Lehrerinnen und Lehrer wollen lernen

Fortbildungspraxis an der Hamburger Grundschule Rellinger Straße

Schulen in Hamburg wird in Sachen Fortbildung einiges abverlangt. 30 Zeitstunden müssen Lehrkräfte allgemeinbildender Schulen in der Elbmetropole jedes Jahr für Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen aufbringen. Besuchte Veranstaltungen und Seminare werden in einem persönlichen Fortbildungsportfolio dokumentiert. Dieses Portfolio ist nicht nur Beleg für die erworbenen Kompetenzen, es dient auch als Grundlage für die schuleigene Personalentwicklung und Fortbildungsplanung. Die Grundschule Rellinger Straße nutzt sowohl interne als auch externe Fortbildungsmaßnahmen für ihre Schul- und Unterrichtsentwicklung – doch es wird immer schwieriger, die benötigten Zeitressourcen für eine kontinuierliche Professionalisierung aufzubringen.

Kathi Koslowski, Mareike Ruth und Petra Stumpf sprechen über Fortbildung
Kathi Koslowski, Mareike Ruth und Petra Stumpf sprechen über Fortbildung

Ganztag und Heterogenität sind an der „Relli“ in Hamburg heiße Themen. Relli, das ist die Grundschule Rellinger Straße im Stadtteil Eimsbüttel. 389 Schüler, 30 Lehrkräfte und zwei Schulhunde bestimmen das Leben hinter einer hellen Fassade, die sich harmonisch in die Reihe der benachbarten Wohnhäuser einfügt. Heterogenität ist hier allerdings nicht nur eine Folge von Inklusion. Jahrgangsgemischte Lerngruppen in den Stufen 1 bis 3 und 4 bis 6 sorgen für einen bunten Mix an Schülern. Dieser wird individualisiert und über sechs Jahre unterrichtet. Dass die Kinder hier länger gemeinsam lernen, hat mit dem Schulversuch „Sechsjährige Grundschule in Hamburg“ zu tun, an dem sich die Relli seit 2011 beteiligt. Schulversuche sind für den Träger des Deutschen Schulpreises 2012 nichts Ungewöhnliches. Da ist zum Beispiel noch das Projekt alles»könner mit dem Ziel der individuellen Kompetenzförderung von Kindern. Oder der Schulversuch „d.18 – Selbstverantwortete Schule“, der ebenfalls das individuelle Lernen fördert, hier aber auf dem Weg einer eigenständigen Qualitätsentwicklung. Es drängt sich die Frage auf, wie Schulleitung und Kollegium sich für solche Projekte rüsten. Projekte, die bisherige Arbeitsweisen und Strukturen teils völlig auf den Kopf stellen. Ohne die entsprechenden pädagogischen, didaktischen und organisatorischen Fähigkeiten ist das nicht zu schaffen.

„Dafür haben wir in Hamburg viele Möglichkeiten“, sagt Mareike Rutz, Lerngruppenleiterin im Jahrgangsstufenteam 1-2-3 und Ganztagskoordinatorin der Relli. „Das geht schon mit der verpflichtenden Seminarreihe für Berufseinsteiger los. Wer gleich am Anfang eine Klassenleitung bekommt, der gerät leicht ins Schwimmen. Dafür gibt es dann ein passendes Abrufseminar. Das heißt, kommen genug Interessenten zusammen, findet eine Fortbildung dazu statt.“ Parallel gibt es in Hamburg noch eine dreijährige Fortbildungsreihe, die ebenfalls für Berufseinsteiger verpflichtend ist und innerhalb derer auch Supervision angeboten wird.
Was in der Praxis vielleicht hilfreich erscheint, wird vonseiten der Bildungswissenschaften nicht immer auch als beste Lösung betrachtet. Jürgen Ölkers, Erziehungswissenschaftler an der Universität Zürich, sieht in betreuten Phasen zu Beginn des Lehrerberufes eine Kampfansage an Lehramtsstudium und Referendariat. Einfach deshalb, weil schon die ersten beiden Phasen auf den Beruf vorbereiten sollen. Dort jedoch würde das Ausbildungswissen nicht zur Praxis und den beruflichen Anforderungen passen.

