Vielfalt im Klassenzimmer – aber nicht im Lehrerzimmer?

Lediglich 1-2 % der Lehrkräfte in Deutschland haben ausländische Wurzeln, obwohl knapp 20% der Bevölkerung in Deutschland Migranten sind. Die gesellschaftliche Zusammensetzung spiegelt sich also überhaupt nicht in der Lehrerschaft wider.

Hamburg hat z. B. als eins von vielen Bundesländern das Netzwerk „Lehrkräfte mit Migrationshintergrund“ gegründet, das junge Menschen mit Migrationshintergrund motivieren will, ein Lehramtsstudium zu ergreifen. Inzwischen haben 18% der ReferendarInnen in Hamburg ausländische Wurzeln. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Integration von Schülern mit ausländischen Wurzeln verbessert wird. Mehr Schüler mit Migrationshintergrund sollen den Übergang von der Schule in den Beruf schaffen, weniger ohne Schulabschluss die Schule verlassen, mehr aufs Gymnasium gehen. Auch Sevin Isikli wäre nach der Grundschule fast auf die Gesamtschule gewechselt und nicht aufs Gymnasium. Sie ist eine Stipendiatin der START-Stiftung, die als solche durch materielle Förderung und Seminare in der Sekundarstufe unterstützt wurde.

„Meine Grundschullehrerin hatte noch gesagt, dass ich trotz Einsen und Zweien nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Gesamtschule passen würde. Sie meinte, mein Deutsch würde nicht ausreichen.“ (Geiger, Ruth-Esther: Deutschland – meine Option? Berlin 2012) Das motivierte Sevin doppelt, die Beste in Deutsch zu werden.

Eltern mit Migrationshintergrund sind durchaus interessiert am schulischen Erfolg der Kinder, aber leiden oft unter sprachlichen Defiziten oder mangelnden Kenntnissen des deutschen Bildungssystems. Sevins Vater sagt dazu: „Wenn man den Türken vorwirft, sie seien nicht bildungsorientiert, ist das sehr verletzend. Es tut ihnen ja auch weh, dass ihre Kinder scheitern, aber sie kennen den Weg vielleicht nicht für den Erfolg ihrer Kinder in der Schule“ (Geiger, Ruth-Esther: Deutschland – meine Option? Berlin 2012). Und sie haben Diskriminierung in der Schule vielleicht selbst nicht erlebt und können ihren Kindern auch deshalb nicht beratend zur Seite stehen.

Viele Schüler erfahren Diskriminierung in der Schule, die gefühlt schon anfängt, wenn der Lehrer sich nicht bemüht, ausländische Namen richtig auszusprechen. Lehrer mit Migrationshintergrund verfolgen die Förderung von Schülern mit ausländischen Wurzeln mit besonderem Engagement und gelten als Vorbilder, so die berechtigte Hoffnung, wie eine Studie der FU Berlin aus dem Jahr 2010 belegt.

Aber reichen nicht auch interkulturelle Seminare für „Bio-Deutsche“, um die Diskriminierungsproblematik in den Griff zu bekommen? Das habe ich Herrn Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen gefragt:

Zum Interview mit Cem Özdemir =>

 

Herr Özdemir betont, dass Lehrer mit Migrationshintergrund zwar sehr wichtig für die Verbesserung der Integration an Schulen sind, aber nicht die einzige Maßnahme sein dürfen. Das gesamte Kollegium sollte im Idealfall interkulturell sensibel sein, damit keine Überforderung durch unrealistisch hohe Erwartungen an die wenigen Lehrer mit Migrationshintergrund entsteht. Das ist auch deshalb wichtig, weil sie selbst oft Opfer von Diskriminierung im eigenen Kollegium sind, wie die empirischen Befunde der Berliner Studie zeigen. Jeder fünfte Befragte kann von diskriminierenden Erfahrungen an der Schule berichten. Bis sie ihr Potential vollends entfalten können, braucht es also noch Zeit, die wir – laut Herrn Özdemir – nicht haben. Was spricht also gegen positive Diskriminierung – z. B. bei der Aufnahme von Lehramtsstudierenden?

Esther Hoffmann

 

Links:

Hamburger Netzwerk „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte“

http://li.hamburg.de/netzwerk/

 


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