Elternsicht auf die Klasse des ältesten schulpflichtigen Kindes

Die konkreten Erfahrungen von Eltern sind entscheidend für den Ausbau des gemeinsamen Lernens in Deutschland

Seit 2009 gilt die UN-Behindertenrechtskonvention, mit der sich Deutschland dazu verpflichtet hat, Kindern mit Handicap „gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen“ zu ermöglichen (vgl. Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention). Der damit verbundene Umbau des deutschen Schulsystems zu einem System, in dem Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam (enger Begriff von Inklusion) bzw. alle Kinder unabhängig von ihren jeweiligen Eigenschaften (weiter Inklusionsbegriff) lernen, ist eine der größten Herausforderungen der Bundesländer für die nächsten Jahre. Politik, Lehrerverbände und auch die breite Öffentlichkeit diskutieren nach wie vor kontrovers darüber, wie Inklusion konkret in den Schulen gestaltet werden soll. Eltern kommen in dieser Diskussion allerdings eher selten zu Wort. Dabei ist ihre Sicht auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf entscheidend für die Akzeptanz und breite Umsetzung von Inklusion in Deutschland.

In einer aktuellen Umfrage hat infratest dimap im Auftrag der Bertelsmann Stiftung die Sichtweisen von mehr als 4.300 Eltern zu Inklusion und ihre Erfahrungen mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf erfragt. Die Ergebnisse sind vor allem, was die konkreten Erfahrungen angeht, überraschend positiv!

 

Gemeinsamer Unterricht hat Vorteile: Inklusionserfahrene Eltern sind häufiger zufrieden als andere Eltern

Die Analyse dieser Umfrage zeigt, dass inzwischen mehr als ein Drittel aller Eltern konkrete Erfahrungen mit dieser Form schulischer Inklusion gesammelt hat und davon berichten kann. Und die Einsichten dieser – nennen wir sie für den Moment „inklusionserfahrene“ – Eltern sind angesichts des in der Öffentlichkeit vorherrschenden „Problemdiskurses“ überraschend positiv: Sie sind häufiger zufrieden mit den Schulen und Klassen ihrer Kinder als die Mütter und Väter, deren Kinder keine inklusive Schule besuchen. Dieses Ergebnis ist vor allem deshalb sehr erfreulich, weil zum einen die Rahmenbedingungen für inklusiv arbeitende Schulen derzeit noch schwierig sind und die Einzelschule häufig nur auf wenig Unterstützung zurückgreifen kann. Und zum anderen herrscht in der Öffentlichkeit eher das Bild einer inklusiven Schule vor, in der alle Kinder zu kurz kommen. Die aktuelle repräsentative Elternumfrage zeigt das Gegenteil: Inklusive Schulen leisten in den Augen vieler Eltern schon heute gute Arbeit und schaffen es durch ihr Engagement, den Großteil ihrer Eltern mehr als zufriedenzustellen.

Elternsicht auf die Klasse des ältesten schulpflichtigen Kindes
Elternsicht auf die Klasse des ältesten schulpflichtigen Kindes

 

Inklusiver Unterricht funktioniert: Lehrkräfte genießen hohe Wertschätzung bei Eltern

Lehrkräfte genießen bei Eltern – im Gegensatz zum in der breiten medialen Öffentlichkeit vermittelten Eindruck – eine große Wertschätzung. Die Mehrheit aller Eltern ist sehr zufrieden mit den Lehrern ihrer Kinder. Sie nehmen die Lehrkräfte ihrer Kinder als kompetent und engagiert wahr. Dabei geben Mütter und Väter den Lehrkräften an inklusiven Schulen durchweg häufiger solch positive Rückmeldungen, als dies bei Lehrern an nicht-inklusifven Schulen der Fall ist. Inklusionserfahrene Eltern haben also das Gefühl, dass ihre Kinder bei den Lehrkräften in guten Händen sind, dass diese im gemeinsamen Unterricht mit Kindern mit und ohne Förderbedarf gut umgehen und dass alle Kinder davon profitieren. Dieses Lob sollte Ansporn für alle sein, die Herausforderung im Umgang mit der Heterogenität im deutschen Klassenzimmer anzunehmen – in den Augen der Eltern lohnt es sich.

