Bei der Inklusion zeigt sich Deutschland als Flickenteppich.

Trotz erkennbarer Fortschritte beim gemeinsamen Unterricht: Inklusionsbemühungen bleiben hinter Erwartungen zurück

Anstieg der Schüler mit Förderbedarf um 10 Prozent / Bundesländer entwickeln sich sehr unterschiedlich

Bei der Inklusion zeigt sich Deutschland als Flickenteppich.
Bei der Inklusion zeigt sich Deutschland als Flickenteppich.

In Deutschland gibt es immer mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf. Seit sich Deutschland vor fünf Jahren dazu verpflichtet hat, Schüler mit und ohne Handicaps gemeinsam zu unterrichten, wurde bei 10 Prozent mehr Schülern bis zur zehnten Klasse besonderer Förderbedarf festgestellt (der Anteil ist von 6,0 auf 6,6 Prozent gestiegen). Mehr als ein Viertel dieser Schüler besucht inzwischen eine reguläre Schule. Zugleich geht jedoch der Anteil der Kinder, die in Sonderschulen unterrichtet werden, nicht zurück.
Und die Chancen dieser Förderschüler auf einen anschlussfähigen Schulabschluss sind nach wie vor schlecht: Im letzten Schuljahr verließen fast drei Viertel (73 Prozent) der betroffenen Schüler die Sonderschule ohne einen Hauptschulabschluss. Die Sonderschule bleibt damit für viele Jugendliche eine Sackgasse.

Positiv ist, dass sich die allgemeinen Schulen immer mehr für Förderschüler öffnen. Der so genannte Inklusionsanteil, der den Fortschritt beim gemeinsamen Unterricht belegt, hat sich in den vergangenen Jahren stetig vergrößert. Im Schuljahr 2012/13 besuchten 28,2 Prozent der insgesamt knapp eine halbe Million Förderschüler eine Regelschule. Vor fünf Jahren lag der Inklusionsanteil noch bei 18,4 Prozent. Dennoch ist ein wirklich inklusives Schulsystem noch nicht in Sicht. Seit mehreren Jahren bleibt der Anteil der Förderschüler, die keine Regelschulen besuchen, konstant: Die Förderschulbesuchs- beziehungsweise Exklusionsquote stagniert bei rund 4,8 Prozent.

So wurde im Schuljahr 2008/09 bei 60 von 1.000 Schülern in Deutschland ein Förderbedarf diagnostiziert. Von diesen 60 Kindern besuchten 49 eine Förderschule. Im vergangenen Schuljahr wurde bei 66 von 1.000 Kindern Förderbedarf festgestellt, von denen immer noch 48 auf eine Sonderschule gehen. Von einem Systemwandel kann jedoch noch nicht die Rede sein, denn das Doppelsystem aus Regel- und Sonderschulen bleibt bestehen. Der Anstieg der Schüler mit besonderen sonderpädagogischen Bedarfen deutet einen bisher verdeckten Förderbedarf an, für den jetzt zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen benötigt werden. Bleiben dann auch noch die bisher vorhandenen Ressourcen im Förderschulsystem gebunden, ist die Inklusion in den Regelschulen ernsthaft gefährdet.

Bei der Inklusion zeigt sich Deutschland als Flickenteppich. So haben in Mecklenburg-Vorpommern anteilig doppelt so viele Kinder Förderbedarf wie in Rheinland-Pfalz (10,1 versus 5,1 Prozent). In Bremen besuchen vier Mal so viele Schüler mit Behinderung eine reguläre Schule wie in Niedersachsen (63,1 versus 15 Prozent). Und in Sachsen-Anhalt gehen nahezu drei Mal mehr Schüler auf eine Sonderschule als in Schleswig-Holstein (7,1 versus 2,5 Prozent). Inklusion ist die aktuell größte Herausforderung im deutschen Schulsystem. Damit Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf in den Regelschulen angemessen gefördert werden, braucht es konzeptionell wie finanziell eine nationale Kraftanstrengung von Bund und Ländern.

