Theaterpädagogik: Ein Plädoyer für mehr „Spielen“ in der Schule

Ein Kind eignet sich die Welt im Spiel an. Im (Rollen)Spiel erfährt es in seinen ersten Lebensjahren viel über alles Materielle und Lebendige, von dem es umgeben ist. Und es erfährt eine Menge über sich selbst. So ganz selbstverständlich und wie nebenbei. Leider wächst sich das freie Spiel und Rollenspiel im Laufe der Jahre heraus. Während der Schulzeit verliert es sich schleichend und stetig. Eine Disziplin, die das Spielen auf ganz besondere Weise lebendig hält und viele Potentiale für die personale und soziale Entwicklung bereit hält, ist die Theaterpädagogik. Prof. Dr. Bernd Ruping, Studiendekan des theaterpädagogischen Instituts an der Hochschule Osnabrück (Standort Lingen), berichtet in nachfolgenden Interview und Film (Link zum Video) vom Nutzen und Wert der Theaterpädagogik in der Schule.

Prof. Dr. Bernd Ruping
Prof. Dr. Bernd Ruping, Studiendekan des theaterpädagogischen Instituts an der Hochschule Osnabrück

KK: Theaterpädagogik ist sehr vielfältig und bewegt sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern: etwa im künstlerisch-ästhetischen Bereich (Schauspielkunst), aber auch in Bildungs- oder Freizeiteinrichtungen.
Bernd, Was ist Dein Verständnis von Theaterpädagogik und warum ist der Einsatz in der Schule so wertvoll?

Prof. Dr. Bernd Ruping: Bei Theaterpädagogik geht es nach meinem Verständnis und bei allem künstlerischen und ästhetischen Anspruch insbesondere darum, mit Theater bzw. mit theatralen Methoden in eine erfahrungsbezogene Kommunikation mit den Menschen zu treten. Insbesondere mit den Menschen bzw. Schülern, die nicht das Privileg haben sich über Medien oder über Sprache, also über einen elaborierten Code, auszudrücken. Theaterpädagogik ist auch deshalb so sinnvoll in der Schule, weil sie alle Schüler – ganz gleich welcher individuellen Vorraussetzungen – erreichen kann. Weil Theater eine Ausdrucksform ist, die auch mit wenig oder gar keiner Sprache auskommt. Aber eine Menge aus der Situation, aus der die Botschaft kommt, mitteilt.

KK: Ich verstehe: das theatrale Spiel vermag – bezogen auf den Einsatz in der Schule – alle einzubeziehen. Das ist insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Heterogenität in den Klassenräumen und im Hinblick auf die Forderung nach Inklusion interessant. Meine anknüpfende Frage ist:
Was meinst Du damit, dass theatrale Ausdrucksformen Botschaften bzw. Erkenntnisgewinn fördern?

Prof. Dr. Bernd Ruping: Wenn du jemandem theatral siehst, siehst du ihn nicht isoliert…sondern du siehst ihn immer im Kontext mit anderen. Meistens sind es Handlungskontexte – dramain heißt ja Handeln – oder Verhaltenskontexte. Wenn diese Kontexte dann von den Schülern gestaltet werden, sich also strukturieren bzw. Form werden, dann kann man in der Regel an diesen Bildern oder Szenen, die da entstehen, sehr viel ablesen von der Situation, um die es geht. Meistens lässt sich sogar sehr viel ablesen von der eigenen Wirklichkeit der Menschen bzw. Schüler. Es geht sozusagen um die Transformation von vorhandenen Befunden in eine Formsprache, die über sich selbst hinauswirkt. Es steckt in einem Bild immer mehr drin, als der Autor bzw. Akteur vorhat zu zeigen. Das ist unglaublich spannend und hat enorm viel Potential etwas zu erfahren oder erkennen. Zum Einen über die Situation, zum Anderen insbesondere über die Personen bzw. Schüler.  

KK: Also geht es immer auch – ganz gleich welche Inhalte oder Situationen gestaltet werden, um personale und soziale Aspekte der Akteure bzw. Schüler?

Prof. Dr. Bernd Ruping: Das theatrale Spiel schließt immer Forschung mit ein. Forschung von sozialen Situationen, Haltungen und Verhaltensweisen von den und mit den Beteiligten. Wenn es pädagogisch genutzt wird, so wie in der Schule zum Beispiel, dann machen wir einen Durchlauf durch die theatralen Prozesse, um Wirklichkeit besser zu verstehen, sich selber besser zu verstehen, die Situation, in der man steckt oder um die es geht, besser zu verstehen oder sich selber persönlich weiter zu entwickeln. Letztlich ist es eine Forschung in eigener Sache.

KK: Das große Potential des Einsatzes theaterpädagogischer Methoden liegt also darin begründet, die personalen und die sozialen Aspekte der Schüler individuell – das heißt nach eigenem Vermögen –  zu fördern.
Hast Du abschließend noch einige Tipps, wie man mit der theatralen Arbeit in der Schule beginnen kann? Wie schafft man es, dir Schüler hierfür zu motivieren?

