Pädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern und Kindern mit Migrationshintergrund – Sprachförderung in „Intensivklassen“ an der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel

Die Georg-August-Zinn-Schule (kurz „GAZ“) ist eine integrierte Gesamtschule und seit 1992 Europaschule des Landes Hessen. Es gibt ein großes Fremdsprachenangebot, die Möglichkeit bilingualen Unterrichts ab Klasse 6, Sprachenzertifikate, Europa-Projekttage und einen regen Austausch mit europäischen Partnerschulen. Derzeit besuchen Kinder aus mehr als 30 Nationen die GAZ, darunter auch viele aus Krisen- und Kriegsgebieten. Insofern wäre „Weltschule“ womöglich eine noch passendere Bezeichnung für die GAZ als Europaschule. Die Schule besuchen wir unter anderem deshalb, weil dort in fünf sogenannten „Intensivklassen“ aktuell fast 70 Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Wir wollen erfahren und miterleben, wie die Schule diese Herausforderung meistert, wie sie sich um die neu zugewanderten Kinder kümmert, ihnen den Übergang in die Regelklassen ermöglicht und langfristig sogar eine Perspektive auf einen Schulabschluss in Deutschland eröffnet.

An der Schule werden wir von der Stufenleiterin der Jahrgänge 5 bis 7, Anke Scholz, sehr herzlich empfangen, erhalten von Schulleiter Mathias Koch und seinem Stellvertreter, Dominik Becker, Informationen zu Schulkonzept und Bildungsgängen. Bestens informiert geht’s dann in den Unterricht: Wir besuchen die Deutsch-Intensivklasse IK1a bei Frau Kayluk. Hier treffen wir auf Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren. Diese kommen aus Syrien, Afghanistan, Bulgarien, Spanien, Polen und dem Iran – und lernen jetzt gemeinsam Deutsch. Einige sind erst seit ein paar Wochen, andere bereits seit mehreren Monaten in Deutschland. Die Vorkenntnisse der Schüler sind aus diesem Grund sehr unterschiedlich. Einige verfügen bereits über geringe Deutschkenntnisse, andere über keine bis hin zu Kindern, die überhaupt nicht alphabetisiert sind.

Schüler der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel
Schüler der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel

Im Unterricht von Frau Kayluk geht es darum, die Kinder fit zu machen für den Alltag in Deutschland. Dazu gehört natürlich auch das Thema „Essen und Trinken“. In der Stunde stehen der Aufbau des Wortschatzes, die richtige Aussprache der Wörter und die Entwicklung kommunikativer Kompetenz im Vordergrund: An der Tafel bringt die Lehrerin zunächst farbige Abbildungen (Obst, Gemüse, Milchprodukte…) mit Magneten an und verteilt Kärtchen mit Abbildungen von Lebensmitteln an die Schülerinnen und Schüler. Diese sollen nun nacheinander ihre Lebensmittel den Kategorien an der Tafel zuordnen. Die Kinder lernen dabei, wie die Lebensmittel heißen und richtig ausgesprochen werden. Falsche Zuordnungen sind ein willkommener Gesprächsanlass. Gehört der Orangensaft wirklich in die Kategorie Milchprodukte? Die Kinder sind mit Feuereifer und großer Konzentration dabei und WOLLEN lernen. Alle (auch wir) sind enttäuscht, als die Stunde plötzlich zu Ende ist. Da die Kinder dieser Klasse im Umfang von zehn Wochenstunden an der GAZ Deutsch lernen, müssen sie zum Glück nicht allzu lange auf die Fortsetzung warten.

Im Pausengespräch mit den beiden DAZ-Lehrerinnen Frau Vogel und Frau Wagner erfahren wir, dass es ihnen in erster Linie darum geht, die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen aufzufangen und diesen eine möglichst alltägliche Lernsituation in einem vertrauensvollen Umfeld und in einem wertschätzenden Klima zu ermöglichen. Dabei spiele es für sie keine primäre Rolle, ob die Kinder traumatisiert seien oder nicht – Kinder seien in erster Linie Kinder, die zur Identitätsfindung feste Rituale brauchen, unabhängig davon, was sie erlebt haben. Deshalb werden sie selbstverständlich aufgenommen und man möchte den Kindern mit einem regelmäßig stattfindenden, ritualisierten Tagesrhythmus und individualisierten Lernmethoden Sicherheit geben. Das Thema Traumata wird sehr sensibel behandelt, da die Lehrer i.d.R. keine hinreichende Ausbildung zu diesem Themenkomplex haben. Wenn traumatische Erfahrungen im Unterricht aufkommen, wird den Kindern signalisiert, dass man sie unterstützen und professionelle Stellen einschalten wird. Wir erfahren auch, dass die DAZ-Fortbildungen eher unbefriedigend seien und dass es zu wenig gute Deutschlern-Materialien für Jugendliche gebe. Die Lernmittel seien eher auf Grundschulkinder ausgerichtet, da diese ursprünglich für den „Deutsch als Fremdsprache- Unterricht“ (DAF) entwickelt wurden. Beispielsweise seien kleine Blümchenränder auf Arbeitsblättern für Jugendliche in der Pubertät nicht unbedingt ansprechend. Aus diesem Grund haben sich die Lehrer dazu entschlossen, eigene Lehrmaterialien für ihre Schüler zu erstellen, um die Motivation der Jugendlichen beim Deutsch Lernen zu erhalten.