Fortbildung im Team
Fortbildungen an der Rellinger Straße richten sich nicht nur an Berufseinsteiger. Fortbildungsbedarf haben alle, schließlich betreffen Schul- und Bildungsentwicklungen auch alle Lehrkräfte. Nur dass nicht alle Lehrkräfte dafür ständig auf Fortbildung sein können. „Das lösen wir dann im Team“, sagt Kathi Koslowski, Lerngruppenleiterin im Jahrgangsstufenteam 4-5-6. „Ein Teil der Kolleginnen besucht zum Beispiel eine Fortbildung zu einem naturwissenschaftlichen Thema und bringt das, was sie dort lernen, mit in die Schule. Je nachdem, was das ist, verfassen sie dazu ein Skript, organisieren Material oder entwickeln eine passende Unterrichtseinheit und holen die anderen auf diese Weise mit ins Boot.“
So werden aus externen Veranstaltungen für wenige Lehrkräfte interne Fortbildungen für viele. Die Fortbildungen sind Teil regelmäßiger Treffen, in denen sich die Lehrkräfte der Grundschule eh schon unterrichts- und fachbezogen austauschen. Das kann alle Lerngruppenleitungen der Ober- oder Unterstufe betreffen oder nur die Lehrkräfte, die gerade am gleichen Projekt arbeiten. Wobei es aber nicht selbstverständlich sei, dass ein Kollegium so zusammenarbeitet, sagt Schulleiterin Petra Stumpf. Lernen im Team sei auch an der Grundschule Rellinger Straße eine Entwicklung gewesen: „Sie war mit vielen, vielen Veränderungen verbunden, die eine enorme Konzentration in der Zusammenarbeit erforderten.“

Zwischen Motivation und Kontrolle
Wie bringt man Lehrkräfte nun dazu, sich fortzubilden? „Mich müssen Sie da eigentlich nicht fragen“, lacht Kathi Koslowski. „Das sollte in jedem Lehrer drin sein. Wenn ich als Grundschullehrerin in drei Lerngruppen das Fach Kunst unterrichte, dafür das Gespür und das Talent habe, aber kein Studium, dann ist es doch in meinem eigenen Interesse, Fortbildungen zu besuchen. Sonst stehe ich wie blöd vor der Klasse. Außerdem bringt es mir selbst eine Menge Spaß.“ Ganztagskoordinatorin Mareike Rutz ergänzt: „Aus einer Fortbildung ziehe ich auch mehr als nur die Inhalte. Oftmals ist das Gewinnbringendste der informelle Austausch mit den Kolleginnen aus anderen Schulen. Ich wünsche mir, dass es dafür mehr Raum gibt. Etwas weniger Input und dafür mehr Austausch wäre für mich wirksamer und motivierender.“
Schon der regelmäßige Fortbildungsbesuch wirkt motivierend, das bestätigt die wissenschaftliche Begleitforschung zur Schul- und Unterrichtsentwicklung. So gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen absolvierten Fortbildungen und dem Selbstvertrauen eines Lehrers. Neu erworbene Kompetenzen steigern das Selbstvertrauen und ein gesteigertes Selbstvertrauen erhöht die Motivation.
Dort, wo es vielleicht doch an Motivation fehlt, greift in Hamburg das Beurteilungswesen für Lehrkräfte. Es schreibt vor, dass diese ihr fachliches Wissen und ihre pädagogischen Kompetenzen durch Fortbildungen erweitern und vertiefen müssen. Überprüft wird das im Rahmen regelmäßiger Beurteilungen, denen sich die Lehrkräfte unterziehen müssen. „Ich werde bei einer Beurteilung zum Beispiel von meiner Kollegin Mareike Rutz hospitiert, die hier an der Schule Erstbeurteilerin ist“, sagt Kathi Koslowski. „Dabei wird auch geschaut und im Beurteilungsbogen festgehalten, welche Veranstaltungen oder Seminare ich in den letzten zwölf Monaten besucht habe.“

