Der „neue Schultag“ in Dänemark: Mehr Zeit fürs Lernen

Es hat sich was getan im Staate Dänemark—allerdings weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Seit August 2014 ist die dänische „Folkeskole“, also die von praktisch allen Schülern besuchte Gemeinschaftsschule, die bis zur 9. bzw. 10. Klasse führt, Ganztagsschule. Mit der Einführung des sog. neuen Schultags soll das fachliche und überfachliche Lernen dänischer Schüler verbessert und ihr Wohlbefinden gesteigert werden.

Mit dem Ende der Sommerferien 2014 wurde der Schultag für alle dänischen Schüler deutlich länger. Vorschüler und Schüler bis zur dritten Klasse bleiben jetzt täglich bis 14 Uhr in der Schule, Schüler bis zur sechsten Klasse eine halbe Stunde länger. Und ab der siebten Klasse dauert der Unterricht täglich bis 15 Uhr.

Mit dem verlängerten Schultag ist auch das Lernpensum gestiegen: Die Mehrzeit wird sowohl für zusätzliche Stunden z.B. in Dänisch oder Mathe genutzt, als auch für begleitete Lern- und Übungsphasen, in denen die Hausaufgaben gemacht werden. Der neue Schultag soll sich durch einen Wechsel von Phasen der An- und Entspannung auszeichnen, durch multiprofessionelle Kooperation und durch den Einbezug von außerschulischen Bildungsangeboten z.B. von Vereinen.

Gekoppelt war die Dänemark-weite Einführung der neuen Zeit- und Unterrichtsstruktur an wenige, klar definierte Zielvorgaben. So soll sowohl der Anteil der Schüler mit sehr guten Ergebnissen in nationalen Test steigen als auch der Anteil schwacher Schüler stetig zurückgehen. Gleichzeitig wird auch das seelische Wohlbefinden der Schüler in den Blick genommen und Schulen kümmern sich um die Qualität der Lernumgebung, z.B. mit Maßnahmen zur Geräuschreduktion und zur guten Klassenführung. Außerdem enthält das Reformpaket Qualifizierungsangebote für Pädagogen und Schulleitungen.

Das Beispiel Dänemark ist für mich aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens überließ das dänische Bildungsministerium die Umstellung der Schulen nicht dem in Deutschland üblichen Prinzip der „Kontextsteuerung“, bei dem Schulträger und Schulkonferenz eigenständig entscheiden, ob sie einen Antrag auf Ganztagsschule stellen. Stattdessen erfolgte die Transformation systematisch und flächendeckend per Beschluss der Regierung. Zweitens stellt das dänische Reformvorhaben ein klares Bekenntnis zugunsten eines bildungsbezogenen Verständnisses von Ganztagsschule dar. Hier geht es nicht um Schulkindbetreuung (die gab und gibt es in Dänemark ohnehin, für Schüler aller Jahrgänge als skole fritids ordning, fritidsklubber oder ungdomsskole) sondern um gutes Lernen.

Ob das zwingend mit mehr Unterricht einhergehen muss, sei mal dahingestellt. Auch, wie die Top-down-Einführung dieser Reform von den dänischen Schulen aufgenommen wurde, weiß ich nicht. Bestechend finde ich die klare politische Grundhaltung hinter der Reform, die beispielgebend sein könnte für Deutschland. Hier wurde das Mantra der Kontextsteuerung nur von wenigen (meist Stadtstaaten) hinterfragt, und dann auch immer zugunsten offener (betreuungsorientierter) Ganztagsangebote. Und das, obwohl sich inzwischen eine deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung für eine tägliche Schulpflicht bis 15 Uhr ausspricht, wie die Ergebnisse des ifo-Bildungsbarometers von Ende 2015 gezeigt haben. Zeit, darüber nachzudenken, ob auch hierzulande ganztägige Schulen die Norm werden sollten. Das hätte zwei Vorteile: Der Begriff „Ganztag“ wäre überflüssig und Schulentwickler könnten sich endlich wieder darauf konzentrieren, worauf es wirklich ankommt: gute Schulen, die alle Kinder individuell fördern.

Website des dänischen Bildungsministeriums mit weiterführenden Informationen auch auf Englisch:

http://eng.uvm.dk/

 


Kommentare

  1. / von Damian Duchamps

    Es wäre überhaupt von Vorteil, wenn es für Deutschland endlich einmal einen gesellschaftlichen Konsens über das Schulsystem per se gäbe. Daraus sollte sich dann eine verbindliche von oben herab gesteuerte Entwicklung ergeben. Das gegenwärtige Verfahren der Kontextsteuerung gekoppelt mit unterschiedlicher Landespolitik führt zu keinem besseren Ergebnis. Im Gegenteil löst sich unser ehemals relativ einheitliches System zunehmend auf.

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