Die Stadtteilschule Poppenbüttel

STADT wird TEIL von SCHULE – Warum der Ganztag Partner braucht…

Die Stadtteilschule Poppenbüttel
Die Stadtteilschule Poppenbüttel

Mit der Entwicklung des Ganztages ist das so eine Sache. Es gibt Schulen, die wollten ihn schon vor über zehn Jahren, aber haben ihn nicht bekommen. Und es gibt Schulen, die haben ihn bekommen, obwohl sie ihn gar nicht wollten. Zu Letzteren gehören die staatlichen Gymnasien in der Freien und Hansestadt Hamburg. Im Sommer 2004 wurden sie kurzerhand per Dekret zu offenen Ganztagsschulen erklärt. Eine nicht unumstrittene Sache.

Die Stadtteilschule Poppenbüttel im Nordosten Hamburgs ist eine der Einrichtungen, für die der Ganztag schon viel früher ein Thema war. Lange bevor die Gymnasien der Elbmetropole zu Ganztagsschulen erklärt wurden, hatte man hier bereits den ersten Antrag auf einen Wechsel gestellt. Der jedoch wurde abgelehnt. So wie auch ein nachfolgender Antrag, knapp fünf Jahre später. Heute, 2012, ist die Gesamtschule Poppenbüttel nicht nur „gebundene Ganztagsschule nach Hamburger Rahmenkonzept“, sondern auch Preisträgerin im Wettbewerb „Kooperative Steuerung im Ganztag“. Zeichen und Wunder!

Was ist passiert? „Uns hat die 2010 gescheiterte Schulreform in die Hände gespielt“, sagt Andreas Schulze, stellvertretender Schulleiter der Stadtteilschule Poppenbüttel. „Dadurch rückte das Thema Ganztag nämlich an die erste Stelle der Hamburger Bildungsagenda.“ Und dadurch rückte wohl auch Schulzes Schule auf einmal stärker in den Fokus der Behörde. Dort lag mittlerweile der dritte Antrag, und der wurde endlich bewilligt. Mit der Bewilligung kam dann auch Geld. Die im Vergleich zu anderen Schulen gute finanzielle Ausstattung kann aber auch für Andreas Schulze nicht darüber hinwegtäuschen, dass es genau das ist, woran es beim Thema Ganztag grundsätzlich fehlt: „Die ganztägige Versorgung hat zwar höchsten bildungspolitischen Stellenwert, wird aber in keiner Weise mit den notwendigen Ressourcen versehen“, sagt der Pädagoge. Kurz gesagt: Ganztag ist prima, darf aber nicht viel kosten.

Schüler auf dem Weg in die Stadtteilschule Poppenbüttel

Für die 750 Schüler und 85 Lehrer an der Stadtteilschule Poppenbüttel war das nichts Neues. Denn trotz oder gerade wegen der abgelehnten Anträge hatte sich die Schule kurzerhand selbst auf den Weg in den Ganztag gemacht – ohne finanzielle Unterstützung und zu einem Zeitpunkt, zu dem der Ganztag vielerorts noch tief in seinem Dornröschenschlaf lag. „Im Grunde laufen wir schon seit Jahren im Ganztagsbetrieb“, sagt Schulze. „Wir konnten gar nicht anders. Hier sind Schüler, die wir entsprechend versorgen müssen. Jedes dritte Kind bei uns ist auf irgendeine Weise förderungsbedürftig. Ohne Angebote wie Mittagsbetreuung, Hausaufgabenbetreuung, Nachmittagskurse oder Förderangebote können wir diesen Kindern nicht gerecht werden.“

 

Wechsel zum Ganztag

Umstellungen brauchen Zeit. Das gilt auch für den Start in den Ganztag. Und das gilt selbst dann, wenn eine Schule wie Poppenbüttel schon viele Jahre Erfahrungen mit ganztagsähnlichen Strukturen gemacht hat. Carsten Temming, Ganztagskoordinator an der Stadtteilschule, betrachtet das erste „echte“ Ganztagsjahr dann auch eher als Anpassungsjahr. Schulleitung und Kollegium müssten erst einmal die Gelegenheit bekommen, sich auf rhythmisierte Ganztagszeiten und die neue Teamarbeit umzustellen. Außerdem ließen sich nicht alle Jahrgänge auf einen Schlag umstellen. In Poppenbüttel passiert das Schritt für Schritt. Während die kommenden Fünftklässler nacheinander in den gebundenen Ganztag starten, laufen die derzeitigen Jahrgänge 8 bis 10 zunächst noch in der alten Unterrichtsform nebenher. Dazu kommt die Grundschule, die parallel in offener Ganztagsform geführt wird.

Essensausgabe in der Stadtteilschule Poppenbüttel

Für den Ganztagskoordinator keine leichte Aufgabe. In seinem Büro neben der Snack-Küche im Sek-II-Bereich entwickelt und betreut Carsten Temming gleich drei unterschiedliche Kursprogramme: das allgemeine Nachmittagskursprogramm, das Ganztagsprogramm für die Grundschule und das Ganztagsprogramm für die Stadtteilschule. Fasst man alle darin aufgeführten Veranstaltungen zusammen, hat es den Eindruck, als betreibe Temming eine Event-Agentur. Und das nicht nur, weil sich bei ihm selbst Klettertouren im Weserbergland oder Surfcamps auf Fehmarn buchen lassen. Allein die Fülle der auf die einzelnen Jahrgänge abgestimmten Angebote lässt erahnen, wie viel Arbeit es sein muss, die Zeit von 08.00 bis 16.00 Uhr sinn- und inhaltsvoll zu gestalten. Schon vor dem Wechsel zum Ganztag umfasste das nachmittägliche Kursprogramm 50 Angebote.

