Was bringt der Einsatz digitaler Medien im Unterricht?

Wie wirksam sind digitale Medien im Unterricht? Auf den Kontext kommt es an

Was bringt der Einsatz digitaler Medien im Unterricht?
Was bringt der Einsatz digitaler Medien im Unterricht?

Digital unterstütztes Lernen verspricht, die individuelle Lernmotivation zu steigern sowie Lerninhalte und -tempo besser an persönliche Bedürfnisse anzupassen. Wir wissen aber noch viel zu wenig darüber, wann und wie digitale Lernmedien einen konkreten Nutzen bringen. In einer aktuellen Studie fasst Professor Dr. Bardo Herzig von der Universität Paderborn den aktuellen Forschungsstand zur Wirksamkeit digitaler Medien im Unterricht zusammen.

Herzigs Studie gibt hinreichend empirische Evidenz für positive Impulse durch die Nutzung digitaler Medien in der Schule. Dennoch können allgemeingültige Aussagen weder zur Wirksamkeit bestimmter Geräte noch im Hinblick auf einzelne Medienangebote, spezifische Schülergruppen oder Fachkulturen getroffen werden. Ob der Einsatz von Medien förderlich fürs Lernen ist, kommt letztlich immer auf den konkreten Kontext an.

Im Fokus der Studie von Prof. Herzig stehen mediendidaktische Fragestellungen, d. h. es geht um das „Lernen mit digitalen Medien“ in Abgrenzung zum „Lernen über digitale Medien“ (Medienerziehung). Zur Klärung der Frage nach Wirkungen digitaler Medien im Unterricht benennt Herzig zunächst die Faktoren, die auf solche Wirkungen Einfluss nehmen können:

• die digitalen Medien bzw. Medienangebote selbst (als Lernmaterialien oder Lernwerkzeuge),

• die Unterrichtsprozesse, in die die Medienangebote eingebunden sind, und

• die am Unterricht unmittelbar beteiligten Akteure, d. h. Lehrpersonen und Lernende.

Abbildung 1 zeigt, wie diese vier Faktoren weiter ausdifferenziert werden können, um die direkte oder indirekte Einflussnahme auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern einschätzen zu können:

Faktoren, die die Wirkungen digitaler Medien im Unterricht beeinflussen
Faktoren, die die Wirkungen digitaler Medien im Unterricht beeinflussen

Die Ausdifferenzierung dieser Faktoren macht bereits deutlich, dass bei der Frage nach den Wirkungen digitaler Medien nicht in pauschaler Weise nur das digitale Medium als Einflussfaktor in den Blick genommen werden kann, genauso wie die anderen Faktoren differenziert und in ihren Wechselwirkungen betrachtet werden müssen. Allgemeingültige Aussagen, dass digitale Medien in den Unterrichtsprozessen per se diese oder jene Wirkung bei Schülerinnen und Schülern erzeugen, sind dementsprechend unzulässig.

Eine weitere Differenzierung wird notwendig, wenn man die Wirkungsebenen in den Blick nimmt: Digitale Medien können auf der Ebene des Individuums zu Effekten führen (z. B. in Bezug auf den fachlichen oder überfachlichen Lernerfolg, die Motivation, spezifische kognitive Fähigkeiten), ebenso auf der Ebene des Unterrichtsprozesses (bspw. die Kooperation von Schülerinnen und Schülern, die Nutzung aktiver Lernzeit, die Strukturierung von Lernprozessen usw.) oder auf der Ebene der Institution Schule.

1. Wirkungen auf der Ebene des Individuums

Mit Blick auf spezifische Eigenschaften von Medienangeboten gibt es relativ gut gesicherte empirische Daten darüber, inwieweit sich Codierungsarten bzw. Sinnesmodalitäten auf den individuellen Lernerfolg auswirken. Ein höherer Lernerfolg – in Bezug auf Wissenserwerb, Problemlösefähigkeiten bzw. Transferfähigkeit – ist dann zu erwarten, wenn…

  • Informationen als Text und Bild präsentiert werden, als wenn sie nur als Text dargeboten werden;
  • Illustrationen zu einem Text als kommentierte Illustrationen dargeboten werden, als wenn die Illustrationen unkommentiert sind;
  • Informationen in Text und Bild integriert (in räumlicher Nähe zueinander) präsentiert werden, als wenn zunächst der Text und anschließend die Illustrationen dargeboten werden;
  • Informationen auditiv (als gesprochener Text) und visuell (als Bild oder als Animation) präsentiert werden, als wenn sie nur visuell oder nur auditiv dargeboten werden,
  • Informationen auditiv und visuell (als Animation) simultan präsentiert werden, als wenn sie auditiv und visuell nacheinander dargeboten werden,
  • Informationen visuell (als geschriebener Text und als Animation) in räumlicher Nähe zueinander
  • präsentiert werden, als wenn sie räumlich getrennt dargeboten werden.