Wir besuchen an diesem Tag auch noch Frau Hasan und die Deutsch-Intensivklasse IK2a. In dieser Lerngruppe befinden sich ältere Schülerinnen und Schüler (13 bis 16 Jahre), was aber nicht bedeutet, dass sie bereits länger in Deutschland leben oder über bessere Sprachkenntnisse verfügen. Insofern handelt es sich ebenfalls um einen „Anfängerkurs“. Die Lehrkräfte dieser Anfängerkurse versuchen zunächst, sich einen Überblick über den Leistungsstand der Schüler in ihren Lerngruppen zu verschaffen, um im Folgenden auf die individuellen Bedürfnisse und Vorkenntnisse der IK-Schüler eingehen zu können. Frau Hasan macht das mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen, auch wenn ihre 14 Schüler, die sich größtenteils mitten in der Pubertät befinden, viel zurückhaltender agieren, als die „Kleinen“ in der Stunde zuvor. In der Klasse herrscht eine Kultur der Anerkennung, gegenseitigen Akzeptanz und Wertschätzung. Mühsam und kleinschrittig erlernen die Jugendlichen in Kleingruppen und zahlreichen lebenspraktischen Übungen die deutsche Sprache. Dabei unterstützen diejenigen Schüler, die bereits länger in Deutschland sind, die Schüler, die erst kürzlich in die Klasse gekommen sind. In der von uns besuchten Unterrichtsstunde von Frau Hasan geht es zunächst darum, dass sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig auf Deutsch Fragen stellen, um sich im Alltag besser zurecht zu finden. (z. B. „Wohnst du gern in Kassel?“ oder „Kannst du schwimmen?“). Wenn ein Mitschüler die Frage mit „Ja“ beantwortet, kann dessen Name auf dem Arbeitsblatt bei der entsprechenden Frage eingetragen werden. Auf diese Art und Weise kommen bei den insgesamt 25 Fragen unterschiedliche Schülerinnen und Schüler miteinander ins Gespräch, tauschen sich in der Zielsprache Deutsch aus und lernen sich dabei besser kennen. Die Ergebnisse werden anschließend von den Schülern vor der Klasse vorgetragen und besprochen.

Im Gespräch mit Frau Hasan erfahren wir auch, wie schwierig die teils sehr ungewisse Situation der Kinder für alle beteiligten Akteure ist. Keiner weiß, wie lange die Kinder in den IK-Klassen in Deutschland bleiben dürfen. Gerade geschlossene Freundschaften werden immer wieder getrennt und das ohne jegliche Vorwarnung. Die Behörden arbeiteten nicht eng genug mit der Schule zusammen, sodass es immer wieder vorkomme, dass am Montagmorgen einer der Schüler fehle, da er am Wochenende aus Deutschland ausgewiesen wurde. Die Schule werde über diese Vorgänge nicht informiert.

Wie kommt es, dass Lehrkräfte wie Frau Kayluk, Frau Hasan und weitere KollegInnen in den IK-Klassen so souverän mit der großen Diversität ihrer Kinder umgehen können und die Schule mit inzwischen fünf Intensivklassen so flexibel auf den Zustrom von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und Kindern mit Migrationshintergrund reagieren kann?

Tatsächlich verfügt die Georg-August-Zinn-Schule über viel Erfahrung im Umgang mit Kindern von Zuwanderern und deren Sprachförderung. Diese Entwicklung begann bereits vor ca. 40 Jahren mit der schulischen Integration von Heimkehrer- bzw. Aussiedlerkindern aus Russland und Polen. Aus dieser langjährigen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien ist nach und nach ein Konzept entstanden, das sich auch deshalb bewährt hat, weil es immer wieder neu an die Erfordernisse der Praxis angepasst worden ist:

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Derzeit werden die Schüler altersgemäß und unabhängig von ihrer Herkunft in die Intensivklassen eingeteilt. Das Integrations- und Förderkonzept der Europaschule sah zunächst die Einrichtung von folgenden Deutsch-Intensivklassen vor:

  • IK1 für die Schulbesuchsjahre 5 bis 7.
  • IK2 für Schülerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse (s. Schaubild).

