Über den Zusammenhang von Klassenführung und Lehrerbelastung

Ein Interview mit Ann-Cathrin Obermeier (Uni Münster)

Lehrerinnen und Lehrer stehen täglich vor großen Herausforderungen: Zentralabitur, G8, Inklusion, Ganztag, individuelle Förderung von Kindern mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen – um nur einige der ganz dicken Bretter zu nennen, an denen Lehrkräfte derzeit bohren. Wie kann das gelingen? Eine gute Klassenführung ist eine Voraussetzung für guten Unterricht, sagt Ann-Cathrin Obermeier von der Uni Münster. Dem „Classroom Management“ kommt deshalb eine Schlüsselrolle im Unterricht zu…

Beeinflusst wird die Qualität von Schulunterricht nachweislich durch eine effektive Klassenführung (vgl. Clausen 2002, Helmke & Helmke 2014, Kleinknecht 2011). So verwundert es nicht, dass die Ausgestaltung der Klassenführung das gesamte unterrichtliche Geschehen bestimmt: Dazu gehörten Wechsel zwischen den Unterrichtsphasen, eine angemessene Auswahl an abwechslungsreichen Methoden und Sozialformen und die Verminderung oder Vermeidung von Unterrichtsstörungen. Zudem muss kontinuierlich eine Überprüfung der Arbeitsaufträge erfolgen. Klassenführung ist eine komplexe und fachunabhängige Aufgabe, die alle innerunterrichtlichen Abläufe bestimmt (vgl. Obermeier 2016). Wegweisend sind in diesem Zusammenhang die fünf Dimensionen von Kounin (2006), die wie folgt lauten:

  1. Disziplinierung: Bei Störungen muss die Lehrkraft in der Lage sein, klare Ansagen zu machen und die Situation zu lösen.
  2. Allgegenwärtigkeit und Überlappung: Die Lehrkraft muss den Schülerinnen und Schülern verdeutlichen, dass sie über alles stets informiert ist einschreiten wird.
  3. Reibungslosigkeit und Schwung: Der Unterrichtsverlauf muss flüssig erfolgen, besonders in Übergangsphasen.
  4.  Gruppenmobilisierung: Die Lehrkraft muss in der Lage sein, sich auf die Gruppe als Ganzes zu konzentrieren und gleichzeitig auch auf individuelle Belange eingehen können
  5.  Abwechslung und Herausforderung: Die Lernaktivitäten der Schülerinnen und Schüler müssen abwechslungsreich und herausfordernd gestaltet sein, gerade in Stillarbeitsphasen.

 

In diesem so bedeutsamen Bereich schulischer Praxis erscheint die Frage nach der Kompetenz der Lehrkräfte umso wichtiger. Fakt ist, dass Klassenführung sinnstiftendes Lernen ermöglichen soll. Ferner soll die soziale und moralische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler gefördert werden (Evertson & Weinstein, 2006). Classroom Management ist ein breit gefächerter Begriff und beschreibt im Grunde alles, was Lehrpersonen mittels Aktivitäten und Handlungen zur Steuerung der Wechselwirkungen in der Klasse beitragen können, um die Verhaltens-, Kommunikations- und Ordnungsstrukturen aufrechtzuerhalten, mit dem Ziel, die individuellen und die sozialen Lernprozesse der Schüler zu fördern, indem durch effiziente Klassenführung die aktive Lernzeit der Schüler besser ausgeschöpft wird. Helmke (2007) äußert sich demgegenüber, dass Klassenführung so breit definiert wird, das neben den Prozessen des Management auch weitere Elemente erfasst werden, wie etwa die Qualität der Lehrkräfte.

Evertson & Weinstein definieren Klassenführung wie folgt:

„(…) the actions teachers take to create an environment that supports and facilitates both academic and social-emotional learning. (…) It not only seeks to establish and sustain an orderly environment so students can engage in meaningful academic learning, it also aims to enhance students‘ social and moral growth“ (Evertson & Weinstein, 2006:4).

Die Lehrperson muss, nach der Definition, die Voraussetzungen für akademisches Lernen und sozial-emotionales Lernen schaffen und aufrechterhalten. Dabei liegt die Verantwortung für eine erfolgreiche Klassenführung bei der Lehrperson. In diesem Zusammenhang ergibt sich die Frage nach den optimalen Gelingensbedingungen. Dass Klassenführung ein wichtiger Faktor der professionellen Lehrerkompetenz ist, wird von der empirische Bildungsforschung hinreichend belegt (z. B. Baumgart & Kunter 2011:33 ff.). Darüber hinaus ist aber auch bekannt, dass sich angehende Lehrkräfte schlecht auf die Unterrichtspraxis vorbereitet fühlen und eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Klassenführungstechniken erst in der zweiten Phase der Ausbildung der Referendare zunimmt (Schaefers 2002:69).