Zudem belegen explorative Studien, dass Wirkungen des Medieneinsatzes auch in überfachlichen Kompetenzbereichen Niederschlag finden: In Laptop- und Tablet-Projekten hat sich gezeigt, dass bei Schülern motivationale Effekte (z.T. zeitlich begrenzt), stärkere Kooperation, höhere Medienkompetenz, stärkere Selbststeuerung oder höhere kognitive Komplexität erzielt werden können.

2. Wirkungen auf der Ebene der Unterrichtsprozesse

In Bezug auf Unterrichtsprozesse lässt sich erkennen, dass digitale Medien zu Veränderungen von sogenannten Unterrichtsskripts, d. h. den didaktischen Handlungsmustern von Lehrpersonen, führen. Insofern tragen digitale Medien dazu bei, dass sich didaktische Konzepte verändern. Mit Blick auf die Veränderung von Unterrichtsgestaltung lassen sich nach einer Studie von Schaumburg (2003) verschiedene Lehrertypen klassifizieren, die je nach bisherigem Unterrichtsstil mehr oder minder große Veränderungen in ihren didaktischen Handlungsmustern beim Einsatz digitaler Medien vorgenommen haben. Dabei zeigte sich, dass die Lehrpersonen, die (ohne Laptops) einen eher lehrerzentrierten Unterrichtsstil pflegen, beim Laptopeinsatz Veränderungen wahrnehmen und diejenigen, die ohnehin einen stärker schülerzentrierten Unterricht durchführen, weniger Veränderungen beim Einsatz von Laptops berichten. Insgesamt kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Integration digitaler Medien nur bei eher wenigen Lehrkräften zu einer konsequente Veränderung der methodischen Praxis auf allen Ebenen des Unterrichts – und damit auch zu einer Ausschöpfung der Potenziale digitaler Medien – führt.  


3. Wirkungen auf der Ebene der Institution

Auf der Schulebene lassen sich die Wirkungen digitaler Medien im Hinblick in zweierlei Hinsicht diskutieren: Zum einen können digitale Medien Schulentwicklungsprozesse beschleunigen, d. h. die Entscheidung, digitale Medien im Unterricht als Instrument oder als Gegenstand einzusetzen bzw. zu bearbeiten, hat Auswirkungen auf die unterschiedliche schulentwicklerischen Ebenen (Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Organisationsentwicklung). Auf der anderen Seite sind Schulentwicklungsprozesse, hier insbesondere Veränderungen auf der Organisationsebene, ohne eine Berücksichtigung des medialen Wandels kaum noch denkbar. Aus verschiedenen Studien lassen sich inzwischen etablierte Faktoren einer erfolgreichen Medienintegration benennen:

  • Ausgangspunkt ist in der Regel ein gemeinsam entwickeltes und abgestimmtes Medienkonzept bzw. Medienprogramm, das gleichzeitig Ausdruck der gemeinsam geteilten Zielvorstellungen der Schule insgesamt ist.
  • Zudem braucht es ein pädagogisch ausgerichtetes IT-Management, das nicht das technisch Machbare, sondern das pädagogische Sinnhafte mithilfe von technischen Artefakten in angemessener Weise unterstützt.
  • Sowohl im Hinblick auf das IT-Management als auch auf die Unterrichtsentwicklung sind geeignete Unterstützungssysteme und Kooperationsstrukturen aufzubauen. Dies kann von gemeinsamer Unterrichtsplanung oder kollegialer Fallberatung und Hospitation bis hin zu der Etablierung von Supportstrukturen im technischen Bereich reichen.
  • Besonders bedeutsam für eine erhöhte Akzeptanz und stärkere Verbreitung digitaler Medien im Unterricht ist die Fort- und Weiterbildung des Kollegiums, insbesondere im Hinblick auf mediendidaktische und medienerzieherische Fähigkeiten.
  • Eine Schlüsselposition kommt der Schulleitung zu. Soll die Integration von digitalen Medien in schulische Zusammenhänge erfolgreich sein, muss sie die verantwortlichen Lehrpersonen (in Steuergruppen) ebenso wie das gesamte Kollegium bei der unterrichtlichen Umsetzung sowohl ideell als auch organisatorisch unterstützen.