 

Inklusives Lernen für jeden Förderbedarf? Eltern vertreten eine differenzierte Meinung

Werden Eltern zu ihrer allgemeinen Sicht auf Inklusion befragt, überwiegt allerdings die Skepsis. Denn auch wenn die klare Mehrheit der Mütter und Väter Inklusion als gesellschaftlich wichtig einstuft, beurteilt sie das Potenzial des gemeinsamen Unterrichts insbesondere mit Blick auf die verschiedenen Arten des sonderpädagogischen Förderbedarfs differenziert. Weitgehend unumstritten ist beispielsweise das gemeinsame Lernen von Kindern ohne Förderbedarf mit Schülern mit körperlicher Beeinträchtigung. Skeptisch sehen Eltern hingegen die Möglichkeiten des inklusiven

Unterrichts, wenn es um Kinder mit geistiger Behinderung geht. Außerdem meint mehr als die Hälfte der Eltern, dass Kinder ohne Förderbedarf auf inklusiven Schulen fachlich gebremst werden bzw. dass Kinder mit Förderbedarf an Förderschulen besser gefördert werden können.

 

Inklusion als Modell für die beste Förderung aller? Konkrete Erfahrungen verringern die elterliche Skepsis

Auch hier machen jedoch konkrete Erfahrungen mit der inklusiven Schule des eigenen Kindes einen Unterschied. Die Befragung zeigt, dass Eltern mit Inklusionserfahrung mehr Vertrauen haben, dass der inklusive Unterricht und die damit einhergehende individuell-fördernde Lehr- und Lernkultur allen nützt – den Kindern mit Förderbedarf genauso wie anderen Kindern. Sie halten den gemeinsamen Unterricht für alle Förderbedarfe häufiger für möglich und stimmen eher zu, dass Kinder mit und ohne Förderbedarf an inklusiven Schulen gut gefördert werden.

 

Was sagt uns das?

Inklusion ist eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe – davon sind Eltern in Deutschland überzeugt. Und die klare Mehrheit ist der Ansicht, dass alle Kinder voneinander lernen, unabhängig vom eigenen Lernverhalten und Förderbedarf. Damit ist eine wichtige Grundlage geschaffen, um das gemeinsame Lernen weiter auszubauen. Gleichzeitig vertreten sie eine differenzierte Sichtweise je nach Behinderungsart und fragen sich mehrheitlich, ob Kinder mit Förderbedarf nicht doch besser an Förderschulen (also unter sich) lernen und ob Kinder ohne Förderbedarf beim gemeinsamen Unterricht fachliche Nachteile haben. Diese Sorgen können auch durch konkret gelebte Inklusion in den Klassenzimmern abgebaut werden, wie die positiveren Rückmeldungen derjenigen Mütter und Väter, die bereits konkrete Erfahrungen mit schulischer Inklusion sammeln konnten, zeigen.

Wenn also vor allem diejenigen Eltern das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf unterstützen, die konkrete Erfahrungen damit gesammelt haben, bedeutet das im Umkehrschluss, dass wir den schrittweisen Ausbau inklusiver Schulen weiter vorantreiben müssen, um mehr Familien diese Erfahrungen zu ermöglichen. Und damit diese Erfahrungen mit dem gemeinsamen Unterricht wie bisher positiv bleiben bzw. noch besser werden können, muss der Aus- und Umbau des Schulsystems dringend durch verbesserte schulische Rahmenbedingungen und gezielte Lehreraus- und fortbildung flankiert werden. Nur so werden wir es schaffen, die allgemeine Skepsis gegenüber Inklusion weiter abzubauen. Und das ist entscheidend für die Zukunft eines inklusiven Schulsystems in Deutschland.

Hier der Link zur Studie:


Kommentare

  1. / von Inklusion in Deutschland: Ist das Glas halb voll oder halb leer*?

    […] Eltern mit Lehrkräften in inklusiven Schulen machen. So zeigt eine aktuelle repräsentative Elternumfrage, dass Eltern mit Inklusionserfahrung zufriedener mit Lehrkräften sind als Eltern ohne […]

Kommentar verfassen