So konnte in der Studie „COACTIV-R“ festgestellt werden, dass Referendarinnen und Referendare beim ersten eigenen Unterricht ein erhöhtes Belastungsempfinden haben (Klusmann & Kunter et. al. 2012). Die Lehramtsanwärter sind zum ersten Mal darauf angewiesen, ihr professionelles Wissen (u.a. Wissen über Klassenführung) anzuwenden und eigenen Unterricht zu übernehmen (vgl. ebd.). Dieser Sprung ins kalte Wasser („Praxisschock“) kann Folgen für das subjektive Belastungsempfinden der Lehramtsanwärter haben. Klusmann et al. (2012) konnten bspw. einen Anstieg der emotionalen Erschöpfung sowie eine erhöhte Berufsunzufriedenheit (gegenüber der Vergleichsgruppe) feststellen (vgl. ebd.).

Im Umkehrschluss lässt sich aus diesen Erkenntnissen die Hypothese ableiten, dass eine hohe Kompetenz im Bereich Klassenführung Handlungssicherheit im Unterricht erzeugt, wodurch emotionaler Erschöpfung und Zuständen der Unzufriedenheit oder Überforderung vorgebeugt werden kann (vgl. Obermeier 2016).

Genau mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich das aktuell durchgeführte Forschungsprojekt „Belastungsreduktion durch Techniken der Klassenführung (BerT)“ der Universität Münster:

  1. Besteht ein Zusammenhang zwischen der Klassenführungskompetenz einer Lehrkraft und ihrem beruflichen Belastungserleben?
  2. Wird dieser Zusammenhang durch die Lehrer-Selbstwirksamkeit beeinflusst?

Sowohl die bisherigen Forschungsergebnisse aus COACTIV-R als auch die aktuellen Arbeiten des Projektes „BerT“ belegen die Aktualität und die Relevanz von Klassenführung in Bezug auf die Lehrerbelastung.

Das nachfolgende Interview haben wir mit Ann-Cathrin Obermeier geführt, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Forschungsprojekt „BerT“ tätig ist, in welchem der Zusammenhang zwischen Lehrerbelastung und Klassenführung untersucht wird. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich im Speziellen mit den Einstellungen von Lehrkräften gegenüber Klassenführung sowie mit ihrem Wissen über diese.

Seit wann sind Sie in dem Projekt tätig und wann endet voraussichtlich die Projektzeit?

Begonnen habe ich meine Tätigkeit im Projekt BerT im Frühjahr 2013. Die voraussichtliche Laufzeit beträgt jetzt noch ein knappes Jahr, also bis Ende 2016.

 

Sind sie mit dem bisherigen Projektverlauf zufrieden?

Wir können mit dem bisherigen Projektverlauf sehr zufrieden sein. Da wir die Datenerhebung äußerst sorgfältig und akribisch geplant haben, sind wir in der Lage, auf einen hervorragenden Datensatz zurückgreifen zu können. Befragt wurden Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Klassen, was uns wichtige Analysen aus verschiedenen Perspektiven ermöglicht.

 

Wie und in welchem Umfang fanden die Erhebungen statt?

Die Datenerhebung fand im Frühjahr 2014 in allen Regierungsbezirken Nordrhein-Westfalens statt. Befragt wurden 200 Lehrkräfte gemeinsam mit ihren Klassen des achten und neunten Jahrgangs hauptsächlich an Gymnasien und Gesamtschulen. Als Erhebungsinstrument wurde ein Pencil-Paper-Fragebogen eingesetzt.

Ann-Cathrin Obermeier (Uni Münster)
Ann-Cathrin Obermeier (Uni Münster)

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie täglich?

Der umfangreiche Datensatz ist nicht nur eine Chance, sondern auch eine Herausforderung. Es gilt, nicht den Überblick zu verlieren, während man sich in einzelne Details vertieft. Die statistischen Berechnungen erfordern viel Zeit und Sorgfalt. Gleichzeitig muss man beachten, keine Variable zu übersehen, wenn man erste Interpretationen vornehmen möchte. Es ist wichtig, die Berechnungen immer wieder zu prüfen und sicherzugehen, dass man nichts übersehen hat.

 

Wie sieht für Sie die ideale Klassenführung aus?

