Das Kollegium bei der Fortbildung

Teamarbeit und individuelle Förderung an der Von-Zumbusch-Gesamtschule

Die Von-Zumbusch-Gesamtschule ist eine von neun weiterführenden Schulen im Kreis Gütersloh, die das Fortbildungsangebot „Vielfalt fördern“ von Schulministerium und Bertelsmann Stiftung nutzt. Als Teamschule konnte das Kollegium schon vor der Fortbildung auf viele bewährte Konzepte zurückgreifen. Die Fortbildung hat jedoch geholfen, einen Rahmen für Schul- und Unterrichtsentwicklung zu schaffen, in dem systematisch, gemeinschaftlich und mit Weitblick Schule neu gedacht werden kann.

Schule im Aufbau

Das Kollegium bei der Fortbildung
Das Kollegium bei der Fortbildung

Schulleiterin Sabine Hengstenberg ist immer noch außer sich vor Freude: vor wenigen Tagen konnte in einem feierlichen Festakt endlich die neue Mensa eingeweiht werden. Die Bauarbeiten sind abgeschlossen und die Schülerinnen und Schüler brauchen nun mittags nicht mehr das Angebot, im benachbarten Kolping Haus „Zum Lila Schaf“ versorgt zu werden, in Anspruch nehmen. Die Von-Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz (Kreis Gütersloh) ist eine Ganztagsschule im Aufbau. Erst im Schuljahr 2012/2013 hat sie mit der 5. Jahrgangsstufe ihre Arbeit aufgenommen: die Schule ist fünfzügig und mit insgesamt 150 Schülerinnen und Schülern gestartet – 30 Kinder werden in einer Klasse unterrichtet. Im aktuellen Schuljahr sind fast noch einmal so viele Kinder hinzugekommen und das Kollegium ist auf 22 Lehrkräfte angewachsen. Untergebracht ist die Von-Zumbusch-Gesamtschule im Schulzentrum der Gemeinde Herzebrock-Clarholz. Die beiden Jahrgangsflure sind komplett renoviert und teilweise mit neuen Möbeln bestückt. Es gibt drei Differenzierungsräume, von denen einer sogar mit speziellen Gruppenarbeitstischen ausgestattet ist.

Das Schulzentrum ist derzeit aber auch noch Standort der auslaufenden Real- und Hauptschule. So begegnen sich auf den Fluren im Schulzentrum Lehrkräfte unterschiedlicher Kollegien – Ausdruck der Transformation des Schulsystems in NRW. Angesichts sinkender Schülerzahlen und schwindender Akzeptanz bei Eltern hatte die Hauptschule zuletzt nur noch wenige Anmeldungen. Dafür verzeichnen die neuen Schulen des längeren gemeinsamen Lernens, Gesamtschulen und Sekundarschulen, regen Zulauf. Die Von-Zumbusch-Gesamtschule ist eine von 61 Ganztagsschulen (19 Gesamtschulen, 42 Sekundarschulen) in NRW, die im Schuljahr 2012/13 an den Start gegangen sind.

 

Vielfalt als Bereicherung

Die Von-Zumbusch-Gesamtschule versteht sich ausdrücklich als Schule für alle Kinder. Demgemäß können an der Schule zukünftig alle Abschlüsse vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur erreicht werden. „Die Leistungsheterogenität und die Vielfalt im Klassenzimmer sind eine Bereicherung für das gemeinsame Lernen in einer Klasse“, betont Sabine Hengstenberg. „Allen Schülern gerecht zu werden mit ihren Stärken und Schwächen und sie da abzuholen, wo sie sind, um sie im Laufe ihrer Schulkarriere optimal zu fördern – das ist das, was wir an unserer Schule unter individueller Förderung verstehen und wozu wir uns verpflichtet fühlen.“

Durch spezielle Förder- und Forderangebote versucht das Kollegium, den unterschiedlichen Begabungen und Neigungen der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. So gibt es Förder- und Forderbänder in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Soziales Lernen. Diese sind in den Jahrgangstufen 5 und 6 verpflichtend für jedes Kind.

Im Wahlpflichtunterricht ab Klasse 6 können Kinder dann zusammen mit ihren Eltern einen persönlichen Neigungsschwerpunkt wählen. Dabei kann es sich um eine zweite Fremdsprache (Französisch/Spanisch), Naturwissenschaften, Arbeitslehre oder den Bereich Darstellen und Gestalten handeln.