 

Nicht ohne meine Partner

Schule allein schafft keinen Ganztag. Nicht einmal im Ansatz. Die Bedeutung dieser anscheinend profanen Erkenntnis wird dann deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass jede einzelne Schule ihren Ganztag eigenverantwortlich ausgestalten muss. Die inhaltliche Autonomie von Schule wird hier auch zugleich zu ihrer größten Herausforderung.

„Es ist ohne Frage eine harte Nummer, wenn Schulen bei null anfangen müssen“, sagt Andreas Schulze. Und damit meint er Schulen, die weder Sozialpädagogen noch Erzieher im Team haben, weil Themen wie Integration, Inklusion oder Ganztag bisher keine Rolle gespielt haben. Diese Schulen müssen zusehen, wie sie mit geringen eigenen Ressourcen und nur wenig sonderpädagogischem Personal einen funktionierenden Ganztag entwickeln. „Wir als Integrationsschule arbeiten schon lange multiprofessionell. Sonder- und Sozialpädagogen waren bei uns schon vor dem Ganztag im Team. Dazu kommen natürlich die inhaltlichen und organisatorischen Erfahrungen, die wir durch Integration, Inklusion und das eigene Ganztagskonzept gesammelt haben“, sagt Carsten Temming. Gleichzeitig räumt er ein, dass Inklusion und Ganztag, die sich in Bezug auf individuelle Förderung eigentlich wunderbar verzahnen ließen, in der Praxis problematisch wären. Der Grund läge auch hier in der Unterfinanzierung. So stünde in der dreieinhalbstündigen Ganztagszeit für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nur ein Zehntel der Mittel zur Verfügung, die ihnen in der vergleichbaren Kernzeit zukommen würden. „Mit einer solchen Ausstattung kann Ganztag Inklusionsschülern nicht gerecht werden.“

 

Eine Frage der Ehre

Nun ist es eine Sache, über ausreichend Personal für sonderpädagogischen Förderbedarf zu verfügen. Eine andere ist es, Betreuer für die Hausaufgaben ab 13.30 Uhr zu finden oder etwa eine qualifizierte Trainerin für den Hiphop-Kurs am Montagabend. An diesem Punkt schlägt die Stunde der Stadtteilschule Poppenbüttel bzw. die der beiden Ganztagsentwickler Temming und Schulze. Nicht umsonst ist die Stadtteilschule eine von drei Siegerschulen im Wettbewerb „Kooperative Steuerung im Ganztag“. Was etwas sperrig daherkommt, meint nichts anderes, als dass die Stadtteilschule richtig gut mit den Menschen und Einrichtungen in ihrem Stadtteil kann, und dass diese umgekehrt auch richtig gut mit ihrer Schule können.

Mittagspause in der Stadtteilschule Poppenbüttel

Ob Arbeiterwohlfahrt, CVJM, Sportverein, Bauspielplatz, Berufsorientierungsprojekt, die Kirche oder das örtliche Freiwilligenforum – die Stadtteilschule Poppenbüttel hat mit den Jahren ein stabiles Netzwerk errichtet. Ein Netzwerk, dessen Wege vor allem in jede Richtung führen. „Wir wollen nicht nur Schule im Stadtteil sein, sondern in gleichem Maße auch Schule für den Stadtteil. Dazu gehört, dass wir Schule auch mal auslagern. Denkbar wäre zum Beispiel, dass die höheren Jahrgänge einen kompletten Tag in der Woche im Verein verbringen, um dort Sport zu treiben“, sagt Carsten Temming. Ganztagsschule erhält damit eine Verbindung, die sie eigentlich durch ihren zeitlichen Rahmen aufgelöst hat. „Durch den Ganztag nehmen wir den Vereinen ihre Klientel weg. Bei uns sind die Kinder, die sonst um 15.00 Uhr dort Tischtennis hatten. Da muss man wieder zusammenfinden.“

Neben professionellen Trainern, Kursleitern oder Betreuern gibt es noch eine zweite große Gruppe, die sich im Ganztag engagiert: die Freiwilligen. „In Poppenbüttel haben wir eine besondere Ehrenamtskultur, die natürlich ein Stück weit die gutbürgerliche Struktur des Stadtteils widerspiegelt“, sagt Andreas Schulze. „Es gibt hier eine Menge Ruheständler, die in ihrem Alltag etwas Gutes und Sinnvolles tun wollen. Sie unterstützen uns als Lesepaten, Freiwilligenhelfer oder übernehmen zum Beispiel die komplette Mathenachhilfe der Jahrgänge drei bis zehn.“ Die Arbeit der Freiwilligen ist mit Geld nicht zu bezahlen. Derzeit wird ein Drittel der Nachmittagsangebote von Freiwilligen gestemmt.

 

Verweise:

Der vollständige Bericht ist über folgenden Link erreichbar (Podium Schule 1/2012)

Link zur Homepage der Stadtteilschule Poppenbüttel


Kommentare

  1. / von Esther Hoffmann

    Man sollte hellhöriger auf Impulse aus den Schulen reagieren! Die Stadtteilschule Poppenbüttel ist ein schönes Beispiel dafür.

    Laut Hamburger Schulgesetz ist es seit Mai 2012 so, dass Schüler von der Vorschulklasse bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres Anspruch auf eine „umfassende Bildung und Betreuung zwischen 8 und 16 Uhr“ (§ 13, Absatz 1) haben, die Umstellung auf den Ganztag also inzwischen alle Schulen betrifft, zumindest insofern, als dass sie mit Trägern der Jugendhilfe und Vereinen kooperieren müssen oder selbst Nachmittagsangebote organisieren.

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