Mythos individualisierter Unterricht: Was meint Individualisieren im Unterricht wirklich?

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Individualisierung im Unterricht

Neulich saß ich im zufälligen Gespräch mit einer Gesamtschullehrerin zusammen. Es ergab sich eine anregende Unterhaltung über unsere beruflichen Schwerpunkte. Na klar erzählte ich, dass ich eine große Anhängerin von Demokratiepädagogik und individualisiertem Unterricht bin. Das machte die Kollegin nachdenklich und ließ uns in einen Austausch darüber geraten, was es denn nun genau ist, dieses Individualisieren

 

Eine prägnante Äußerung der Kollegin ist mir besonders hängen geblieben:

„Ich finde es ja eigentlich nicht gut, dieses ganze Individualisieren, das nun in aller Munde ist. Ich bin eher dafür, dass nicht jeder in der Klasse tun und lassen kann, was er will, dass man nicht jedem alles Recht machen muss. Als Lehrerin bin ich ständig diesem Druck ausgesetzt, allen gleich gerecht zu werden und nach der Nase zu tanzen. Das ist ein Trend, der uns allen, Lehrern wie Schülern, nicht gut tut. Ich plädiere also eher für mehr Anpassung, klare Regeln, Disziplin und Rücksichtnahme. Individualisierung hat für mich den Beigeschmack einer verweichlichten Pädagogik.“

So berichtet mir die langjährige Lehrerin von ihren Erfahrungen. Ich höre im Gespräch, dass sie und auch andere Kollegen im Unterricht keine guten Erfahrungen mit „Individualisierung“ gemacht hätten. Vielmehr löse dieses Stichwort eher Unbehagen aus, weil die Schülerschaft an ihrer Schule so heterogen sei, dass es aus ihrer Sicht nicht möglich wäre, allen gerecht zu werden. Was oft zurück bliebe, sei ein Gefühl von Überforderung oder sogar manchmal auch Ohnmacht, da man sich den individuellen Ansprüchen der Schüler und ihren „Launen“ zunehmend ausgeliefert fühle. Das belaste. Auch, weil es mehr Disziplinkonflikte gäbe…

Mhhh, ich muss schlucken und mich einen Augenblick sortieren. Ich finde es schade, dass das tatsächlich der Beigeschmack des Anliegens von individualisiertem Unterricht sein kann. Ich frage mich:

Ist individualisierter Unterricht eine Form von Kuschelpädagogik? Führt der Versuch von individualisiertem Lehren und Lernen unter Umständen zu mehr Disziplinkonflikten?

Meine persönliche Antwort lautet: Nein!

Allerdings: ich kann nachvollziehen, was die Kollegin meint. Ich selbst habe vor vier Jahren in einer Klasse unterrichtet, die sehr heterogen zusammengesetzt war und in der ich mich mit vielen Disziplinkonflikten konfrontiert sah. Ähnlich, wie die Kollegin es mir beschrieb. Es fiel mir schwer, einen Zugang zu jedem einzelnen Schüler zu finden und alle gleich gut zu fördern und zu fordern. Das war ganz schön anstrengend und manchmal auch nervenaufreibend. Aber ich habe trotzdem nicht so empfunden wie die Kollegin, die sich sehr unter Druck gesetzt fühlte von dem Anliegen des individualisierten Unterrichts. Ich betrachte es stärker als Chance und weniger als Belastung: Es geht aus meiner Sicht eher um den Versuch, dem Schüler einen Raum, aber auch einen sicheren Rahmen für seine Person und seine Potentiale zu eröffnen. Weil jeder in der Klasse diesen Raum geboten bekommt, geht es für mich dabei auch um den offenen Umgang mit Möglichkeiten und Grenzen, um ein Ausbalancieren verschiedener Anliegen und Interessen. Ich glaube, das tut allen gut und ermöglicht Transparenz und Vertrauen. Es erfordert nicht von mir, dass ich mich für jeden verbiegen muss. Nach meinen Erfahrungen und meinem Empfinden erfordert es von mir, jedem gleichermaßen Respekt zukommen zu lassen und von diesem Standpunkt heraus die Arbeit mit den Schülern bewusst zu gestalten. Natürlich habe ich trotzdem auch weiterhin Disziplinkonflikte zu bewältigen, aber meine Haltung den Schülern gegenüber erleichtert es mir, mit diesen Konflikten umzugehen. Eine offene Grundhaltung erleichtert es mir darüber hinaus in didaktisch-methodischer Hinsicht, neue bzw. offene Möglichkeiten des Lehrens und Lernens auszuprobieren und die Schüler hierbei „mit ins Boot zu holen“. Soviel zu den persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen und meinem persönlichen „learning by doing“. Aber was steht in der Fachliteratur zum Stichwort „Individualisierung“?