Formen der äußeren Differenzierung wird es ab der Klasse 7 geben: dann werden in den Fächern Englisch und Mathematik und ab der Klasse 8 bzw. 9 in den Fächern Deutsch und Naturwissenschaften wie für eine Gesamtschule üblich unterschiedliche Leistungsgruppen gebildet (Grund- und Erweiterungskurse). Laut Schulgesetz müssen die Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten in Niveaus eingeteilt werden. „Das heißt aber nicht, dass wir sie auch in unterschiedlichen Gruppen unterrichten müssen“, erläutert der stellvertretende Schulleiter, Christian Abendroth. „Andere Schulen machen das – aber es gibt auch das Modell, dass man die heterogenen Klassenverbände zusammen behält und die Lehrkräfte die Schüler dann bspw. in kleineren Gruppen binnendifferenziert unterrichten. Jeder hat so die Chance, einmal woanders hineinzuspringen – auch der leistungsstarke Schüler, der sich in einem bestimmten Bereich noch nicht sicher fühlt und sich darum zunächst mit einer einfacheren Aufgabe beschäftigt. Das gibt allen Sicherheit und macht unser System eigentlich noch durchlässiger.“ Unabhängig von der Schulkonferenzentscheidung, wie lange in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften eine innere Differenzierung stattfindet bzw. ab wann eine äußere Differenzierung einsetzt, ist so doch eine Durchlässigkeit zu allen Leistungsniveaus gewährleistet.

 

Teamstrukturen zur Organisation des Lernens

Dem Anspruch, jedes Kind bestmöglich zu fördern und zu fordern, kann ein Kollegium nur gemeinschaftlich gerecht werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Von-Zumbusch-Gesamtschule eine Teamschule. Das heißt, dass das Kollegium in Jahrgangs- und Klassenlehrer- und Fachteams organisiert ist: jedem Jahrgangsflur ist ein Teamzimmer für jeweils 10-12 Lehrerinnen und Lehrer angegliedert ist. Hier bereiten die Kolleginnen gemeinsam ihren Unterricht vor, tauschen sich über die Lernentwicklung der Kinder im Jahrgang aus. „Dass sich die Jahrgangsteams über die Schüler, über ihre Stärken und Schwächen und wie und mit welchen Materialien man sie möglicherweise weiter unterstützen kann, absprechen, das ist ein ganz großer Mehrwert. Und das geht nur im Team“ erklärt Volker Heidemann, Abteilungsleiter an der Von-Zumbusch-Gesamtschule und Mitglied der Schulleitung.

Je zwei der Lehrkräfte bilden gemeinsam ein Klassenlehrerteam und decken zum größtmöglichen Teil den Fachlehrerbedarf in ihrer Klasse ab. Die beiden Klassenlehrer sind gleichberechtigte Ansprechpartner für ihre Klasse und die Eltern.

In den Jahrgangsteams bilden sich jeweils Fachteams, die gemeinsam Unterrichtsvorhaben mit Aufgabenschwerpunkten und Materialien planen. Das führt auch dazu, dass in einer Jahrgangsstufe identische Klassenarbeiten geschrieben werden und die jeweiligen Erwartungshorizonte gemeinsam formuliert werden. „In den Jahrgangsfachteams sind zwei, drei Deutsch-Kollegen, ebenso viele Mathe-Kollegen, die die Klassenarbeit gemeinsam erstellen. Das ist hier unabdingbar, um eine Vergleichbarkeit zu haben“ sagt Volker Heidemann. Auf den wöchentlichen Teamsitzungen werden pädagogische Absprachen sowie einheitliche Regeln für die Jahrgangsstufe getroffen.

Zu Beginn eines Schuljahres legt jedes Jahrgangsfachteam seine Unterrichtsvorhaben in der Verteilung auf vier Quartale fest. Das Team entscheidet, welche Unterrichtsvorhaben und welche Fächer sich auf fachübergreifende Projekte festlegen. Am Ende eines Schuljahres evaluiert jedes Jahrgangsteam seinen aufgestellten Jahresplan und gibt seine Erfahrungen und Materialien an den neuen Folgejahrgang weiter.

Die Türen der Klassenzimmer sind geöffnet
Die Türen der Klassenzimmer sind geöffnet

Zur Teamkultur kann auch gehören, dass die Klassentüren geöffnet sind. Es wird bei offener Tür gearbeitet; jeder kann jederzeit überall reinschauen, was auch für Eltern gilt. Kollegiale Hospitationen sind nichts Ungewöhnliches an der Von-Zumbusch-Gesamtschule – allerdings ist dafür in der derzeitigen Aufbausituation laut Sabine Hengstenberg nur selten Zeit.

 

„Vielfalt fördern“ als Motor der Schul- und Unterrichtsentwicklung

Das Konzept der Teamschule ist konstituierend für die Von-Zumbusch-Gesamtschule. Aber nicht jede Gruppe von Lehrkräften an einer Schule ist automatisch auch schon ein Team. Als die Schule im letzten Schuljahr ihre Arbeit aufnahm, standen für die Schulleitung viele Fragen im Raum, z.B. wie sie den Prozess der Schul- und Unterrichtsentwicklung in Gang bringen und die jeweils neuen Kollegen zu einem funktionierenden Team machen kann. Und auch, wie aus dem ersten Konzept zur Antragstellung perspektivisch ein gemeinsames Leitbild und Schulprogramm entstehen sowie eine zeitgemäße Lehr- und Lernkultur verankert werden soll.