 

Konsequenzen und Herausforderungen

Die Studie von Prof. Herzig zeigt, dass die Wirkungen digitaler Medien im Unterricht nur kontextabhängig sinnvoll diskutiert werden können. Es gibt hinreichend empirische Evidenz für lernförderliche Aspekte bei der Nutzung digitaler Medien in der Schule, diese Ergebnisse lassen sich aber keineswegs pauschalisieren. Weder können allgemeingültige Aussagen zur Wirksamkeit bestimmter Geräte noch im Hinblick auf einzelne Medienangebote, spezifische Schülergruppen oder Fachkulturen getroffen werden. Die derzeit häufig gestellte Frage, ob der bspw. Einsatz von Tablets im Unterricht gewinnbringender sei als traditionelle Medien, führt somit in die Irre. Denn die Wirkungen digitaler Medien entfalten sich immer unter den jeweiligen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen eines konkreten Lehr- Lernszenarios. Statt den Fokus des Interesses auf einzelne Technologien oder technische Hilfsmittel zu legen, gilt es daher, praktische Handlungskonzepte und pädagogisch-didaktische Szenarien für unterschiedliche Kontexte zu entwickeln, zu erproben und zu evaluieren.

Gerade mit Blick auf die zunehmende gesellschaftliche Vielfalt, die sich auch in den immer unterschiedlicheren Lernvoraussetzungen und -ständen im einzelnen Klassenzimmer widerspiegelt, haben digitale Medien, sofern ihr Einsatz in eine individuell fördernde Lehr- und Lernkultur eingebettet ist, große Potenziale. Sie können dabei helfen, Inhalte, Wege und Lernmethoden auf die Bedürfnisse des einzelnen Lerners zuzuschneiden, dürfen dabei aber niemals zum Selbstzweck werden. Im Mittelpunkt muss immer das Ziel stehen, dass alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen erfolgreich lernen können und dabei vom Einsatz digitaler Medien im Unterricht unterstützt werden.

 

Hintergrundinformationen

Um Chancen, Risiken und Folgen der Digitalisierung für die Bildung zu diskutieren, hat die Bertelsmann Stiftung 2013 zu einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe eingeladen. Im „Education Innovation Circle“ kamen Expertinnen und Experten aus Praxis, Wissenschaft, Gründerszene und Politik jeweils für einen Tag zusammen und tauschten sich über aktuelle Entwicklungen mit Blick auf die Digitalisierung in Schule, Hochschule und Weiterbildung aus. Professor Dr. Bardo Herzig von der Universität Paderborn war einer der Teilnehmer der Gesprächsrunde zur schulischen Bildung. Mit der vorliegenden Studie fasst er die aus seiner Sicht relevanten Erkenntnisse zur Wirksamkeit digitaler Medien im Unterricht vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes zusammen.

Die vollständige Studie steht zum kostenlosen Download bereit: DigitaleMedienUnterricht


Kommentare

  1. / von L. Humbert

    #Pflichtfachinformatik ab der Grundschule mit mindestens 2 Unterrichtsstunden ist eine notwendige Voraussetzung für jede Medienbildung im 21. Jahrdt.
    Die Begründung liegt auf der Hand: heute sind Medien digital – Digitalisierung ist ein Feld der Informatik sowohl der Wissenschaft als auch des Schulfachs [wenn es denn existiert – in Nordrhein-Westfalen findet es sich nicht einmal in einer einzigen Stundentafel für die weiterführenden Schulen].
    Mit den Bildungsstandards Informatik für die Sekundarstufe I haben wir eine fachlich valide Grundlage vorgelegt: http://informatikstandards.de/
    Diese werden gerade auf die Sek II erweitert und wir werden auch für den Primarbereich entsprechende Elemente ausweisen.

    Warum Informatik als Schulfach?
    Schulfächer benötigen eine Bezugswissenschaft – Informatik ist die Wissenschaft des digitalen Wandels
    Wir brauchen eine fachlich valide Grundlage – jeder muss die Grundgesetze der Informatik kennen – sie sind allgemeinbildend

    Bezugswissenschaften erlauben einen fachlichen Zugang bereits in der Lehrerbildung während der universitären Phase – und da gehört sie auch primär hin.
    In die Lehrerbildung müssen Pflichtanteile aufgenommen werden, die von qualifizierten Informatiker*innen an der Universität übernommen werden müssen; da Informatik und Gesellschaft ein Fachgebiet der Informatik ist, können auch Übungen, Praktika und Seminare für zukünftige Lehrkräfte fachlich verantwortlich mit Blick auf das zukünftige Arbeitsfeld: Schule qualifiziert gestaltet werden.

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