Der „Datenreport Inklusion“ beschreibt durch die Analyse aktueller, öffentlich verfügbarer Daten den im Schuljahr 2012/13 erreichten Entwicklungsstand auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem und dokumentiert die Entwicklung seit der Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Analysiert werden die ausgewählten Kennwerte Inklusionsanteil, Exklusionsquote, Förderquote und Sonderschulabgänger mit mindestens Hauptschulabschluss im Schuljahr 2012/13 im Verhältnis zu den Vorjahren.

Internetseite zum „Datenreport Inklusion“ der Bertelsmann Stiftung
Zum Herunterladen: der Datenreport Inklusion 2014 (899 KB)


Kommentare

  1. / von anne

    Danke für die Informationen – ich würde mir eine kritischere Auseinandersetzung mit den verwendeten Daten wünschen, z.B.: Bestimmte Förderschwerpunkte werden in manchen Bundesländern nur noch ab Klasse 3 oder später diagnostiziert. Kinder, die somit in manchen Bundesländern einen Förderbedarf hätten, erhalten diesen in anderen Bundesländern nicht. Des Weiteren gibt es kein einheitliches Verfahren, wie die Förderbedarfe diagnostiziert werden.

    In manchen Bundesländern werden Sonderschulen bereits abgeschafft – auch dies hat Einfluss auf die Anzahl der Diagnosen (Die Diagnose von Förderschwerpunkten bringen Ressourcen für die Schulen, aber Lehrer von Regelschulen müssen nicht die Angst haben, dass sie durch den Antrag zur Diagnostizierung das Kind auf eine Sonderschule abschieben). Andere Bundesländer tendieren daher mittlerweile zu pauschalen Ressourcen in Bezug auf bestimmte Förderschwerpunkte (LES).

  2. / von Almut Rosebrock

    Ist es wirklich gut für die „Besonderen Kinder“, mit den „Normalos“ die Schule zu besuchen?
    Sie haben einfach oft kaum Chancen für Erfolgserlebnisse – denn in der Schule MUSS einfach etwas geleistet uns gelernt werden.
    Der Anspruch an die Lehrer, alles zu „differenzieren“, führt zu immer größerem Abstand zwischen den Schülern. Aber um ordentlich zu unterrichten, muss immer auf die Schwächsten und Langsamsten Rücksicht genommen werden. Nur: Wenn die gar nicht mitkommen können???

    Ich habe einen autistischen Neffen, der in Bremen die Regelschule besucht.
    In den meisten Fächern ist er doch draußen in der I-Gruppe –
    weil er sich einfach für Lesen – Schreiben – Rechnen NICHT DIE BOHNE interessiert!

    Könnte, sollte man solche Kinder nicht lieber anders, lebensnäher fördern?
    Mit mehr Sport. Mit Musik. Mit Tanzen. Mit Hauswirtschaft, Kochen, Backen.

    Dinge, die in der Regelschule kaum Raum haben – leider!

    Das sind auch die Dinge, die ich als Mutter versuche meinen Kindern mitzugeben.

    Übrigens Ich gaube, die hoch gelobte Inklusion wird eine riesige „Pleite“ werden!
    Denn leider sind Kinder und Jugendliche grausam – und mobben, wer oder was ihnen nicht passt, was daueranstrengend und nervend (ich bin selbst mit einer erwachsenen Behinderten befreundet; nach 4-5 Stunden ist man froh, wenn man wieder für sich ist!) ist – und das Tag für Tag, möglichst Ganztags, über viele Jahre.

    Ich bin froh, dass im Gymnasium meiner Kinder die Inklusion noch nicht Einzug gehalten hat!

  3. / von Almut Rosebrock

    Auf einem Podium des Katholikentags sagte ein Fachmann, eine Befragung bei Lehrern nach den größten Stressfaktoren habe ergeben, das sei die Heterogenität der Leistungsfähigkeit in den Klassen sowie die Disziplinlosigkeit.

    Als ich anmerkte, dass genau die Heterogenität durch Inklusion und „eine Schule für alle“ politisch gewollt ständig erhöht werde, sagte man mir: „Da kann man momentan nichts machen. Die „Ratgeber“ sind aktuell so.“ Ist es wirklich so, dass die Lehrer und ihre Sorgen und bedenken so GAR NICHT zählen???

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