Lehrer wollen lernen
An der Bereitschaft zur Fortbildung mangelt es den meisten Lehrern nicht. Im Gegenteil. Nach einer Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus 2009 wünschen sich knapp 60 Prozent der Lehrer und Schulleiter sogar mehr Fortbildungen. 80 Prozent der Lehrer bemängeln jedoch, dass es an den passenden Angeboten fehle. Zweidrittel kritisieren schließlich, dass viele Fortbildungen überhaupt nicht mit dem Stundenplan zu vereinbaren seien.
Auch an der Rellinger Straße wird es immer schwieriger, Fortbildungsangebote mit dem Stundenplan abzustimmen, besonders im Zuge der Ganztagsentwicklung. Mittlerweile bietet das Hamburger Landesinstitut für Lehrerfortbildung und Schulentwicklung schon Veranstaltungen nach 17:00 Uhr an. Kathi Koslowski, Mareike Ruth und Petra Stumpf allerdings betrachten diese Entwicklung mit Skepsis. „Solche Veranstaltungen sind für mich zunehmend  tabu. Von den vielen Tagungen, die am Wochenende stattfinden, nehme ich nur die wahr, die wirklich wichtige Impulse für die schulische und eigene Weiterentwicklung geben können“, sagt Schulleiterin Stumpf.

Schwierige Frage: Woher sollen die benötigten Zeitressourcen kommen?
Schwierige Frage: Woher sollen die benötigten Zeitressourcen kommen?

Zeit, Geld und Personal, das sind die knappen Güter der Institution Schule. Über Geld und Personal wird entschieden. Über Zeit muss jede Lehrkraft selbst entscheiden – beziehungsweise darüber, wie sie ihre Zeit einteilt. Gutes Zeitmanagement ist von Vorteil und nebenbei auch ein prima Fortbildungsthema. Doch niemand kann managen, was nicht mehr da ist. Empfehlungen aus der Unterrichtsforschung, wonach wirksame Fortbildungen auch Coaching, Begleitung und Reflexion beinhalten müssten, sieht Schulleiterin Stumpf in der eigenen Praxis deswegen nur schwer umsetzbar. „Das würde einen enormen Aufwand bedeuten, den wir bereits in anderen Bereichen leisten. Wenn ich mir nur den Schulversuch „Sechsjährige Schule“ anschaue: Allein zum Thema Inklusion tauschen wir uns hier mit drei Schulen aus. Das Ganze geschieht in Form von Hospitationen, Trainings, Seminaren, Impulsvorträgen und einer Großveranstaltung. Das zehrt unglaublich an den Ressourcen.“
Petra Stumpf will nicht missverstanden werden. Ihre grundsätzliche Haltung dazu lautet: Ja, das wollen wir. Mit jedem neuen Ansatz komme jedoch etwas in ein System hinein, das bereits zugepackt sei mit Fortbildungen, Kooperationen und Schulentwicklung. „Da kommt auch mal Panik hoch, weil wir einfach nicht wissen, wie wir das zusammenfügen und bewältigen sollen“, sagt Stumpf. Schließlich möchte sie das, was an ihrer Schule bereits erarbeitet und entwickelt worden ist, nicht über Bord schmeißen. Ja, sie möchte es nicht mal kürzen. Beides aber geht nicht. Das ist das Dilemma, vor dem engagierte Schulen wie die Grundschule Rellinger Straße stehen.

