach hat Peer weder etwas mit Alters- noch mit Wissensvorsprung zu tun. Wichtig ist nur, dass der Peer und der Adressat gleich-rangig und gleich-anerkannt sind. Sie nennt als Hauptaufgabe des Peers das Wecken von Interesse bei seinem Gegenüber. Ich bezweifle in dem Moment noch, dass ein pubertierender Jugendlicher inhaltliches Interesse in einem Erwachsenen wecken kann, werde aber wenig später vom Gegenteil überzeugt.

Zutrauen fördert den Reifungsprozess der Jugendlichen

Eindruck vom SpeedLab

Es folgen die LearnLabs, bei denen schulische und außerschulische Formen von Peer Education vorgestellt werden. Das Anne Frank Zentrum ist ein Beispiel für eine außerschulische Form und traut Jugendlichen viel zu. Eine Wanderausstellung über das Leben von Anne Frank kann von Schulen und anderen Institutionen angefragt werden. Jugendliche werden als Ausstellungsbegleiter ausgebildet und führen Schulklassen durch die Sammlung. Frau Weber, Bereichsleiterin der Wanderausstellung, erzählt von Jugendlichen, die einen enormen Entwicklungsschub während des Projekts gemacht haben. Sie lernen sich einerseits in der Rolle als „Chef“ kennen, gewinnen Selbstbewusstsein und stärken ihre kommunikativen Kompetenzen, andererseits stoßen die Jugendlichen beizeiten an ihre Grenzen, lernen damit umzugehen und Hilfe zu erfragen und anzunehmen. Von Peer Education, sagt Frau Weber, profitieren ihrer Erfahrung nach die Peers mehr als die Adressaten. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein, denn neben einer großen Nachfrage holen ehemalige Ausstellungsbegleiter das Angebot aufgrund der positiven Erfahrung an ihre ehemalige Schule.

Wie gelingt Peer Education in Schulen?

Ein Zitat von Johann Gottfried Frey kommt mir in den Kopf: „Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft behindert seine Reifung“. Der Lehrer lehrt und der Schüler lernt. Das war einmal. Nach zwei Impuls-Vorträgen und einigen LearnLabs bin ich überzeugt, dass Peer Education Potential hat. Ich vermute jedoch, dass es v.a. Zeit, Geduld und Kraft braucht, um Peer Education und die Philosophie, die dahinter steht, umzusetzen. Wie genau ist das also in Schulen möglich? Ein Praxisbeispiel der Evangelischen Schule Berlin Zentrum klärt mich auf. Mehr dazu im nächsten Blog-Beitrag an dieser Stelle.

 


Kommentare

  1. / von Kerstin Ueberle

    Hallo Esther,
    ich habe soeben deinen Blog mit großem Interesse gelesen. Ich bin überzeugt davon, dass so die Zukunft des Lehrens und Lernens aussehen kann, besser gesagt aussehen sollte. Wie schön wäre es, wenn die Bildungspolitik dies endlich einsehen und dahingehend Junglehrer ausbilden würde. Die Zeit, in der der Spruch „wenn alles schweigt und einer spricht, das nennt man dann wohl Unterricht“ Gültigkeit hatte, ist meiner Meinung nach längst vorbei. Anstelle von ständigem „du musst, du sollst, du darfst nicht“, sollte ein Dialog auf Augenhöhe treten. Die Länder, die in der Pisastudie gut abgeschnitten haben, machen dies ja längst so. Schüler künftig als Gesprächspartner ernst und wahrzunehmen, bringt uns (und vor allem die Lernenden) sicherlich weiter, als sie nur mit Wissen zu füllen, das dann isoliert abgefragt wird. Du kennst mich, ich werde diesen Weg weitergehen. In diesem Zusammenhang ist für mich natürlich interessant, wie ich die von dir beschriebenen „Teamer“ an die Schule holen kann. Hast du mir hierzu einen Kontakt? Ich freue mich auf weitere Anregungen in deinem nächsten Eintrag. Also schick mir unbedingt wieder den Link.
    Viele Grüße,
    Kerstin 🙂

  2. / von Esther Hoffmann

    Hallo Kerstin,
    die Schüler deiner Klasse waren insbesondere bei Projektarbeit „Peers“. Ich erinnere mich z.B. an die Länderprofile, bei denen sich die Klasse in Kleingruppen aufteilte und jede Kleingruppe die Besonderheiten eines Landes ihrer Wahl aufarbeitete. Bei den Präsentationen vor der Klasse ist viel Begeisterung rübergekommen. So gab es bei der Italien-Gruppe u.a. leckere italienische Snacks und eine Schülerin mit italienischen Wurzeln hat der Klasse einige Worte ihrer Muttersprache beigebracht. Die Schüler machen bei solchen Projekten einen Entwicklungsschub. Das habe ich in den zwei Jahren an der Schule „hautnah“ mitbekommen. Und selbst viel von den Schülern gelernt!
    Kontakt und Link folgen per Mail.
    Liebe Grüße

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