Prof. Dr. Bernd Ruping: Nun, Voraussetzung dafür, dass theatrales Spielen in  der Schule gelingen kann, ist die größtmögliche Offenheit des Lehrers, völlig frei von Bewertungen und Erwartungen an die Schüler. Das schließt mit ein, dass Regeln verlassen werden, Leistungsmessung und auch das Schrittfolgenbewusstsein. Das mag für den Lehrer ein Risiko darstellen, denn er muss hierzu die Sicherheit seiner Rollenidentität verlassen wollen, um den Schülern wirkungsvolle Impulse ` auf Augenhöhe ´ geben zu können. Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass sie Angebote machen können zu den Impulsen und Raum haben zum Gestalten ohne `pädagogischen Zeigefinger´. Die Lehrerhaltung: „Ich bin gespannt, was wir hier schaffen“ ist eine wichtige Botschaft für die Schüler. Der Lehrer könnte zum Beispiel sagen: „Klaus zeig mir mal, wie DU den Satz sagen würdest“ oder: „Gebt mir EURE ganz eigenen Angebote zu dem Satz“. Es geht bei dem Ganzen sozusagen um die  `Verrohstofflichung´ von Inhalten. Inhalte werden so reduziert, dass der Schüler sich ernst genommen fühlt und denkt: „Wenn ICH das spreche, geht das so“. Wichtig ist auch, sich davon frei zu machen, ein ganzes Theaterstück einstudieren zu wollen. 10-20 Minuten gestaltetes Theater sind genug. Dieses könnte man in 8-10 Proben erarbeiten und hierbei Raum schaffen zum Experimentieren. Das reicht völlig als Untersuchungsfeld. Um Theater machen zu können, braucht man am besten einen leeren Raum, der mit großen Papierbögen an der Wand für eine Wandzeitung versehen ist. Während der Probe wird das Papier vollgeschrieben mit den Ideen, Eindrücken und Einfällen. Das Skript ereignet sich also während der Probe. Es ist ein gemeinsamer Prozess.

KK: Danke Bernd für deine Impulse!

Mir bleibt festzuhalten: theaterpädagogische Methoden sind äußerst effektiv, um der Vielfalt der Schüler wirkungsvoll zu begegnen und um mit ihnen in eine Kommunikation über  ihre Wirklichkeit zu treten. Theater ist eine soziale Kunst. Jeder Schüler kann sich uneingeschränkt nach individuellem Vermögen in das Spiel einbringen. Einmal motiviert, bietet das Spiel somit wertvolle Erkenntnisgewinne, die über das Thema hinaus weisen und eine neue oder zumindest weitere Ebene des Bildungsprozesses schaffen. Im Spiel „bildet“ sich so Einiges; in der Gemeinschaft und trotzdem individuell.

Theatrales Spielen schafft Bilder, die bunt und vielfältig sind wie die Schülerschaft.

Auf handlungs- und erfahrungsbezogener Ebene rücken die Identitäten der Schüler in den Mittelpunkt und es entsteht Raum für ihre individuelle Auseinandersetzung mit dem „Stoff“ und mit sich selbst.

Die folgende Videoaufzeichnung „Drama In Education“, an welcher Prof. Bernd Ruping maßgeblich beteiligt war, verdeutlicht dies zusammenfassend auf eindrucksvolle Weise. Diese Aufzeichnung ist im April 2013 durch eine Initiative des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bundesarbeitsgemeinschaft „Theater in der Schule“ entstanden. In Österreich wird der Einsatz von Theaterpädagogik in Schule und Unterricht stark gefördert. Die Potentiale die durch „Drama In Education“ ausgeschöpft werden können (insbesondere Förderung von Lernmotivation, Konzentration, Ich-Kompetenz, sozialer Kompetenz und Sprach- sowie Kommunikationskompetenz) sind so wertvoll, dass sich laut bm:ukk ein besonderes Engagement lohnt und auszahlt. Ich bin mir sicher, dass wir auch in Deutschland noch häufiger hiervon hören werden!

Katharina Korves

Literatur:
Ruping, Bernd; Wiese, Hans-Joachim; Günther, Michaela: Theatrales Lernen als philosophische Praxis in Schule und Freizeit, Schibiri Verlag, Berlin, 2006

Scheller, Ingo: Szenische Interpretation von Dramentexten: Materialien für die Einfühlung in Rollen und Szenen, Schneider-Verlag, Hohengehren, 2008

Scheller, Ingo: Szenisches Spiel: Handbuch für die pädagogische Praxis, Cornelsen, Berlin, 1998

Scheller, Ingo: Szenische Interpretation: Theorie und Praxis eines handlungs- und erfahrungsbezogenen Literaturunterrichts in Sekundarstufe I und II, Kallmeyer, Seelze-Velber, 2004

Scheller, Ingo: Erfahrungsbezogener Unterricht: Praxis ; Planung ; Theorie, Scriptor, Königstein, 1981


Kommentare

  1. / von Joachim

    Ein sehr interessanter Beitrag! Ich denke, dass Spiel schon alleine deswegen prädestiniert für Bildung ist, weil es viel mehr Spaß und Kreativität aktiviert, als das klassische Lernen in der Schule. Kleine Kinder lernen ja schließlich auch das allermeiste in Spiel und Rollenspielen, Erwachsene ebenso, wenn sie nach Schule oder Studium praktische Berufserfahrung sammeln müssen. Das überzeugendste Argument ist für mich die Freude auf den Gesichtern der Beteiligten Kinder und Lehrer in dem Video!

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