Nachhilfe signalisiert Nachholbedarf bei individueller Förderung

Gute Ganztagsschulen mit entsprechenden Angeboten müssen weiter ausgebaut werden

Eltern in Deutschland lassen sich die Förderung ihrer Kinder etwas kosten. Eine aktuelle Studie von Klaus Klemm und mir zeigt, dass Eltern jährlich 879 Millionen Euro für private Nachhilfestunden ausgeben. Pro Monat investieren sie für ihre Kinder durchschnittlich 87 Euro in außerunterrichtliche Fördermaßnahmen.

Erweitert man den Fokus von privat finanzierten Angeboten und bezieht kostenfreie Nachhilfeangebote ein, dann erhalten laut der Studie insgesamt 14 Prozent der Schüler zwischen sechs und 16 Jahren privat finanzierte oder kostenfreie Nachhilfe.

Geht man ferner davon aus, dass dieser Prozentwert auch für die über 16-Jährigen Schüler der Oberstufe gilt, dann erhalten in Deutschland rund 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe.

Dabei gibt es interessante, wenn auch nicht gravierende Unterschiede – sowohl im Blick auf die Region als auch im Blick auf die Finanzkraft der Eltern und den Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen:

  • So nehmen im Osten 16 Prozent der Schulkinder Nachhilfe in Anspruch, im Westen sind es 13 Prozent.
  • Schüler aus finanzstarken Familien (ab 3.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen) erhalten mit 15 Prozent etwas häufiger Nachhilfe als Schüler aus Haushalten mit geringeren Einkommen.
  • Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund bekommen eher Nachhilfe als solche mit ausländischen Wurzeln (14 zu 11 Prozent).

Auch die Schulformen machen einen Unterschied. Mit dem Wechsel von Grund- zu weiterführenden Schulen steigt der Nachhilfebedarf: Erhalten in der Grundschule knapp fünf Prozent der Kinder Nachhilfe, sind es in den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe insgesamt rund 18 Prozent. Am häufigsten verbreitet ist die Lernunterstützung an Gymnasien: Fast jeder fünfte Gymnasiast (18,7 Prozent) nutzt Nachhilfe, vgl. Abb 1.

Abbildung 1
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Was die Fächer angeht, in denen Nachhilfe erteilt wird, so erhalten Schüler Nachhilfe vor allem in Mathematik (61 Prozent aller Nachhilfeschüler), gefolgt von den Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent). Unbefriedigende Zensuren sind nicht unbedingt ausschlaggebend für die Entscheidung, Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. In Mathematik haben zwar 63 Prozent der Nachhilfeschüler bestenfalls ausreichende Zensuren (Notendurchschnitt 4–6). Doch mehr als jeder Dritte (34 Prozent) nutzt die zusätzliche Förderung auch bei befriedigenden bis sehr guten Leistungen (Notendurchschnitt 1–3).

Bei allen Unterschieden im Detail – eines signalisiert Nachhilfe deutlich: sie ist nötig, weil viele Schulen sich noch nicht ausreichend auf die Vielfalt in ihren Klassenzimmern eingestellt haben. Lehrkräfte sollten deshalb besser dabei unterstützt werden, ihre Schüler individuell zu fördern. Das ist eine Frage der Kompetenz, allerdings auch der Rahmenbedingungen. So gibt es in Ganztagsschulen mehr Zeit, Kinder und Jugendliche individuell zu fördern. Was auch den Vorteil hat, dass diese Förderangebote den Schülern kostenfrei zugänglich sind.

Tatsächlich zeigt die Studie, dass die private Finanzierung von Nachhilfeangeboten durch Eltern auch von der Organisationsform der Schule abhängt, die ihre Kinder besuchen. So erhalten Schüler an Halbtagsschulen laut Elternangaben in 20 Prozent aller Fälle kostenfreie Angebote. An offenen Ganztagsschulen sind es 25 Prozent; an gebundenen Ganztagsschulen, wo feste Betreuungszeiten außerhalb des Unterrichts geregelt sind, profitiert sogar mehr als ein Drittel (34 Prozent) von kostenlosen Nachhilfeangeboten (vgl. Abb 2).

Abbildung 2
Abbildung 2

 

Es zeigt sich also auch in dieser Untersuchung, dass Ganztagsschulen einen Rahmen für individuelle Förderung bieten und durch den kostenfreien Zugang zu entsprechenden Angeboten auch herkunftsbedingte Benachteiligungen von Schülern besser ausgleichen können.

Bildungschancen sollten nicht von zusätzlichen, außerschulischen Lernangeboten abhängen, die privat finanziert werden müssen. Der Ausbau von Ganztagsschulen muss deshalb auch aus Gründen der Chancengerechtigkeit und besseren individuellen Förderung weiter vorangetrieben werden.

 

Weitere Infos zur Studie…

 


Kommentare

  1. / von Jürgen Helmerichs

    Chancengleichheit gibt es im Deutschen Schulsystem nicht. Auch nicht für die Lehrer.
    Mehr dazu später.
    LG
    PJP

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