Erfrischend anders: Peer Education an der Evangelische Schule Berlin Zentrum

Sie ist anders als die Schulen, die die allermeisten von uns als Schüler kennen gelernt haben. An der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) gestalten die Schüler den Großteil des Unterrichts selbst – „Peer Education“ ist ein integraler Bestandteil. Somit waren die zwei Lehrer der ESBZ beim SpeedLab zum Thema „Peer Education“ eine echte Bereicherung. Mandy Voggenauer leitet an der ESBZ das Naturwissenschaften-Lernbüro. Ihr ist es wichtig, dass die Schüler sich selbst mitverantwortlich fühlen dafür, dass sie etwas lernen. Ihr habe ich nach ihrem SpeedLab drei Fragen gestellt und dabei erfahren, welche Rolle Schüler als Peers in der Lehrerfortbildung spielen, wie Inklusion im offenen Unterricht funktioniert und warum Schule auch ohne Noten geht:

An der ESBZ gibt es keine äußere Differenzierung, keinen 45-Minuten-Takt und keine Lehrer in der Rolle von Einzelkämpfern. Stattdessen hat die Schule jahrgangsübergreifenden Unterricht, Projektarbeit, eine gelockerte Rhythmisierung und Lehrerteams schon längst erfolgreich etabliert.

Das Ziel ist, die Schüler auf ihre Zukunft vorzubereiten, sagt die Schulleiterin Margret Rasfeld. Dafür hat sie z. B. das Fach „Verantwortung“ eingeführt, aus der Überzeugung heraus, dass man Verantwortung nicht lernt, indem man Bücher liest, sondern indem man sie erfährt. Ein anderes Beispiel ist das Fach „Herausforderung“, bei dem Schüler vor der Aufgabe stehen, drei Wochen mit 150 Euro zu überleben. Marcel und Julian* z.B. entschieden sich dazu, mit dem Geld die Reisekosten in die Schweiz zu decken und lebten dort zwei Wochen in einem Kloster und eine Woche im Wald. Eine andere Gruppe blieb in Deutschland und lebte drei Wochen lang erfolgreich von dem, was andere wegschmissen.

Der Schüler entscheidet
Von den üblichen Unterrichtsfächern sind nur vier übrig geblieben: Mathe, Deutsch, Englisch und Natur & Gesellschaft. Sie sind in Modulen aufbereitet, die die Schüler jeden Morgen in den ersten zwei Stunden bearbeiten. Dabei entscheiden sie frei, welchem Fach sie sich widmen und wann sie bereit sind, den Test über ein Modul abzulegen. Sie führen Logbücher zur Dokumentation ihres Lernfortschritts und fertigen Portfolios an; Noten gibt es erst am Ende der 9. Klasse.

Lehrer als Lernbegleiter
Der Lehrer steht nur noch selten vor der Klasse. In der Rolle des Lernbegleiters ist es seine Hauptaufgabe, den Schüler mit dem auszustatten, was er fürs Lernen braucht, seien es Informationen, Feedback oder Ermutigung. Jeder Lehrer ist Tutor von 13 Schülern, mit denen er einmal wöchentlich ein Vier-Augen-Gespräch führt. „Das Tutorengespräch ist das pädagogische Zentrum der Schule“, so die Schulleiterin. Ein gutes Klassen- und Schulklima hat Priorität. Im Fall von Konflikten muss der Unterricht warten. Da kann es passieren, dass am Ende des Schuljahres das Curriculum nicht komplett geschafft wurde.

Die Gestaltung von offenem Unterricht, die intensive Zusammenarbeit mit Kollegen, die enge Begleitung der Schüler, die Beurteilung von Portfolios nicht mit Zahlen, sondern mit Worten… all das braucht Zeit. Eine 60-Stunden-Woche ist für die Lehrer keine Seltenheit. Was motiviert sie, an der ESBZ zu arbeiten? Frau Voggenauer sagt, es sei vor allem die hohe Wertschätzung, die man vonseiten der Schüler und Eltern erfährt.

Das kann nicht nur die ESBZ
Durch ihre freie Trägerschaft hat die Schule im Gegensatz zu den meisten staatlichen Schulen die Möglichkeit, sich das Lehrerteam selbst zusammen zu stellen. Eine weitere Besonderheit ist das Schulgeld (mind. 45 Euro) und die verpflichtende Mitgliedschaft der Eltern im Förderverein (jährliche Gebühr 240 Euro). Dies sind finanzielle Selektionsmechanismen, die die Zusammensetzung der Schülerschaft steuern. Nichtsdestotrotz: Die Schule lebt ein Konzept, das durch viel Ausprobieren entstanden ist und das ein Umgehen mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, Interessen und Potenzialen der Schülerinnen und Schüler ermöglicht. In diesem Sinne kann die ESBZ als Quelle der Inspiration dienen und Mut machen.

*Namen geändert

 

Esther Hoffmann

 

Link:

Homepage der Evangelischen Schule Berlin Zentrum

http://www.ev-schule-zentrum.de


Kommentare

  1. / von Erfrischend anders: Peer Education an der Evangelische Schule ... | Sozialwissenschaft | Scoop.it

    […] Ihr habe ich nach ihrem SpeedLab drei Fragen gestellt und dabei erfahren, welche Rolle Schüler als Peers in der Lehrerfortbildung spielen, wie Inklusion im offenen Unterricht funktioniert und warum Schule auch ohne Noten …  […]

  2. / von Lernlust statt Schulfrust – Roadshow wirbt für andere Lernkultur

    […] Die Schülerinnen und Schüler der ESBZ sind bei der Roadshow auch darum ganz vorne mit dabei, weil sie möchten, dass das auch andere erleben dürfen: Schulen, in denen die Atmosphäre in den Klassenzimmern statt von Stress, Angst und Notendruck von Freude am Lernen, Neugierde und Kreativität geprägt ist. Die Haltung, die allem zugrunde liegt ist, dass jedes Kind eine Fülle an Begabungen mitbringt, genauso wie Begeisterung am Lernen, Entdecken und Entwickeln. Margret Rasfeld, die Leiterin der ESBZ, ist davon überzeugt, dass Schule diese Potenziale fördern und eine Lernkultur bieten kann, in der junge Menschen sich entfalten können. Sie hat an ihrer Schule die neuen Fächer “Herausforderung” und “Verantwortung” eingeführt. Ihr Schulprojekt gilt als besonders innovativ und erfolgreich (vgl. auch die beiden Beiträge zur ESBZ in diesem Blog hier und hier). […]

  3. / von Kerstin

    Es liest sich alles wunderbar. Ja, so müsste Schule überall sein…aber ich habe keinerlei Vorstellung davon, wie das an einer staatlichen Schule, die ohnehin knapp mit Geldern ausgestattet ist, und zudem z.B. mit den ganz Kleinen, den Grundschülern, umsetzbar sein soll!? Ideen kann man viele haben und man kann damit viele anstecken, der Knackpunkt ist, dass am Ende niemand von den erfahrenen Leuten da ist, der bei der Umsetzung hilft. Wo und wie fängt man an? Wie lässt sich so etwas ganz konkret an der eigenen Schule durchführen? An wen kann man sich wenden? Die meisten Kollegen winken ab: „Ich geh sowieso bald in Rente.“ oder „Wir haben doch kein Geld.“ oder „So ein Aufwand, das tu ich mir nicht an, es läuft doch so auch.“ usw. Kann man als Einzelkämpfer etwas bewirken?

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