Als dann für die Schule die Möglichkeit in greifbare Nähe rückte, an „Vielfalt fördern“ teilzunehmen, erkannte die Schulleitung zwar sofort das Potenzial – war zunächst aber dennoch skeptisch: „Als diese Fortbildung zur Diskussion stand, habe ich zuerst gedacht, dass wir dieses Teammodul als Teamschule gar nicht brauchen. Aber wenn man das Kollegium als Ganzes sieht – die alten Hasen und die jungen Kollegen, alle mit ihren individuellen Fähigkeiten und im Grunde genauso heterogen wie die Schülerschaft, dann ist es in unserer Aufbausituation unabdingbar, dass wir große Zeitblöcke haben, in denen wir uns als Schule gemeinsam weiter auf den Weg machen können. Und das angeleitet durch professionelle Moderatoren, die uns als Schule nach einem abgestimmten Konzept individueller Förderung über einen längeren Zeitraum begleiten. Von daher fanden wir das für uns absolut wichtig, diesen Prozess mitzumachen“, erinnert sich Sabine Hengstenberg. Diese Abwägungen haben dazu geführt, dass sich das Kollegium einstimmig für eine Teilnahme am Fortbildungsprojekt Vielfalt fördern ausgesprochen hat.

Die Von-Zumbusch-Gesamtschule ist damit eine von derzeit neun weiterführenden Schulen im Kreis Gütersloh, die das Fortbildungsangebot nutzt. Begleitet wird das Kollegium dabei von einem Moderatoren-Duo aus dem Kompetenzteam Gütersloh, das auf die Bedürfnisse der Schule eingeht und berücksichtigt, wo das Kollegium im Schulentwicklungsprozess steht. „Wir haben nicht alles eins zu eins von der Fortbildung angenommen, sondern haben im Vorfeld mit den Moderatoren darüber gesprochen, was wir wollen und was wir brauchen, sodass es auch wirklich für uns alle von Nutzen gewesen ist. Wir haben dabei die Erfahrung gemacht, dass die Moderatoren flexibel sind und dass sie sich auch unserer Situation schnell anpassen können“ resümiert Christian Abendroth.

 

Den Lernstand und die Lernentwicklung der Kinder im Blick

Inzwischen hat die Schule längst das Modul Teamentwicklung durchlaufen. Im zweiten Modul geht es nun um die Identifizierung von Potenzialen und Interessen der Schüler – um Diagnostik. Auch hier hat die Von-Zumbusch-Gesamtschule vorab bereits eigene Erfahrungen gesammelt: um den Förderbedarf zu ermitteln, kommt zu Beginn des Jahrgangs 5 ein Diagnoseinstrument zum Einsatz, das viele Gesamtschulen in NRW nutzen – der sogenannten „Duisburger Sprachstandstest“. Der Sprachstandstest soll dabei helfen, die neu aufgenommenen Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Sprachfähigkeit in Deutsch einzuschätzen. Untersucht werden die Bereiche Hörverstehen, Leseverstehen, Grammatik, Satzbau und Rechtschreibung. Je nach Abschneiden beim Test und den ermittelten Förderbedarfen werden die Kinder in Förderkurse eingeteilt. Am Ende des Jahrgangs 5 kann der Test auch dazu verwendet werden, um die Fortschritte im Laufe des Schuljahres zu dokumentieren.

Im Rahmen dieses Fortbildungsmoduls haben sich die Lehrkräfte aufgeteilt; jede Lehrkraft soll ein anderes Diagnoseinstrument vorstellen. Auch das KIZ (kommunale Integrationszentrum) des Kreises Gütersloh soll mit einbezogen werden und ein eigenes Instrument vorstellen. Nach dem Baustein will das Kollegium entscheiden, ob und wenn ja welche Verfahren zusätzlich oder als Alternative zum Duisburger Sprachstandstest zum Einsatz kommen. Dieses Beispiel macht deutlich, wie die Impulse aus der Fortbildung für den Schulentwicklungsprozess und den Unterricht genutzt werden. Und zwar immer konstruktiv. „Das hat sicherlich auch etwas mit der Aufbruchsituation zu tun“, sagt Sabine Hengstenberg „Alle sind motiviert. Wir haben keinen negativen Fokus; den leisten wir uns gar nicht.“ Den letzten beiden Modulen der Fortbildung sieht das Kollegium mit freudiger Gelassenheit entgegen: hier geht es um das Kerngeschäft guter Schule – den Unterricht. In den beiden Didaktik-Modulen wird der Unterricht systematisch weiterentwickelt. Die Teams arbeiten an didaktischen Prinzipien, die fächerübergreifend Gültigkeit haben. Dazu gehören u.a. das kooperative Lernen, die Lernprozessbegleitung durch förderorientierte Beratung, Regeln und Rituale sowie der Aufbau einer  Feedback- und Beziehungskultur. Hier kann das Kollegium der Von-Zumbusch-Gesamtschule ebenfalls an viele Erfahrungen aus der eigenen Praxis anknüpfen.


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