Durch die verstärkte Zuwanderung in den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Schüler für die Deutsch-Intensivklassen weiter erhöht. Darum gibt es derzeit eine dritte Schiene (IK 3), die als „Scharnier“ zwischen den IK1 und 2 fungiert. Die Kinder verbleiben nur so lange in den IK-Klassen, bis ihre Sprachkenntnisse so ausgeprägt sind, dass sie an die Regelklassen übergeben werden können. Das ist manchmal schon nach ca. einem Jahr der Fall. Die Schüler können maximal zwei Jahre in einer IK-Klasse unterrichtet werden. An der GAZ wird ihnen auch die Möglichkeit geboten, an der Sprachprüfung „Deutsches Sprachdiplom“ (DSD1) der Kultusministerkonferenz teilzunehmen. Das DSD unterstützt als schulische Prüfung die sprachliche Integration von Schülern, die ganz ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen hier her gekommen sind.

Unterstützt wird der Spracherwerb durch individualisierte Lernarrangements an der GAZ. Die Stärken der Kinder und Jugendlichen sollen gefordert werden. Die Maxime „Weg von der ‚Defizit-Perspektive‘!“ ist überall spürbar. Bildungsteilhabe ist an der Schule keine Frage der Herkunft. Es gibt kontinuierliche Abschlussprognosen, sodass ein Kind nicht von Beginn an etikettiert wird und bleibt, sondern sich fortlaufend weiter verbessern kann, um schlussendlich seinen höchstmöglichen Abschluss zu erreichen. Auf diese Weise werden die Bildungswege der Schülerinnen und Schüler möglichst lange offen gehalten. Unterstützt wird dieses durch eine regelmäßig angewandte Schullaufbahnberatung.

Diese Vorgehensweise kommt gerade auch den zugewanderten Kindern zugute, da sie zunächst einmal der deutschen Sprache mächtig werden müssen, bevor sie sich inhaltlichen Unterrichtsaspekten widmen können. Hausbesuche sind für die Lehrer selbstverständlich, um die Schüler und deren Eltern in ihrem häuslichen Setting kennenzulernen. Das erleichtert den Kontakt zu den Eltern und aus dieser Perspektive entwickeln die Lehrer ein völlig neues Verständnis für die Umstände mancher Familien. Die Schule hat feste außerschulische Partner, wie die Jugendhilfe oder den Frauentreff. Diese Kooperationen sind gerade für die IK-Klassen von großer Bedeutung: Sehr häufig finden sich hier Frauen des Frauentreffs, die in Gesprächen zwischen Lehrern und Eltern dolmetschen können und eine Verständigung unter den beteiligten Akteuren erst ermöglichen. Damit die Schüler in ihrem eigenen Tempo arbeiten können, erfolgt der Unterricht so weit wie möglich im Doppelstunden-Rhythmus. Auf diese Weise erhalten auch die zugewanderten Kinder mehr Zeit und Ruhe, um die deutsche Sprache zu erlernen. Jeder Morgen ist ein offener Anfang und es wird ein Müsli-Frühstück für alle Kinder angeboten. Frau Scholz erzählt uns, dass besonders die jüngeren Schülerinnen und Schüler, darunter auch die Flüchtlingskinder, dieses Angebot fast täglich nutzen. Sie warten teilweise bereits vor den Öffnungszeiten an den Türen der Ganztagesräume, um ins Warme gelassen zu werden.

Pause an der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel
Pause an der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel

Neben der vorbildlichen Arbeit mit Kindern aus unterschiedlichsten Ländern ist auch das Thema Inklusion an der GAZ von zentraler Bedeutung. 19 Schülerinnen und Schüler haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Unterstützt werden diese Kinder und Jugendlichen im gemeinsamen Lernen durch zwei Sonderpädagoginnen vom Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) aus Kassel. Diese arbeiten jahrgangsbezogen, d. h. sie sind einem Jahrgangsteam zugeordnet und betreuen die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf des gesamten Jahrganges. Die beiden Sonderpädagoginnen unterstützen aber auch die unterrichteten Lehrkräfte während der Unterrichtsvorbereitung und -durchführung. Hierzu gehört die Teilnahme an Teamsitzungen, Beratung von Lehrkräften und die Arbeit mit einzelnen Schülerinnen und Schüler außerhalb des Klassenverbandes. Eine von den beiden Sonderpädagoginnen an der Schule ist Frau Heinrich. Als ehemalige Sonderpädagogin an einer Förderschule erlebt sie jetzt die Vorzüge des gemeinsamen Lernens an der GAZ. Aus ihrer Sicht profitieren alle Schülerinnen und Schüler, nicht nur die mit Förderbedarf, enorm von dem gemeinsamen Lernen – und zwar sowohl im Hinblick auf ihre Leistungsentwicklung als auch auf ihre sozialen Kompetenzen.

In unserem abschließenden Gespräch mit Frau Scholz und dem Schulleiter Mathias Koch äußern die beiden auf Nachfrage ihre bescheidenen Wünsche, um zukünftig noch besser mit den Kindern in ihrer Vielfalt arbeiten zu können: Eine sonderpädagogische Fachkraft für jede Schulstufe und weniger Bürokratie seien wünschenswerte Voraussetzungen dafür, dass man den individuellen Bedürfnissen der Kinder noch besser gerecht werden könne.

Christian Ebel, Mehrdad Mehregani, Angela Müncher, Sina Nordsiek, Dennis Vogt


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