Individualisiertes Lernen im Unterricht
Individualisiertes Lernen im Unterricht

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Individualisierung kein junger Begriff der Schulpädagogik ist. Darüber hinaus wird er in der Fachliteratur nicht einheitlich verwendet und ausgelegt, was meines Erachtens nach ein Grund sein mag, warum unter Umständen Verwirrung oder Unsicherheit hiermit auftritt. Allerdings findet sich ein enger Bezug zum Stichwort „innere Differenzierung“. So kann Individualisierung einerseits synonym zum Begriff Differenzierung verwendet werden. Andererseits bezeichnet Individualisierung auch sozusagen das Ziel der Differenzierung im Unterricht. Demzufolge sind differenzierende Maßnahmen das Mittel, um das Prinzip der Individualisierung zu erreichen. Nach Klaus Schittko (1984, S.23) basiert Individualisierung auf dem Anerkennen unterschiedlicher Lernvoraussetzungen. Er definiert Individualisierung im Unterricht folglich als „die Berücksichtigung der individuellen intellektuellen, emotionalen, motorischen und sozialen Potenzen eines Lerners für seinen erfolgreichen Lernprozess bzw. die Orientierung des Unterrichts an dem individuellen Lernfortschritt- und -bedürfnis des einzelnen Lerners.“

Die Unterschiedlichkeit der Lernvoraussetzungen bzw. die Heterogenität der Schüler ist die Basis bzw. der „Boden“ für Individualisierung im Unterricht. Oder anders gesagt:

 

Individualisierung im Unterricht fußt auf einer Pädagogik der Vielfalt bzw. ist Grundlage dieser.

Besonders erkenntnisreich und interessant finde ich diesbezüglich die Expertisen von Annedore Prengel, Professorin für Grundschuldidaktik an der Universität Potsdam. In ihrem Essay „Gleichberechtigung der Verschiedenen – Plädoyer für eine Pädagogik der Vielfalt[1] erläutert sie, „dass Pädagogik der Vielfalt auf einem sehr einfachen gedanklichen Kern, der Gleichberechtigung der Verschiedenen beruht, (…)“. Dabei gehe es vor allen Dingen um das Bewusstsein der Perspektivenabhängigkeit  jedes Menschen. So sei jeder Mensch und seine Handlungsmöglichkeiten an die eigene, individuelle Perspektive gebunden. Es sei wichtig, dies bei der Erziehung oder im Unterricht zu beachten und eine Umgebung bzw. Atmosphäre zu schaffen, die individuelle Perspektiven der Kinder bzw. Schüler zulasse. Individuelle Perspektiven können dabei Vieles enthalten: sei es die kulturelle Herkunft, ein Handicap, besondere Schwächen oder Begabungen, Interessen und Neidungen oder aber schwierige Familienhintergründe. Es gehe um eine Anerkennung und Wertschätzung von Differenzen als Ausgangspunkt für die Arbeit mit den Schülern.

Ich verstehe: das Verständnis von Individualisierung im Unterricht erfordert eine besondere pädagogische Haltung, …

…welche sich der Heterogenität, die es nun mal in allen unseren Klassenräumen gibt, öffnet. Es bedarf vielleicht sogar einigen Mut, um Vielfalt zuzulassen. Denn Vielfalt zuzulassen und anzuerkennen erfordert, neue, andere oder ungewohnte Wege des Unterrichtens einzuschlagen.

Ich verstehe aber auch, das Stichwort Individualisierung hat das Potential zu verwirren oder zu überfordern.

Dann ist es wichtig, sich auf die eigene Haltung und die eigenen Möglichkeiten zu besinnen und für sich zu klären: Was erfordert Individualisieren eigentlich (von mir)? Es erfordert das Anerkennen bzw. Respektieren der anderen Perspektive. Es gilt letztlich, Wege zu suchen, um dieses Anerkennen der Individualität im Unterricht „sichtbar“ werden zu lassen. Mit den eigenen Potentialen Unterricht zu gestalten, der dieses Anerkennen oder Wertschätzen ermöglicht. Für den Anfang (sichtbar machen/wertschätzen der individuellen Persönlichkeit) nutze ich immer die folgenden Methoden, die sich sowohl in der Grundschule als auch in der weiterführenden Schule einsetzen lassen: Link zum Arbeitsblatt. Sicherlich gibt es kein Patentrezept für individualisierten Unterricht. Aber es gibt viele Möglichkeiten, von denen man sich anregen lassen kann (zum Beispiel hier: www.vielfalt-lernen-wiki.de).

 

Katharina Korves

 

Quellen und weiterführende Literatur:

– [1] http://www.liga-kind.de/fruehe/603_prengel.php (8.1.2013)

– Boyken, H.-P.: Kleine Schritte: Vom Frontalunterricht zur Individualisierung. Hamburg. 2009

– Buholzer, A., Kummer-Wyss, A.: Alle gleich – alle unterschiedlich!: Zum Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Seelze. 2010

– Prengel, A.: Pädagogik der Vielfalt: Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik (Schule und Gesellschaft). 3. Aufl. Wiesbaden. 2006

– Schittko, K.: Differenzierung in Schule und Unterricht. München. 1984

– Von der Groeben, A.: Praxisbuch: Verschiedenheit nutzen . Besser lernen in heterogenen Gruppen. Mannheim. 2008

 

 


Kommentare

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