Grundlagen & Theorie
Wie muss nun aber eine Fortbildung aussehen, damit sie auch vonseiten der Schule und Lehrkräfte als erfolgreich und wirksam empfunden wird? Für Petra Stumpf ist das Wichtigste, dass die Fortbildungsinhalte zur Schulentwicklung passen und nicht etwa zum Hobby oder persönlichen Steckenpferd einzelner Kolleginnen. Um das zu erreichen, werden Fortbildungen an der Rellinger Straße gemeinsam geplant und entschieden. Dann sollten Veranstaltungen und Seminare auch von Fortbildnern geleitet werden, die für ihr Thema brennen. „Tolle Referenten haben das Potenzial, bei einem selbst etwas anzuzünden“, sagt Sumpf
Ganztagskoordinatorin Mareike Rutz wünscht sich dagegen mehr Fortbildungen, die Grundlagen vermitteln, statt thematischer Einzelaspekte oder Spezialwissen. Das gelte für verschiedene Themen wie zum Beispiel Buchhaltung oder den Ganztag. Schulleiterin Stumpf wirft ein, dass es besonders beim Ganztag ohne eine fundierte Fortbildung auch gar nicht ginge: „Der Ganztag ist mit unglaublich vielen Verwaltungsaufgaben verbunden, mit Planung, Organisation, Finanz- und Ressourcenberechnungen. Das ist nicht nur aufwändig. Das nimmt einem allein in der Verantwortung manchmal schier den Atem.“ Auch hier könnten qualitativ gute Fortbildungen mehr Handlungssicherheit geben.
Erstaunlicherweise ist den Praktikerinnen aus der Rellinger Straße der Praxisbezug gar nicht immer so wichtig. Fortbildungen dürften und sollten ihrer Meinung nach ein ausgewogenes Verhältnis haben. Bei manchen Themen hält Mareike Rutz es sogar für gefährlich, wenn Lehrkräfte nur Handlungsanweisungen bekämen. „Wenn ich mir im Landesinstitut zum Thema Inklusion nur ein paar Methoden aneigne, nicht aber den Hintergrund, dann kann ich diese Methoden auch nicht sinnvoll einsetzen“, sagt Rutz. „Man darf uns ruhig fordern. Ich höre mir gerne einen guten wissenschaftlichen Vortrag an und der darf auch ruhig anspruchsvoll sein. Es gibt schließlich Themen, da braucht man diesen Rahmen, um sie überhaupt in die Praxis umsetzen zu können.“

Die Schule Rellinger Straße in Hamburg-Eimsbüttel
Die Schule Rellinger Straße in Hamburg-Eimsbüttel

Schulleiterin Stumpf bedauert in diesem Zusammenhang, dass manche Lehrkräfte glaubten, sie müssten sich keine theoretische Hintergründe mehr aneignen. „Das ist arrogant“, sagt Stumpf. „Bei Stellenausschreibungen setzen wir in unser Anforderungsprofil extra mit rein, dass Bewerber bereit sein müssen, sich fortlaufend über neue Erkenntnisse und Entwicklungen zu informieren. Das muss nicht jedes Thema betreffen, aber zumindest die Kernarbeit einer Lehrkraft.“ Petra Stumpf ist davon überzeugt, dass hier auch der Schlüssel zur Diagnosefähigkeit von Lehrkräften liege. Diagnosefähigkeit setze schließlich voraus, dass man sich mit den Grundlagen und Zusammenhängen beschäftige. Erst das theoretische Verständnis ermögliche es Lehrkräften, neu erworbene Methoden und Kompetenzen auch sinnvoll in der Praxis umzusetzen.

Zur Homepage der Schule Rellinger Straße in Hamburg-Eimsbüttel http://www.schule-rellinger-strasse.de/


Kommentare

  1. / von Bewerberbibel

    In erster Linie sollten Weiterbildungen oder Fortbildungen für Lehrer so gestaltet sein, dass sie gut in die Praxis umgesetzt werden können. Einen echten Mehrwert für die Schulen und Lehrer bringt es, wenn Sie lernen, wie sie das Lernen beibringen.

    Viele Grüße

    Michael Büchler

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