Je mehr ich mich mit dem Konstrukt befasse, desto klarer wird meine Vorstellung guter Klassenführung. Klassenführung funktioniert, wenn die Lernatmosphäre optimal gestaltet ist, sodass akademisches Lernen und auch sozial-emotionales Lernen gefördert werden. Konkret formuliert, geht es darum, die Lernzeit zu maximieren, z.B. durch eine klare Struktur und die Vermeidung von Unterrichtsstörungen. Die Schülerinnen und Schüler sollten für den Lernstoff motiviert werden, ihre Aktivität muss gefordert werden und sie müssen alle von der Lehrperson gesehen und bei der Stange gehalten werden. Darüber hinaus darf die Lehrkraft als helfende und begleitende Person fungieren und den jungen Menschen als unterstützende Kraft zur Seite stehen.

 

Glauben Sie, dass die Lehrinnen und Lehrer in der heutigen Zeit einer größeren Belastung ausgesetzt sind als vor 50 Jahren? Falls ja warum?

Ich glaube dass die Anforderungen in allen sozialen Bereichen zugenommen haben in den letzten 50 Jahren, also auch in den Schulen. Hier vielleicht sogar in besonderer Weise. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Zum einen liegen Herausforderungen in den Umstrukturierungen der äußeren Schulentwicklung wie dem Zentralabitur, G8, der  Inklusion. Hinzu kommen Veränderungen der inneren Strukturen auf schulischer  und innerunterrichtlicher Ebene wie die Umsetzung neuer didaktischer Konzepte oder die Etablierung des Ganztags. Ich betrachte diese Entwicklungen natürlich von außen aus wissenschaftlicher Sicht. Lehrkräfte üben einen Beruf mit besonderen Anforderungen aus, wodurch sich die Risiken, z.B. Für ein Burnout erhöhen. In den letzten 10-15 Jahren haben sich nicht umsonst die Studien zur Untersuchung dieses Themas ausgeweitet. Wir möchten an diese wichtigen Untersuchungen anknüpfen und einen Beitrag zur Entlastung der Lehrkräfte leisten.

 

Glauben Sie, dass Lehrerinnen und Lehrer, die schon lange in ihrem Beruf tätig sind, lernen können, berufliche Belastungen zu minimieren?

Hier beobachte ich zwei Unterschiedliche Entwicklungen. Aus anderen empirischen Studien ist bekannt, dass besonders Berufseinsteiger, also Referendarinnen und Referendare ein hohes subjektives Belastungserleben aufweisen im Vergleich zu Lehrkräften, die schon länger im Schuldienst sind. Andererseits nehmen auch die erfassten Beschwerden von Lehrkräften mit zunehmender Dienstzeit zu, so dass es vermehrt zu frühzeitigen Pensionierungen kommt.

In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir, inwiefern effektive Klassenführung ein entlastendes Element darstellen kann. In meiner Dissertation gehe ich unter anderem der Frage nach, wie häufig und in welchem Rahmen sich Lehrkräfte kognitiv mit Klassenführung auseinandersetzen. Es ist nämlich bekannt, dass das Wissen über Klassenführung Einfluss auf die Ausübung besitzt, und somit auch im weiteren Verlauf auf die Belastung bzw. Entlastung im Unterricht.

 

Wann werden erste Projektergebnisse publiziert sein?

Wir haben erste Ergebnisse bereits 2014 auf einer Tagung vorgestellt. Hieraus ist ein Aufsatz erwachsen, der dieses Jahr im Waxmann-Verlag veröffentlicht werden soll. Neue Ergebnisse aus meiner Dissertation wurden im März 2016 auf einer Konferenz in Berlin zum erstmals in der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Wäre es aus Ihrer Sicht notwendig, auch in Zukunft Forschungsmittel und -kapazitäten in dieses Thema zu investieren?

Absolut ja! Insbesondere vor dem Hintergrund meiner aktuellen Analysen, die uns deutliche Anzeichen dafür geben, dass Lehrkräfte verstärkt Lerngelegenheiten für die Ausbildung ihrer professionellen Kompetenz erhalten sollten. Dies gilt nicht nur für den ersten Teil der Lehrerausbildung, sondern gleichermaßen für die praktische Arbeit.

Alle Interessierten sollten weiterhin die Homepage (Quelle: http://www.uni-muenster.de/EW/forschung/projekte/bert/projekt/beschreibung.html) verfolgen. Dort werden aktuelle Publikationen, Neuigkeiten und Projektentwicklungen bekannt gegeben. Vorab verweise ich auf den o.g. Aufsatz: Frey Kristina Antonette, Bonsen Martin, Obermeier Ann-Cathrin. (2016). Wie hast Du‘s mit der Klassenführung? Die Auseinandersetzung von Lehrkräften mit einer zentralen Dimension der Unterrichtsqualität. In Prinz Doren, Schwippert Knut (Hrsg.): Der Forschung – der Lehre – der Bildung. Aktuelle Entwicklungen der Empirischen Bildungsforschung, S. 00. Münster: Waxmann. [Akzeptiert]


Vielen Dank für das Gespräch!


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